Metro – Mädchen
Donnerstag um halb sechs höre ich auf zu arbeiten, steige die fünf Stockwerke runter bis auf die Strasse und zünde mir als erstes eine Zigarette an. Leichter Regen geht nieder und ich frage mich, ob der Frühling dieses Jahr an Berlin wohl unverrichteter Dinge vorbeiziehen wird. Momentan sieht es ganz danach aus. Vor mir läuft ein Mädchen mit hellblondem Haar, die auf dem gleichen Stock wie ich arbeitet, allerdings nicht in der Kreation, sondern in der Beratung. Ich erinnere mich daran, dass sie mich letzte Woche einmal gebeten hat, das Papierfach des Laserdruckers wieder aufzufüllen. Ich habe dann gar nicht gross nachgedacht und dieses blöde Fach ganz einfach mit A4- Papier gefüllt. Als Phil davon erfuhr, hat er mich ausgelacht „Die wollte dich anmachen, du Depp!“, hat er gerufen. „Und du merkst so was nicht einmal“.
In der U-Bahn spreche ich das Mädchen an. Sie heisst Eva und kommt aus Ulm. Ich will wissen, wie lange sie schon in Berlin ist und sie sagt „vier Jahre“ und lacht. Überhaupt lacht sie die ganze Zeit über und ich bin nicht sicher, ob sie das aus Kalkül tut oder nicht. Aber vielleicht habe ich einfach nur die Angewohnheit, die kleinen Gesten anderer Leute stets falsch einzuschätzen. Vielleicht hat das alles nichts zu bedeuten. Der Zug hält im Bahnhof Friedrichstrasse, wir steigen beide aus und sie sagt, dass ihre ältere Schwester Schauspielerin ist. Ich frage „Wo?“, sie antwortet: „Beim Fernsehen“. „Aha“, mache ich, weiche einem fetten Typ mit FC Union – Schal aus und höre gerade noch, wie Eva sagt, dass ihre Schwester in der Telenovela „Verliebt in Berlin“ eine Hauptrolle hat. Gut zu wissen, denke ich, endlich mal wieder was zum Namedroppen. Kurz darauf verabschieden wir uns, ich küsse sie drei Mal auf die Wangen, fahre mit Rolltreppe zur S-Bahn hoch, nehme den nächsten Zug Richtung Norden und steige an der Bornholmerstrasse aus. Phil hockt zu Hause und starrt den Bildschirm seines Computers an, so wie immer. Später stossen Julien und Lucile hinzu, die beiden waren einkaufen und Julien kündigt an, an einem der folgenden Tage ein Boef Bourginion zu kochen. Finde ich gut, sag ich zu mir selbst, endlich mal was anderes als diese ewigen Hähnchenschnitzel im Brot aus dem “Aysata” an der Eberswalderstrasse. Nichts gegen Hähnchenschnitzel im Allgemeinen, aber nach drei verdammten Wochen ohne festen Wohnsitz hängen mir diese nach abgestandenem Frittenöl riechenden Kebapbuden mit ihrem Hähnchen - Döner – Kräutersauce - Rotkohl – Zwiebeln – Einerlei ziemlich zum Hals raus.
Julien will richtig auf den Putz hauen, ich bin aber nicht wirklich in Form, fühle mich wie ein Fussballspieler, der nach langer Verletzungspause wieder zurück ins Team kommt und jetzt plötzlich alle entscheidenden Treffer erzielen muss. Wir essen erst ein halbes Hähnchen an der Schönhauserallee, fahren zu irgendeinem Rockklub in der Nähe des Alexanderplatzes, resignieren angesichts der kilometerlangen Schlange, die sich vor dem Eingang gebildet hat, nehen den nächsten Zug zurück Richtung Pankow und landen am Konzert einer Bielefelder Rockband, deren Sängerin mehrmals auf ihre Herkunft verweist und darauf offensichtlich auch noch stolz ist. Julien holt ein Bier nach dem anderen, ich merke, wie ich schnell betrunken werde. Wir machen dann all die üblichen Sachen, die man halt so macht, wenn man an einem Donnerstag Abend am Prenzlauerberg unterwegs ist: im Doktor Pong dem Oliver Hallo sagen, Ricard trinken und dem Julien dabei zusehen, wie er aufgrund seiner Trunkenheit keinen Ball mehr trifft, beim Pingpong – Rundlauf vier Mal hintereinander in der ersten Runde raus fliegt und daraufhin einer dunkelhaarigen Bosnierin die Zunge in den Hals steckt.
Später stranden wir im August Fengler. Verfluchtes August Fengler. Sabrina und ich reden über gemeinsame Freunde, hin und wieder kommt Julien dazu und stusst unverständliches Zeugs. Um Fünf ist Ende Feuer, wir nehmen die U-Bahn, Sabrina verabschiedet sich mit einer Umarmung, Julien beklagt sich darüber, dass er heute Abend keinen Sex haben wird. Ich nicke nur und sage erst Mal gar nichts, erwähne dann aber aus irgendeinem Grund das Mädchen Eva und sage, dass ich in der U-Bahn mit ihr gesprochen habe. „Da musst du rangehen, das Zeug flachlegen!“ ruft Julien und erzählt mir daraufhin eine Geschichte aus Paris, in welcher er selbst sowie ein Mädchen vorkommen, welches er offenbar um sieben Uhr früh in der Metro aufgegabelt und mit nach Hause genommen hatte. „Die hat alles gemacht, das sage ich dir. ALLES.“ Ich lache ein bisschen und sage dann zu mir selbst, dass ich ihn darum keineswegs beneide. Ich will in diesem Augenblick niemanden aufgabel. Ich will bloss endlich in meine Wohnung einziehen, Essen kaufen und ein geregeltes Leben führen. Das ist alles.
April 16th, 2006 at 6:02 pm
Warum verpasse ich die wirklich interessanten Dinge eigentlich immer? KLICK!!!
April 16th, 2006 at 7:14 pm
Wenn du die interessanten Dinge verpasst, wie sieht es denn bei mir aus???
April 17th, 2006 at 8:33 am
easyjet.com
April 17th, 2006 at 6:13 pm
sabrina, quand je te vois et que je suis bourré et que tu parles francais, ca fait clic clic.
Pour toi david mon chou, pas besoin d’alcool
December 12th, 2007 at 6:11 pm
Eva hat nen Freund. Gott, ihr Scholz-Praktis wart auch schon mal lustiger.
June 7th, 2011 at 7:43 am
Bertrand Russell~ Guy requirements for his happiness not just the enjoyment of this or that but hope and enterprise and change.