Dame de Coeur

Im Verlaufe des Freitagabends stelle ich fest, dass ich innerlich leer bin. Ich lehne an der schmutziggrauen Zwischenwand im Pong und trinke Lübzer in kleinen Schlucken. Ein Mädchen, welches ich offenbar genau vor sieben Tagen kennen gelernt hatte, will mit mir reden, aber ich habe echt keine Lust zu erklären, weshalb ich nicht angerufen habe. Ich mache daher die Augen zu und schüttle den Kopf. Das Mädchen ist offenbar ein wenig traurig, sie sagt etwas in Richtung „Enttäuschung“ oder so, aber mir ist das egal, ich bin abgestumpft und roh, ich habe kein Gefühl mehr in den Fingerspitzen und kann den Leuten weh tun, ohne es selbst zu bemerken. Ich betrinke mich im Pong und als wir später am Abend im Club der Republik landen, tanze ich auf einer kreisförmigen Sitzbank aus schwarzem Leder. Ein Mädchen in engen Hosen kommt rüber zu mir und fragt ob ich ihr etwas Ecstasy verkaufen könnte. Ich schüttle den Kopf und sage ihr, dass ich keines habe. Sie schüttelt ungläubig den Kopf und schreit was von „kannichsein“ durch den vom metallischen Pulsschlag der elektronischen Musik zerschnittenen Raum. Ich weise auf Julien und nicke, das Mädchen geht an mir vorbei ohne etwas zu sagen. Ganz tief innen spüre ich ein kleines bisschen Widerwillen.

Julien hat auch kein Ecstasy. Er schickt das Mädchen daher ohne Umstände weg und fängt an, eine kurzhaarige Blondine namens Mira zu küssen. Wenig später verschwinden die beiden, ich fahre mit Phil und den anderen an den Weissensee, klettere über einen zwei Meter hohen Metallzaun und gehe baden. Das Wetter in Berlin ist mild und eigentlich sollte ich glücklich sein. Ich habe Arbeit, ich habe Freunde und ich habe eine Wohnung mit ein paar Möbelstücken drin. Aber irgendwie fehlt etwas Wichtiges, ein verbindendes Element, welches all den mich umgebenden Dingen einen Sinn verleihen würde. Am Samstag Nachmittag ruft mich dann Dave aus Bern an und erzählt, dass der FC Zürich in Extremis Schweizer Fussballmeister geworden ist. Mit Lucien Favre als Trainer. Lucien Favre galt einmal als Supertechniker der Schweizer Nationalmannschaft. Damals, in den Siebzigerjahren, als das Team chronisch erfolglos war und sich während achtundzwanzig Jahren für kein internationales Turnier qualifizieren konnte. Ich habe Favre vor Jahren in Genf getroffen, als er noch Trainer beim FC Servette war. Ein Kumpel, der für das Westschweizer Radio arbeitete, hatte mich mit an ein Meisterschaftsspiel in der Charmilles genommen und nach dem Abpfiff sind wir in den Pressecontainer unter der Haupttribüne gegangen. Dort haben wir dann gemeinsam mit Lucien Favre Chablis getrunken. Zwar hatte seine Mannschaft an diesem Abend gerade gegen Sion verloren, aber Favre war das ziemlich egal. Rückblickend betrachtet macht sein Verhalten durchaus Sinn, denn schliesslich kippten seine Spieler eine Woche später den Bundesligisten Hertha BSC aus dem UEFA-Cup und realisierten den wohl grössten Coup der Vereinsgeschichte, der aber gleichzeitig auch der letzte sein sollte.

Heute ist alles anders. Servette Genf ist Konkurs gegangen und Luvien Favre hat die Stadt verlassen. Auch fast alle meine Freunde haben die Stadt verlassen. Sie sind nach Paris gezogen, nach Wien, nach Tokio oder einfach nur nach Zürich und Bern. Es bleibt nicht viel in Genf; wenige gute Freunde, die paar welschen Bekannten mit ihrer nonchalanten Oberflächlichkeit, zwei, drei Clubs und Bars, die zwar ganz anders aber trotzdem immer noch gleich aussehen, vereinzelte Wohnungen, die Luxusläden an der Rue de Rhone und Lorenzos nach frisch gemähtem Gras duftendes Geburtstagsfest in einer Villa am See. Und ich, ich bin auch schon längst weg. Ich sitze im Doktor Pong in Berlin und fühle eine abgrundtiefe Müdigkeit, als ich plötzlich dem Mädchen meiner Träume begegne. Sie hat dunkles Haar, ein Gesicht mit hohen Wangenknochen, welches im Kinnbereich schmal zuläuft, trägt einen pettycoatähnlichen Rock, ein Blousonjäckchen sowie ein schmales Tuch um den Hals. Sie schwebt durch die lärmerfüllte Betonhöhle des Pong und sieht dabei aus wie eine Diva aus den längst vergangenen Zeiten, in denen die Männer die Türen der Karamann Gias und MG´s aufhielten und mit ihren Geliebten an der Amalfiküste entlang bis nach Capri fuhren. Sie steht jetzt mit ihren Begleiterinnen neben dem DJ – Tisch und wartet darauf, angesprochen zu werden, aber ich krieg nichts auf die Reihe und Phil ist irgendwie auch unfähig heute Abend. Nach einer guten halben Stunde verschwindet sie wieder. „Scheisse“ sagt Phil. „Heute haben wir versagt. Wie kleine Jungs.“ Ich nicke und denke daran, dass ich dieses Mädchen jetzt eigentlich sofort heiraten würde. Obwohl ich ja nicht einmal weiss wie sie heisst.

Kurz darauf sitze mitten in der Plastikverkleideten Sofalandschaft des Zu mir oder zu Dir und trinke White Russian. Gaelle und Lydia sprechen mit ironischem Ton in der Stimme über Oralsexpraktiken, Julien verabschiedet sich gemeinsam mit seiner Partybekannschaft Mira heim in Richtung Bett und der DJ legt souligen Pop auf. Die Welt im Jahre Zweitausendundsechs ist ein postmoderner, willkürlicher Ort, der keine Tabus kennt und schon gar keine naiven Wünsche mehr. Ich sitze also da, inmitten der Berliner Abgefucktheit und denke daran, dass ich mich gerne verlieben würde. In ein Mädchen, das zu unnahbar und zu schön aussieht um wahr zu sein. „Regarder, mais pas toucher“ singt Stephan Eicher in Les filles du Limmatquai. Genau so denke ich in diesem Augenblick und ich komme mir dabei sehr altmodisch vor. Aber eben auch sehr naiv. „Ich schlafe nicht mehr mit irgendwem“ kündige ich Phil gegenüber an. „Denn heute Abend hat sich mein Leben verändert.“ Phil nickt und zeigt auf einen Typ, der draussen vor der Glasfront des Zu Mir auf einer Holzkiste hockt und sich über die Hosen gekotzt hat. „Widerlich, so etwas“ sage ich und zünde mir eine Zigarette an. „Du wirst mit fast niemandem mehr schlafen, wenn du so denkst“ sagt Phil dann plötzlich mitten in die kühle Frühlingsnacht und schaut mich an. „Gute Mädchen sind rar und schwer zu kriegen.“ Mir egal, denke ich. Man muss nur nie aufgeben. Oder Lucien Favre als Trainer haben.

One Response to “Dame de Coeur”

  1. Liz Says:

    Daniel.Ich möchte das hier als Buch. Bitte.

    Deine Lisa

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