Keiner liebt uns

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Der Himmel ist grau über dem leeren Rund, das Mommsenstadion heisst. Auf den paar Betonstufen, die sich um Tartanbahn und Spielfeld ziehen, verlieren sich kleine Gruppen Zuschauer. Manche haben Lila Schals an. Ich trinke wie die meisten von ihnen Bier aus einem Plastikbecher und rauche eine Zigarette. Nils kommt vom Klo zurück, er schlägt vor, irgendetwas zu essen, ich halte das für eine gute Idee und bestelle bei der offensichtlich unter Bluthochdruck leidenden Dame am Imbissstand Buletten mit Senf. Sie wünscht mir „guudden Appeddidd“ und lächelt. Ich lache etwas gequält zurück und gehe an ein paar alten Männern in Mänteln vorbei zu Nils, der mit leeren Händen dasteht. „Isst du nix?“, frage ich ihn. Er schüttelt den Kopf. „Ich bin Vegetarier.“

Der beinahe schon charmant ambitionslos wirkende Sportplatz ist die Heimstätte des Fussballvereins Tennis Borussia Berlin, kurz TeBe. TeBe, das heisst Westen, tiefer Westen, Charlottenburg und Reinickendorf, Einfamilienhäuser, Bürgerliche Appartements, Massegelände und Umfahrungsstrassen, diejenige Gegend halt, die mit der Wende von der Insel zum Aussenbezirk der ganz normalen Hauptstadt geworden ist. Das Berlin – Berlin Lebensgefühl der zum Quartier – Latin hochrenovierten Bezirke Prenzlauerberg und Mitte scheint hier meilenweit entfernt zu sein.

Tennis Borussia spielt heute gegen irgendeine türkische Mannschaft, deren Namen ich nicht richtig lesen kann. Türkylspor oder so ähnlich heisst die. Kaum ist der Anstoss ausgeführt, fangen die TeBe – Anhänger an zu singen. „Lila – Weisse, Lila – Weisse“ schreien sie in die kühle Nachtluft. Der Lärm, den sie veranstalten ist beachtlich, ihr Stehvermögen ebenfalls, sie singen über die ganzen Neunzig Minuten und lassen sich dabei weder durch die zunehmend schlechter werdende Witterung noch durch das grausige Oberliga – Gebolze auf dem Feld entmutigen. Doch, doch, sage ich zu mir, solche Leute kann man respektieren.

Dabei sind TeBe – Fans nicht gerade zahlreich erschienen, um ihre Mannschaft, die in der Oberliga derzeit allerhöchstes gutes Mittelmass darstellt, zum Sieg zu schreien. Höchstens ein Duzend hart gesottener Leutchen verliert sich auf den Betonstufen der Gegengerade. „So was ist ganz normal hier“, erklärt mir Alex, ein Geschichtsstudent aus Friedrichshain. „Wir sind nämlich einer der unbeliebtesten Klubs in ganz Deutschland.“ Weshalb das? Er zuckt mit den Schultern und wendet sich wieder dem Spiel zu. Bald ist Halbzeit und es steht immer noch Null zu Null. Torchancen gab es so gut wie gar keine.

Gibt es Gründe, die Tennis Borussia zu hassen? Okay, der Klub steht für Charlottenburg, er gilt somit als der Verein der Reichen. Klar, dass sich ein nach proletarischer Anerkennung dürstender Bohemien – Junker mit Wohnung am Arkonaplatz mit den Borussen nicht identifizieren kann. Dazu kommt die jüdische Vergangenheit, die zwar, so Alex, „heute eh keine Rolle mehr spielt“, die gegnerischen Fans aber immer noch zu antisemitischen Gesängen inspiriert. Vor allem die sehr spährlich behaarte Stammklientel des Ostberliner Ex-Stasi – Vereins BFC Dynamo zeigt sich in diesem Zusammenhang dann immer ganz besonders geschichtsbewusst. Dem TeBe – Anhang scheint das allerdings nichts auszumachen. Ganz im Gegenteil, bei dem Gedanken an die eigene Unbeliebtheit empfindet man sogar ein wenig Stolz: „No one loves us. We don’t care“, verkündet trotzig ein Transparent von der Haupttribüne. Ich gehe daran vorbei und merke, dass ich für diesen Verein eine tiefe Sypathie empfinde.

Das Spiel endet torlos, eine uninspirierte Vorstellung unter stärker werdendem, kaltem Nieselregen. Nils kauft sich einen Schal, ich ein T-Shirt. Vorne, bei der S-Bahn Station treffen wir Alex wieder. Er hat einen dieser Fan – Freundschaftschals umgeschlungen, auf denen die Verbundenheit zweier Vereine üblicherweise  mit einem stilisierten Händedruck symbolisiert wird. Die Tennis Borussen haben aber keine Freunde. Auf dem Schal ist die für den befreundeten Klub vorgesehene Fläche deshalb frei gelassen. Darunter trägt er ein lila Trikot, das aus besseren Zeiten stammt. Damals hatte die Göttinger Gruppe die Borussen mit viel Geld und noch viel mehr Versprechungen in die Zweite Bundesliga gehievt. Doch der Traum währte kurz. Anstatt die Lila – Weissen wie vollmundig angekündigt in den Europapokal zu führen, riss die Versicherungsgesellschaft den Verein in einen Strudel aus finanziellen Skandalen, die mit dem Konkurs der Gruppe und dem sportlichen Totalabsturz der ersten Mannschaft endeten.

Heute ist alles vorbei. Die Oberliga – Realität mag hin und wieder trist aussehen, trotzdem hält Alex zu dem Verein. Warum, kann er auch nicht sagen. Bevor wir an der Friedrichstrasse aussteigen, schlage ich ihm vor, den Freundschaftsschal zu signieren, den er um den Hals trägt. Er ist einverstanden und ich schreibe „Servette FC: Hertha BSC – Bezwinger, UEFA – Cup 2001“ in das leere Feld.

One Response to “Keiner liebt uns”

  1. Eladia Gauthier Says:

    Dont cease running a blog now, I’ll be back for much more of it, simply had had to say thank you once again!

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