Archive for July, 2006

Génération Désenchantée

Monday, July 31st, 2006

Ich sitze im Pong und mache mir Gedanken über meine Zukunft. Dabei fällt mir - ehrlich gesagt - gar nicht viel anderes ein, als der ganze Generation - Praktikum - Müll, den sich irgendwelche Feuilletonisten vor ein paar Jahren aus den Fingern gesogen haben, um mich und meine Altersgenossen in Kollektivhaftung zu nehmen: ja, ja, wir machen alle Praktika, obwohl wir ganz tolle Ausbildungen hinter uns haben und hunderttausend Sprachen sprechen. Wir haben riesig viel investiert und mindestens vier Jahre unseres Lebens in schlecht belüfteten Hörsälen verbracht, bloss um die nächsten vier als kriechende Gussputzer der Medienbranche zu verbringen - und dies alles ohne dafür bezahlt zu werden, versteht sich. Mit anderen Worten: wir sind nichts anderes als verdammte Opfer, wehrlose, dumme Opfer! “So ein Schwachsinn”, denke ich und spicke eine zu Ende gerauchte Davidoff, die ich Julien ausgerissen habe, mit den Fingerspitzen in die Mitte des Raums. Ich bin kein Opfer, ich bin Täter - schliesslich habe ich mich ja für all das entschieden. Ansonsten hätte ich nicht herzukommen brauchen, hätte ruhig in Bern hocken bleiben können, auf einem anständigen Lohn und der Aussicht auf eine mittelmässige Karriere als neurotischer Kleinstadtyuppie. “Pfui Teufel”, sage ich zu mir selbst, ganz leise nur aber offenbar trotzdem laut genug für Phils Ohren. “Was denn?” fragt der und schaut mich kritisch an, zieht die Augenbrauen zusammen und lässt die Mundwinkel hängen. “Ist was?” Ich schüttle den Kopf und sage irgendetwas Banales. Aber Phil hört sowieso nicht mehr hin. Er springt auf, greift nach seinem Ping Pong - Schläger und fängt an, wie wild um die grüne Tischtennisplatte zu rennen, die im vorderen Teil des Pong steht. Dabei ist er nicht allein, rund zwanzig Leute tun nämlich das gleiche. Sowas nennt man dann einen Rundlauf.

Ich habe jetzt zwei Monate bei der taz hinter mir und ehrlich gesagt keine Ahnung, ob ich zum Journalisten tauge. Tagesjournalismus ist einfach Fliessbandarbeit, bei der es in erster Linie darum geht, quasi vorproduzierte Textfragmente zu einer Art Geschichte zusammenzusetzten, deren lyrische Frische am ehesten mit derjenigen vakuumverpackter Käsescheiblettchen aus dem Extra zu vergleichen ist. Macht das Spass? Keine Ahnung, vielleicht ja, vielleicht nein. Man muss trotz allem bedenken, dass es schlimmere Jobs gibt. Schreiben ist doch eigentlich ganz nett. Bloss: was wird, wenn die Nettigkeit unter der Routine verschwindet? Wenn sie regelrecht aufgefressen wird? Bin ich dann ausgebrannt? Ein Ping - Pong - Ball prallt knapp zehn Zentimeter neben meinem Kopf von der Wand und fällt mit einem trockenen Klacken auf den Betonboden. Phil setzt sich neben mich, er hat zwei Ricard in der Hand und hält mir einen hin. Ich trinke und höre, wie Phil irgendetwas über seine Arbeit sagt. “Was?” frage ich und jetzt wird er lauter: “Ich will mir ein weiteres Standbein schaffen” ruft er und weil ich nicht kapiere worauf er hinaus will, frag’ ich nochmal “Was?”. - “Wegen der Arbeit”, höre ich ihn sagen und nicke. - “So. was denn?” will ich wissen, nachdem Phil einen Augenblick lang nichts mehr gesagt hat, aber er winkt bloss ab. “Eigentlich will ich gar nicht mehr als Journalist arbeiten” sagt er dann nach einer Weile. “Aber was soll ich tun? Ich meine, wenn ich wollte könnte ich nach Frankreich zurück um dort in der Raumplanung zu arbeiten. Als Funktionär, in der Provinz. Aber wer will das schon? Ich jedenfalls nicht” - “Komm schon”, erwidere ich in einem Anflug von verzweifelter Witzigkeit, “da verdienst du wenigstens ordentlich und kannst die Töchter der lokalen Bourgeoise flachlegen.” Ich weiss sofort, dass die Bemerkung eigentlich dämlich ist. Phil lacht trotzdem, wenn auch gequält.

Ich erinnere mich an den Vorabend, als wir in Phils Wohnung sassen und Rosewein tranken. Draussen fing die fast subtropisch - heisse Nacht an, und der Alkohol füllte meinen ausgetrockneten Körper mit dumpfer Müdigkeit. Ein Typ der sich als Gunnar vorstellte, aber eigentlich Günther hiess fragte plötzlich ganz unverbindlich in die Runde: “Sagt mal, was macht ihr eigentlich in Berlin?” Eigentlich hätten wir alle “Nichts!” rufen können, aber stattdessen zog jeder von uns irgendwelche Erklärungen an den Haaren herbei, um seinem Tun einen tieferen Sinn zu geben. Bei mir war’s die “Erfahrung” sowie die Tatsache, dass ich damit “einen Fuss in die Türe krieg”. Wenn ich richtig darüber nachdenke, dann kommen mir solche Argumente wie eine Kapitulationserklärung vor: händeringend das eigene Scheitern erklären und gleichzeitig so tun als betreibe man gerade aussichtsreiches Career-Networking! Oh la la, wie arm… Aber ehe ich irgendetwas unüberlegtes sagte, kam mir Phils Arbeitskollegin Jennifer zuvor. “Wir leben von der Hand in den Mund”, sagte sie und grinste - ganz so, als ob sie das bloss ironisch gemeint hätte. Gunnar fand’s offenbar auch lustig, er hat nämlich gelacht. Dabei war es bitterer Ernst. Wir sind die Bohème, denke ich und die Bohème ist ein mit Idealen besticktes Hungertuch ohne Zukunft. Sind wir unter Umständen einfach nur nutzlos? Gibt es irgendetwas auf der Welt, das ohne mein Zutun nicht mehr funktionieren würde? Nein, natürlich nicht. Wir sind ein Luxusgut, von dem die westliche Gesellschaft in ihrer dekadenten Spätphase glaubt, sie könne es sich leisten. In Tat und Wahrheit aber ist weit und breit keiner bereit, uns dafür zu bezahlen. Wäre die Welt ein konsequenter Ort, dann sässen wir den ganzen Tag über an der Riviera und erzählten uns Geschichten. Stattdessen hocke ich aber auf einem abgeriebenen Holzstuhl im Pong, und trinke Ricard aus einem Plastikbecher. What a shame. Jetzt spielen sie Mylène Farmer, einen Remix von “Désenchantée.” Generation Désenchantée - ja, ja, uns geht’s allen schlecht. Blödes Gejammer. Ich raffe mich auf. “Eigentlich braucht es uns gar nicht” sage ich dann und Phil, der inzwischen aus dem Ping-Pong - Rundlauf geflogen ist, haut mir joval auf die Schulter: “Unsinn” ruft er “Such dir eine Frau und eine Job. dann wirst du glücklich!” Er springt auf, fängt an zu tanzen und sein entrücktes Lachen lässt erahnen, wie ernst ihm die vorherige Aussage war - nämlich gar nicht.

Schweizer im Ausland

Saturday, July 29th, 2006

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Da verbringe ich den Sonntagnachmittag in Köpenik, gebe mir mit Berliner Pilsner die Kante und dann sowas: Alex Frei kommt vorbei und will ein Bild mit mir. “Also gut”, sag’ ich, “wenn’s unbedingt sein muss.” Ein Autogramm hab’ ich ihm dann aber trotzdem nicht gegeben, er hat aber auch gar keins gewollt. Understatement ist schliesslich Pflicht, für Schweizer im Ausland.

Und niemals vergessen!

Tuesday, July 25th, 2006

Ein grauer Dunst hängt über Berlin und lässt alles rundherum schmutzig aussehen. Unter dieser Suppe bewegt sich kein Lüftchen und jede kleinste Bewegung wird zur schweisstreibenden Tortur. So stelle ich mir das Leben in einem tropischen Land vor: du sitzt mit reglos ausgestreckten Gliedmassen da und spürst, wie dir der Schweiss trotz aller Bewegungsverweigerung in schmalen Bächen über Gesicht und Arme läuft. Ich hasse dieses Wetter und würde jetzt am allerliebsten in einem Pool liegen, mit einem Pina Colada in der Hand und etwas Bossa-Nova-Jazz im Hintergrund. Aber das geht nicht, stattdessen stolpere mit Niels durch einen tannzapfenübersähten Wald bei Köpenik, hinter dicken, bierseeligen Männern in rotweissen T-Shirts her, auf denen manchmal sogar Dinge stehen wie “No Going Area” oder “Böhze Onkels”, meist aber bloss “Eisern, eisern Union.”

Niels hat uns beide für ein Testspiel des 1.FC Union akkreditiert, offiziell sind wir also als Journalisten da. “Nee” sagt der Ordner und lächelt unsicher, “wo man die Pressetickets abholen kann, wees ick wirklick nich.” Wir auch nicht, und darum hetzen wir dreimal nacheinander durch den Wald, der das Stadion von der in einem trostlosen Betonblock untergebrachten Geschäftsstelle trennt, bis uns irgendwer anweist, zum P4 rüber zu gehen. P4! Was um Himmels Willen ist P4, frage ich mich und stelle mir einen grau verputzen Betonbau vor, ein Stück DDR-Bürokratie halt, mit Linoleumboden und staubigen, leeren Kunstfaserschränken. Doch stattdessen entpuppt sich P4 als ein Parkplatz, ein ganz normaler, verdammter Parkplatz an dessen rostigem Einganstor ein Typ in leuchtgelber Weste rumsteht und allen ankommenden Fahrzeugen ein weisses Kuvert durch die Fensterscheibe schiebt. Die Szene erinnert mich an die Treffen der Drogendealer am Hirschegraben in Bern, die bei ihren geschäftlichen Kontaken oft ähnlich indiskret zur Sache gingen. “Müller?” fragt der Typ als wir uns nähern und er meint damit offensichtlich Niels, der ja Müller zum Nachnamen heisst. Er gibt ihm daraufhin ein von Hand beschriebenes Kuvert. Drinnen sind unsere Karten. Was für ein Witz denke ich und verstehe, weshalb dieser Klub nur in der Regionalliga spielt. Niels denkt offenbar das gleiche. “Beim nächsten Mal mache ich keine Akkreditierung, gehe statdessen einfach hin und sage Müller. Das klappt mit Sicherheit.”

Union spielt gegen Borussia Dortmund und verliert 2:6. Kein Wunder, schliesslich handelt es sich bei den Gästen aus dem Ruhrgebiet ja um einen Bundesligaklub. Den Unionlern scheint die Niederlagen dementsprechend egal zu sein, sie feiern ganz einfach sich selbst und vielleicht auch ein wenig ihre Geschichte, die sie gerne mit etwas Dissidententum verknüpfen. Damals, zu DDR-Zeiten, war der 1.FC Union das ungeliebte Kind des Ostens. Verstossen von den Offiziellen pendelte der Klub zwischen erster und zweiter Liga und musste seine besten Spieler stets an die Konkurrenz vom BFC Dynamo abgeben, wo Stasi-Chef Erich Mielke in den Achtzigerjahren einen realsozialistischen Ost-FC Bayern aufzubauen versuchte. Heute, mehr als fünfzehn Jahre nach dem Fall der Mauer haben die Vorzeichen gekehrt: in der vergangenen Oberliga-Saison schickten die Eisernen Unionler den BFC Dynamo gleich mit einer 8:0 Packung nach Hause und stiegen in die Regionalliga auf, während die ehemals so übermächtige Konkurrenz in Hohenschönhausen vor ein paar Glatzen gegen den Fall in die Bedeutungslosigkeit anspielt.

Gleich neben mir steht ein Typ in einem Trikot der schweizerischen Nationalmannschaft. Er schreit immer wieder “Frei, Frei”,obwohl er ein Union-Tuch um den Kopf trägt und Alex Frei beim Gegner aus Dortmund spielt. Vielleicht hat das mit den Türkei-Spielen im vergangenen November zu tun, als die Kicker vom Bosporus über die kleinen Schweizer stolperten. Seither gibt’s in Deutschland T-Shirts zu kaufen, auf denen “4:2″ oder “Danke Schweiz” steht. Bei Anhängern von Union oder Dynamo erfreuen sich die ganz besonderer Beliebtheit, - was möglicherweise einiges über die politischen Tendenzen aussagt, die bei der Stammklientel der besagten Klubs vorherrschen. Nach dem Spiel esse ich eine Brezel und leere einen halben Liter Bier in einem Zug. Das Zeug klebt irgendwie am Gaumen und schmeckt ein wenig bitter. Es ist immer noch heiss, aber die Wolken haben sich verzogen und der Himmel über dem Stadion leuchtet blau. Eine zu braun gebrannte Blondine mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel, die aussieht wie die Mädels in dem Film “Manta, Manta” steht unter einem Sonnenschirm und verkauft Dauerkarten. Wir sitzen in der Mixed Zone im Gras und ich rauche eine Zigarette. Christian Wörns kommt vorbei und Niels schlägt im Spass vor, ihn irgendwas über Klinsmann zu fragen: “Der nützt doch sicher jede Glegenheit, um irgendwelchen Schwachsinn rauszulassen” - “Wir könnten ihm auch ohne Vorwarnung in die Beine grätschen”, erwidere ich, aber Wörns geht bereits zum Bus. Die Spieler von Borussia Dortmund verteilen Autogramme; geduldig wie Tiere stehen sie vorne am Zaun und schreiben ihre Namen auf Kartons, Poster, Postkarten und Trikots.

Als wir ebenfalls zum Ausgang laufen, trottet Alex Frei neben uns her. Er trägt eine äusserts metrosexuelle Umhängetasche aus schwarzem Nylon und sieht aus, wie einer von diesen luftigen Sommer-Techno-Typen an der Love-Parade. “Alex, Alex, bring ‘nen Edding mit!” ruft ein Typ mit Dortmund-Schal und Frei hält demonstrativ den Stift in die Höhe. - “Du bist mein absoluter Lieblinsspieler” tönt es daraufhin vom Gitter her, doch Alex Frei guckt bloss rüber, macht “Bof…”, winkt ab und zuckt mit dem Schultern. Offensichtlich ist ihm das alles egal, er tut seinen Job, mehr nicht, aber was soll man sonst von ihm verlangen - er ist ein moderner Söldner, ein gut bezahlter Angestellter einer Traumfabrik namens Borussia Dortmund. Und die ist weit weg von der Welt da draussen, der Welt der Altglassammler, der Hartz IV-Empfänger, der Bierfahnen, der geschlagenen Männer, deren Gesichter vor allem eines verkünden: mit uns ist kein Staat mehr zu machen. Was ihnen bleibt, sind die rissigen Betonstufen des Union-Stadions, wo die letzten Fans in ihren rotweissen T-Shirts stehen, die Hand zur Faust recken und immer wieder rufen: “Und niemals vergessen: Eisern Union!”

Krieg der Welten

Wednesday, July 19th, 2006

Ich schalte den Computer ein und stelle fest, dass sich der Krieg ausgeweitet hat. Auf Spiegel - Online schrieben sie, dass die Bodentruppen der israelische Armee in den Libanon eingerückt sind.  Frage: kann dies das Ende sein? Oder ist es das Ende? Warum eigentlich nicht, denke ich. Nehmen wir mal an, Israelis und Syrer geraten aneinander, woraufhin die IDF Damaskus bombardiert. Dann müsste der Verrückte im Iran bloss ein paar von seinen mit prosaischen Namen versehenen Mittelstreckenraketen auf Tel Aviv und Haifa abschiessen und wir hätten einen so genannten Full Scale War. Auf den folgt dann das übliche Terror-Tohuwabohu mit martialisch angekündigten Selbstmordattentaten in den westlichen Metropolen.

In Berlin gab es sogar schon die ersten kleinen Demonstrationen - es ist ja seit dem ersten Golfkrieg Usus geworden bei jedem militärischen Konflikt im Nahen Osten unüberlegt auf die Strasse zu rennen und “Bush, du Schwein”, “Sharon = Hitler” oder “Israel + USA = Terror State” auf Pappschilder zu malen. Ich selbst habe mich da immer zurückgehalten. Die Welt ist zu kompliziert, als dass man sie auf ein paar griffige Parolen reduzieren kann. Bei der taz, wo ich zur Zeit arbeite, gehen die Wogen ebenfalls hoch. Ein Redakteur im Inlandteil hat eine Israelfahne auf dem Tisch stehen. Ein anderer trägt ein Palästinensertuch. Die radikal konträren Ansichten der beiden sind symptomatisch für die Uneinigkeit der deutschen Linken bei der Bewertung des Nahost-Konfliktes: hin- und hergerissen zwischen der aus kollektivem Schuldbewusstsein entstandenen Israelsolidarität einerseits und der antiimperialistisch motivierten Palästinatümmelei andererseits will den Genossen einfach keine entgültige Analyse gelingen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Karl Marxsche Instant- Geschichtslehre mit ihrem  schablonenhaften  Full-Frontal-Materialismus einem derart vielschichtigen Konflikt wie demjenigen im Nahen Osten, niemals gerecht werden kann.

Sowieso scheinen sich die meisten Leute, wenn es denn um das magische Viereck Israel-Palästina-Irak-USA geht, ziemlich schnell von allen Formen des Descartschen Realismus zu entfernen. Stattdessen lassen sie dann den dumpfen Emotionen freien Lauf. Der ewige Krieg in Nahost ist ein Thema der Tränen und des Hasses, ein Sujet, welches auch bei eigentlich Unbeteiligten  zu wütenden Reaktionen führt. Beispiel: wer damals im Genf des Jahres 2003 nicht gegen den Irakkrieg war, wurde von den selbsterklärten Basisdemokraten der Attac gleich mal als Faschist bezeichnet. Ich fand das lustig, hab mich aber bloss gefragt, weshalb die Leute bei dem Thema gleich an die Decke gehen. Erklärungen gibt es ja genug: latenter Antisemitismus, Araberhass, unausgegorener Antiimperialismus oder ganz einfach die romantische Suche nach einem Ideal, die sich dann in der Verklärung des Judenstaates oder der ernst gemeinten Betitelung von PLO oder Hizbolla als Befreiungsbewegungen ausdrückt.  Die ganze Oberflächlichkeit der Menschheit scheint sich am Nahostkonflikt aufzureiben und manchmal frag ich mich, ob sich die Bibel nicht doch recht hat. Dort steht nämlich irgendwo “Israel, du sollst den Völkern dieser Welt ein Prüfstein sein” oder so etwas ähnliches.

Aber worum geht es eigentlich? Um böse und gut? Was bleibt ohne all den ideologischen Ballast? 1997 flog ich zum letzten Mal nach Israel. An was ich mich erinnere? An rote Egged-Busse, viel Staub und leere Petflaschen, atemberaubend schöne Soldatinnen in Kampfanzügen und Spitzen-BH’s, die Bettler in der Jerusalemer Altstadt, ein paar marlbororauchende Palästinensische Jugendliche in Nazareth, (deren Adressen ich längst verloren hab), Souvenir-Shops mit Arafat-Konterfeis, den Fussballmatch Maccabi Haifa gegen Paris Saint-Germain, die klinisch sauberen Mauern von Akko, den Schnee auf dem Golan und Bombenalarm im Tel Aviver Busbahnhof. Ich war 17 und in einem Land, das ich nicht kannte und das mich partiell überforderte. Jetzt hocke ich bei der taz, es Berlin 2006 und der Krieg findet auf dem Bildschirm statt. Vielleicht sollten wir uns alle ein wenig abkühlen.

Twenty Four Hour Party People

Tuesday, July 18th, 2006

Ich sitze bei Phil auf dem Sofa und lese in einer alten Ausgabe des Fussballmagazins 11 freunde einen Artikel über das französische Wunderteam von 1984. Damals hatte ein Genie namens Michel Platini die Blauen zum Europameistertitel geführt. Phil spielt Command and Conquer am Computer. “Sag mal Phil”, frage ich, “Was würdest du sagen: wer von beiden war grösser, Platini oder Zidane?” Phil überlegt kurz, dann wippt er mit dem Kopf und redet sich irgendwie raus, in dem er auf Pierre verweist. “Also wenn du Pierre fragst, dann sagt der ganz sicher Platini. Ganz sicher. Und das hat nix mit Zidanes Abgang zu tun, weisst du.” - “Warum sagst du das?” will ich wissen.  - “Was?” - “Warum redest du von Zidanes Abgang?” - “Weil Pierre geweint hat, nachdem Zidane vom Platz gegangen war”. Phil räuspert sich und kratzt sich am Kopf. “Pierre fand die Sache mit Zidane viel schlimmer als die Niederlage. Niederlagen vergesse man, hat er dann gesagt, das nächste Spiel gegen Italien käme ja schon bald. Zidanes Kopfstoss hingegen bleibe für die Ewigkeit.” - “Aha”, mache ich und verstehe - schliesslich bin ich Fussballfan und zum Fussballfansein gehört die überhöhung der Tragödie und der leidensfähigkeit. Fussballfans sind eigentlich die Schiiten des Sports, denke ich: Sie warten und warten auf die Rückkehr des letzten Kalifen und kasteien sich bis dahin mit den Seelenschmerzen des andauernden Misserfolgs.

Doch die WM ist seit einer Woche vorbei und der Schmerz klingt langsam ab. Dafür breitet sich die sommerliche Leere aus. Wir übertünchen sie mit Musik und billigem Alkohol. “Fuck Forever”, immer wieder, bei offenem Fenster und Jägermeister aus der Flasche. Tagsüber schauen wir uns dann Russ Meyers Faster Pussycat, Kill, Kill an. “In Russ Meyers Welt sind die Frauen aktiv, die Männer hingegen bloss passiv. Auch in sexueller Hinsicht”, sagt Jules, ein Freund aus Wien, der übers Wochenende bei uns in Berlin ist. “Find ich gut” erwidert Julien, der draussen auf dem Balkon eine Zigarette raucht. Ich kenne Jules aus gemeinsamen Genfer Zeiten, ich habe ihn dort mal mit einer Kaution aus dem Gefängnis geholt, nachdem er die dämliche Idee gehabt hatte, im Rotlichtbezirk des Paquis wahllos Nummernschilder von tiefergelegten Sportwagen abzureissen. Die Sportwagen gehörten den lokalen Bordellbesitzern, die natürlich alles andere als zimperlich waren und Jules vor die Wahl stellten: “Entweder wir rufen die Bullen - oder aber wir machen das auf unsere Weise”. Jules entschied sich für die Bullen. Gott sei Dank.

Jetzt hockt er da in Phils Wohnzimmer und surft auf irgendwelchen Internetseiten. Später gehen wir dann alle zu mir, trinken und feiern bis in die Morgenstunden. Und so geht es weiter, immer wieder, jeden Tag, jeden verdammten Abend. Es ist ein Flirt mit der andauernden Besinnungslosigkeit, der nur hin und wieder von wachen Momenten unterbrochen wird. In solchen Augenblicken schmerzt dann mein Magen und ich kriege den Eindruck, mein Kopf sei aus Stein. Ich verdamme mich und beschliesse einmal mehr, mein Leben zu ändern. Aber daraus wird natürlich nichts. Am Sonntag ist dann endlich alles vorrüber. Nachdem wir bis in die frühen Morgenstunden mit dem Onkel meiner Nachbarin, der in Paris Filme produziert im August Fengler gesessen sind und warmen Wodka getrunken haben, falle ich in einen komatösen Schlaf. Irgendwann weckt mich Jules, der in mein Zimmer kommt, den Fernseher anwirft und sich eine Zigarette anzündet. “Komm schon, steh auf”, ruft er lachend. “Im nahen Osten herrscht Krieg.” Fehlen nur noch die Happy Mondays mit Twenty Four Hour Party People denke ich und drehe mich weg.

Ein Hauch von 1998

Friday, July 7th, 2006

Frankreich wird gegen Italien um den Weltmeistertitel spielen und ein Hauch von 1998 liegt in der feuchten Berliner Hitze. Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit erinnern, die nach dem Endspiel in Paris begonnen hatte und irgendwann zwischen 2000 und 2001 zu Ende ging. Damals stemmten Laurent Blanc und Didier Deschamps die Trophäe in die Höhe, Jospin und die Sozialisten regierten und in der Hitparade stand dieser komische Song von Liquido, zu dem alle wild hüpften. Ich war 18, 19 und 20 - je nach Jahr - und ging in Bern zur Schule. Bern war genügsam und rückblickend betrachtet irgendwie herrlich provinziell. Damals sah ich das natürlich anders und wollte bloss weg. Ich fuhr zweimal nach Paris und fand das - gaub’ ich sehr schön - schwitzte mich mit Kumpels auf Interrail-Tour von Barcelona nach Bergen und formulierte genau denjenigen naiven Absolutheitsanspruch, den jede Jugend vorrübergehend als Banner vor sich herträgt: ich will Idealist sein, der eigenen Existenz einen Sinn verleihen und die totale, radikale Liebe finden.

Jahre später quäle ich mich durch einen neuen Jahrhundert - Sommer (denn inzwischen wird ja jedes Jahr beinahe ein Hitzerekord aufgestellt) und warte auf die Zukunft, die vielleicht gar nicht mehr passiert. Vielleicht ist das Spektakuläre nur furchtbar unspektakulär geworden. Oder aber die Zeiten haben sich geändert. Erst kam die Börsenbaisse, dann die Anschläge in New York, das peinliche Vorrundenaus in Korea, schliesslich die paar Kriege und die damit verbundene Flucht in die luftige Lounge des Relativismus. Bloss keine Ernsthaftigkeit. Aber das macht nichts, denn hin und wieder füllen sie dir trotz allem deinen Drink auf. Ich sitze dann vor dem Visite ma Tente an der Schwedter - Strasse und rauche den krümeligen Rest eines Joints, den Julien liegen liess um jubelnd aufzuspringen. Jetzt hüpft er da vorne rum und singt mit den anderen Franzosen: “On est en finale, on est en final, on est on est on est en finale.” Ich sehe mich um: die Reste eines Charguterie - Tellers stehen umher, leere Kronenbourg - Flaschen werden getreten, Bänke fallen und rigendwer ruft. “Zidane ohohohoo!”

Die Franzosen liegen sich in den Armen. Selbst in der Vostädten von Paris, diesen trostlosen Betonwüsten, tanzen die Jugendlichen mit der Tricolore in den Händen. Dort wo vor Monaten Autos und Geschäfte brannten, gibt nun der Mythos vom Black - Blanc - Beur wieder ein Lebenszeichen von sich. Das Land labt sich am unumstösslichen Ideal einer laizistischen Republik, welche die Menschen unterschiedlicher Kulturen, Rassen und Religionen unter dem Banner der französischen Nation und den Klängen der Marseillaise als gleichwertige Citoyens vereinigt. Schön wärs. Doch die Realität sieht anders aus: düsterer, ältlicher und furchtbar müde. Das Land hat harte Zeiten hinter sich. Soziale Unruhen, Streiks und politische Skandale schütteln das Hexagon wie Fieberkrämpfe. Gut, dass man dies wenigstens während der Weltmeisterschaft vergessen kann, aber die Zukunft hält unangenehme Dinge bereit: den Präsidentschaftwahlkampf beispielsweise, der die Nachfolge des senilen Jacques Chirac klären soll. Der macht die Misere deutlich: während sich die potentiellen Nachfolger gegenseitig zerfleischen, wenden sich die Bürger der Republik voller Degout ab.

Wer die französischen Spieler nach dem Sieg gegen Portugal beobachtet hat, der kann vielleicht ahnen, wie es um den Gemütszustand der Grande Nation steht: So richtig ausgelassen gefreut hat sich nämlich keiner. Gesichter voller Stolz. Aber auch voller Müdigkeit. Es sind die alten Helden ohne Zukunft, die es noch einmal wissen wollen. Die Männer von 1998 auf einer glorreichen Abschiedstournee. “Bonjour Nostalgie” sollte er heissen, dieser kurze Sommernachtstraum für ein schwer atmendes Land.

The End has no End

Monday, July 3rd, 2006

Die Strokes spielen in Berlin und ich gehe hin. Nach zwei Stunden Musik sitze ich dann am Ufer der Spree, schaue nach Friedrichshain rüber und rauche Zigaretten. Am Abend zuvor war die Schweizer Nationalmannschaft ausgeschieden, nach einem völlig missratenen Penaltyschiessen gegen die Ukraine. Keinen einzigen Elfer haben unsere Jungs im Tor untergebracht; so was ist WM - Rekord. Meine Kumpels, die sich das Spiel als neutrale Beobachter angesehen haben, sprachen nachher von einer grauenvollen Partie. Ich weiss nicht, ob das stimmt, glaube es ihnen aber gerne. Irgendwie passt das alles ja zusammen: elf verklemmte Schweizer stolpern aus Angst vor dem eigenen Erfolg gegen eine mediokre Auswahl aus Kiew und Donezk dem bitteren Ende in Peinlichkeit entgegen - ich hätte es wissen müssen. Stattdessen habe ich geglaubt, alles würde anders: dynamischer, schneller, frecher und irgenwie auch ästhetischer.

Nun hocke ich an der Spree und glaube in meinem Spiegelbild unseren viel gescholtenen Nationalcharakter zu erkennen: wir sind diskret, wir sind höflich, wir sind unglaublich effizient und leistungsstark im Stillen - aber wehe irgendwer stellt uns ins Rampenlicht: dann werden wir ganz schnell zu unbeholfenen Angsthasen die nur darauf warten, geduckten Hauptes von der grossen Bühne zu schleichen. Hauptsache keiner merkts. Bin ich auch so? Natürlich. Ansonsten würde ich das alles ja gar nicht schreiben. Der ewige Selbstzweifel ist Teil von uns. Ob er mehr Gutes oder Schlechtes mit sich bringt, sei dahingestellt. Vielleicht kann ja Julian Casablancas was dazu sagen. Als ich nach dem Konzert auf dem Weg zur Strandbar am Hintereingang der Berlin Arena vorbeikomme, laufe ich beinahe in den Sänger der Strokes. Er macht eine Art entschuldigende Geste, ich erwidere das ohne etwas zu sagen und gehe weiter. Die deutschen Groupies hingegen, die die ganze Zeit über um den Tourbous herschleichen, stürzen sich unter hysterischem Geheul auf ihn. In der Schweiz wäre das unter Umständen nicht passiert, wer weiss.

Ein paar Tage später schickt Frankreich die Brasilianer nch Hause und diesmal sind die Franzosen dran mit Feiern. Während Phil und Maxim mit einer Trikolore aus Stoff in den Händen die Schwedterstrasse entlang rennen und in akzentgefärbtem Deutsch “Ohne Brasilien, fahren wir nach Berlin!” singen, ruft mich Dave aus der Schweiz an. “Ha, ha”, ruft er, “jetzt sind die auch raus. Das ist die Quittung für den ganzen Zirkus, den sie bei ihrem Trainingslager in Weggis veranstaltet haben!” Ich stimme ihm zu und merke, dass es trotz allem weitergeht. Wenn die eigene Mannschaft rausfliegt, kommt die Zeit der Schadenfreude: jeder Grosse, der ausscheidet, wird mit Spott und Hohn überschüttet. Egal ob grossmäulige Brasilianer, arrogante Franzosen oder vor Selbstbewusstsein strotzende Deutsche: jeder Stolperer wird hämisch beklatscht von uns Keinen, die soweiso nie etwas gewinnen. Man mag es Minderwertigkeitskomplex nennen - ich bezeichne es ganz einfach als angenehmen Zeitvertreib: wenn es für uns vorbei ist, freuen wir uns über die Enden der anderen, denn: the End has no End.