Twenty Four Hour Party People

Ich sitze bei Phil auf dem Sofa und lese in einer alten Ausgabe des Fussballmagazins 11 freunde einen Artikel über das französische Wunderteam von 1984. Damals hatte ein Genie namens Michel Platini die Blauen zum Europameistertitel geführt. Phil spielt Command and Conquer am Computer. “Sag mal Phil”, frage ich, “Was würdest du sagen: wer von beiden war grösser, Platini oder Zidane?” Phil überlegt kurz, dann wippt er mit dem Kopf und redet sich irgendwie raus, in dem er auf Pierre verweist. “Also wenn du Pierre fragst, dann sagt der ganz sicher Platini. Ganz sicher. Und das hat nix mit Zidanes Abgang zu tun, weisst du.” – “Warum sagst du das?” will ich wissen.  – “Was?” – “Warum redest du von Zidanes Abgang?” – “Weil Pierre geweint hat, nachdem Zidane vom Platz gegangen war”. Phil räuspert sich und kratzt sich am Kopf. “Pierre fand die Sache mit Zidane viel schlimmer als die Niederlage. Niederlagen vergesse man, hat er dann gesagt, das nächste Spiel gegen Italien käme ja schon bald. Zidanes Kopfstoss hingegen bleibe für die Ewigkeit.” – “Aha”, mache ich und verstehe – schliesslich bin ich Fussballfan und zum Fussballfansein gehört die überhöhung der Tragödie und der leidensfähigkeit. Fussballfans sind eigentlich die Schiiten des Sports, denke ich: Sie warten und warten auf die Rückkehr des letzten Kalifen und kasteien sich bis dahin mit den Seelenschmerzen des andauernden Misserfolgs.

Doch die WM ist seit einer Woche vorbei und der Schmerz klingt langsam ab. Dafür breitet sich die sommerliche Leere aus. Wir übertünchen sie mit Musik und billigem Alkohol. “Fuck Forever”, immer wieder, bei offenem Fenster und Jägermeister aus der Flasche. Tagsüber schauen wir uns dann Russ Meyers Faster Pussycat, Kill, Kill an. “In Russ Meyers Welt sind die Frauen aktiv, die Männer hingegen bloss passiv. Auch in sexueller Hinsicht”, sagt Jules, ein Freund aus Wien, der übers Wochenende bei uns in Berlin ist. “Find ich gut” erwidert Julien, der draussen auf dem Balkon eine Zigarette raucht. Ich kenne Jules aus gemeinsamen Genfer Zeiten, ich habe ihn dort mal mit einer Kaution aus dem Gefängnis geholt, nachdem er die dämliche Idee gehabt hatte, im Rotlichtbezirk des Paquis wahllos Nummernschilder von tiefergelegten Sportwagen abzureissen. Die Sportwagen gehörten den lokalen Bordellbesitzern, die natürlich alles andere als zimperlich waren und Jules vor die Wahl stellten: “Entweder wir rufen die Bullen – oder aber wir machen das auf unsere Weise”. Jules entschied sich für die Bullen. Gott sei Dank.

Jetzt hockt er da in Phils Wohnzimmer und surft auf irgendwelchen Internetseiten. Später gehen wir dann alle zu mir, trinken und feiern bis in die Morgenstunden. Und so geht es weiter, immer wieder, jeden Tag, jeden verdammten Abend. Es ist ein Flirt mit der andauernden Besinnungslosigkeit, der nur hin und wieder von wachen Momenten unterbrochen wird. In solchen Augenblicken schmerzt dann mein Magen und ich kriege den Eindruck, mein Kopf sei aus Stein. Ich verdamme mich und beschliesse einmal mehr, mein Leben zu ändern. Aber daraus wird natürlich nichts. Am Sonntag ist dann endlich alles vorrüber. Nachdem wir bis in die frühen Morgenstunden mit dem Onkel meiner Nachbarin, der in Paris Filme produziert im August Fengler gesessen sind und warmen Wodka getrunken haben, falle ich in einen komatösen Schlaf. Irgendwann weckt mich Jules, der in mein Zimmer kommt, den Fernseher anwirft und sich eine Zigarette anzündet. “Komm schon, steh auf”, ruft er lachend. “Im nahen Osten herrscht Krieg.” Fehlen nur noch die Happy Mondays mit Twenty Four Hour Party People denke ich und drehe mich weg.

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