Der Tod der Favoriten?

In der 93. Minute ist es so weit. Der zweiundzwanzigjährige David Odonkor flankt in den Strafraum, Neuville reagiert am schnellsten und schiebt den Ball ins Tor. Eins zu Null für Deutschland. Rundherum springen die Leute auf und recken die Arme in die Sommernacht. Der Pfälzer auf der Bank hinter mir hatte Neuville vorhin noch als Arschloch beschimpft. “Bloss der nicht!” rief er, als Klinsmann den kleinen Angreifer in der siebzigsten Minute einwechselte. Jetzt aber, nach dem Sieg über Polen und der vorzeitigen Achtelfinalqualifikation scheint alles vergessen: “Da vergeb ich ihm sogar sein Handstor gegen Kaiserslautern!” – “Welches Handstor?” – “Das vor zwei Jahren, im Abstiegskampf Lautern gegen Gladbach. Normalerweise verzeiht man sowas nie!”

Natürlich nicht. Hier ist ja Deutschland und Fussball eine Religion. Seit am vergangenen Freitag die Weltmeisterschaft angefangen hat, kommt das Land nicht mehr zur Ruhe. Die Menschen quälen sich tagsüber durch die Hitze um sich dann Nachts ekstatisch in die Arme zu fallen. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Die Szenen die sich auf den Strassen Berlins nach dem Sieg gegen Polen abspielen, erinnern an eine Mischung aus Karneval und Volksaufstand. Tausende Menschen ziehen fahnenschwenkend durch die Stadt, singen und tanzen. Die Demonstrationen gegen Hartz IV und Irakkrieg wirken im Vergleich dazu wie uninspirierte Sit-ins obskurer K-Gruppen. Das hier hingegen ist die geballte Macht des Volkes. Zum letzte Mal kam sie in dieser Form wohl im November 1989 zum Tragen. Damals fegte sie ein Regime weg. Diesmal soll sie Deutschland zur Fussballweltmeisterschaft tragen.

Ob das reicht? Schwer zu sagen. Beim Auftaktspiel gegen Costa Rica verzückte Klinsmanns Mannschaft den neutralen Beobachter sowohl mit fulminanten Weitschüssen als auch mit haarsträubenden Abwehrfehlern. Das Resultat war das torreichste Eröffnungsspiel aller Zeiten. Gegen Polen machten die Verteidiger dann ein ordentliches Spiel. Dafür hatten die Stürmer Ladehemmungen, während Ballack und Co. mit ihren polnischen Kollegen im Mittelfeld eine Art Fuss-Volleyball praktizierten. Erst in der letzten Viertelstunde wurde alles besser. Aber noch lange nicht richtig gut.

Die Konkurrenz hat sich in dieser ersten Woche allerdings auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert: England stolperte dank freundlicher Mithilfe eines südamerikanischen Verteidigers zu einem 1:0 über Paraguay, Schweden blamierte sich beim torlosen Remis gegen den Fussballzwerg Trinidad & Tobago, Holland und Italien taten ihre Pflicht und gewannen gegen Jugoslawien beziehungsweise Ghana ohne Glanz. Portugal bot gegen seine ehemalige Kolonie Angola ein Stück Fussballporno und zelebrierte den institutionalisierten Querpass so lange, bis das Publikum nahezu geschlossen hinter dem unbedarften Aussenseiter aus Afrika stand. Frankreichs Zeitlupenfussball gegen die Schweiz verlieh der Abschiedstournee von Zinedine Zidane die unfreiwillige Tragik eines zu Tode gespielten Theaterstücks. Titel: “Der Hebst des Patriarchen” oder “Boujour Tristesse” – je nach dem ob er sich auf Zizou selbst oder den Rest der Altherrentruppe bezieht.

Den jämmerlichsten Einstand bot aber der Titelverteidiger und Kronfavrit Brasilien. Die Selecao, die sich alle vier Jahre bei Modefans und Volkshochschul – Salsakurs – Teilnehmern höchster Beliebtheit erfreut, spielte beim Debüt gegen Kroatien wie ein Haufen aufgeblasener, überbezahlter Millionäre. Da lief überhaupt nichts zusammen: lange Pässe in den leeren Raum, ein statisches Mittelfeld und einen Eisenfuss namens Emerson in der Abwehr, neben dem sorgar Christian Wörns wie ein Filigrantechniker gewirkt hätte. Doch das war noch nicht mal das Schlimmste. Was wirklich zu denken gab, war der Zustand des Brasilianischen Sturms. Für den gab es nur ein passendes Wort: Totalausfall. Adriano knüpfte nahtlos an seine verkorkste Saison bei Inter Mailand an und grätschte Nico Kovac vom Platz.  Ronaldo war überhaupt nicht zu sehen. Apathisch und lustlos schleppte der Real-Stürmer seine überflüssigen Kilos über den Platz. Bei Freistössen oder Eckbällen schlich er sich einfach davon. Es war eine totale Demontage. Selbst Ronaldinho, der zwar blass aber anständig spielte, liess sich von der Arbeitsverweigerung seines Kollegen anstecken und verschwand zeitweise in der Leere des Nichts. Dass sie das Spiel aber trotzdem gewannen, hatten die Brasilianer gerade mal zwei Dingen zu verdanken: den ausgezeichneten Leistungen von Kaka und Robinho – als einzige in Normalform – sowei der mangelnden Präzision der kroatischen Stürmer. Die hatten nämlich einfach zu viel Respekt vor den Samba-Trümmern.

Ob Deutschland unter solchen Vorzeichen vielleicht doch Weltmeister werden kann? Ich weiss es nicht. Eine Chance haben Klinsmanns Jungs allemal. Wenn sie nur nicht auf Spanien, Tschechien, Argentinien oder die Elfenbeinküste treffen. Die sind nämlich in bester Spiellaune und haben bisher positiv überrascht. Als ich spätabends mit ein paar Kumpels aus Schweden vom Oranienburger Tor nach Hause fahre, treffe ich einen Typen mit einer Schweizerfahne. Er sitzt im Tram gleich hinter uns. “Hopp Schwiiz” rufe ich, er grinst und winkt zurück. “Wir werden Weltmeister”, ruft er dann. Ich überlege kurz und nicke dann einfach. Wieso eigentlich nicht? Träumen wird man ja wohl noch dürfen.

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