Ich will nach Hiddensee

Deutschland gewinnt 3:0 gegen Ecuador. Ich schaue das Spiel in einem modrigen Keller an der Kopenhagenerstrasse, nicht weit vom U-Bahnhof Schönhauserallee. Die Wände sind feucht, der Videoprojektor hat einen Blaustich und wirft ein leicht fiebriges Bild an die Wand. Phil bittet mich um zwei Euro, damit er sich ein Becks kaufen kann. Ich gebe ihm das Geld. Er geht zur Bar und als er fünf Minuten später zurückkommt, hat Lukas Podolski gerade das dritte Tor geschossen. Es ist sein erster Treffer bei dieser WM, vorher hatte das, was man bei Stürmern “Ladehemmungen” nennt. Eigentlich ein stupides Wort. Toreschiessen hat doch nichts mit Laden zu tun, sondern in erster Linie mit Abdrücken. Aber egal, Podolski trifft wieder und freut sich dementsprechend. Er rennt die ganze Reservebank ab und klatscht zum Schluss auch noch den Klinsmann ab.  Der grinst natürlich übers ganze Gesicht und nach dem Spiel wird er dann wieder Sachen sagen wie: “Wir sind natürlisch froh des de Lukas jetzt zu seiner Form gfunde hat.”

Es ist schwül in Berlin und der Sommer fühlt sich irgendwie ungesund an. Vielleicht liegt das aber an der hohen Luftfeuchtigkeit die einen ohne Unterbruch schwitzen lässt. Als wir die enge Treppe nach oben steigen, raus, an die dicke Luft, zupfe ich ein wenig an meinem T-Shirt. Woche zwei der WM, Deutschland immer noch dabei und die Freude ist so gross wie nie. Wie jedesmal nach den Heimsiegen fahren hupende Autos durch die Strassen und die Leute stehen auf den Gehsteigen und schwenken lachend ihre Fahnen. “Eigentlich würde ich mich heute Abend gerne betrinken”, sagt Phil neben mir und ich stimme ihm zu. Aber das geht gar nicht, denn ich mus jeden Morgen pünktlich zur Arbeit erscheinen. Da hocke ich dann bei der taz vor einem verdammten Erstgeneration- Pentium mit Scheiss- Linux – Betriebssystem und schreibe über Dinge, die eh kein Schwein interessieren. Aber immerhin: nach zwei Monaten Werbung hat die Tätigkeit katharsische Wirkung und reinigt mich von der moralischen Prostitution, die ich zuvor im Dienste des Klassenfeindes begangen hatte. Dafür benötige ich jeden Tag aufs neue ein wenig Klassenbewusstsein, denn um mich erneut in Versuchung zu führen genügt ein Blick nach links: dort steht nämlich das Springerhochhaus.

Phil schlägt vor zu essen, wir kaufen Steaks bei Extra und braten die Dinger bei ihm zu Hause. Beim Essen fängt er dann an, über die Vorteile langlebiger Beziehungen zu referieren. “Du hast dann jemand, der immer für dich da ist”, sagt er. Ich widerspreche nur halbherzig, das Thema geht an mir vorbei. Ich will Fussball. Später am Abend spielt Schweden gegen England 2:2. Damit stehen die Skandinavier als Achtelfinalgegener des deutscen Teams fest. Ob das gut ist, weiss keiner so genau. “England wäre einfacher gewesen”, sagt Oliver, dem das Pong gehört und den wir vor seinem Laden treffen. “Aber ich bin für Schweden” – “Als Gegner?” – “Nein. Als Mannschaft.” Er lacht und geht nach draussen, Eis holen. Drinnen spielen ein paar leute Tischtennis, aber irgendwie wirkt das Pong tot, desen Sommer. Durch die Hitze scheint der Ort in ein Koma gefallen und der Schweiss klebt am Beton der Wände. Vielleicht ist das Pong ein Winter-Ort. Vielleicht ist Berlin, allen Unkenrufen zum Trotz, eine Winterstadt. Weil die Kälte die Menschen aneinanderschmiegt, sie nach drinnen gehen lässt. Weil der Schmutz nicht noch durch die trockene Hitze verstärkt wird. Berlin im Sommer macht müde, furchtbar müde. “Ich will ans Meer”, denke ich und erinnere mich an ein Wochenende im letzten Monat, als ich auf Usedom am Strand sass und gegen den Wind anrauchte. Usedom ist schön. Hddensee noch schöner. “Ich will nach Hiddensee”, sag ich daher zu mir selbst. “Hiddensee”. Kurz darauf gehen wir alle nach Hause und ich finde eine angebrochen Packung Gummibären auf meinem Fussboden. Ich schmeisse sie sofort weg.

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