Viermächtedisko
„Wenn du nie mit einer Dicken im Bett warst, kannst du gar nicht wissen wie sich das anfühlt“ sagt Julien und guckt so als suche er Zustimmung. „Stimmt. Sehr kluge Bemerkung, ha, ha, ha“ höhnt Phil und verzieht den Mund. „Trotzdem würde ich mir so was nie antun. Ganz im Gegensatz zu dir.“ – „Was?“ – „Wie ´was´. Jetzt tu nicht so als würdest du dich nicht mehr erinnern. So was vergisst man nie. Dabei hab ich dir sogar am selben Abend noch gesagt, dass du das bereuen wirst.“ – „Ich bereue überhaupt nichts. Ich hab nämlich Spass gehabt, ob du es nun glaubst oder nicht“ Julien reisst Streifen von dem fettigen Hamburgerpapier, zerknüllt sie zu kleinen Bällchen und wirft sie Phil ins Gesicht. „Fuck you, du Arsch“ ruft der und schüttelt wie wild den Kopf. „So einer ist doch pervers, oder?“ sagt er dann zu mir. Ich nicke zustimmend, denn ich finde, dass sich Perversion durchaus auch ästhetisch definieren lässt. Julien scheint da nicht einverstanden; für ihn ist das offenbar eine Frage des Alters – oder zumindest hat er sich heute Abend auf dieses Argument eingeschossen. Zu jung, zu jung, zu jung: damit beschiesst er Phil den ganzen Abend. „Je jünger desto besser! So was nenn ich pervers, du Pädophiler!“ Phil zuckt bloss mit den Schultern und sagt dann: „Red nur, du Idiot! Du bist nur sauer weil du nach mehr als zwei Wochen Berlin immer noch nichts rumgekriegt hast.“
Kurz darauf verlassen wir die Mc Donalds – Filiale in der Schönhauserallee, wo wir zu Nacht gegessen haben und gehen rüber ins Doktor Pong, um uns dort mit Ricard aus dem Plastikbecher auf das Abendprogramm einzustimmen. Im Pong hängen die üblichen Leute rum; Lili und ihr Bruder spielen Tischtennis, ein paar amerikanische Backpacker liegen in den Sofas, rauchen Pott und kommen sich dabei offenbar wahnsinnig nonkonformistisch vor. Eigentlich zum Lachen, so etwas, aber seit das Pong im Lonely – Planet als Insidertipp fungiert, stehen da halt jedes Wochenende irgendwelche schlecht rasierte Typen in Jack Wolfskin – Klamotten rum und freuen sich „a really, really funky place“ gefunden zu haben. Wenigstens seien die Mädchen dann einfach rumzukriegen, meint Julien und erzählt von irgendeiner Schottin oder Engländerin, die er vor zwei Jahren mal im Freedom an den Champs Elysees aufgelesen hatte. In Paris war Julien unbesiegbar. Er kam überall rein, kannte beinahe alle Türsteher persönlich und verteilte grosszügig Trinkgeld ans Barpersonal, welches sich dann mittels kostenlosen Champagnerflaschen zu revanchieren pflegte. Hier aber ist alles anders. Hier gibt es keine käuflichen Türsteher und auch keine VIP – Bereiche, in denen man Tische reservieren und Champagner bestellen kann. Hier gibt es bloss Beton, Neonlicht, Vintagemöbel und DDR – Lampen aus dem Palast der Republik. Im Vergleich zu Paris wirkt Berlin karg und rissig, fast ein bisschen wie eine ältliche Trümmerfrau. Und Trümmerfrauen sind nun mal nicht empfänglich für leichtlebigen, frakophonen Charme.
Um zwölf Uhr Nachts fahren wir mit der U2 zum Senefelder Platz. Im Kaffee Burger läuft Russendisko (ja, genau die Russendisko, die hat ja mittlerweile auch schon jeder Reiseführer im Hauptprogramm). Wir gehen allerdings nur deswegen rein, weil Phil unbedingt mit dem Wladimir Kaminer einen Interviewtermin vereinbaren muss. Nicht für sich selbst, versteht sich, nein, Phil hat mit dem Typ eigentlich nichts am Hut. Bloss für eine Freundin von einer Freundin, die in Lille eine Journalistenschule besucht, ein paar Artikel über die Russen in Berlin schreiben muss und daher meint, ein Interview mit dem Partyveranstalter, Schriftsteller und Vorzeige – Exilrussen Wladimir Kaminer sei eine gute Idee. Grundsätzlich hat sie ja Recht. Aber als wir erst fünf Euro zahlen und dann in dem düsteren, überfüllten und stinkenden Kaffee Burger eng aneinander gedrängt Wodka auf Eis trinken, kommen wir Zweifel. In diesem Gruselkabinett aus amerikanischen Touristen, rumänischer Zigeunermusik und ukrainischen Autoknackervisagen werden wir Kaminer nie finden. Nie. Und so ist es dann auch. Kaminer bleibt unauffindbar. Julien scheint der Verlauf des Abends ebenfalls zu missfallen. Er schaut genervt umher, beugt sich dann vor und ruft mehrmals hintereinender: „Ich will weg. Hier sind nur Typen!“
Der Rote Salon ist gleich um die Ecke. Drinnen hat es zwar viele Mädchen, aber die Tatsache, dass hier eine Franzosenparty steigt, gibt Julien endgültig den Rest. „Ich bin doch nicht tausend Kilometer weit gefahren, um mir diesen französischen Tryo – Manau – Jonny Hallyday – Provinz – Scheiss anzuhören!“ macht er genervt, lässt sich in einen Sessel im hinteren Teil des Raumes fallen und raucht etwas Pott. Ich dränge vorbei an den Tanzenden bis zur Bar und bestelle Bier. Plötzlich steht Francis neben mir, wir stossen an und suchen die anderen. Phil ist verschwunden, Julien nervt sich, der Abend geht so langsam aber sicher den Bach runter. Gegen drei Uhr Morgens hauen wir ab. Auf dem Heimweg schauen wir noch mal beim Kaffe Burger vorbei, aber die Situation dort hat sich nur noch verschlimmert. Angesichts des ihm offenbar feindlich gesinnten Viermächtepakts aus amerikanischen Backpackers, englischen Matronen, russischen Säufern und französischen Beaufs entscheidet sich Julien für die bedingungslose Kapitulation und geht nach Hause. Es ist seine erste Partyniederlage in Berlin. Ich selbst gehe auf dem Heimweg noch beim Pong vorbei, beschliesse aber angesichts der dort herrschenden Endzeitstimmung, das Feuer heute Nacht ebenfalls einzustellen.
April 25th, 2006 at 1:39 pm
Tja, kaum bin ich weg, machen die Wochenenden keinen Spaß mehr. Oder isses doch der graue Alltag, der sich einzustellen beginnt? Auf nach Hamburg, Sabrina besuchen.
April 27th, 2006 at 9:08 am
Naja, ohne dich sind wir wie drei verlorene Kaninchen…
April 27th, 2006 at 6:51 pm
Ich komm bald wieder. Noch 14 Tage, dann hat das Elend ein Einde.