Cancun Girls
Es ist Freitagabend und heute läuft kein Fussball. Wir schauen daher Chiracs Rede zur Lage der Nation im Internet und Phil sagt, ein paar Franzosen hätten in einem Forum ernsthaft vorgeschlagen, vor der französischen Botschaft in Berlin gegen den neuen Zeitarbeitsvertrag für jugendliche Studienabgänger zu protestieren, der in Frankreich derzeit Millionen Menschen auf die Barrikaden treibt. Phil ist das alles ziemlich egal, er kümmert sich zur Zeit hauptsächlich um die Champions League – Kampagne der Fussballmannschaft von Olympique Lyon und fordert seine Landsleute über MSN – Messenger dazu auf, im Oscar Wilde am Oranienburger Tor für Lyon zu schreien. Daneben lädt er Nacktfotos der französischen Nachrichtensprecherin Melissa Theuriau runter. Angesichts der Schönheit Theuriaus entschliesse ich mich, die Ehre der Schweiz zu retten und versuche das gleiche mit Mia Aegeter, aber als ich ihren Namen in die Suchmaske von Google eingebe, stosse ich bloss auf hanebüchene Fanseiten, die von molligen, vierzehnjährigen Mädchen aus dem Oberaargau betrieben werden.
Später fahren wir mit zum Potsdamer Platz, wo ein neuer Club namens Cancun aufgeht. Francis, der für KPMG arbeitet, hat uns in die Gästeliste eingetragen, wir gehen also da rein und trinken Becks. Das Interieur ist abstossend, die weiblichen Gäste hingegen atemberaubend schön. Phil und Francis sagen beinahe gleichzeitig „Pétasse“ und meinen damit all die Mädchen mit hoch gesteckten Haaren, kurzen Röcken und Gucci – Handtäschchen, die Hennessy mit Orangensaft trinken und die Köpfe arrogant in die Höhe halten. In Paris mag so etwas ja noch zu überzeugen, hier in Berlin aber wirkt das ganze Neo – Junker – Gehabe keineswegs glaubhaft. Deutschland ist kein Ort für Aristokraten und Snobs, es gibt hier einfach zu viele Baumärkte, Fussballstadien, Premiere Sportsbars und Zigarettenmarken mit Namen wie Nil oder West. Francis schaut einer Brünette hinterher, die Fransen und einen Pferdeschwanz trägt, der DJ spielt House, ein paar Typen in Burberry – Hemden lungern auf den weissen Lederbänken rum, bestellen lautstark Tattinger und machen auf VIP. Ich hole noch eine Runde Bier, wir gehen nach Draussen, rauchen Marlboro Extra Long und beschliessen die Party zu verlassen.
Im Prenzlauer Berg ist alles anders, hier sind die Alternativen zu Hause, die Bobos mit ihren Macintosh – Computern, Vintage Möbeln, Retrojacken und dickrandigen Brillen. Francis will nicht weg, er verzieht erst den Mund und fängt dann an, lautstark zu protestieren: „Ich hab’ keine Lust von hier weg zu gehen. Ich will schöne Frauen sehen, verdammt noch Mal, nicht etwa in irgendeiner abgewrackten Bar rumhängen und Pastis trinken bis ich umfalle!“ – „Dann sprich mal eine an, anstatt nur da zu sitzen und zu glotzen“, gibt Phil zurück und zerrt ihm am Ärmel in Richtung U-Bahnhof. Schliesslich gibt Francis auf und fügt sich, er ruft dann ein paar Freunde an, die wir vor dem Pfefferberg am Senefelderplatz treffen, alles Franzosen versteht sich, die halten schliesslich zusammen, in der Fremde. Einer von ihnen, Pierre, ist mit seinem Freund da, einem Typ mit Hornbrille, der so warm ist, dass er mit den kleinen Finger Löten kann (der Spruch stammt nicht von mir, sondern von einer von Daves ehemaligen Freundinnen aus Wien).
Im Pfefferberg steigt so eine Praktikanten – Abschiedsparty für die ich eine Einladung bekommen habe: wenig Leute, lahme Stimmung, jeder kennt jeden und die Musik ist vermutlich darauf ausgelegt, auch die kleinsten rythmischen Regungen in den Körpern der anwesenden Gäste im Keime zu ersticken. Pierres Freund hält das ganze für eine „misslungene Halbjahresparty einer westfälischen Abiturklasse“ und verdrückt sich gleich wieder, Francis murrt und mir selbst ist das alles ein wenig unangenehm, schliesslich war ich derjenige, der vorgeschlagen hatte hierher zu kommen. Francis sagt, er wolle zurück ins Cancun und zu den schönen Frauen, ich reagiere darauf, indem ich erst drei Wodka auf Eis hole und dann mit einer kleinen Blondine rede, die seit vier Jahren in Berlin wohnt und irgendetwas mit Film macht. Die Blondine nennt mir ihren Namen, aber ich vergesse ihn sofort wieder und lasse nur zusammenhanglose Banalitäten raus. Offenbar bin ich ein wenig betrunken. Sie schaut mich eine Weile lang an und lächelt, dann wird ihr das alles zu blöd und sie verabschiedet sich um gemeinsam mit ihrer wesentlich schlechter aussehenden Freundin nach Hause zu gehen. Als sie weg ist, kommt Francis sofort rüber zu mir und will wissen, wie es war, ich habe aber keine Lust, meine hilflosen Flirtversuche lässig aufzubauschen und lenke ab, in dem ich vorschlage, irgendwo anders hin zu gehen. „Gute Idee“ sagt Francis und findet erneut, wir sollten doch ins Cancun zurückkehren, aber Phil, der im Prenzlauerberg wohnt hat keine Lust eine halbe Stunde lang U-Bahn zu fahren und besteht darauf im Quartier zu bleiben. Francis gibt auch dieses Mal zähneknirschend nach, aber weil sowohl im August Fengler als auch beim Doktor Pong nicht viel läuft, landen wir dann trotzdem wieder in der Stadtmitte. Dort ist allerdings ebenfalls Ende Feuer, leere Bierflaschen und zerdrückte Zigarettenstummel liegen auf der Tanzfläche herum, ein paar übergewichtige Brasilianerinnen bewegen sich lachend zum Beat der Daft Punk und alle schönen Mädchen sind schon lange nach Hause gegangen. Draussen geht eine der ersten milden Nächte zu Ende, die wenigen Leute, die auf den Frühzug der S-Bahn warten tragen ihre Jacken offen und ich schlafe ein. Kurz vor der Haltestelle Bornholmerstrasse wache ich auf. Ein Sicherheitsmann in weinroter Uniform will wissen, ob ich betrunken bin. Ich sage nein und steige aus.
April 1st, 2006 at 9:15 pm
http://www.flickr.com/photos/tags/theuriau/
April 4th, 2006 at 1:04 pm
Aujourd’hui, c’est vendredi, donc pas de foot ce soir, mais un discours de Chirac tout aussi divertissant. Quelques francais de berlin ont proposé une manif devant l’ambassade pour protester contre le CPE, ce qui marque Daniel au point qu’il l’écrira sur son blog. C’est vrai qu’au fond je m’en secoue un peu la nouille du CPE, je préfère organiser par le biais d’internet des manifestations à caractère “sportif”, dans un bar pour suivre la magnifique épopée de l’OL en Champions League.
November 21st, 2006 at 6:15 am
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April 5th, 2007 at 2:14 pm
Das ist ja der Hammer. Da lese ich mich mit Hochgenuss rückwärts durch dieses Blog, erkenne Bilder und Gedankengänge, verköstige Eintrag für Eintrag und ganz zum Schluss muss ich feststellen, dass der werte Herr Autor ein Freund meines Vorgängers Francis zu sein scheint, dessen Stelle ich seit August übernehme.
z.B.:
http://meinklares.blog.de/2007/03/11/cholerisch_chromatisch~1887121
Der Wahlpole mit seiner Vorliebe für elektronische Musik war einer der wenigen Lichtblicke, die sich mir zu Anfang in der Firma boten.
ungläubige Grüße
Airen
April 4th, 2012 at 11:02 am
Ich freue mich über diese Info, ich denke, was zu tun mit meinen Urlaubstagen und das hilft.