Punkrock Forever
Die olivgrünen Kastenwagen der Berliner Polizei stehen mitten auf der Strasse, die blinkenden Lichter auf dem weissen Blech der Dächer tauchen die angesengten Altbauten an der Eberswalderstrasse in ein flackerndes, kühles Blau. Ein paar Punks schreien „Yo, ihr Bullen!“ in die milde Frühlingsnacht. Dazu schwenken sie dann ihre halbvollen Bierflaschen und heben beide Arme. Sie sehen dann aus wie die ekstatischen Zeugen einer Marienerscheinung, denen es vor lauter Überwältigung die Sprache verschlagen hat. Dabei sind sie bloss betrunken und ein wenig unterbelichtet. Aber das macht eigentlich gar nichts, denn die Punks gehören ebenso zu Berlin wie der Alex, der Kudamm, der Reichstag, der Führerbunker, der Checkpoint – Charlie, der Flughafen Tempelhof, Klaus Wohwereit, der Bär und all die blöden Ampelmännchen. Punks sind mehr wert als man denkt, sie machen die einzige glaubwürdige Werbung für die deutsche Hauptstadt und vereinigen all diejenigen Eigenschaften, die Berlin für Nicht – Berliner so wahnsinnig attraktiv machen: sie sind freiwillig erwerbslos, trinken tagsüber, haben zu viele Hunde, tragen asymetrische Frisuren sowie ranzige Lederjacken mit Korkenziehern dran, hören eine Art Blasmusik namens Ska und haben politische Ansichten, die man im besten Falle noch als psychotisch abtun kann. Und trotzdem sterben sie nicht aus.
Morgen ist der erste Mai. Ein ganz besonderer Tag für alle Punks, – was eigentlich ziemlich erstaunt, denn schliesslich ist der erste Mai ja der Tag der Arbeit, und Arbeit und Punk, das geht ja nun mal ganz und gar nicht zusammen. Aber das muss ja nicht unbedingt einen Sinn ergeben, bloss Spass machen. Schliesslich handelt es sich beim Tag der Arbeit (der sich übrigens von allen anderen, nicht so bezeichneten Tagen des Jahres dadurch unterscheidet, dass an ihm eben gerade nicht gearbeitete wird!?) ja um eine angeblich linke Sache und linke Sachen sind ja mal grundsätzlich in Ordnung. Deswegen wählt auch ganz Berlin stets links – ausser den Charlottenburgern natürlich, aber die gelten seit dem Untergang des alten Westens sowieso als vernachlässigbare Wendeverlierer. Punks haben mit Charlottenburg natürlich nichts am Hut, denn Charlottenburg ist sauber und bürgerlich. Es gibt dort womöglich grün lackierte Robidog – Kästen mit kleinen braunen Plastiktüten drin, deren Zweck darin liegt, die Hundekacke vom Gehsteig zu pflücken und fachgerecht in einem Kübel zu entsorgen. Einem Punk käme so etwas nie in den Sinn. Hundekacke erst in die Plastiktüte und dann ab in den Kübel? So was kann ruhig als faschistisch durchgehen. Oder zumindest als repressiv.
Die meisten Punks wohnen in Kreuzberg. Sie gehen dort in Kneipen, wo das Bier nicht mehr als einen Euro kostet und explizit dilettantisch tönende Rockmusik stets sehr laut abgespielt wird. Am ersten Mai treffen sich dann alle Punks ebenfalls in Kreuzberg um gemeinsam gegen das „System“ vorzugehen. Das „System“ kommt in vergitterten VW – Bussen angefahren, trägt jägergrüne Uniformen und nennt sich Polizei. Die bevorzugte Waffe gegen das System ist die leere Bierflasche. Mit etwas Verve geschleudert entfaltet sie eine verheerende Wirkung und kann bei korrektem Masseneinsatz zur Vermüllung des Systems führen. Einzelne Systemkritiker verleihen ihren Argumenten mit brennenden PKW´s mehr Gewicht. Ob die Besitzer der zweckentfremdeten Fahrzeuge allerdings zum System gehören, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen und spielt deswegen auch keine Rolle. Hauptsache es knallt. Unglücklicherweise scheint der Kampf gegen das System aber in den letzten Jahren deutlich an Attraktivität zu verlieren. 2004 gab es nur fünfzig verletzte Polizisten. 2005 noch weniger. So etwas kommt in etwa der Torflaute an der WM 1962 in Chile gleich. Damals hatte die Fifa nach einem durch Gehässigkeiten, Zuschauerschwund und grauenhaftem Defensivfussball geprägten Turnier ernsthaft darüber debattiert, die Fussballweltmeisterschaft komplett einzustellen. Genau so müssten die Punks jetzt darüber debattieren, am ersten Mai nicht mehr auf die Strasse zu gehen. Denn die Strassenschlacht in der Oranienstrasse ist selbst ein Wendeverlierer geworden. Genauso wie die Charlottenburger mit ihren reaktionär – faschistoiden Robidog – Kästen.
Am U-Bahnhof Eberswalderstrasse liefern sich vereinzelte Punks jetzt Gefechte mit der Polizei. Wir stehen daneben und trinken Berliner Pilsner. Ich weiss nicht was die Punks in einem Kulturyuppie – Quartier wie dem Prenzlauerberg eigentlich wollen. Echte Strassenschlachten sind hier nicht zu haben; jede Agitation ist doch von vorneherein zum Scheitern verurteilt, sie fällt in sich zusammen wie der Schaum auf den Milchkaffeegläsern in den Szenebars in der Kastanienallee. Die Revolution hat keine Kinder hier oben, an der alles beherrschenden Lässigkeit prallt die Wut einfach ab. Ein vermummter Typ wirft eine Flasche gegen einen Metallpfeiler, Julien schüttelt bloss den Kopf, geht rüber zu einer Gruppe junger Leute und fragt was das alles soll. „Fuck the Police!“ sagen die Leute und heben die Fäuste. „Ihr Deppen“ macht Julien, „ihr verbrennt ja nicht mal Autos. Geht nach Hause.“ Sie schütteln lachen die Köpfe und sehen dabei aus, als hätten sie kein Wort verstanden. Trotzdem machen sie weiter.
Zwei Tage später wird mir ein Arbeitskollege erzählen, dass in Kreuzberg noch weniger lief als hier. Punk ist also tot. Geboren in den Siebzigern, gefeiert in den Achtzigern, angeschossen in den Neunzigern und zu Grabe getragen in den Nullerjahren. Kreuzberg pennt statt Kreuzberg brennt. Wer schuld ist? Schwer zusagen: vielleicht die elektronische Musik, der Krieg gegen den Terror, die Wirtschaftskrise oder aber einfach nur Vivien Westwood und Pete Doherty. Wir wenden uns ab, Julien sagt „Ridicule“. Im Pong spielen sie Tischtennis wie immer, aus den Boxen dröhnt die Retro – Post – Punker der Babyshambles mit Fuck Forever und der Ricard kostet nur zwei Euro: es gibt keine Gründe für eine Revolution. Zwei Tage später lese ich in der Morgenpost, dass Karel Gott mit sechsundsechzig Jahren noch ein Kind gezeugt hat und der Dänische Prinz gerne Hundefleisch isst. Punkrock forever.
May 2nd, 2006 at 2:20 pm
excellent