Ein Hauch von 1998
Frankreich wird gegen Italien um den Weltmeistertitel spielen und ein Hauch von 1998 liegt in der feuchten Berliner Hitze. Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit erinnern, die nach dem Endspiel in Paris begonnen hatte und irgendwann zwischen 2000 und 2001 zu Ende ging. Damals stemmten Laurent Blanc und Didier Deschamps die Trophäe in die Höhe, Jospin und die Sozialisten regierten und in der Hitparade stand dieser komische Song von Liquido, zu dem alle wild hüpften. Ich war 18, 19 und 20 – je nach Jahr – und ging in Bern zur Schule. Bern war genügsam und rückblickend betrachtet irgendwie herrlich provinziell. Damals sah ich das natürlich anders und wollte bloss weg. Ich fuhr zweimal nach Paris und fand das – gaub’ ich sehr schön – schwitzte mich mit Kumpels auf Interrail-Tour von Barcelona nach Bergen und formulierte genau denjenigen naiven Absolutheitsanspruch, den jede Jugend vorrübergehend als Banner vor sich herträgt: ich will Idealist sein, der eigenen Existenz einen Sinn verleihen und die totale, radikale Liebe finden.
Jahre später quäle ich mich durch einen neuen Jahrhundert – Sommer (denn inzwischen wird ja jedes Jahr beinahe ein Hitzerekord aufgestellt) und warte auf die Zukunft, die vielleicht gar nicht mehr passiert. Vielleicht ist das Spektakuläre nur furchtbar unspektakulär geworden. Oder aber die Zeiten haben sich geändert. Erst kam die Börsenbaisse, dann die Anschläge in New York, das peinliche Vorrundenaus in Korea, schliesslich die paar Kriege und die damit verbundene Flucht in die luftige Lounge des Relativismus. Bloss keine Ernsthaftigkeit. Aber das macht nichts, denn hin und wieder füllen sie dir trotz allem deinen Drink auf. Ich sitze dann vor dem Visite ma Tente an der Schwedter – Strasse und rauche den krümeligen Rest eines Joints, den Julien liegen liess um jubelnd aufzuspringen. Jetzt hüpft er da vorne rum und singt mit den anderen Franzosen: “On est en finale, on est en final, on est on est on est en finale.” Ich sehe mich um: die Reste eines Charguterie – Tellers stehen umher, leere Kronenbourg – Flaschen werden getreten, Bänke fallen und rigendwer ruft. “Zidane ohohohoo!”
Die Franzosen liegen sich in den Armen. Selbst in der Vostädten von Paris, diesen trostlosen Betonwüsten, tanzen die Jugendlichen mit der Tricolore in den Händen. Dort wo vor Monaten Autos und Geschäfte brannten, gibt nun der Mythos vom Black – Blanc – Beur wieder ein Lebenszeichen von sich. Das Land labt sich am unumstösslichen Ideal einer laizistischen Republik, welche die Menschen unterschiedlicher Kulturen, Rassen und Religionen unter dem Banner der französischen Nation und den Klängen der Marseillaise als gleichwertige Citoyens vereinigt. Schön wärs. Doch die Realität sieht anders aus: düsterer, ältlicher und furchtbar müde. Das Land hat harte Zeiten hinter sich. Soziale Unruhen, Streiks und politische Skandale schütteln das Hexagon wie Fieberkrämpfe. Gut, dass man dies wenigstens während der Weltmeisterschaft vergessen kann, aber die Zukunft hält unangenehme Dinge bereit: den Präsidentschaftwahlkampf beispielsweise, der die Nachfolge des senilen Jacques Chirac klären soll. Der macht die Misere deutlich: während sich die potentiellen Nachfolger gegenseitig zerfleischen, wenden sich die Bürger der Republik voller Degout ab.
Wer die französischen Spieler nach dem Sieg gegen Portugal beobachtet hat, der kann vielleicht ahnen, wie es um den Gemütszustand der Grande Nation steht: So richtig ausgelassen gefreut hat sich nämlich keiner. Gesichter voller Stolz. Aber auch voller Müdigkeit. Es sind die alten Helden ohne Zukunft, die es noch einmal wissen wollen. Die Männer von 1998 auf einer glorreichen Abschiedstournee. “Bonjour Nostalgie” sollte er heissen, dieser kurze Sommernachtstraum für ein schwer atmendes Land.