Krieg der Welten

Ich schalte den Computer ein und stelle fest, dass sich der Krieg ausgeweitet hat. Auf Spiegel – Online schrieben sie, dass die Bodentruppen der israelische Armee in den Libanon eingerückt sind.  Frage: kann dies das Ende sein? Oder ist es das Ende? Warum eigentlich nicht, denke ich. Nehmen wir mal an, Israelis und Syrer geraten aneinander, woraufhin die IDF Damaskus bombardiert. Dann müsste der Verrückte im Iran bloss ein paar von seinen mit prosaischen Namen versehenen Mittelstreckenraketen auf Tel Aviv und Haifa abschiessen und wir hätten einen so genannten Full Scale War. Auf den folgt dann das übliche Terror-Tohuwabohu mit martialisch angekündigten Selbstmordattentaten in den westlichen Metropolen.

In Berlin gab es sogar schon die ersten kleinen Demonstrationen – es ist ja seit dem ersten Golfkrieg Usus geworden bei jedem militärischen Konflikt im Nahen Osten unüberlegt auf die Strasse zu rennen und “Bush, du Schwein”, “Sharon = Hitler” oder “Israel + USA = Terror State” auf Pappschilder zu malen. Ich selbst habe mich da immer zurückgehalten. Die Welt ist zu kompliziert, als dass man sie auf ein paar griffige Parolen reduzieren kann. Bei der taz, wo ich zur Zeit arbeite, gehen die Wogen ebenfalls hoch. Ein Redakteur im Inlandteil hat eine Israelfahne auf dem Tisch stehen. Ein anderer trägt ein Palästinensertuch. Die radikal konträren Ansichten der beiden sind symptomatisch für die Uneinigkeit der deutschen Linken bei der Bewertung des Nahost-Konfliktes: hin- und hergerissen zwischen der aus kollektivem Schuldbewusstsein entstandenen Israelsolidarität einerseits und der antiimperialistisch motivierten Palästinatümmelei andererseits will den Genossen einfach keine entgültige Analyse gelingen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Karl Marxsche Instant- Geschichtslehre mit ihrem  schablonenhaften  Full-Frontal-Materialismus einem derart vielschichtigen Konflikt wie demjenigen im Nahen Osten, niemals gerecht werden kann.

Sowieso scheinen sich die meisten Leute, wenn es denn um das magische Viereck Israel-Palästina-Irak-USA geht, ziemlich schnell von allen Formen des Descartschen Realismus zu entfernen. Stattdessen lassen sie dann den dumpfen Emotionen freien Lauf. Der ewige Krieg in Nahost ist ein Thema der Tränen und des Hasses, ein Sujet, welches auch bei eigentlich Unbeteiligten  zu wütenden Reaktionen führt. Beispiel: wer damals im Genf des Jahres 2003 nicht gegen den Irakkrieg war, wurde von den selbsterklärten Basisdemokraten der Attac gleich mal als Faschist bezeichnet. Ich fand das lustig, hab mich aber bloss gefragt, weshalb die Leute bei dem Thema gleich an die Decke gehen. Erklärungen gibt es ja genug: latenter Antisemitismus, Araberhass, unausgegorener Antiimperialismus oder ganz einfach die romantische Suche nach einem Ideal, die sich dann in der Verklärung des Judenstaates oder der ernst gemeinten Betitelung von PLO oder Hizbolla als Befreiungsbewegungen ausdrückt.  Die ganze Oberflächlichkeit der Menschheit scheint sich am Nahostkonflikt aufzureiben und manchmal frag ich mich, ob sich die Bibel nicht doch recht hat. Dort steht nämlich irgendwo “Israel, du sollst den Völkern dieser Welt ein Prüfstein sein” oder so etwas ähnliches.

Aber worum geht es eigentlich? Um böse und gut? Was bleibt ohne all den ideologischen Ballast? 1997 flog ich zum letzten Mal nach Israel. An was ich mich erinnere? An rote Egged-Busse, viel Staub und leere Petflaschen, atemberaubend schöne Soldatinnen in Kampfanzügen und Spitzen-BH’s, die Bettler in der Jerusalemer Altstadt, ein paar marlbororauchende Palästinensische Jugendliche in Nazareth, (deren Adressen ich längst verloren hab), Souvenir-Shops mit Arafat-Konterfeis, den Fussballmatch Maccabi Haifa gegen Paris Saint-Germain, die klinisch sauberen Mauern von Akko, den Schnee auf dem Golan und Bombenalarm im Tel Aviver Busbahnhof. Ich war 17 und in einem Land, das ich nicht kannte und das mich partiell überforderte. Jetzt hocke ich bei der taz, es Berlin 2006 und der Krieg findet auf dem Bildschirm statt. Vielleicht sollten wir uns alle ein wenig abkühlen.

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