Archive for May, 2006

Gone By My Love I Miss You So

Tuesday, May 30th, 2006

An einem kühlen Montagabend sitze ich im Zu Mir oder Zu Dir und höre zu, wie mir Phil von seiner Arbeit erzählt. Die erste Ausgabe einer französischsprachigen Zeitung, an deren Entstehung er maßgeblich beteiligt war, gehe nun in den Druck, erzählt er und freut sich aufrichtig. „Es ist ein gutes Gefühl, etwas zu Ende zu bringen“ sagt Phil und wirkt dabei so richtig abgeklärt. Eigentlich sollten wir ja längst erwachsen sein, denke ich in diesem Augenblick. Dann fällt mir ein, dass dies ja das Motto des in Hamburg erscheinenden Monatsmagazins Neon ist. Alles also schon da gewesen. Doch als ich mich umschaue, sehe ich lauter Leute in Kapuzenpullis oder Sportjacken, die sich kleiden wie Zwanzigjährige, aussehen wie Fünfundzwanzigjährige und vermutlich trotzdem alle schon beinahe dreißig sind. Ein Abschied von der ewigen Jugendlichkeit bleibt offenbar nichts anderes als ein frommer aber unerfüllbarer Wunsch.

Gestern Abend saß ich mit Dave hier, nur wenige Stunden bevor er zurück in die Schweiz flog. Wir tranken White Russian und sahen all den Alt- und Neu – Berlinern zu, die den letzten, sonntagabendlichen Hauch des Wochenendes zu einem finalen Flirtversuch nutzen wollten. Die Leute stellten sich dabei nicht etwa dumm an oder so; nein, ganz im Gegenteil, Frauen und Männer saßen beisammen und gaben sich ungezwungen. Manchmal berührten sie sich ganz leicht an den Oberarmen und hin und wieder fuhr sich ein Mädchen durch die Haare. Doch trotz all dem Lächeln und den ganzen Augenaufschlägen blieb ein leicht bittersüßer Nachgeschmack. Vielleicht, habe ich gedacht, ist das alles zu kalkuliert, zu maschinell, zu routiniert. Wir sind ja alles Profis in diesem Bereich. Jeden Tag treffen wir irgendwelche Menschen und ordnen sie anhand eines oberflächlichen Persönlichkeitsprofils in irgendwelche Kategorien ein, die wir dann je nach Laune abrufen. So wie die Lieder auf der Playliste unserer IPods. „Es ist schwierig geworden, sich zu verlieben“ hat Dave dann gesagt. „Jedes Mal wenn du eine Person kennen lernst, checkst du sie erst auf eventuelle Makel ab. Wenn du dann was findest, sagst du dir: okay, die ist es nicht, schauen wir weiter. So läuft die Partnerwahl: viel zu viele Möglichkeiten und keine Entscheidungen. Das macht die Liebe kaputt.“ Ich habe zustimmend genickt und bin kurz darauf zur Bar gegangen, um eine letzte Runde White Russian zu holen. Als ich dann spätabends nach Hause ging, war ich fest davon überzeugt, dass die Liebe heutzutage unmöglich wäre.

Dave ist um sieben Uhr früh nach Tegel gefahren und ich habe den ganzen Tag in einem Dämmerzustand verbracht. Bis mich Phil anrief. Jetzt sitze ich hier, trinke Becks aus der Flasche, draußen gehen vereinzelte Regenschauer nieder und um mich herum vermischen sich die Gespräche der in Sesseln und Sofas liegenden Gäste zu einem unsteten Surren. Phil stößt mich in die Rippen und sagt: „Schau!“ Von draußen tritt ein dunkelhaariges Mädchen in den vom vielfarbigen Licht erhellten Raum. Sie ist von derart radikaler Schönheit, dass wir beinahe zu Salzsäulen erstarren und Phil beim Aufstehen gleich zwei leere Gläser vom Nebentisch stößt. Erst als Phils Freundin Lucy mit zwei Französinnen auftaucht, kommen wir wieder zu Bewusstsein. Die drei Mädchen haben den Grund für unsere Entrücktheit sehr wohl bemerkt und kommentieren ihn – wie nicht anders zu erwarten – mit ein paar hämischen Bemerkungen. „Nicht schlecht, aber na ja“ finden sie. Phil tut das als Eifersucht ab und ich stimme ihm gerne zu. Untereinander können Mädchen richtig wadenbeißerisch sein, denke ich.

Bevor wir gehen, versucht Phil, mit dem besagten Mädchen ins Gespräch zu kommen und lädt sie für nächsten Freitag auf eine nicht existierende Party ein. Sie lächelt überlegen und nickt; dann erfahren wir, dass sie noch zur Schule geht und nur auf Besuch hier ist. „Zu jung“ sage ich beim Rausgehen. „Egal“ meint Phil und zündet sich eine Zigarette an. „Weiterschauen.“ Immerhin. Wir haben auch diesmal einen Makel gefunden.

Dame de Coeur

Monday, May 15th, 2006

Im Verlaufe des Freitagabends stelle ich fest, dass ich innerlich leer bin. Ich lehne an der schmutziggrauen Zwischenwand im Pong und trinke Lübzer in kleinen Schlucken. Ein Mädchen, welches ich offenbar genau vor sieben Tagen kennen gelernt hatte, will mit mir reden, aber ich habe echt keine Lust zu erklären, weshalb ich nicht angerufen habe. Ich mache daher die Augen zu und schüttle den Kopf. Das Mädchen ist offenbar ein wenig traurig, sie sagt etwas in Richtung „Enttäuschung“ oder so, aber mir ist das egal, ich bin abgestumpft und roh, ich habe kein Gefühl mehr in den Fingerspitzen und kann den Leuten weh tun, ohne es selbst zu bemerken. Ich betrinke mich im Pong und als wir später am Abend im Club der Republik landen, tanze ich auf einer kreisförmigen Sitzbank aus schwarzem Leder. Ein Mädchen in engen Hosen kommt rüber zu mir und fragt ob ich ihr etwas Ecstasy verkaufen könnte. Ich schüttle den Kopf und sage ihr, dass ich keines habe. Sie schüttelt ungläubig den Kopf und schreit was von „kannichsein“ durch den vom metallischen Pulsschlag der elektronischen Musik zerschnittenen Raum. Ich weise auf Julien und nicke, das Mädchen geht an mir vorbei ohne etwas zu sagen. Ganz tief innen spüre ich ein kleines bisschen Widerwillen.

Julien hat auch kein Ecstasy. Er schickt das Mädchen daher ohne Umstände weg und fängt an, eine kurzhaarige Blondine namens Mira zu küssen. Wenig später verschwinden die beiden, ich fahre mit Phil und den anderen an den Weissensee, klettere über einen zwei Meter hohen Metallzaun und gehe baden. Das Wetter in Berlin ist mild und eigentlich sollte ich glücklich sein. Ich habe Arbeit, ich habe Freunde und ich habe eine Wohnung mit ein paar Möbelstücken drin. Aber irgendwie fehlt etwas Wichtiges, ein verbindendes Element, welches all den mich umgebenden Dingen einen Sinn verleihen würde. Am Samstag Nachmittag ruft mich dann Dave aus Bern an und erzählt, dass der FC Zürich in Extremis Schweizer Fussballmeister geworden ist. Mit Lucien Favre als Trainer. Lucien Favre galt einmal als Supertechniker der Schweizer Nationalmannschaft. Damals, in den Siebzigerjahren, als das Team chronisch erfolglos war und sich während achtundzwanzig Jahren für kein internationales Turnier qualifizieren konnte. Ich habe Favre vor Jahren in Genf getroffen, als er noch Trainer beim FC Servette war. Ein Kumpel, der für das Westschweizer Radio arbeitete, hatte mich mit an ein Meisterschaftsspiel in der Charmilles genommen und nach dem Abpfiff sind wir in den Pressecontainer unter der Haupttribüne gegangen. Dort haben wir dann gemeinsam mit Lucien Favre Chablis getrunken. Zwar hatte seine Mannschaft an diesem Abend gerade gegen Sion verloren, aber Favre war das ziemlich egal. Rückblickend betrachtet macht sein Verhalten durchaus Sinn, denn schliesslich kippten seine Spieler eine Woche später den Bundesligisten Hertha BSC aus dem UEFA-Cup und realisierten den wohl grössten Coup der Vereinsgeschichte, der aber gleichzeitig auch der letzte sein sollte.

Heute ist alles anders. Servette Genf ist Konkurs gegangen und Luvien Favre hat die Stadt verlassen. Auch fast alle meine Freunde haben die Stadt verlassen. Sie sind nach Paris gezogen, nach Wien, nach Tokio oder einfach nur nach Zürich und Bern. Es bleibt nicht viel in Genf; wenige gute Freunde, die paar welschen Bekannten mit ihrer nonchalanten Oberflächlichkeit, zwei, drei Clubs und Bars, die zwar ganz anders aber trotzdem immer noch gleich aussehen, vereinzelte Wohnungen, die Luxusläden an der Rue de Rhone und Lorenzos nach frisch gemähtem Gras duftendes Geburtstagsfest in einer Villa am See. Und ich, ich bin auch schon längst weg. Ich sitze im Doktor Pong in Berlin und fühle eine abgrundtiefe Müdigkeit, als ich plötzlich dem Mädchen meiner Träume begegne. Sie hat dunkles Haar, ein Gesicht mit hohen Wangenknochen, welches im Kinnbereich schmal zuläuft, trägt einen pettycoatähnlichen Rock, ein Blousonjäckchen sowie ein schmales Tuch um den Hals. Sie schwebt durch die lärmerfüllte Betonhöhle des Pong und sieht dabei aus wie eine Diva aus den längst vergangenen Zeiten, in denen die Männer die Türen der Karamann Gias und MG´s aufhielten und mit ihren Geliebten an der Amalfiküste entlang bis nach Capri fuhren. Sie steht jetzt mit ihren Begleiterinnen neben dem DJ – Tisch und wartet darauf, angesprochen zu werden, aber ich krieg nichts auf die Reihe und Phil ist irgendwie auch unfähig heute Abend. Nach einer guten halben Stunde verschwindet sie wieder. „Scheisse“ sagt Phil. „Heute haben wir versagt. Wie kleine Jungs.“ Ich nicke und denke daran, dass ich dieses Mädchen jetzt eigentlich sofort heiraten würde. Obwohl ich ja nicht einmal weiss wie sie heisst.

Kurz darauf sitze mitten in der Plastikverkleideten Sofalandschaft des Zu mir oder zu Dir und trinke White Russian. Gaelle und Lydia sprechen mit ironischem Ton in der Stimme über Oralsexpraktiken, Julien verabschiedet sich gemeinsam mit seiner Partybekannschaft Mira heim in Richtung Bett und der DJ legt souligen Pop auf. Die Welt im Jahre Zweitausendundsechs ist ein postmoderner, willkürlicher Ort, der keine Tabus kennt und schon gar keine naiven Wünsche mehr. Ich sitze also da, inmitten der Berliner Abgefucktheit und denke daran, dass ich mich gerne verlieben würde. In ein Mädchen, das zu unnahbar und zu schön aussieht um wahr zu sein. „Regarder, mais pas toucher“ singt Stephan Eicher in Les filles du Limmatquai. Genau so denke ich in diesem Augenblick und ich komme mir dabei sehr altmodisch vor. Aber eben auch sehr naiv. „Ich schlafe nicht mehr mit irgendwem“ kündige ich Phil gegenüber an. „Denn heute Abend hat sich mein Leben verändert.“ Phil nickt und zeigt auf einen Typ, der draussen vor der Glasfront des Zu Mir auf einer Holzkiste hockt und sich über die Hosen gekotzt hat. „Widerlich, so etwas“ sage ich und zünde mir eine Zigarette an. „Du wirst mit fast niemandem mehr schlafen, wenn du so denkst“ sagt Phil dann plötzlich mitten in die kühle Frühlingsnacht und schaut mich an. „Gute Mädchen sind rar und schwer zu kriegen.“ Mir egal, denke ich. Man muss nur nie aufgeben. Oder Lucien Favre als Trainer haben.

From Teheran With Love

Wednesday, May 10th, 2006

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…but what is really amazing about all this is the the fact that the irani guy apparently aint no analphabet.

Daft Punk Is Playing At My House

Wednesday, May 10th, 2006

Partys machen ganz besonders Spass, wenn sie nicht bei dir zu Hause stattfinden. Du kannst dann nämlich mit offenem Flanellhemd, dunkelblau getönter Ray Ban – Brille, wirrem Haar und einer bis zur Hälfte ausgetrunkenen Flasche Dom Perignon in der Hand durch die Türe stürzen, den Jungs zur Begrüssung in die Backe zwicken, den Mädchen zweifelhafte Küsschen auf die Mundecken geben, am Kühlschrank den grossen Mann markieren und ausgiebig fremdes Bier an betrunkene Leute verteilen, die tanzenden Möchtegern – Latinos mit abrupten Stilwechseln und blechernen Oasis – Songs nerven, neben das Klo kotzen und zu guter Letzt auch noch die hübsche, aber unerreichbar scheinende Flamme des Gastgebers in dessen eigenem Zimmer unsittlich berühren. Du riskierst mit so einem Verhalten zwar in Zukunft nicht mehr eingeladen zu werden, aber hey: macht dir das wirklich was aus? Spätestens beim nächsten Fest nämlich, wenn kein Mensch mehr die Sau rauslässt und alle bloss Apfelschorle trinken um dann über Katie Melua – Songs zu gähnen, spätestens dann werden sie dich so richtig vermissen. Und bei den Mädchen hast du trotz deines recht zweifelhaften Benehmens ziemlich schnell einen Stein im Brett. Die mögen zwar ab all deinen platten „mal-drüber-schlafen-bloss-mit-wem“ – Sprüchen erst mal theatralisch die Augen verdrehen. Sobald sie aber irgendeinem fahrradfahrenden Biottasaft – Junkie gegenüberstehen, der beim Sex auf Geschlechtergleichheit pocht und Abende lang über biologischen Gemüseanbau in Papua – Neuguinea referiert, werden sie sich nach deinem prollig – maskulinen Rock n´Roll – Urinstinkt geradezu sehnen. Du brauchst dich dann nur noch grinsend in den Türrahmen zu stellen und musst dazu ein paar Mal schwachsinnig grinsen. Der Rest geht von allein.

Heute Abend bin ich bei mir selbst zu Gast und ich benehme mich auch genau so. Ich stehe auf dem Balkon, der von Juliens Zimmer auf die Strasse geht, lasse die Asche auf den Boden fallen und trinke Becks. Drinnen tanzen ein paar Nachwuchsjournalisten aus Lille zu Phoenix und trinken Martini aus Plastikbechern. Mein Wohnzimmer leuchtet rot, von draussen muss das Ganze aussehen wie ein Puff in Schöneberg. Ein Norweger ist derart betrunken, dass er dauernd gegen die Wand läuft und dreimal hintereinander eine volle Bierflasche fallen lässt. Das zeug spritzt rum und hinterlässt klebrige Flecken auf dem Holzboden. „Heute Abend“ fängt Julien an und legt mir den Arm um die Schultern, weiter kommt er nicht, irgendein Mädchen reisst ihn weg. Im Hintergrund verkauft Juliens Dealer Säckchenweise E und Kokain. Phil ist um drei Uhr Morgens ausser Gefecht, er kotzt erst durchs Fenster auf die Schönhauseralle und legt sich dann in Maxims Zimmer zur Ruhe. Ich mache auch nicht mehr lange, werfe noch ein paar Wodka Martini ein, spiele drei mal hintereinander „You Only Live Once“ von den Strokes und küsse ein Mädchen auf den Mund. Was danach geschieht, weiss ich nicht.

Ich wache um halb Elf auf und frage mich, wie ich ins Bett gekommen bin. In Socken und Unterhose gehe ich durch die Wohnung, die aussieht wie Deutschland nach dem Krieg: Flaschen, Trümmer, Dreck und hin und wieder ein eigenartig verrenkt daliegender menschlicher Körper. Phil springt auf, greift nach seiner falschen Hugo Boss – Jacke aus China und will nach draussen. Wir gehen also die Schönhauseralle runter und es ist schön und warm und nur noch ein See fehlt. In Genf würde ich jetzt ins Bains de Paquis gehen, auf dem rissigen Beton rumliegen und das flirrende Dreieck des Mont Blanc am azurblauen Westalpenhimmel anschauen. Aber hier ist nicht Genf, hier ist Berlin, also trinke ich Milchkaffee in einem Strassenkaffee in der Nähe der Ringbahnlinie. Julien und Lucile stossen hinzu und Julien erzählt von gestern Abend. „Es war grossartig“ sagt er „verdammt noch mal grossartig. Ich habe lauter Frauen auf den Mund geküsst.“ Dann erwähnt er ein blondes Mädchen, welches offenbar hintereinander mit fünf verschiedenen Typen rumgemacht hat. „Der Letzte hat sie schliesslich mit nach Hause genommen“ – „Ja und?“ mache ich. „Was ja und?“ Julien schaut mich fragend an. Ich schüttle den Kopf. „Die war erst fünfzehn“ ruft er dann und fängt an, laut zu lachen. „Fünfzehn. So was muss man sich mal vor Augen führen.“ Ich weiss nicht was ich sagen soll und zucke mit den Schultern. Phil legt mir die Hand auf die Schulter und sagt: „Das muss jetzt erst mal getoppt werden.“ – „Wie soll man so was toppen?“ fragt Julien und schaut mich an: „Du bist an deiner eigenen Party und führst dich auf, als wärst du bei jemandem zu Gast und gäbst keinen Scheiss auf irgendwas.“ – „Bullshit“ – „Nix Bullshit.“ Phil wirft den Kopf zurück und zündet sich eine Parisienne an, die Luca aus der Schweiz mitgebracht hat. „Weißt du was wir brauchen“ sagt er dann und fixiert mich einen Augenblick. „Weißt du was? Fürs nächste Mal?“ – Ich schüttle den Kopf. – „Wir brauchen Daft Punk. Daft Punk bei uns zu Hause. Live.“ Ich nicke. Ich nicke weil ich das gut finde. Daft Punk bei mir zu Hause, what a fuckin´ great idea.

Punkrock Forever

Tuesday, May 2nd, 2006

Die olivgrünen Kastenwagen der Berliner Polizei stehen mitten auf der Strasse, die blinkenden Lichter auf dem weissen Blech der Dächer tauchen die angesengten Altbauten an der Eberswalderstrasse in ein flackerndes, kühles Blau. Ein paar Punks schreien „Yo, ihr Bullen!“ in die milde Frühlingsnacht. Dazu schwenken sie dann ihre halbvollen Bierflaschen und heben beide Arme. Sie sehen dann aus wie die ekstatischen Zeugen einer Marienerscheinung, denen es vor lauter Überwältigung die Sprache verschlagen hat. Dabei sind sie bloss betrunken und ein wenig unterbelichtet. Aber das macht eigentlich gar nichts, denn die Punks gehören ebenso zu Berlin wie der Alex, der Kudamm, der Reichstag, der Führerbunker, der Checkpoint – Charlie, der Flughafen Tempelhof, Klaus Wohwereit, der Bär und all die blöden Ampelmännchen. Punks sind mehr wert als man denkt, sie machen die einzige glaubwürdige Werbung für die deutsche Hauptstadt und vereinigen all diejenigen Eigenschaften, die Berlin für Nicht – Berliner so wahnsinnig attraktiv machen: sie sind freiwillig erwerbslos, trinken tagsüber, haben zu viele Hunde, tragen asymetrische Frisuren sowie ranzige Lederjacken mit Korkenziehern dran, hören eine Art Blasmusik namens Ska und haben politische Ansichten, die man im besten Falle noch als psychotisch abtun kann. Und trotzdem sterben sie nicht aus.

Morgen ist der erste Mai. Ein ganz besonderer Tag für alle Punks, - was eigentlich ziemlich erstaunt, denn schliesslich ist der erste Mai ja der Tag der Arbeit, und Arbeit und Punk, das geht ja nun mal ganz und gar nicht zusammen. Aber das muss ja nicht unbedingt einen Sinn ergeben, bloss Spass machen. Schliesslich handelt es sich beim Tag der Arbeit (der sich übrigens von allen anderen, nicht so bezeichneten Tagen des Jahres dadurch unterscheidet, dass an ihm eben gerade nicht gearbeitete wird!?) ja um eine angeblich linke Sache und linke Sachen sind ja mal grundsätzlich in Ordnung. Deswegen wählt auch ganz Berlin stets links – ausser den Charlottenburgern natürlich, aber die gelten seit dem Untergang des alten Westens sowieso als vernachlässigbare Wendeverlierer. Punks haben mit Charlottenburg natürlich nichts am Hut, denn Charlottenburg ist sauber und bürgerlich. Es gibt dort womöglich grün lackierte Robidog – Kästen mit kleinen braunen Plastiktüten drin, deren Zweck darin liegt, die Hundekacke vom Gehsteig zu pflücken und fachgerecht in einem Kübel zu entsorgen. Einem Punk käme so etwas nie in den Sinn. Hundekacke erst in die Plastiktüte und dann ab in den Kübel? So was kann ruhig als faschistisch durchgehen. Oder zumindest als repressiv.

Die meisten Punks wohnen in Kreuzberg. Sie gehen dort in Kneipen, wo das Bier nicht mehr als einen Euro kostet und explizit dilettantisch tönende Rockmusik stets sehr laut abgespielt wird. Am ersten Mai treffen sich dann alle Punks ebenfalls in Kreuzberg um gemeinsam gegen das „System“ vorzugehen. Das „System“ kommt in vergitterten VW – Bussen angefahren, trägt jägergrüne Uniformen und nennt sich Polizei. Die bevorzugte Waffe gegen das System ist die leere Bierflasche. Mit etwas Verve geschleudert entfaltet sie eine verheerende Wirkung und kann bei korrektem Masseneinsatz zur Vermüllung des Systems führen. Einzelne Systemkritiker verleihen ihren Argumenten mit brennenden PKW´s mehr Gewicht. Ob die Besitzer der zweckentfremdeten Fahrzeuge allerdings zum System gehören, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen und spielt deswegen auch keine Rolle. Hauptsache es knallt. Unglücklicherweise scheint der Kampf gegen das System aber in den letzten Jahren deutlich an Attraktivität zu verlieren. 2004 gab es nur fünfzig verletzte Polizisten. 2005 noch weniger. So etwas kommt in etwa der Torflaute an der WM 1962 in Chile gleich. Damals hatte die Fifa nach einem durch Gehässigkeiten, Zuschauerschwund und grauenhaftem Defensivfussball geprägten Turnier ernsthaft darüber debattiert, die Fussballweltmeisterschaft komplett einzustellen. Genau so müssten die Punks jetzt darüber debattieren, am ersten Mai nicht mehr auf die Strasse zu gehen. Denn die Strassenschlacht in der Oranienstrasse ist selbst ein Wendeverlierer geworden. Genauso wie die Charlottenburger mit ihren reaktionär – faschistoiden Robidog – Kästen.

Am U-Bahnhof Eberswalderstrasse liefern sich vereinzelte Punks jetzt Gefechte mit der Polizei. Wir stehen daneben und trinken Berliner Pilsner. Ich weiss nicht was die Punks in einem Kulturyuppie – Quartier wie dem Prenzlauerberg eigentlich wollen. Echte Strassenschlachten sind hier nicht zu haben; jede Agitation ist doch von vorneherein zum Scheitern verurteilt, sie fällt in sich zusammen wie der Schaum auf den Milchkaffeegläsern in den Szenebars in der Kastanienallee. Die Revolution hat keine Kinder hier oben, an der alles beherrschenden Lässigkeit prallt die Wut einfach ab. Ein vermummter Typ wirft eine Flasche gegen einen Metallpfeiler, Julien schüttelt bloss den Kopf, geht rüber zu einer Gruppe junger Leute und fragt was das alles soll. „Fuck the Police!“ sagen die Leute und heben die Fäuste. „Ihr Deppen“ macht Julien, „ihr verbrennt ja nicht mal Autos. Geht nach Hause.“ Sie schütteln lachen die Köpfe und sehen dabei aus, als hätten sie kein Wort verstanden. Trotzdem machen sie weiter.

Zwei Tage später wird mir ein Arbeitskollege erzählen, dass in Kreuzberg noch weniger lief als hier. Punk ist also tot. Geboren in den Siebzigern, gefeiert in den Achtzigern, angeschossen in den Neunzigern und zu Grabe getragen in den Nullerjahren. Kreuzberg pennt statt Kreuzberg brennt. Wer schuld ist? Schwer zusagen: vielleicht die elektronische Musik, der Krieg gegen den Terror, die Wirtschaftskrise oder aber einfach nur Vivien Westwood und Pete Doherty. Wir wenden uns ab, Julien sagt „Ridicule“. Im Pong spielen sie Tischtennis wie immer, aus den Boxen dröhnt die Retro – Post – Punker der Babyshambles mit Fuck Forever und der Ricard kostet nur zwei Euro: es gibt keine Gründe für eine Revolution. Zwei Tage später lese ich in der Morgenpost, dass Karel Gott mit sechsundsechzig Jahren noch ein Kind gezeugt hat und der Dänische Prinz gerne Hundefleisch isst. Punkrock forever.