Daft Punk Is Playing At My House
Partys machen ganz besonders Spass, wenn sie nicht bei dir zu Hause stattfinden. Du kannst dann nämlich mit offenem Flanellhemd, dunkelblau getönter Ray Ban – Brille, wirrem Haar und einer bis zur Hälfte ausgetrunkenen Flasche Dom Perignon in der Hand durch die Türe stürzen, den Jungs zur Begrüssung in die Backe zwicken, den Mädchen zweifelhafte Küsschen auf die Mundecken geben, am Kühlschrank den grossen Mann markieren und ausgiebig fremdes Bier an betrunkene Leute verteilen, die tanzenden Möchtegern – Latinos mit abrupten Stilwechseln und blechernen Oasis – Songs nerven, neben das Klo kotzen und zu guter Letzt auch noch die hübsche, aber unerreichbar scheinende Flamme des Gastgebers in dessen eigenem Zimmer unsittlich berühren. Du riskierst mit so einem Verhalten zwar in Zukunft nicht mehr eingeladen zu werden, aber hey: macht dir das wirklich was aus? Spätestens beim nächsten Fest nämlich, wenn kein Mensch mehr die Sau rauslässt und alle bloss Apfelschorle trinken um dann über Katie Melua – Songs zu gähnen, spätestens dann werden sie dich so richtig vermissen. Und bei den Mädchen hast du trotz deines recht zweifelhaften Benehmens ziemlich schnell einen Stein im Brett. Die mögen zwar ab all deinen platten „mal-drüber-schlafen-bloss-mit-wem“ – Sprüchen erst mal theatralisch die Augen verdrehen. Sobald sie aber irgendeinem fahrradfahrenden Biottasaft – Junkie gegenüberstehen, der beim Sex auf Geschlechtergleichheit pocht und Abende lang über biologischen Gemüseanbau in Papua – Neuguinea referiert, werden sie sich nach deinem prollig – maskulinen Rock n´Roll – Urinstinkt geradezu sehnen. Du brauchst dich dann nur noch grinsend in den Türrahmen zu stellen und musst dazu ein paar Mal schwachsinnig grinsen. Der Rest geht von allein.
Heute Abend bin ich bei mir selbst zu Gast und ich benehme mich auch genau so. Ich stehe auf dem Balkon, der von Juliens Zimmer auf die Strasse geht, lasse die Asche auf den Boden fallen und trinke Becks. Drinnen tanzen ein paar Nachwuchsjournalisten aus Lille zu Phoenix und trinken Martini aus Plastikbechern. Mein Wohnzimmer leuchtet rot, von draussen muss das Ganze aussehen wie ein Puff in Schöneberg. Ein Norweger ist derart betrunken, dass er dauernd gegen die Wand läuft und dreimal hintereinander eine volle Bierflasche fallen lässt. Das zeug spritzt rum und hinterlässt klebrige Flecken auf dem Holzboden. „Heute Abend“ fängt Julien an und legt mir den Arm um die Schultern, weiter kommt er nicht, irgendein Mädchen reisst ihn weg. Im Hintergrund verkauft Juliens Dealer Säckchenweise E und Kokain. Phil ist um drei Uhr Morgens ausser Gefecht, er kotzt erst durchs Fenster auf die Schönhauseralle und legt sich dann in Maxims Zimmer zur Ruhe. Ich mache auch nicht mehr lange, werfe noch ein paar Wodka Martini ein, spiele drei mal hintereinander „You Only Live Once“ von den Strokes und küsse ein Mädchen auf den Mund. Was danach geschieht, weiss ich nicht.
Ich wache um halb Elf auf und frage mich, wie ich ins Bett gekommen bin. In Socken und Unterhose gehe ich durch die Wohnung, die aussieht wie Deutschland nach dem Krieg: Flaschen, Trümmer, Dreck und hin und wieder ein eigenartig verrenkt daliegender menschlicher Körper. Phil springt auf, greift nach seiner falschen Hugo Boss – Jacke aus China und will nach draussen. Wir gehen also die Schönhauseralle runter und es ist schön und warm und nur noch ein See fehlt. In Genf würde ich jetzt ins Bains de Paquis gehen, auf dem rissigen Beton rumliegen und das flirrende Dreieck des Mont Blanc am azurblauen Westalpenhimmel anschauen. Aber hier ist nicht Genf, hier ist Berlin, also trinke ich Milchkaffee in einem Strassenkaffee in der Nähe der Ringbahnlinie. Julien und Lucile stossen hinzu und Julien erzählt von gestern Abend. „Es war grossartig“ sagt er „verdammt noch mal grossartig. Ich habe lauter Frauen auf den Mund geküsst.“ Dann erwähnt er ein blondes Mädchen, welches offenbar hintereinander mit fünf verschiedenen Typen rumgemacht hat. „Der Letzte hat sie schliesslich mit nach Hause genommen“ – „Ja und?“ mache ich. „Was ja und?“ Julien schaut mich fragend an. Ich schüttle den Kopf. „Die war erst fünfzehn“ ruft er dann und fängt an, laut zu lachen. „Fünfzehn. So was muss man sich mal vor Augen führen.“ Ich weiss nicht was ich sagen soll und zucke mit den Schultern. Phil legt mir die Hand auf die Schulter und sagt: „Das muss jetzt erst mal getoppt werden.“ – „Wie soll man so was toppen?“ fragt Julien und schaut mich an: „Du bist an deiner eigenen Party und führst dich auf, als wärst du bei jemandem zu Gast und gäbst keinen Scheiss auf irgendwas.“ – „Bullshit“ – „Nix Bullshit.“ Phil wirft den Kopf zurück und zündet sich eine Parisienne an, die Luca aus der Schweiz mitgebracht hat. „Weißt du was wir brauchen“ sagt er dann und fixiert mich einen Augenblick. „Weißt du was? Fürs nächste Mal?“ – Ich schüttle den Kopf. – „Wir brauchen Daft Punk. Daft Punk bei uns zu Hause. Live.“ Ich nicke. Ich nicke weil ich das gut finde. Daft Punk bei mir zu Hause, what a fuckin´ great idea.
May 10th, 2006 at 1:51 pm
Ihr macht mir Angst…. (Freitag bin ich in Berlin)