Archive for June, 2006

Nächstes Jahr in Stockholm

Thursday, June 22nd, 2006
foot.jpgfoot.jpgfoot.jpgfoot.jpg

Deutschland erlebt in diesen Wochen die grösste Party aller Zeiten. Was aber wäre die ohne Schweden? 50’000 von ihnen kamen nach Berlin, um ihre Mannschaft gegen Paraguay spielen zu sehen. Es war ein übler Kick aber Ljungbergs Tor kurz vor Schluss rettete den Tag und sorgte für ein wunderbares Chaos auf dem Wittenbergplatz. Zehntausende tanzten im biederen Westen und wir waren mittendrin. “Heja” rufen, mit blonden Mädchen reden und Starköl trinken. Vergesst die Brasilianer und ihren Samba – Firlefanz – der wahre Spass kommt aus dem hohen Norden. Inzwischen sind die gelb-blauen Wikinger wieder weg. Aber sie kommen zurück. Am Samstag trifft das Tre Kronar – Team nämlich auf den Gastgeber Deutschland. In München. Eigentlich sollte man hinfahren. Geht aber nicht, weil ich am Tag zuvor in Hannover sein werde. Darum: nächstes Jahr in Stockholm!

Ich will nach Hiddensee

Wednesday, June 21st, 2006

Deutschland gewinnt 3:0 gegen Ecuador. Ich schaue das Spiel in einem modrigen Keller an der Kopenhagenerstrasse, nicht weit vom U-Bahnhof Schönhauserallee. Die Wände sind feucht, der Videoprojektor hat einen Blaustich und wirft ein leicht fiebriges Bild an die Wand. Phil bittet mich um zwei Euro, damit er sich ein Becks kaufen kann. Ich gebe ihm das Geld. Er geht zur Bar und als er fünf Minuten später zurückkommt, hat Lukas Podolski gerade das dritte Tor geschossen. Es ist sein erster Treffer bei dieser WM, vorher hatte das, was man bei Stürmern “Ladehemmungen” nennt. Eigentlich ein stupides Wort. Toreschiessen hat doch nichts mit Laden zu tun, sondern in erster Linie mit Abdrücken. Aber egal, Podolski trifft wieder und freut sich dementsprechend. Er rennt die ganze Reservebank ab und klatscht zum Schluss auch noch den Klinsmann ab.  Der grinst natürlich übers ganze Gesicht und nach dem Spiel wird er dann wieder Sachen sagen wie: “Wir sind natürlisch froh des de Lukas jetzt zu seiner Form gfunde hat.”

Es ist schwül in Berlin und der Sommer fühlt sich irgendwie ungesund an. Vielleicht liegt das aber an der hohen Luftfeuchtigkeit die einen ohne Unterbruch schwitzen lässt. Als wir die enge Treppe nach oben steigen, raus, an die dicke Luft, zupfe ich ein wenig an meinem T-Shirt. Woche zwei der WM, Deutschland immer noch dabei und die Freude ist so gross wie nie. Wie jedesmal nach den Heimsiegen fahren hupende Autos durch die Strassen und die Leute stehen auf den Gehsteigen und schwenken lachend ihre Fahnen. “Eigentlich würde ich mich heute Abend gerne betrinken”, sagt Phil neben mir und ich stimme ihm zu. Aber das geht gar nicht, denn ich mus jeden Morgen pünktlich zur Arbeit erscheinen. Da hocke ich dann bei der taz vor einem verdammten Erstgeneration- Pentium mit Scheiss- Linux – Betriebssystem und schreibe über Dinge, die eh kein Schwein interessieren. Aber immerhin: nach zwei Monaten Werbung hat die Tätigkeit katharsische Wirkung und reinigt mich von der moralischen Prostitution, die ich zuvor im Dienste des Klassenfeindes begangen hatte. Dafür benötige ich jeden Tag aufs neue ein wenig Klassenbewusstsein, denn um mich erneut in Versuchung zu führen genügt ein Blick nach links: dort steht nämlich das Springerhochhaus.

Phil schlägt vor zu essen, wir kaufen Steaks bei Extra und braten die Dinger bei ihm zu Hause. Beim Essen fängt er dann an, über die Vorteile langlebiger Beziehungen zu referieren. “Du hast dann jemand, der immer für dich da ist”, sagt er. Ich widerspreche nur halbherzig, das Thema geht an mir vorbei. Ich will Fussball. Später am Abend spielt Schweden gegen England 2:2. Damit stehen die Skandinavier als Achtelfinalgegener des deutscen Teams fest. Ob das gut ist, weiss keiner so genau. “England wäre einfacher gewesen”, sagt Oliver, dem das Pong gehört und den wir vor seinem Laden treffen. “Aber ich bin für Schweden” – “Als Gegner?” – “Nein. Als Mannschaft.” Er lacht und geht nach draussen, Eis holen. Drinnen spielen ein paar leute Tischtennis, aber irgendwie wirkt das Pong tot, desen Sommer. Durch die Hitze scheint der Ort in ein Koma gefallen und der Schweiss klebt am Beton der Wände. Vielleicht ist das Pong ein Winter-Ort. Vielleicht ist Berlin, allen Unkenrufen zum Trotz, eine Winterstadt. Weil die Kälte die Menschen aneinanderschmiegt, sie nach drinnen gehen lässt. Weil der Schmutz nicht noch durch die trockene Hitze verstärkt wird. Berlin im Sommer macht müde, furchtbar müde. “Ich will ans Meer”, denke ich und erinnere mich an ein Wochenende im letzten Monat, als ich auf Usedom am Strand sass und gegen den Wind anrauchte. Usedom ist schön. Hddensee noch schöner. “Ich will nach Hiddensee”, sag ich daher zu mir selbst. “Hiddensee”. Kurz darauf gehen wir alle nach Hause und ich finde eine angebrochen Packung Gummibären auf meinem Fussboden. Ich schmeisse sie sofort weg.

Der Tod der Favoriten?

Thursday, June 15th, 2006

In der 93. Minute ist es so weit. Der zweiundzwanzigjährige David Odonkor flankt in den Strafraum, Neuville reagiert am schnellsten und schiebt den Ball ins Tor. Eins zu Null für Deutschland. Rundherum springen die Leute auf und recken die Arme in die Sommernacht. Der Pfälzer auf der Bank hinter mir hatte Neuville vorhin noch als Arschloch beschimpft. “Bloss der nicht!” rief er, als Klinsmann den kleinen Angreifer in der siebzigsten Minute einwechselte. Jetzt aber, nach dem Sieg über Polen und der vorzeitigen Achtelfinalqualifikation scheint alles vergessen: “Da vergeb ich ihm sogar sein Handstor gegen Kaiserslautern!” – “Welches Handstor?” – “Das vor zwei Jahren, im Abstiegskampf Lautern gegen Gladbach. Normalerweise verzeiht man sowas nie!”

Natürlich nicht. Hier ist ja Deutschland und Fussball eine Religion. Seit am vergangenen Freitag die Weltmeisterschaft angefangen hat, kommt das Land nicht mehr zur Ruhe. Die Menschen quälen sich tagsüber durch die Hitze um sich dann Nachts ekstatisch in die Arme zu fallen. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Die Szenen die sich auf den Strassen Berlins nach dem Sieg gegen Polen abspielen, erinnern an eine Mischung aus Karneval und Volksaufstand. Tausende Menschen ziehen fahnenschwenkend durch die Stadt, singen und tanzen. Die Demonstrationen gegen Hartz IV und Irakkrieg wirken im Vergleich dazu wie uninspirierte Sit-ins obskurer K-Gruppen. Das hier hingegen ist die geballte Macht des Volkes. Zum letzte Mal kam sie in dieser Form wohl im November 1989 zum Tragen. Damals fegte sie ein Regime weg. Diesmal soll sie Deutschland zur Fussballweltmeisterschaft tragen.

Ob das reicht? Schwer zu sagen. Beim Auftaktspiel gegen Costa Rica verzückte Klinsmanns Mannschaft den neutralen Beobachter sowohl mit fulminanten Weitschüssen als auch mit haarsträubenden Abwehrfehlern. Das Resultat war das torreichste Eröffnungsspiel aller Zeiten. Gegen Polen machten die Verteidiger dann ein ordentliches Spiel. Dafür hatten die Stürmer Ladehemmungen, während Ballack und Co. mit ihren polnischen Kollegen im Mittelfeld eine Art Fuss-Volleyball praktizierten. Erst in der letzten Viertelstunde wurde alles besser. Aber noch lange nicht richtig gut.

Die Konkurrenz hat sich in dieser ersten Woche allerdings auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert: England stolperte dank freundlicher Mithilfe eines südamerikanischen Verteidigers zu einem 1:0 über Paraguay, Schweden blamierte sich beim torlosen Remis gegen den Fussballzwerg Trinidad & Tobago, Holland und Italien taten ihre Pflicht und gewannen gegen Jugoslawien beziehungsweise Ghana ohne Glanz. Portugal bot gegen seine ehemalige Kolonie Angola ein Stück Fussballporno und zelebrierte den institutionalisierten Querpass so lange, bis das Publikum nahezu geschlossen hinter dem unbedarften Aussenseiter aus Afrika stand. Frankreichs Zeitlupenfussball gegen die Schweiz verlieh der Abschiedstournee von Zinedine Zidane die unfreiwillige Tragik eines zu Tode gespielten Theaterstücks. Titel: “Der Hebst des Patriarchen” oder “Boujour Tristesse” – je nach dem ob er sich auf Zizou selbst oder den Rest der Altherrentruppe bezieht.

Den jämmerlichsten Einstand bot aber der Titelverteidiger und Kronfavrit Brasilien. Die Selecao, die sich alle vier Jahre bei Modefans und Volkshochschul – Salsakurs – Teilnehmern höchster Beliebtheit erfreut, spielte beim Debüt gegen Kroatien wie ein Haufen aufgeblasener, überbezahlter Millionäre. Da lief überhaupt nichts zusammen: lange Pässe in den leeren Raum, ein statisches Mittelfeld und einen Eisenfuss namens Emerson in der Abwehr, neben dem sorgar Christian Wörns wie ein Filigrantechniker gewirkt hätte. Doch das war noch nicht mal das Schlimmste. Was wirklich zu denken gab, war der Zustand des Brasilianischen Sturms. Für den gab es nur ein passendes Wort: Totalausfall. Adriano knüpfte nahtlos an seine verkorkste Saison bei Inter Mailand an und grätschte Nico Kovac vom Platz.  Ronaldo war überhaupt nicht zu sehen. Apathisch und lustlos schleppte der Real-Stürmer seine überflüssigen Kilos über den Platz. Bei Freistössen oder Eckbällen schlich er sich einfach davon. Es war eine totale Demontage. Selbst Ronaldinho, der zwar blass aber anständig spielte, liess sich von der Arbeitsverweigerung seines Kollegen anstecken und verschwand zeitweise in der Leere des Nichts. Dass sie das Spiel aber trotzdem gewannen, hatten die Brasilianer gerade mal zwei Dingen zu verdanken: den ausgezeichneten Leistungen von Kaka und Robinho – als einzige in Normalform – sowei der mangelnden Präzision der kroatischen Stürmer. Die hatten nämlich einfach zu viel Respekt vor den Samba-Trümmern.

Ob Deutschland unter solchen Vorzeichen vielleicht doch Weltmeister werden kann? Ich weiss es nicht. Eine Chance haben Klinsmanns Jungs allemal. Wenn sie nur nicht auf Spanien, Tschechien, Argentinien oder die Elfenbeinküste treffen. Die sind nämlich in bester Spiellaune und haben bisher positiv überrascht. Als ich spätabends mit ein paar Kumpels aus Schweden vom Oranienburger Tor nach Hause fahre, treffe ich einen Typen mit einer Schweizerfahne. Er sitzt im Tram gleich hinter uns. “Hopp Schwiiz” rufe ich, er grinst und winkt zurück. “Wir werden Weltmeister”, ruft er dann. Ich überlege kurz und nicke dann einfach. Wieso eigentlich nicht? Träumen wird man ja wohl noch dürfen.