Génération Désenchantée
Monday, July 31st, 2006Ich sitze im Pong und mache mir Gedanken über meine Zukunft. Dabei fällt mir - ehrlich gesagt - gar nicht viel anderes ein, als der ganze Generation - Praktikum - Müll, den sich irgendwelche Feuilletonisten vor ein paar Jahren aus den Fingern gesogen haben, um mich und meine Altersgenossen in Kollektivhaftung zu nehmen: ja, ja, wir machen alle Praktika, obwohl wir ganz tolle Ausbildungen hinter uns haben und hunderttausend Sprachen sprechen. Wir haben riesig viel investiert und mindestens vier Jahre unseres Lebens in schlecht belüfteten Hörsälen verbracht, bloss um die nächsten vier als kriechende Gussputzer der Medienbranche zu verbringen - und dies alles ohne dafür bezahlt zu werden, versteht sich. Mit anderen Worten: wir sind nichts anderes als verdammte Opfer, wehrlose, dumme Opfer! “So ein Schwachsinn”, denke ich und spicke eine zu Ende gerauchte Davidoff, die ich Julien ausgerissen habe, mit den Fingerspitzen in die Mitte des Raums. Ich bin kein Opfer, ich bin Täter - schliesslich habe ich mich ja für all das entschieden. Ansonsten hätte ich nicht herzukommen brauchen, hätte ruhig in Bern hocken bleiben können, auf einem anständigen Lohn und der Aussicht auf eine mittelmässige Karriere als neurotischer Kleinstadtyuppie. “Pfui Teufel”, sage ich zu mir selbst, ganz leise nur aber offenbar trotzdem laut genug für Phils Ohren. “Was denn?” fragt der und schaut mich kritisch an, zieht die Augenbrauen zusammen und lässt die Mundwinkel hängen. “Ist was?” Ich schüttle den Kopf und sage irgendetwas Banales. Aber Phil hört sowieso nicht mehr hin. Er springt auf, greift nach seinem Ping Pong - Schläger und fängt an, wie wild um die grüne Tischtennisplatte zu rennen, die im vorderen Teil des Pong steht. Dabei ist er nicht allein, rund zwanzig Leute tun nämlich das gleiche. Sowas nennt man dann einen Rundlauf.
Ich habe jetzt zwei Monate bei der taz hinter mir und ehrlich gesagt keine Ahnung, ob ich zum Journalisten tauge. Tagesjournalismus ist einfach Fliessbandarbeit, bei der es in erster Linie darum geht, quasi vorproduzierte Textfragmente zu einer Art Geschichte zusammenzusetzten, deren lyrische Frische am ehesten mit derjenigen vakuumverpackter Käsescheiblettchen aus dem Extra zu vergleichen ist. Macht das Spass? Keine Ahnung, vielleicht ja, vielleicht nein. Man muss trotz allem bedenken, dass es schlimmere Jobs gibt. Schreiben ist doch eigentlich ganz nett. Bloss: was wird, wenn die Nettigkeit unter der Routine verschwindet? Wenn sie regelrecht aufgefressen wird? Bin ich dann ausgebrannt? Ein Ping - Pong - Ball prallt knapp zehn Zentimeter neben meinem Kopf von der Wand und fällt mit einem trockenen Klacken auf den Betonboden. Phil setzt sich neben mich, er hat zwei Ricard in der Hand und hält mir einen hin. Ich trinke und höre, wie Phil irgendetwas über seine Arbeit sagt. “Was?” frage ich und jetzt wird er lauter: “Ich will mir ein weiteres Standbein schaffen” ruft er und weil ich nicht kapiere worauf er hinaus will, frag’ ich nochmal “Was?”. - “Wegen der Arbeit”, höre ich ihn sagen und nicke. - “So. was denn?” will ich wissen, nachdem Phil einen Augenblick lang nichts mehr gesagt hat, aber er winkt bloss ab. “Eigentlich will ich gar nicht mehr als Journalist arbeiten” sagt er dann nach einer Weile. “Aber was soll ich tun? Ich meine, wenn ich wollte könnte ich nach Frankreich zurück um dort in der Raumplanung zu arbeiten. Als Funktionär, in der Provinz. Aber wer will das schon? Ich jedenfalls nicht” - “Komm schon”, erwidere ich in einem Anflug von verzweifelter Witzigkeit, “da verdienst du wenigstens ordentlich und kannst die Töchter der lokalen Bourgeoise flachlegen.” Ich weiss sofort, dass die Bemerkung eigentlich dämlich ist. Phil lacht trotzdem, wenn auch gequält.
Ich erinnere mich an den Vorabend, als wir in Phils Wohnung sassen und Rosewein tranken. Draussen fing die fast subtropisch - heisse Nacht an, und der Alkohol füllte meinen ausgetrockneten Körper mit dumpfer Müdigkeit. Ein Typ der sich als Gunnar vorstellte, aber eigentlich Günther hiess fragte plötzlich ganz unverbindlich in die Runde: “Sagt mal, was macht ihr eigentlich in Berlin?” Eigentlich hätten wir alle “Nichts!” rufen können, aber stattdessen zog jeder von uns irgendwelche Erklärungen an den Haaren herbei, um seinem Tun einen tieferen Sinn zu geben. Bei mir war’s die “Erfahrung” sowie die Tatsache, dass ich damit “einen Fuss in die Türe krieg”. Wenn ich richtig darüber nachdenke, dann kommen mir solche Argumente wie eine Kapitulationserklärung vor: händeringend das eigene Scheitern erklären und gleichzeitig so tun als betreibe man gerade aussichtsreiches Career-Networking! Oh la la, wie arm… Aber ehe ich irgendetwas unüberlegtes sagte, kam mir Phils Arbeitskollegin Jennifer zuvor. “Wir leben von der Hand in den Mund”, sagte sie und grinste - ganz so, als ob sie das bloss ironisch gemeint hätte. Gunnar fand’s offenbar auch lustig, er hat nämlich gelacht. Dabei war es bitterer Ernst. Wir sind die Bohème, denke ich und die Bohème ist ein mit Idealen besticktes Hungertuch ohne Zukunft. Sind wir unter Umständen einfach nur nutzlos? Gibt es irgendetwas auf der Welt, das ohne mein Zutun nicht mehr funktionieren würde? Nein, natürlich nicht. Wir sind ein Luxusgut, von dem die westliche Gesellschaft in ihrer dekadenten Spätphase glaubt, sie könne es sich leisten. In Tat und Wahrheit aber ist weit und breit keiner bereit, uns dafür zu bezahlen. Wäre die Welt ein konsequenter Ort, dann sässen wir den ganzen Tag über an der Riviera und erzählten uns Geschichten. Stattdessen hocke ich aber auf einem abgeriebenen Holzstuhl im Pong, und trinke Ricard aus einem Plastikbecher. What a shame. Jetzt spielen sie Mylène Farmer, einen Remix von “Désenchantée.” Generation Désenchantée - ja, ja, uns geht’s allen schlecht. Blödes Gejammer. Ich raffe mich auf. “Eigentlich braucht es uns gar nicht” sage ich dann und Phil, der inzwischen aus dem Ping-Pong - Rundlauf geflogen ist, haut mir joval auf die Schulter: “Unsinn” ruft er “Such dir eine Frau und eine Job. dann wirst du glücklich!” Er springt auf, fängt an zu tanzen und sein entrücktes Lachen lässt erahnen, wie ernst ihm die vorherige Aussage war - nämlich gar nicht.
