Ich bin letzte Woche nach Berlin gefahren und werde wohl demnächst dort hin ziehen. In der so genannten deutschen Hauptstadt trifft man die ganze Zeit Leute, die offenbar an irgend einem Projekt arbeiten, welches in Zukunft dann „ganz, ganz viel Erfolg verspricht.“ Es versteht sich natürlich von selbst, dass ich da hin muss. Abgesehen davon lebt es sich dort oben ganz schön billig, ein White Russian (Glamourfaktor: hoch!) kostet höchstens vier Euro, ein Döner (okay, wenig Glamour, dafür ziemlich nahrhaft) sogar nur neunundneunzig Cents.
Weil ich ja meine Standards habe und der deutschen Bahn nicht traue, buche ich einen Flug und zwar von Basel aus. Dort lädt mich ein Kumpel namens Dani in die Einfamilienhausvilla seiner Eltern in der Nähe von Rodersdorf ein, tagsüber trinken wir Dosenbier und französischen Rotwein, die Nächte verbringen wir am Rheinknie, wo gerade Fasnacht herrscht. Mit der Fasnacht ist das ja immer so eine Sache, entweder du machst da selber mit, verkleidest dich als bunt geschecktes Federvieh und läufst drei Tage lang mit einer angemalten Tuba herum, oder aber du bleibst aussen vor, frierst dir die Füsse am Strassenrand ab und stellst danach erschüttert fest, dass ein Haufen maskierter Landeier deine Stammkneipe okkupiert und dort auf Kosten des Hauses trinkt.
In Basel läuft das alles ein bisschen anders, eine mehrere hundert Jahre alte Tradition und ein dementsprechend rigides Reglement sorgen dafür, dass sich die Anzahl blecherner Schmetterversionen moderner Gassenhauer à la John Bon Jovi meets Guggenmusig in Grenzen hält. Der erste Tag bleibt den Trommlern und Pfeiffern vorbehalten, die Punkt vier Uhr Morgens loslegen und durch die verdunkelte Stadt ziehen. Das ist sehr schön anzusehen, vor allem weil die jeweiligen Gruppen stets so eine Art überdimensioniertes Weihnachtslicht auf Rädern vor sich herschieben, auf welches sie Karikaturen oder zweizeilige Reime (so genannte Schnitzelbänke) gepinselt haben. Meist wird über die lokale Politik gespottet, hin und wieder auch über die Zürcher, insbesondere über die mässig begabten Angestellten der Fussballsektion von GC, die in der Nordwestschweizer Werbung ja mittlerweile mit leeren Warteck - Bierflaschen in eine Reihe gestellt werden.
Dani ist kein aktiver Fasnächtler, aber das macht überhaupt nichts, denn er kennt ja genügend Leute die dann wiederum andere Leute kennen, die an der Fasnacht Bier ausschenken und daher sind wir dann bald schon so etwas wie VIP und trinken, ohne dafür bezahlen zu müssen. Dazu passt natürlich, dass wir in weibliche Begleitung auftreten, mit zwei sehr charmante Damen aus der Ostschweiz nämlich, denen man sogar den Dialekt nachsieht. Kathi, die blondere der beiden bestellt dann im Verlaufe des Abend ein Kaffee Schnaps und kriegt stattdessen heissen Kirsch mit etwas Nescafe – Pulver drinnen. Ein äusserst phantasievolle Mischung, leider nicht geniessbar, aber das macht nichts, denn zwei von Danis Kumpels trinken das Zeug trotzdem. Danach sind sie sehr betrunken und singen Bob Marley auf Baslerdeutsch. Später fahren wir mit dem gelben Überlandtram nach Hause, zwischen den Stationen Ettigen und Sonnenrain rauche ich eine Zigarette, obwohl das eigentlich verboten währe. Ich halte mich für sehr mutig.
Am nächsten Tag stehen wir spät auf und schauen uns den Fasnachtsumzug auf Tele Basel an. Nachdem die ersten paar Wagen durch sind, unterbricht der Sender die Übertragung jedoch und bringt stattdessen eine Kuppelshow namens SwissDate. Dort sucht eine aargauische KV- Angestellte mit blondem Haar eine „eher feste Beziehung“ und findet sie in der Person eines gelackten Thurgauers, der aussieht, wie ein Nachwuchskokaindealer aus Dietikon. Die beiden kriegen je eine Kuschelrock – CD geschenkt und dürfen noch am selben Abend gemeinsam in eine Landdisko in der Nähe von Baden. Ich bin froh, dass ich nach Berlin fliege. Am Abend fahren wir dann wieder in die Stadt, trinken und kaufen drei Flaschen Weisswein für gerade Mal 33 Franken. Danach sind wir alle leicht betrunken.
Der Nachbrand in meinem Magen weckt mich gegen zehn Uhr Morgens und ich fahre zum Flughafen. Eigentlich mag ich den Basler Flughafen. Die Abflughalle ist gross, hell und meistens ziemlich leer - es ist also nicht sehr schwierig, sich da drinnen ein bisschen wichtig zu fühlen. Zudem gibt es dort keine Zürcher die einem andauernd zu spüren geben, dass man bloss aus der Provinz kommt. Heute aber will das mit dem Exquisiten nicht so richtig klappen. Vielleicht liegt es ja an der Fluggesellschaft, mit der ich unterwegs bin, mit easyJet nämlich. Luca, ein Kumpel von mir (das ist der Typ, der den Bin Ladens Ski – Unterricht gibt und an Paris Hiltons Neujahrsparty dabei war) fliegt nie mit easyJet. Er meint, das orangefarbene Design erinnere ihn an die Verpackungen der Prix – Garantie - Produkte aus dem Coop. Ich finde, dass er grundsätzlich recht hat, aber von Basel nach Berlin fliegt nun mal nichts anderes; die Swiss hat ihre Linie vor einem halben Jahr eingestellt.
In Berlin lande ich auf dem Flughafen Schönefeld, dem ehemaligen Staatsflughafen der Deutschen Demokratischen Republik. Die Berliner Regierung hat sich zwar viel Mühe gegeben, das ehemalige realsozialistische Tor zur Welt auf marktwirtschaftstauglichen Stand zu bringen, aber als ich von dem Flieger zu der barackenähnlichen Ankunftshalle gehe, glaube ich Erich Honecker zu sehen, der dem KPdSU – Chef Gorbatschow einen Bruderkuss auf die Lippen drückt. Honecker sagt: „die Mauer wird noch weitere hundert Jahre stehen“. Gorbatschow antwortet: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Gorbatschow hat natürlich recht und beide verlieren kurz darauf ihre Jobs.
Ich fahre mit der S-Bahn bis zur Bornholmer Strasse und steige aus und gehe den schmutziggrauen Blöcken entlang bis zu dem Haus, wo mein Kumpel Phillippe wohnt. Er umarmt mich zur Begrüssung, wir trinken Berliner Pilsner und schauen die Champions League in einer Premiere Sportsbar um die Ecke. Alle deutschen Mannschaften verlieren. Das ist schade. Dafür gewinnt Basel, zwei Tage später, im UEFA – Cup. Ich mag Berlin. Vielleicht treffe ich ja Mia Aegerter. Irgendwer hat mal gesagt, sie sei ein Star.