Wieder ein Tag Leben

Ich wache in meiner vollkommen leeren Wohnung auf, weil die Sonnenstrahlen schräg durch die Fenster auf mein Bett fallen und draussen die U-Bahnzüge vorbeifahren. Der Geruch von frischer Farbe hat sich in meine Nasenhöhlen gebrannt, auf dem Parkett liegt ein Film von Kalk und Schmutz, der weisse Spuren an den Unterseiten meiner Füsse hinterlässt. Ich durchquere die leere Halle, die einmal mein Wohnzimmer sein wird und gehe rüber ins Bad, wo Julien so eine Art Bettbezug ans Fenster gehängt hat, damit uns die Nachbarn nicht beim Duschen zuschauen können. Ich kann den Hausmeister hören, der unten im Hof mit irgendwelchem blechernen Abfall hantiert. Vielleicht, denke ich in diesem Augenblick, werde ich mich hier einmal zu Hause fühlen. Vermutlich werde ich diesen Ort, der jetzt noch so öde scheint, irgendeinmal richtig vermissen.

Die Strassenbahn ist voll und fast alle Leute lesen irgendetwas, Zeitungen und Romane, von Nicholas Sparks oder Caroline Link. Offenbar mögen sie so etwas. Ich höre Richard Ashcroft auf meinem Ipod und klammere mich an eine gelb lackierte Haltestange. Im Büro esse ich zum Frühstück zwei Brötchen mit Edamer, Senf und Hinterschinken und eine Fruchteinheit, die je nach Wochentag entweder aus einer Banane, einem Pfirsich oder einem Apfel besteht. Dann lese ich die Schlagzeilen auf Spiegel – Online und Alescha, der mir gegenüber sitzt, schüttelt den Kopf und verweist lachend auf ein Foto, welches in der Britischen Boulevardzeitung „The Sun“ erschienen ist und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Umziehen am Strand von Usedom zeigt. Ich schaue auf den verpixelten Zellulitishintern der Merkel vor mir auf dem Bidschirm, dann höre ich, wie mein Nachbar sagt: „Weisst du was ich gedacht hab’, als ich die Mekel – Bilder zum ersten Mal sah?“ – „Nein, aber du wirst es mir bestimmt gleich sagen.“ – „Nah ja ich hab mich gefreut, dass uns das nicht schon mit Kohl passiert ist. Das wäre nämlich erst recht hässlich geworden.“ Ich nicke zustimmend. Später essen wir unten in der Cafeteria. Nils setzt sich zu uns, wir reden über banale Sachen und gehen dann eine halbe Stunde Tischfussball spielen.

Den Nachmittag verbringe ich mit unausgegorenem Nachdenken und Kaffeetrinken. Irgendwann gegen vier Uhr kommt Felix aus der Grafikabteilung rüber und fragt, ob wir mit ihm auf der Dachterasse eine Zigarette rauchen. Oben geht ein leichter Wind und ein paar Typen aus dem Stock unter dem meinem sitzen an einem Tisch aus dunkel gebeizten Holzlatten und malen Logos. Einer von ihnen sagt die ganze Zeit: „Wir brauchen ‘ne Goldidee, Mann, ‘ne verdammte Goldidee.“ Ich sehe ihnen eine Weile zu und versuche zu verstehen, ob sie das nicht nur als Witz meinen, merke aber dann dass ihnen ernst ist. Ich drücke mein Zigarette aus und geh nach unten, schreibe eine halbe Stunde lang Slogans für so eine gelackte Beratungsfirma in der vermutlich bloss verkappte Nekrophile arbeiten und gehe gegen sieben Uhr Abends nach Hause.

Die Strassenbahn ruckelt die Kastanienallee hoch, ein paar müde Sonnenstrahlen des zu Ende gehenden Tages beleuchten die mit Staub überzogenen Scheiben der Wagen. Ich bin nicht wirklich müde. Ich fühle mich bloss ein wenig ermattet. Ermattet ist so ein schönes Wort, es bezeichnet nämlich einen Zustand der totalen Gleichgültigkeit, eine Art spätnachmittäglichen Komatod, der sich vom entgültigen Ableben haupsächlich durch die damit verbundene anspruchslose und schmerzlose Genügsamkeit unterscheidet. Am U-Bahnhof Eberswalderstrasse steige ich aus und gehe nach Hause. Später werde ich weggehen. Ins Doktor Pong, oder ins Zu Mir Oder Zu Dir. Oder runter nach Mitte. Oder zum Ostbahnhof. Oder aber ich werde zu Hause bleiben und zum zehnten Mal Rules of Attraction gucken. Oder gar nichts tun. Ich verpasse ja nichts. Heute ist bloss ein ganz normaler Tag. Ein weiterer Tag Leben. In Berlin.

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