Just a Freitagabend
Wieder ein Freitagabend in Berlin. Ich habe eine Woche Arbeit hinter mir, in einer Werbeagentur im Wedding. Werbeagenturen sind schöne Firmen, meist in ehemaligen Industriegebäuden untergebracht und bevölkert von jungen, schönen und äußerst kreativen Menschen. Das ist auch bei meiner der Fall. Die Typen tragen diese Britpopfrisuren und dicke Brillen, die Frauen allesamt Jeans und Stiefel. Manchmal fährt jemand auf einem Kickboard durch die Gänge und unten im Keller steht ein Tischfussballkasten und ein Ping – Pong – Tisch. Echt Berlin, Berlin, das Ganze. Da soll nochmal wer behaupten, Klischees hätten grundsätzlich nichts mit der Wirklichkeit zu tun.Ich bin also jeden Morgen brav aufgestanden, mit der U-Bahn an die Schwarzkopffstrasse gefahren, habe mich vor meinen surrenden, Bonbonfarbenen Erstgeneration – i-Mac gesetzt und darüber nachgedacht, wie man völlig öde Produkte mit einem peppigen Werbeslogan besser an die Leute bringen könnte. Wahnsinnig viel ist mir bisher nicht eingefallen, aber das macht auch nichts, denn meinen Kollegen dort geht es glaube ich auch nicht viel anders. Die meisten von ihnen sitzen dann locker am Schreibtisch, trinken Milchkaffee und surfen auf dem Internet. So was nennt man dann „die Inspirationsquelle abchecken“.Wenn das „Abchecken“ nichts bringt, geht’s ab auf die Dachterrasse zum Rauchen. Und wenn einem beim Rauchen auch nichts einfällt, setzt man sich zu Felix, dem Grafikpraktikanten an den Tisch, guckt sich den Meissen – Porzellan- Adult – Content – Nacktkalender an und redet dummes Zeug. Erstaunlicherweise lassen sich aber so trotz allem Ergebnisse erzielen. Wie genau das funktioniert, hab’ ich allerdings noch nicht ganz begriffen.
Meistens arbeite ich bis acht Uhr Abends und fahre dann nach Hause. So auch heute. Ich komme an und Phil liegt müde im Sofa. Er trägt einen dieser schlabbrigen Kapuzenpullis von Tommy Hilfiger und sieht mit seinen kurzen Haaren und seinem dunklen Teint aus wie ein französischer Vorstadtjugendlicher aus Nordafrika. Als ich ihn frage, ob er noch weg wolle, schüttelt er den Kopf und sagt „Nee, bin krank“ oder „Verdammt, ich bleibe zu Hause“ oder „Das alles kackt mich an.“ Ich zucke mit den Schultern, esse eine Pizza und gehe dann gemeinsam mit Julien und Sabrina ins Doktor Pong. Dort ist viel zu viel los und eine Freundin von Felix, dem Graphiker, legt Sechzigerjahre – Rock auf. Sie ist blond, trägt so ein weites, rotes Top mit Rüschchen dran und sieht aus wie Debbie Harry zu Beginn ihrer Karriere. Julien weiss nicht, dass Debbie Harry mal als Playmate gearbeitet hatte, bevor sie bei Blondie einstieg, aber ihm ist das sowieso egal, er findet einfach nur das Mädchen hinter dem DJ – Pult sehe umwerfend aus. „Keinen super Körper, aber ein interessantes Gesicht“ sagt er ein paar Mal. Interessantes Gesicht, was will das schon heissen, denke ich und trinke ein paar Gläser Ricard bis ich betrunken bin.
Später fordert uns Felix auf, mit ihm und den Mädchen in die Panorama Bar zu fahren, ich nicke und wir halten draußen auf der Eberswalderstrasse ein Taxi an. Julien versucht mit dem Debbie-Harry – Mädchen zu reden, aber sie gibt sich wortkarg und abweisend. In der Panorama Bar herrscht ein Heidenlärm und die Leute sehen alle sehr unfreundlich aus. Ich trinke Bier und werde zusehnds müde, rede mit ein paar Schweden, denen Felix zwecks Devisenbeschaffung seine Wohnung übers Wochenende vermacht hat und erzähle den Leuten, dass ich heute Nachmittag ein Fotoshooting für eine Werbekampagne hinter mir hatte. Aber das scheint niemanden zu beeindrucken, warum auch, ist ja eigentlich bloß peinlich. Um sieben Uhr früh fahren wir mit einem Taxi nach Hause, Julien besteht darauf an einer Dönerbude an zu halten und bestellt Hühnchenschnitzel im Brot. Ich krieg das Zeug nicht runter und will nur noch schlafen.
April 10th, 2006 at 5:04 pm
Meine Seite der Geschichte:
Die Woche über darf ich mich als “Recruiting Scout” für BMW bezeichnen und junge, dynamische Menschen für eine Ausbildung bei BMW rekrutieren. Diese Angelegenheit gestaltet sich, genau wie ich es erwartet habe, schwierig und es kommt genau eine Person (ein 33 jähriger Typ, der in seiner Studentenzeit Mitglied in zwei “schlagenden” Verbindungen war und mit dem entsprechenden Schmiss im Gesicht glänzt) zum Business Breakfast ins Starbucks am Hackeschen Markt. Ich sitze dort drin und ziehe mir einen “Grande Café Latte” (ich hasse dieses “Neudeutsch”) rein bis mir schlecht wird. Nach geschlagenen 5 1/2 Stunden verlassen wir das Starbucks und ich schwöre mir, daß ich diesen von Juppies bevölkerten Laden niemals wieder betreten werde.
Erstmal nach Hause schlafen.
Abends fahre ich zu Philippe, der schwächelt und sagt er sei krank. Dennoch entkorkt er ersteinmal eine Flasche Weißwein, die wir mit Julien leeren, während wir auf Daniel warten. Julien und Philippe können es mal wieder nicht lassen ausschließlich auf französisch mit mir zu sprechen, was ich mäßig verstehe und noch mäßiger spreche. Aber gut, sie haben es nicht anders gewollt.
Wir versuchen Daniel zu erreichen, aber der geht nicht an sein Handy und wir beginnen uns Sorgen zu machen. Als er dann um 23Uhr doch endlich auftaucht hat er ein neues T-Shirt an, lila. Die Farbe entschuldigt er damit, daß es die Vereinsfarbe der Fußballmannschaft sei, dessen Logo auf seiner Brust abgebildet ist.
Erstmal essen, die Jungs bestellen Pizza, ich Pasta und stelle fest, daß das eine Fehlentscheidung war. Naja wr haben schließlich auch bei einer “Pizzeria” bestellt, wie Daniel immer wieder betont. Nächstes Mal höre ich auf ihn.
Dann gehts doch endlich los. Julien, Daniel und ich machen uns auf den Weg ins Dr. Pong, wo wir erstmal ein Bier trinken. Der Laden ist, wie immer am Wochenende, gnadenlos überfüllt, was mich dazu veranlasst Toxus Vorschlag nachzukommen, einen Ortswechsel ins Razzia in Budapest zu vollziehen, dem auch Julien und Daniel kurz darauf Folge leisten. Um der immer stärker werdenden Müdigkeit entgegenzuwirken, schwöre ich dem Alkohol ab und bestelle erstmal einen Espresso, den ich in einem Zug austrinke.
Wir beschließen ins Dr. Pong zurückzukehren, da das Razzia mindestens genauso voll, wenn nicht voller ist. Julien und Daniel ziehen sich einen Ricard nach dem nächsten rein und Felix, Arbeitskollege von Dani, schlägt vor, in die Panorama Bar zu fahren. Diese Bar ist nahe der Warschauer Straße und zu dieser fortgeschrittenen Uhrzeit zu weit für mich, außerdem muß man da €8,- Eintritt zahlen. Die ersehnte Wirkung des zuvor konsumierten Espresso ist ausgeblieben. Daniel aber findet die Idee super, obgleich er schon im Dr. Pong beinahe von der Müdigkeit überwältigt wird. er zeigt sich stark, denn als Neuberliner möcte er das Nachtleben bis zum Schluss auskosten. Den Rest macht der Ricard.
Ich lasse mich von einem entfernten Bekannten nach Hause fahren und lege mich ins Bett, denn am nächsten Morgen muß ich schließlich nach Hannover fahren, um das Nachtleben dort kennenzulernen.