Gone By My Love I Miss You So
Tuesday, May 30th, 2006An einem kühlen Montagabend sitze ich im Zu Mir oder Zu Dir und höre zu, wie mir Phil von seiner Arbeit erzählt. Die erste Ausgabe einer französischsprachigen Zeitung, an deren Entstehung er maßgeblich beteiligt war, gehe nun in den Druck, erzählt er und freut sich aufrichtig. „Es ist ein gutes Gefühl, etwas zu Ende zu bringen“ sagt Phil und wirkt dabei so richtig abgeklärt. Eigentlich sollten wir ja längst erwachsen sein, denke ich in diesem Augenblick. Dann fällt mir ein, dass dies ja das Motto des in Hamburg erscheinenden Monatsmagazins Neon ist. Alles also schon da gewesen. Doch als ich mich umschaue, sehe ich lauter Leute in Kapuzenpullis oder Sportjacken, die sich kleiden wie Zwanzigjährige, aussehen wie Fünfundzwanzigjährige und vermutlich trotzdem alle schon beinahe dreißig sind. Ein Abschied von der ewigen Jugendlichkeit bleibt offenbar nichts anderes als ein frommer aber unerfüllbarer Wunsch.
Gestern Abend saß ich mit Dave hier, nur wenige Stunden bevor er zurück in die Schweiz flog. Wir tranken White Russian und sahen all den Alt- und Neu – Berlinern zu, die den letzten, sonntagabendlichen Hauch des Wochenendes zu einem finalen Flirtversuch nutzen wollten. Die Leute stellten sich dabei nicht etwa dumm an oder so; nein, ganz im Gegenteil, Frauen und Männer saßen beisammen und gaben sich ungezwungen. Manchmal berührten sie sich ganz leicht an den Oberarmen und hin und wieder fuhr sich ein Mädchen durch die Haare. Doch trotz all dem Lächeln und den ganzen Augenaufschlägen blieb ein leicht bittersüßer Nachgeschmack. Vielleicht, habe ich gedacht, ist das alles zu kalkuliert, zu maschinell, zu routiniert. Wir sind ja alles Profis in diesem Bereich. Jeden Tag treffen wir irgendwelche Menschen und ordnen sie anhand eines oberflächlichen Persönlichkeitsprofils in irgendwelche Kategorien ein, die wir dann je nach Laune abrufen. So wie die Lieder auf der Playliste unserer IPods. „Es ist schwierig geworden, sich zu verlieben“ hat Dave dann gesagt. „Jedes Mal wenn du eine Person kennen lernst, checkst du sie erst auf eventuelle Makel ab. Wenn du dann was findest, sagst du dir: okay, die ist es nicht, schauen wir weiter. So läuft die Partnerwahl: viel zu viele Möglichkeiten und keine Entscheidungen. Das macht die Liebe kaputt.“ Ich habe zustimmend genickt und bin kurz darauf zur Bar gegangen, um eine letzte Runde White Russian zu holen. Als ich dann spätabends nach Hause ging, war ich fest davon überzeugt, dass die Liebe heutzutage unmöglich wäre.
Dave ist um sieben Uhr früh nach Tegel gefahren und ich habe den ganzen Tag in einem Dämmerzustand verbracht. Bis mich Phil anrief. Jetzt sitze ich hier, trinke Becks aus der Flasche, draußen gehen vereinzelte Regenschauer nieder und um mich herum vermischen sich die Gespräche der in Sesseln und Sofas liegenden Gäste zu einem unsteten Surren. Phil stößt mich in die Rippen und sagt: „Schau!“ Von draußen tritt ein dunkelhaariges Mädchen in den vom vielfarbigen Licht erhellten Raum. Sie ist von derart radikaler Schönheit, dass wir beinahe zu Salzsäulen erstarren und Phil beim Aufstehen gleich zwei leere Gläser vom Nebentisch stößt. Erst als Phils Freundin Lucy mit zwei Französinnen auftaucht, kommen wir wieder zu Bewusstsein. Die drei Mädchen haben den Grund für unsere Entrücktheit sehr wohl bemerkt und kommentieren ihn – wie nicht anders zu erwarten – mit ein paar hämischen Bemerkungen. „Nicht schlecht, aber na ja“ finden sie. Phil tut das als Eifersucht ab und ich stimme ihm gerne zu. Untereinander können Mädchen richtig wadenbeißerisch sein, denke ich.
Bevor wir gehen, versucht Phil, mit dem besagten Mädchen ins Gespräch zu kommen und lädt sie für nächsten Freitag auf eine nicht existierende Party ein. Sie lächelt überlegen und nickt; dann erfahren wir, dass sie noch zur Schule geht und nur auf Besuch hier ist. „Zu jung“ sage ich beim Rausgehen. „Egal“ meint Phil und zündet sich eine Zigarette an. „Weiterschauen.“ Immerhin. Wir haben auch diesmal einen Makel gefunden.
