Archive for April, 2006

Mittwoch Abend Music Club

Thursday, April 27th, 2006

Arbeiten ist so eine Sache. Man läuft mit halbvollen Wassergläsern über die Etage, setzt sich bei Felix an den Gästecomputer und trinkt Tee aus der Thermoskanne oder macht mit den Jungs aus dem vierten Stock um halb vier Uhr Nachmittags unten im Keller zum Kickern ab. Es muss aber nicht immer gleich so anstrengend sein; hin und wieder sitzt man dann auch bei einem Seniortexter im Glaskasten und denkt über Werbesachen nach. Heute aber ist ein sonniger, warmer Tag, darum trete ich oben auf der Dachterrasse von einem Bein aufs andere und rauche selbst gedrehte Zigaretten. Die Leute aus der Personalabteilung sind ebenfalls da und gucken sich die Bewerbungsmappen potentieller Praktikanten an. Dazu rauchen sie Gauloises Rot, essen zwei ganze Packungen Gummibärchen leer und hin und wieder sagt einer von ihnen so Sachen wie: „Dat iss ja ne komplette Scheisse, schubs dat mal in de Tonne, ja!“

Am Abend gehe ich auf eine Party, die in der Wohnung eines Kreativdirektors stattfindet. Die Wohnung liegt in Berlin – Mitte, hat versiegeltes Parkett, etwas Stuck an der Decke und einen Balkon, der auf eine beinahe schon pittoresk anmutende Quartiersstrasse mit Kopfsteinpflaster geht. Ich halte mich am Geländer fest und trinke Gin Tonic. Ein paar Mädchen aus meiner Abteilung echauffieren sich über die Mietpreise am Prenzlauer Berg („Achthundert Euro für ne hundert Quadratmeter grosse Maisonette am Kollwitzplatz – daran muss doch einfach was faul sein“) und nippen an Prosecco. Später brät ein bärtiger Seniortexter Würste und Steaks und gleichzeitig treffe ich auf meinen Copywriter, der gerade aus dem Fitnessstudio kommt und mich ganz unverblümt fragt, ob ich denn eher zur Kokain- oder zur Marihuanafraktion gehöre. Ich sage ihm, dass ich schon gleich nach der Matura auf der weissen Seite stand, inzwischen aber zu solchen Substanzen lieber etwas Distanz halte. Er nickt und fängt dann an über Crack zu reden, beteuert aber, mit harten Drogen eigentlich nichts am Hut zu haben. Er habe bloss im SZ – Magazin darüber gelesen.

Eine Art – Direktorin kniet vor dem Notebook auf dem Boden und spielt französischen House ab, die blonden Mädchen aus der Beratung, die oben alle dieselben tailliert geschnittenen Hemden und unten dann braune Lederstiefel über den Jeans tragen, fangen an zu tanzen. Irgendwer ruft „Ich will Roland Kaiser singen“ aber niemand scheint davon Notiz zu nehmen. Ein Texter, der ursprünglich aus Polen stammt, läuft mit einer offenen Wodkaflasche durch die Wohnung und bietet jedem einen Schluck an. Ich kann in solchen Situationen nicht richtig Nein sagen und fange an, alles durcheinander zu trinken: Gin, Bier, Wodka, Prosecco und schliesslich auch noch Rotwein aus einer Flasche mit Drehverschluss. Als um Viertel vor Zwölf die Polizei kommt und Ruhe verlangt, bin ich ein wenig betrunken. Rundherum brechen die Leute langsam auf. Irgendwer redet was von einer Adidas – Party, die Seniortexter und Texter greifen den Beratungsmädchen auffällig oft an die Schultern und photographieren sich gegenseitig. Die Deutschen flirten eigenartig, denke ich. Mit dem Flirten ist es vielleicht wie mit dem Fussballspielen: jede Nation bestätigt ihre Klischees: die Briten schlagen direkte Bälle auf die Spitzen, die Franzosen spielen sich hundert Mal den Ball zu, ehe sie schiessen, die Brasilianer tanzen und bei den Italienern passiert eine Stunde lang erst gar nichts bevor sie mit einer Aktion das Spiel für sich entscheiden. Bei den Deutschen schliesslich ist bei all der hinzugewonnenen Spielfreude halt immer noch ein bisschen Härte und Kampf mit dabei. Vielleicht wollen die deutschen Mädchen unter anderem auch genau deswegen nicht auf die Wangen geküsst werden.

Wir verlassen die Wohnung und trinken Bier in einer dunklen Bar gleich um die Ecke. Aus den Boxen der Stereoanlage dröhnt Pulp mit Disco 2000. Mir ist ein wenig schwindlig, aber ich halte durch. Um drei Uhr Früh sitze ich dann in einem Taxi, das die Kastanienallee entlang fährt und uns zur Kulturbrauerei bringt, wo eine Gruppe amerikanischer Mädchen zu Kate Bush tanzt. Die Mädchen sehen schön aus, wenn auch ein wenig verschwommen. Das hat alles keinen Sinn mehr, denke ich und kaufe mir ein letztes Becks. Kurz nach vier bin ich dann zu Hause.

Viermächtedisko

Monday, April 24th, 2006

„Wenn du nie mit einer Dicken im Bett warst, kannst du gar nicht wissen wie sich das anfühlt“ sagt Julien und guckt so als suche er Zustimmung. „Stimmt. Sehr kluge Bemerkung, ha, ha, ha“ höhnt Phil und verzieht den Mund. „Trotzdem würde ich mir so was nie antun. Ganz im Gegensatz zu dir.“ – „Was?“ – „Wie ´was´. Jetzt tu nicht so als würdest du dich nicht mehr erinnern. So was vergisst man nie. Dabei hab ich dir sogar am selben Abend noch gesagt, dass du das bereuen wirst.“ – „Ich bereue überhaupt nichts. Ich hab nämlich Spass gehabt, ob du es nun glaubst oder nicht“ Julien reisst Streifen von dem fettigen Hamburgerpapier, zerknüllt sie zu kleinen Bällchen und wirft sie Phil ins Gesicht. „Fuck you, du Arsch“ ruft der und schüttelt wie wild den Kopf. „So einer ist doch pervers, oder?“ sagt er dann zu mir. Ich nicke zustimmend, denn ich finde, dass sich Perversion durchaus auch ästhetisch definieren lässt. Julien scheint da nicht einverstanden; für ihn ist das offenbar eine Frage des Alters – oder zumindest hat er sich heute Abend auf dieses Argument eingeschossen. Zu jung, zu jung, zu jung: damit beschiesst er Phil den ganzen Abend. „Je jünger desto besser! So was nenn ich pervers, du Pädophiler!“ Phil zuckt bloss mit den Schultern und sagt dann: „Red nur, du Idiot! Du bist nur sauer weil du nach mehr als zwei Wochen Berlin immer noch nichts rumgekriegt hast.“

Kurz darauf verlassen wir die Mc Donalds – Filiale in der Schönhauserallee, wo wir zu Nacht gegessen haben und gehen rüber ins Doktor Pong, um uns dort mit Ricard aus dem Plastikbecher auf das Abendprogramm einzustimmen. Im Pong hängen die üblichen Leute rum; Lili und ihr Bruder spielen Tischtennis, ein paar amerikanische Backpacker liegen in den Sofas, rauchen Pott und kommen sich dabei offenbar wahnsinnig nonkonformistisch vor. Eigentlich zum Lachen, so etwas, aber seit das Pong im Lonely – Planet als Insidertipp fungiert, stehen da halt jedes Wochenende irgendwelche schlecht rasierte Typen in Jack Wolfskin – Klamotten rum und freuen sich „a really, really funky place“ gefunden zu haben. Wenigstens seien die Mädchen dann einfach rumzukriegen, meint Julien und erzählt von irgendeiner Schottin oder Engländerin, die er vor zwei Jahren mal im Freedom an den Champs Elysees aufgelesen hatte. In Paris war Julien unbesiegbar. Er kam überall rein, kannte beinahe alle Türsteher persönlich und verteilte grosszügig Trinkgeld ans Barpersonal, welches sich dann mittels kostenlosen Champagnerflaschen zu revanchieren pflegte. Hier aber ist alles anders. Hier gibt es keine käuflichen Türsteher und auch keine VIP – Bereiche, in denen man Tische reservieren und Champagner bestellen kann. Hier gibt es bloss Beton, Neonlicht, Vintagemöbel und DDR – Lampen aus dem Palast der Republik. Im Vergleich zu Paris wirkt Berlin karg und rissig, fast ein bisschen wie eine ältliche Trümmerfrau. Und Trümmerfrauen sind nun mal nicht empfänglich für leichtlebigen, frakophonen Charme.

Um zwölf Uhr Nachts fahren wir mit der U2 zum Senefelder Platz. Im Kaffee Burger läuft Russendisko (ja, genau die Russendisko, die hat ja mittlerweile auch schon jeder Reiseführer im Hauptprogramm). Wir gehen allerdings nur deswegen rein, weil Phil unbedingt mit dem Wladimir Kaminer einen Interviewtermin vereinbaren muss. Nicht für sich selbst, versteht sich, nein, Phil hat mit dem Typ eigentlich nichts am Hut. Bloss für eine Freundin von einer Freundin, die in Lille eine Journalistenschule besucht, ein paar Artikel über die Russen in Berlin schreiben muss und daher meint, ein Interview mit dem Partyveranstalter, Schriftsteller und Vorzeige – Exilrussen Wladimir Kaminer sei eine gute Idee. Grundsätzlich hat sie ja Recht. Aber als wir erst fünf Euro zahlen und dann in dem düsteren, überfüllten und stinkenden Kaffee Burger eng aneinander gedrängt Wodka auf Eis trinken, kommen wir Zweifel. In diesem Gruselkabinett aus amerikanischen Touristen, rumänischer Zigeunermusik und ukrainischen Autoknackervisagen werden wir Kaminer nie finden. Nie. Und so ist es dann auch. Kaminer bleibt unauffindbar. Julien scheint der Verlauf des Abends ebenfalls zu missfallen. Er schaut genervt umher, beugt sich dann vor und ruft mehrmals hintereinender: „Ich will weg. Hier sind nur Typen!“

Der Rote Salon ist gleich um die Ecke. Drinnen hat es zwar viele Mädchen, aber die Tatsache, dass hier eine Franzosenparty steigt, gibt Julien endgültig den Rest. „Ich bin doch nicht tausend Kilometer weit gefahren, um mir diesen französischen Tryo – Manau – Jonny Hallyday – Provinz – Scheiss anzuhören!“ macht er genervt, lässt sich in einen Sessel im hinteren Teil des Raumes fallen und raucht etwas Pott. Ich dränge vorbei an den Tanzenden bis zur Bar und bestelle Bier. Plötzlich steht Francis neben mir, wir stossen an und suchen die anderen. Phil ist verschwunden, Julien nervt sich, der Abend geht so langsam aber sicher den Bach runter. Gegen drei Uhr Morgens hauen wir ab. Auf dem Heimweg schauen wir noch mal beim Kaffe Burger vorbei, aber die Situation dort hat sich nur noch verschlimmert. Angesichts des ihm offenbar feindlich gesinnten Viermächtepakts aus amerikanischen Backpackers, englischen Matronen, russischen Säufern und französischen Beaufs entscheidet sich Julien für die bedingungslose Kapitulation und geht nach Hause. Es ist seine erste Partyniederlage in Berlin. Ich selbst gehe auf dem Heimweg noch beim Pong vorbei, beschliesse aber angesichts der dort herrschenden Endzeitstimmung, das Feuer heute Nacht ebenfalls einzustellen.

Wieder ein Tag Leben

Friday, April 21st, 2006

Ich wache in meiner vollkommen leeren Wohnung auf, weil die Sonnenstrahlen schräg durch die Fenster auf mein Bett fallen und draussen die U-Bahnzüge vorbeifahren. Der Geruch von frischer Farbe hat sich in meine Nasenhöhlen gebrannt, auf dem Parkett liegt ein Film von Kalk und Schmutz, der weisse Spuren an den Unterseiten meiner Füsse hinterlässt. Ich durchquere die leere Halle, die einmal mein Wohnzimmer sein wird und gehe rüber ins Bad, wo Julien so eine Art Bettbezug ans Fenster gehängt hat, damit uns die Nachbarn nicht beim Duschen zuschauen können. Ich kann den Hausmeister hören, der unten im Hof mit irgendwelchem blechernen Abfall hantiert. Vielleicht, denke ich in diesem Augenblick, werde ich mich hier einmal zu Hause fühlen. Vermutlich werde ich diesen Ort, der jetzt noch so öde scheint, irgendeinmal richtig vermissen.

Die Strassenbahn ist voll und fast alle Leute lesen irgendetwas, Zeitungen und Romane, von Nicholas Sparks oder Caroline Link. Offenbar mögen sie so etwas. Ich höre Richard Ashcroft auf meinem Ipod und klammere mich an eine gelb lackierte Haltestange. Im Büro esse ich zum Frühstück zwei Brötchen mit Edamer, Senf und Hinterschinken und eine Fruchteinheit, die je nach Wochentag entweder aus einer Banane, einem Pfirsich oder einem Apfel besteht. Dann lese ich die Schlagzeilen auf Spiegel – Online und Alescha, der mir gegenüber sitzt, schüttelt den Kopf und verweist lachend auf ein Foto, welches in der Britischen Boulevardzeitung „The Sun“ erschienen ist und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Umziehen am Strand von Usedom zeigt. Ich schaue auf den verpixelten Zellulitishintern der Merkel vor mir auf dem Bidschirm, dann höre ich, wie mein Nachbar sagt: „Weisst du was ich gedacht hab’, als ich die Mekel – Bilder zum ersten Mal sah?“ – „Nein, aber du wirst es mir bestimmt gleich sagen.“ – „Nah ja ich hab mich gefreut, dass uns das nicht schon mit Kohl passiert ist. Das wäre nämlich erst recht hässlich geworden.“ Ich nicke zustimmend. Später essen wir unten in der Cafeteria. Nils setzt sich zu uns, wir reden über banale Sachen und gehen dann eine halbe Stunde Tischfussball spielen.

Den Nachmittag verbringe ich mit unausgegorenem Nachdenken und Kaffeetrinken. Irgendwann gegen vier Uhr kommt Felix aus der Grafikabteilung rüber und fragt, ob wir mit ihm auf der Dachterasse eine Zigarette rauchen. Oben geht ein leichter Wind und ein paar Typen aus dem Stock unter dem meinem sitzen an einem Tisch aus dunkel gebeizten Holzlatten und malen Logos. Einer von ihnen sagt die ganze Zeit: „Wir brauchen ‘ne Goldidee, Mann, ‘ne verdammte Goldidee.“ Ich sehe ihnen eine Weile zu und versuche zu verstehen, ob sie das nicht nur als Witz meinen, merke aber dann dass ihnen ernst ist. Ich drücke mein Zigarette aus und geh nach unten, schreibe eine halbe Stunde lang Slogans für so eine gelackte Beratungsfirma in der vermutlich bloss verkappte Nekrophile arbeiten und gehe gegen sieben Uhr Abends nach Hause.

Die Strassenbahn ruckelt die Kastanienallee hoch, ein paar müde Sonnenstrahlen des zu Ende gehenden Tages beleuchten die mit Staub überzogenen Scheiben der Wagen. Ich bin nicht wirklich müde. Ich fühle mich bloss ein wenig ermattet. Ermattet ist so ein schönes Wort, es bezeichnet nämlich einen Zustand der totalen Gleichgültigkeit, eine Art spätnachmittäglichen Komatod, der sich vom entgültigen Ableben haupsächlich durch die damit verbundene anspruchslose und schmerzlose Genügsamkeit unterscheidet. Am U-Bahnhof Eberswalderstrasse steige ich aus und gehe nach Hause. Später werde ich weggehen. Ins Doktor Pong, oder ins Zu Mir Oder Zu Dir. Oder runter nach Mitte. Oder zum Ostbahnhof. Oder aber ich werde zu Hause bleiben und zum zehnten Mal Rules of Attraction gucken. Oder gar nichts tun. Ich verpasse ja nichts. Heute ist bloss ein ganz normaler Tag. Ein weiterer Tag Leben. In Berlin.

Metro – Mädchen

Sunday, April 16th, 2006

Donnerstag um halb sechs höre ich auf zu arbeiten, steige die fünf Stockwerke runter bis auf die Strasse und zünde mir als erstes eine Zigarette an. Leichter Regen geht nieder und ich frage mich, ob der Frühling dieses Jahr an Berlin wohl unverrichteter Dinge vorbeiziehen wird. Momentan sieht es ganz danach aus. Vor mir läuft ein Mädchen mit hellblondem Haar, die auf dem gleichen Stock wie ich arbeitet, allerdings nicht in der Kreation, sondern in der Beratung. Ich erinnere mich daran, dass sie mich letzte Woche einmal gebeten hat, das Papierfach des Laserdruckers wieder aufzufüllen. Ich habe dann gar nicht gross nachgedacht und dieses blöde Fach ganz einfach mit A4- Papier gefüllt. Als Phil davon erfuhr, hat er mich ausgelacht „Die wollte dich anmachen, du Depp!“, hat er gerufen. „Und du merkst so was nicht einmal“.

In der U-Bahn spreche ich das Mädchen an. Sie heisst Eva und kommt aus Ulm. Ich will wissen, wie lange sie schon in Berlin ist und sie sagt „vier Jahre“ und lacht. Überhaupt lacht sie die ganze Zeit über und ich bin nicht sicher, ob sie das aus Kalkül tut oder nicht. Aber vielleicht habe ich einfach nur die Angewohnheit, die kleinen Gesten anderer Leute stets falsch einzuschätzen. Vielleicht hat das alles nichts zu bedeuten. Der Zug hält im Bahnhof Friedrichstrasse, wir steigen beide aus und sie sagt, dass ihre ältere Schwester Schauspielerin ist. Ich frage „Wo?“, sie antwortet: „Beim Fernsehen“. „Aha“, mache ich, weiche einem fetten Typ mit FC Union – Schal aus und höre gerade noch, wie Eva sagt, dass ihre Schwester in der Telenovela „Verliebt in Berlin“ eine Hauptrolle hat. Gut zu wissen, denke ich, endlich mal wieder was zum Namedroppen. Kurz darauf verabschieden wir uns, ich küsse sie drei Mal auf die Wangen, fahre mit Rolltreppe zur S-Bahn hoch, nehme den nächsten Zug Richtung Norden und steige an der Bornholmerstrasse aus. Phil hockt zu Hause und starrt den Bildschirm seines Computers an, so wie immer. Später stossen Julien und Lucile hinzu, die beiden waren einkaufen und Julien kündigt an, an einem der folgenden Tage ein Boef Bourginion zu kochen. Finde ich gut, sag ich zu mir selbst, endlich mal was anderes als diese ewigen Hähnchenschnitzel im Brot aus dem “Aysata” an der Eberswalderstrasse. Nichts gegen Hähnchenschnitzel im Allgemeinen, aber nach drei verdammten Wochen ohne festen Wohnsitz hängen mir diese nach abgestandenem Frittenöl riechenden Kebapbuden mit ihrem Hähnchen - Döner – Kräutersauce - Rotkohl – Zwiebeln – Einerlei ziemlich zum Hals raus.

Julien will richtig auf den Putz hauen, ich bin aber nicht wirklich in Form, fühle mich wie ein Fussballspieler, der nach langer Verletzungspause wieder zurück ins Team kommt und jetzt plötzlich alle entscheidenden Treffer erzielen muss. Wir essen erst ein halbes Hähnchen an der Schönhauserallee, fahren zu irgendeinem Rockklub in der Nähe des Alexanderplatzes, resignieren angesichts der kilometerlangen Schlange, die sich vor dem Eingang gebildet hat, nehen den nächsten Zug zurück Richtung Pankow und landen am Konzert einer Bielefelder Rockband, deren Sängerin mehrmals auf ihre Herkunft verweist und darauf offensichtlich auch noch stolz ist. Julien holt ein Bier nach dem anderen, ich merke, wie ich schnell betrunken werde. Wir machen dann all die üblichen Sachen, die man halt so macht, wenn man an einem Donnerstag Abend am Prenzlauerberg unterwegs ist: im Doktor Pong dem Oliver Hallo sagen, Ricard trinken und dem Julien dabei zusehen, wie er aufgrund seiner Trunkenheit keinen Ball mehr trifft, beim Pingpong – Rundlauf vier Mal hintereinander in der ersten Runde raus fliegt und daraufhin einer dunkelhaarigen Bosnierin die Zunge in den Hals steckt.

Später stranden wir im August Fengler. Verfluchtes August Fengler. Sabrina und ich reden über gemeinsame Freunde, hin und wieder kommt Julien dazu und stusst  unverständliches Zeugs. Um Fünf ist Ende Feuer, wir nehmen die U-Bahn, Sabrina verabschiedet sich mit einer Umarmung, Julien beklagt sich darüber, dass er heute Abend keinen Sex haben wird. Ich nicke nur und sage erst Mal gar nichts, erwähne dann aber aus irgendeinem Grund das Mädchen Eva und sage, dass ich in der U-Bahn mit ihr gesprochen habe. „Da musst du rangehen, das Zeug flachlegen!“ ruft Julien und erzählt mir daraufhin eine Geschichte aus Paris, in welcher er selbst sowie ein Mädchen vorkommen, welches er offenbar um sieben Uhr früh in der Metro aufgegabelt und mit nach Hause genommen hatte. „Die hat alles gemacht, das sage ich dir. ALLES.“ Ich lache ein bisschen und sage dann zu mir selbst, dass ich ihn darum keineswegs beneide. Ich will in diesem Augenblick niemanden aufgabel. Ich will bloss endlich in meine Wohnung einziehen, Essen kaufen und ein geregeltes Leben führen. Das ist alles.

Vier gute Gründe gegen Kinder

Saturday, April 15th, 2006

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Endlich mal ein konstruktiver Beitrag zur Überalterungsdebatte.

Keiner liebt uns

Thursday, April 13th, 2006

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Der Himmel ist grau über dem leeren Rund, das Mommsenstadion heisst. Auf den paar Betonstufen, die sich um Tartanbahn und Spielfeld ziehen, verlieren sich kleine Gruppen Zuschauer. Manche haben Lila Schals an. Ich trinke wie die meisten von ihnen Bier aus einem Plastikbecher und rauche eine Zigarette. Nils kommt vom Klo zurück, er schlägt vor, irgendetwas zu essen, ich halte das für eine gute Idee und bestelle bei der offensichtlich unter Bluthochdruck leidenden Dame am Imbissstand Buletten mit Senf. Sie wünscht mir „guudden Appeddidd“ und lächelt. Ich lache etwas gequält zurück und gehe an ein paar alten Männern in Mänteln vorbei zu Nils, der mit leeren Händen dasteht. „Isst du nix?“, frage ich ihn. Er schüttelt den Kopf. „Ich bin Vegetarier.“

Der beinahe schon charmant ambitionslos wirkende Sportplatz ist die Heimstätte des Fussballvereins Tennis Borussia Berlin, kurz TeBe. TeBe, das heisst Westen, tiefer Westen, Charlottenburg und Reinickendorf, Einfamilienhäuser, Bürgerliche Appartements, Massegelände und Umfahrungsstrassen, diejenige Gegend halt, die mit der Wende von der Insel zum Aussenbezirk der ganz normalen Hauptstadt geworden ist. Das Berlin – Berlin Lebensgefühl der zum Quartier – Latin hochrenovierten Bezirke Prenzlauerberg und Mitte scheint hier meilenweit entfernt zu sein.

Tennis Borussia spielt heute gegen irgendeine türkische Mannschaft, deren Namen ich nicht richtig lesen kann. Türkylspor oder so ähnlich heisst die. Kaum ist der Anstoss ausgeführt, fangen die TeBe – Anhänger an zu singen. „Lila – Weisse, Lila – Weisse“ schreien sie in die kühle Nachtluft. Der Lärm, den sie veranstalten ist beachtlich, ihr Stehvermögen ebenfalls, sie singen über die ganzen Neunzig Minuten und lassen sich dabei weder durch die zunehmend schlechter werdende Witterung noch durch das grausige Oberliga – Gebolze auf dem Feld entmutigen. Doch, doch, sage ich zu mir, solche Leute kann man respektieren.

Dabei sind TeBe – Fans nicht gerade zahlreich erschienen, um ihre Mannschaft, die in der Oberliga derzeit allerhöchstes gutes Mittelmass darstellt, zum Sieg zu schreien. Höchstens ein Duzend hart gesottener Leutchen verliert sich auf den Betonstufen der Gegengerade. „So was ist ganz normal hier“, erklärt mir Alex, ein Geschichtsstudent aus Friedrichshain. „Wir sind nämlich einer der unbeliebtesten Klubs in ganz Deutschland.“ Weshalb das? Er zuckt mit den Schultern und wendet sich wieder dem Spiel zu. Bald ist Halbzeit und es steht immer noch Null zu Null. Torchancen gab es so gut wie gar keine.

Gibt es Gründe, die Tennis Borussia zu hassen? Okay, der Klub steht für Charlottenburg, er gilt somit als der Verein der Reichen. Klar, dass sich ein nach proletarischer Anerkennung dürstender Bohemien – Junker mit Wohnung am Arkonaplatz mit den Borussen nicht identifizieren kann. Dazu kommt die jüdische Vergangenheit, die zwar, so Alex, „heute eh keine Rolle mehr spielt“, die gegnerischen Fans aber immer noch zu antisemitischen Gesängen inspiriert. Vor allem die sehr spährlich behaarte Stammklientel des Ostberliner Ex-Stasi – Vereins BFC Dynamo zeigt sich in diesem Zusammenhang dann immer ganz besonders geschichtsbewusst. Dem TeBe – Anhang scheint das allerdings nichts auszumachen. Ganz im Gegenteil, bei dem Gedanken an die eigene Unbeliebtheit empfindet man sogar ein wenig Stolz: „No one loves us. We don’t care“, verkündet trotzig ein Transparent von der Haupttribüne. Ich gehe daran vorbei und merke, dass ich für diesen Verein eine tiefe Sypathie empfinde.

Das Spiel endet torlos, eine uninspirierte Vorstellung unter stärker werdendem, kaltem Nieselregen. Nils kauft sich einen Schal, ich ein T-Shirt. Vorne, bei der S-Bahn Station treffen wir Alex wieder. Er hat einen dieser Fan – Freundschaftschals umgeschlungen, auf denen die Verbundenheit zweier Vereine üblicherweise  mit einem stilisierten Händedruck symbolisiert wird. Die Tennis Borussen haben aber keine Freunde. Auf dem Schal ist die für den befreundeten Klub vorgesehene Fläche deshalb frei gelassen. Darunter trägt er ein lila Trikot, das aus besseren Zeiten stammt. Damals hatte die Göttinger Gruppe die Borussen mit viel Geld und noch viel mehr Versprechungen in die Zweite Bundesliga gehievt. Doch der Traum währte kurz. Anstatt die Lila – Weissen wie vollmundig angekündigt in den Europapokal zu führen, riss die Versicherungsgesellschaft den Verein in einen Strudel aus finanziellen Skandalen, die mit dem Konkurs der Gruppe und dem sportlichen Totalabsturz der ersten Mannschaft endeten.

Heute ist alles vorbei. Die Oberliga – Realität mag hin und wieder trist aussehen, trotzdem hält Alex zu dem Verein. Warum, kann er auch nicht sagen. Bevor wir an der Friedrichstrasse aussteigen, schlage ich ihm vor, den Freundschaftsschal zu signieren, den er um den Hals trägt. Er ist einverstanden und ich schreibe „Servette FC: Hertha BSC – Bezwinger, UEFA – Cup 2001“ in das leere Feld.

Just a Freitagabend

Monday, April 10th, 2006

Wieder ein Freitagabend in Berlin. Ich habe eine Woche Arbeit hinter mir, in einer Werbeagentur im Wedding. Werbeagenturen sind schöne Firmen, meist in ehemaligen Industriegebäuden untergebracht und bevölkert von jungen, schönen und äußerst kreativen Menschen. Das ist auch bei meiner der Fall. Die Typen tragen diese Britpopfrisuren und dicke Brillen, die Frauen allesamt Jeans und Stiefel. Manchmal fährt jemand auf einem Kickboard durch die Gänge und unten im Keller steht ein Tischfussballkasten und ein Ping – Pong – Tisch. Echt Berlin, Berlin, das Ganze. Da soll nochmal wer behaupten, Klischees hätten grundsätzlich nichts mit der Wirklichkeit zu tun.Ich bin also jeden Morgen brav aufgestanden, mit der U-Bahn an die Schwarzkopffstrasse gefahren, habe mich vor meinen surrenden, Bonbonfarbenen Erstgeneration – i-Mac gesetzt und darüber nachgedacht, wie man völlig öde Produkte mit einem peppigen Werbeslogan besser an die Leute bringen könnte. Wahnsinnig viel ist mir bisher nicht eingefallen, aber das macht auch nichts, denn meinen Kollegen dort geht es glaube ich auch nicht viel anders. Die meisten von ihnen sitzen dann locker am Schreibtisch, trinken Milchkaffee und surfen auf dem Internet. So was nennt man dann „die Inspirationsquelle abchecken“.Wenn das „Abchecken“ nichts bringt, geht’s ab auf die Dachterrasse zum Rauchen. Und wenn einem beim Rauchen auch nichts einfällt, setzt man sich zu Felix, dem Grafikpraktikanten an den Tisch, guckt sich den Meissen – Porzellan- Adult – Content – Nacktkalender an und redet dummes Zeug. Erstaunlicherweise lassen sich aber so trotz allem Ergebnisse erzielen. Wie genau das funktioniert, hab’ ich allerdings noch nicht ganz begriffen.

Meistens arbeite ich bis acht Uhr Abends und fahre dann nach Hause. So auch heute. Ich komme an und Phil liegt müde im Sofa. Er trägt einen dieser schlabbrigen Kapuzenpullis von Tommy Hilfiger und sieht mit seinen kurzen Haaren und seinem dunklen Teint aus wie ein französischer Vorstadtjugendlicher aus Nordafrika. Als ich ihn frage, ob er noch weg wolle, schüttelt er den Kopf und sagt „Nee, bin krank“ oder „Verdammt, ich bleibe zu Hause“ oder „Das alles kackt mich an.“ Ich zucke mit den Schultern, esse eine Pizza und gehe dann gemeinsam mit Julien und Sabrina ins Doktor Pong. Dort ist viel zu viel los und eine Freundin von Felix, dem Graphiker, legt Sechzigerjahre – Rock auf. Sie ist blond, trägt so ein weites, rotes Top mit Rüschchen dran und sieht aus wie Debbie Harry zu Beginn ihrer Karriere. Julien weiss nicht, dass Debbie Harry mal als Playmate gearbeitet hatte, bevor sie bei Blondie einstieg, aber ihm ist das sowieso egal, er findet einfach nur das Mädchen hinter dem DJ – Pult sehe umwerfend aus. „Keinen super Körper, aber ein interessantes Gesicht“ sagt er ein paar Mal. Interessantes Gesicht, was will das schon heissen, denke ich und trinke ein paar Gläser Ricard bis ich betrunken bin.

Später fordert uns Felix auf, mit ihm und den Mädchen in die Panorama Bar zu fahren, ich nicke und wir halten draußen auf der Eberswalderstrasse ein Taxi an. Julien versucht mit dem Debbie-Harry – Mädchen zu reden, aber sie gibt sich wortkarg und abweisend. In der Panorama Bar herrscht ein Heidenlärm und die Leute sehen alle sehr unfreundlich aus. Ich trinke Bier und werde zusehnds müde, rede mit ein paar Schweden, denen Felix zwecks Devisenbeschaffung seine Wohnung übers Wochenende vermacht hat und erzähle den Leuten, dass ich heute Nachmittag ein Fotoshooting für eine Werbekampagne hinter mir hatte. Aber das scheint niemanden zu beeindrucken, warum auch, ist ja eigentlich bloß peinlich. Um sieben Uhr früh fahren wir mit einem Taxi nach Hause, Julien besteht darauf an einer Dönerbude an zu halten und bestellt Hühnchenschnitzel im Brot. Ich krieg das Zeug nicht runter und will nur noch schlafen.

Melissa, Melissa

Sunday, April 2nd, 2006

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Melissa Theuriau présente le foot…

Cancun Girls

Saturday, April 1st, 2006

Es ist Freitagabend und heute läuft kein Fussball. Wir schauen daher Chiracs Rede zur Lage der Nation im Internet und Phil sagt, ein paar Franzosen hätten in einem Forum ernsthaft vorgeschlagen, vor der französischen Botschaft in Berlin gegen den neuen Zeitarbeitsvertrag für jugendliche Studienabgänger zu protestieren, der in Frankreich derzeit Millionen Menschen auf die Barrikaden treibt. Phil ist das alles ziemlich egal, er kümmert sich zur Zeit hauptsächlich um die Champions League – Kampagne der Fussballmannschaft von Olympique Lyon und fordert seine Landsleute über MSN – Messenger dazu auf, im Oscar Wilde am Oranienburger Tor für Lyon zu schreien. Daneben lädt er Nacktfotos der französischen Nachrichtensprecherin Melissa Theuriau runter. Angesichts der Schönheit Theuriaus entschliesse ich mich, die Ehre der Schweiz zu retten und versuche das gleiche mit Mia Aegeter, aber als ich ihren Namen in die Suchmaske von Google eingebe, stosse ich bloss auf hanebüchene Fanseiten, die von molligen, vierzehnjährigen Mädchen aus dem Oberaargau betrieben werden.

Später fahren wir mit zum Potsdamer Platz, wo ein neuer Club namens Cancun aufgeht. Francis, der für KPMG arbeitet, hat uns in die Gästeliste eingetragen, wir gehen also da rein und trinken Becks. Das Interieur ist abstossend, die weiblichen Gäste hingegen atemberaubend schön. Phil und Francis sagen beinahe gleichzeitig „Pétasse“ und meinen damit all die Mädchen mit hoch gesteckten Haaren, kurzen Röcken und Gucci – Handtäschchen, die Hennessy mit Orangensaft trinken und die Köpfe arrogant in die Höhe halten. In Paris mag so etwas ja noch zu überzeugen, hier in Berlin aber wirkt das ganze Neo – Junker – Gehabe keineswegs glaubhaft. Deutschland ist kein Ort für Aristokraten und Snobs, es gibt hier einfach zu viele Baumärkte, Fussballstadien, Premiere Sportsbars und Zigarettenmarken mit Namen wie Nil oder West. Francis schaut einer Brünette hinterher, die Fransen und einen Pferdeschwanz trägt, der DJ spielt House, ein paar Typen in Burberry – Hemden lungern auf den weissen Lederbänken rum, bestellen lautstark Tattinger und machen auf VIP. Ich hole noch eine Runde Bier, wir gehen nach Draussen, rauchen Marlboro Extra Long und beschliessen die Party zu verlassen.

Im Prenzlauer Berg ist alles anders, hier sind die Alternativen zu Hause, die Bobos mit ihren Macintosh – Computern, Vintage Möbeln, Retrojacken und dickrandigen Brillen. Francis will nicht weg, er verzieht erst den Mund und fängt dann an, lautstark zu protestieren: „Ich hab’ keine Lust von hier weg zu gehen. Ich will schöne Frauen sehen, verdammt noch Mal, nicht etwa in irgendeiner abgewrackten Bar rumhängen und Pastis trinken bis ich umfalle!“ – „Dann sprich mal eine an, anstatt nur da zu sitzen und zu glotzen“, gibt Phil zurück und zerrt ihm am Ärmel in Richtung U-Bahnhof. Schliesslich gibt Francis auf und fügt sich, er ruft dann ein paar Freunde an, die wir vor dem Pfefferberg am Senefelderplatz treffen, alles Franzosen versteht sich, die halten schliesslich zusammen, in der Fremde. Einer von ihnen, Pierre, ist mit seinem Freund da, einem Typ mit Hornbrille, der so warm ist, dass er mit den kleinen Finger Löten kann (der Spruch stammt nicht von mir, sondern von einer von Daves ehemaligen Freundinnen aus Wien).

Im Pfefferberg steigt so eine Praktikanten – Abschiedsparty für die ich eine Einladung bekommen habe: wenig Leute, lahme Stimmung, jeder kennt jeden und die Musik ist vermutlich darauf ausgelegt, auch die kleinsten rythmischen Regungen in den Körpern der anwesenden Gäste im Keime zu ersticken. Pierres Freund hält das ganze für eine „misslungene Halbjahresparty einer westfälischen Abiturklasse“ und verdrückt sich gleich wieder, Francis murrt und mir selbst ist das alles ein wenig unangenehm, schliesslich war ich derjenige, der vorgeschlagen hatte hierher zu kommen. Francis sagt, er wolle zurück ins Cancun und zu den schönen Frauen, ich reagiere darauf, indem ich erst drei Wodka auf Eis hole und dann mit einer kleinen Blondine rede, die seit vier Jahren in Berlin wohnt und irgendetwas mit Film macht. Die Blondine nennt mir ihren Namen, aber ich vergesse ihn sofort wieder und lasse nur zusammenhanglose Banalitäten raus. Offenbar bin ich ein wenig betrunken. Sie schaut mich eine Weile lang an und lächelt, dann wird ihr das alles zu blöd und sie verabschiedet sich um gemeinsam mit ihrer wesentlich schlechter aussehenden Freundin nach Hause zu gehen. Als sie weg ist, kommt Francis sofort rüber zu mir und will wissen, wie es war, ich habe aber keine Lust, meine hilflosen Flirtversuche lässig aufzubauschen und lenke ab, in dem ich vorschlage, irgendwo anders hin zu gehen. „Gute Idee“ sagt Francis und findet erneut, wir sollten doch ins Cancun zurückkehren, aber Phil, der im Prenzlauerberg wohnt hat keine Lust eine halbe Stunde lang U-Bahn zu fahren und besteht darauf im Quartier zu bleiben. Francis gibt auch dieses Mal zähneknirschend nach, aber weil sowohl im August Fengler als auch beim Doktor Pong nicht viel läuft, landen wir dann trotzdem wieder in der Stadtmitte. Dort ist allerdings ebenfalls Ende Feuer, leere Bierflaschen und zerdrückte Zigarettenstummel liegen auf der Tanzfläche herum, ein paar übergewichtige Brasilianerinnen bewegen sich lachend zum Beat der Daft Punk und alle schönen Mädchen sind schon lange nach Hause gegangen. Draussen geht eine der ersten milden Nächte zu Ende, die wenigen Leute, die auf den Frühzug der S-Bahn warten tragen ihre Jacken offen und ich schlafe ein. Kurz vor der Haltestelle Bornholmerstrasse wache ich auf. Ein Sicherheitsmann in weinroter Uniform will wissen, ob ich betrunken bin. Ich sage nein und steige aus.

My first Döner

Saturday, April 1st, 2006

Phil hat stets behauptet, es wäre einfach in Berlin eine Wohnung zu finden. Ich bin da mittlerweile anderer Meinung: die Typen, die in den Immobilienfirmen arbeiten, sind immer schlecht gelaunt und wenn man dort anruft, dann kommt einem das vor, als spreche man mit einem Bewährungshelfer: mürrischer Ton in der Stimme, knappe ja’s und nein’s im Sekundentakt und eine maximale Gesprächsdauer von fünfunddreissig Sekunden. So was macht keinen Spass.Aber eigentlich brauche ich ja gar keine Wohnung. In Berlin lässt es sich auch ohne Dach über dem Kopf gut leben, man muss nur bis fünf Uhr früh in irgendeinem Club hängen bleiben und dann nebenan eine Kneipe finden, die Brunch für fünf – Euro anbietet. Bei warmen Brötchen, Milchkaffee und Fruchtsalat beruhigt sich dann auch der Magen, den die fettigen Schawarmas am Vorabend ziemlich durcheinander gebracht haben.

Ich komme am Montagabend in Berlin an, am Ostbahnhof, einem modernisierten DDR – Bau, in dessen Hallen alte Säufer und Punks mit Hunden herumlungern. Phil holt mich ab, wir gehen in eine Kneipe in Friedrichshain und trinken Bier. Das Barpersonal und die anderen Gäste sind überaus freundlich, allerdings dauert es eine Weile bis wir merken, dass sich dabei ausschliesslich um Männer handelt. Beim Rausgehen fällt dann auch die Regenbogenfahne auf. Zu Hause nehme ich die Antidepressiva, die mir mein Hausarzt gegen meine Magenprobleme verschrieben hat. Tags darauf esse ich meinen ersten Döner als Wahlberliner. Ohne Zwiebeln, natürlich. Eigentlich soll man Döner ja nur bei Nacht und unter Alkoholeinfluss essen, aber weil die Dinger hier billiger sind als zwei Steaks, eine Flasche Rijocha, Brot und Edamer im Supermarkt um die Ecke darf das Hammelfleisch im Taschenbrot ausnahmsweise auch bei Tageslicht verzehrt werden. Der erste Döner in Berlin wurde übrigens bereits 1971 verkauft. Damals war so was noch eine richtige Attraktion. Heute gehört der Kepab zur Volkskultur.