Mittwoch Abend Music Club

Arbeiten ist so eine Sache. Man läuft mit halbvollen Wassergläsern über die Etage, setzt sich bei Felix an den Gästecomputer und trinkt Tee aus der Thermoskanne oder macht mit den Jungs aus dem vierten Stock um halb vier Uhr Nachmittags unten im Keller zum Kickern ab. Es muss aber nicht immer gleich so anstrengend sein; hin und wieder sitzt man dann auch bei einem Seniortexter im Glaskasten und denkt über Werbesachen nach. Heute aber ist ein sonniger, warmer Tag, darum trete ich oben auf der Dachterrasse von einem Bein aufs andere und rauche selbst gedrehte Zigaretten. Die Leute aus der Personalabteilung sind ebenfalls da und gucken sich die Bewerbungsmappen potentieller Praktikanten an. Dazu rauchen sie Gauloises Rot, essen zwei ganze Packungen Gummibärchen leer und hin und wieder sagt einer von ihnen so Sachen wie: „Dat iss ja ne komplette Scheisse, schubs dat mal in de Tonne, ja!“

Am Abend gehe ich auf eine Party, die in der Wohnung eines Kreativdirektors stattfindet. Die Wohnung liegt in Berlin – Mitte, hat versiegeltes Parkett, etwas Stuck an der Decke und einen Balkon, der auf eine beinahe schon pittoresk anmutende Quartiersstrasse mit Kopfsteinpflaster geht. Ich halte mich am Geländer fest und trinke Gin Tonic. Ein paar Mädchen aus meiner Abteilung echauffieren sich über die Mietpreise am Prenzlauer Berg („Achthundert Euro für ne hundert Quadratmeter grosse Maisonette am Kollwitzplatz – daran muss doch einfach was faul sein“) und nippen an Prosecco. Später brät ein bärtiger Seniortexter Würste und Steaks und gleichzeitig treffe ich auf meinen Copywriter, der gerade aus dem Fitnessstudio kommt und mich ganz unverblümt fragt, ob ich denn eher zur Kokain- oder zur Marihuanafraktion gehöre. Ich sage ihm, dass ich schon gleich nach der Matura auf der weissen Seite stand, inzwischen aber zu solchen Substanzen lieber etwas Distanz halte. Er nickt und fängt dann an über Crack zu reden, beteuert aber, mit harten Drogen eigentlich nichts am Hut zu haben. Er habe bloss im SZ – Magazin darüber gelesen.

Eine Art – Direktorin kniet vor dem Notebook auf dem Boden und spielt französischen House ab, die blonden Mädchen aus der Beratung, die oben alle dieselben tailliert geschnittenen Hemden und unten dann braune Lederstiefel über den Jeans tragen, fangen an zu tanzen. Irgendwer ruft „Ich will Roland Kaiser singen“ aber niemand scheint davon Notiz zu nehmen. Ein Texter, der ursprünglich aus Polen stammt, läuft mit einer offenen Wodkaflasche durch die Wohnung und bietet jedem einen Schluck an. Ich kann in solchen Situationen nicht richtig Nein sagen und fange an, alles durcheinander zu trinken: Gin, Bier, Wodka, Prosecco und schliesslich auch noch Rotwein aus einer Flasche mit Drehverschluss. Als um Viertel vor Zwölf die Polizei kommt und Ruhe verlangt, bin ich ein wenig betrunken. Rundherum brechen die Leute langsam auf. Irgendwer redet was von einer Adidas – Party, die Seniortexter und Texter greifen den Beratungsmädchen auffällig oft an die Schultern und photographieren sich gegenseitig. Die Deutschen flirten eigenartig, denke ich. Mit dem Flirten ist es vielleicht wie mit dem Fussballspielen: jede Nation bestätigt ihre Klischees: die Briten schlagen direkte Bälle auf die Spitzen, die Franzosen spielen sich hundert Mal den Ball zu, ehe sie schiessen, die Brasilianer tanzen und bei den Italienern passiert eine Stunde lang erst gar nichts bevor sie mit einer Aktion das Spiel für sich entscheiden. Bei den Deutschen schliesslich ist bei all der hinzugewonnenen Spielfreude halt immer noch ein bisschen Härte und Kampf mit dabei. Vielleicht wollen die deutschen Mädchen unter anderem auch genau deswegen nicht auf die Wangen geküsst werden.

Wir verlassen die Wohnung und trinken Bier in einer dunklen Bar gleich um die Ecke. Aus den Boxen der Stereoanlage dröhnt Pulp mit Disco 2000. Mir ist ein wenig schwindlig, aber ich halte durch. Um drei Uhr Früh sitze ich dann in einem Taxi, das die Kastanienallee entlang fährt und uns zur Kulturbrauerei bringt, wo eine Gruppe amerikanischer Mädchen zu Kate Bush tanzt. Die Mädchen sehen schön aus, wenn auch ein wenig verschwommen. Das hat alles keinen Sinn mehr, denke ich und kaufe mir ein letztes Becks. Kurz nach vier bin ich dann zu Hause.

One Response to “Mittwoch Abend Music Club”

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    Joe…

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