Happiness is a Warm Gun
Friday, August 25th, 2006„Meine Freundinnen in Bordeaux waren bis vor kurzem alle in festen Händen, weißt du, ich war da als Single richtig die Ausnahme. Also eine hat ’nen festen Freund seit fast fünf Jahren, - fünf Jahre, überleg dir das mal – dann hat sie Schluss gemacht, wieso weiß ich auch nicht, aber vermutlich hatte sie einfach die Nase voll oder jemanden anderes kennen gelernt, na ja, wie auch immer; die zweite hat ihren Typen nach vier Jahren Beziehung geheiratet und steht jetzt, nach gerade mal knapp zehn Monaten Ehe vor der Scheidung, das ist bitter, nicht wahr“, Lydia macht eine kurze Pause, offenbar will sie, dass ich irgendetwas sage, ich nicke darum ein paar Mal, wiege den Kopf hin und her und wiederhole ganz einfach ihren letzten Satz: „Yeah, so was tönt wirklich bitter“ – „Eben“, fährt Lydia fort, sie spricht schnell und laut und die ansonsten weichen Zischlaute tönen bei ihr wie Papier, das gerade in Fetzen gerissen wird. Aber vielleicht liegt es an ihrer Herkunft: Bordeaux ist nicht Paris und das Französisch des Südens ein von rauschenden Konsonanten unterbrochener Singsang. „Aber dieses Mädchen, ich meine jetzt nicht die, die verheiratet war, sondern eine andere, die hat es am härtesten getroffen“, sagt sie jetzt und ich reiße einzelne Etikettenstücke von meiner Bierflasche. Es ist Mittwochabend, im Zu Mir oder zu Dir läuft nicht viel und Lydia sitzt neben mir und hört gar nicht mehr auf zu reden. Der Typ – ein Peruaner - habe sie zwei Mal betrogen, sagt sie, zwei Mal - „Wen? Dich ?“ frage ich etwas geistesabwesend, „Scheiße nein, natürlich nicht mich, eine meiner Freundinnen, sag ich doch!“ – „Und du?“ – „Was und ich?“ – „Na ja“, ich versuche das Gespräch irgendwie wieder auf eine persönliche Ebene zu hieven, „was ist eigentlich mit dir?“ sage ich einfach so, ohne wirklich zu wissen, welche Antwort ich jetzt erwarten sollte. „Phh „ macht Lydia, „ich hatte ja diese Geschichte, aber das ist jetzt vorbei. Alles vorbei.“
Ich frage nicht weiter und stehe auf um Drinks zu holen. Als ich zurückkomme, macht Lydia ihr finales Statement und sagt: „Ich glaube nicht, dass man richtig glücklich werden kann“. Solche Worte wiegen natürlich furchtbar schwer und bedürfen einer Erklärung, ich frage daher :“Wie meinst du das?. Sie verwirft die Hände, nimmt ein paar Mal Anlauf und sagt dann: „Weil sich die Leute nicht ein Leben lang gegenseitig lieben können. So was klappt einfach nicht.“ – „Aber bei deinen Eltern hat es doch geklappt. Die sind doch immer noch zusammen, oder?“ erwidere ich. Das sei etwas anderes, sagt Lydia, „die stammen aus einer anderen Generation“. Womöglich hat sie recht. Ich kann mich erinnern, dass sie vor ein paar Wochen einmal von ihrem Vater erzählt hat. Er sei im Krieg gewesen, wie alle Portugiesen, die in den Siebzigerjahren jung waren. Allerdings, so Lydia, habe er nie darüber geredet. „vermutlich hat er ein paar scheußliche Sachen gesehen“. Möglich wäre es, denn der Krieg, den Portugal damals in seiner südwestafrikanischen Kolonie Angola führte, war äußerst brutal gewesen: Guerilleros der marxistischen MPLA, die ganze Farmerfamilien mit Kreissägen hinrichten, Regierungssoldaten, die Dörfer samt Bewohner niederbrennen - das Wirrwarr aus afrikanischer Unabhängigkeit, amtimperialistischem Befreiungskampf und klandestinem Kräftemessen der Supermächte hat Salazars Portugal damals mit voller Wucht getroffen. Beinahe 230′000 junge Männer kämpften schmutzige Dschungelkriege in Angola, Mozambique und Guinea-Bissau, ließen sich mit Macheten die Köpfe abhacken oder wurden für den Rest ihres Lebens zu psychischen Wracks, während ihre deutschen und französischen Altersgenossen zur gleichen Zeit ein paar Pflastersteine auf Polizisten warfen, um dann nachher dreißig Jahre lang von einer „Revolution“ zu faseln. „Mein Vater“, sagt Lydia, „hat in der Militäruniform geheiratet, unmittelbar bevor er nach Afrika eingeschifft wurde. Er hat es getan um meine Mutter abzusichern. Schließlich wusste er ja nicht, ob er jemals wiederkehren würde. Es ging nicht einfach nur ums Glücklichsein, sondern ums Überleben.“
Jetzt ist alles anders und ich glaube die gleiche Geschichte zu hören, die mein Großvaters dreißig Jahre früher erlebt hatte. Salazar oder Hitler, Angola oder Russland; die Unterschiede bestehen – abgesehen von dem historisch beispiellosen Verbrechen des Holocaust - in Namen, Zahlen, Örtlichkeiten. Ansonsten bleibt der Kampf ums nackte Überleben, dessen gespenstische Ungeheuerlichkeit nur noch als Schatten einer fernen Vergangenheit über der von Wohlstandsdepressionen und Befindlichkeitsdebatten geprägten Gegenwart. Ich habe keine Ahnung, was Krieg ist. Ich sehe hin und wieder Bilder aus irgendwelchen nahöstlichen Ländern, Jungs mit Kalaschnikows und Trainerjacken oder die krümeligen schwarzgrünen Wärmebilder einschlagender Fernlenkwaffen. So what? Das ist doch alles viel zu weit weg um das Glück von der metaphysischen Ebene runter zu holen und als das zu definieren, was es früher vermutlich einmal war: Ehe, Friede, Wohlstand, ein Auto und einen Kühlschrank. Lydia fragt mich ob ich noch etwas zu Trinken möchte. Ich nicke, sie steht auf und kommt kurz darauf mit einem White Russian zurück. „Ich glaube ja nicht, dass es früher besser war“, sagt sie und setzt sich wieder auf die blaugrün gestreifte Couch. „Aber rückblickend sieht es so einfach aus: du lernst einen Jungen in der Nachbarschaft kennen, heiratest ihn und gründest eine Familie, basta!“ – „Willst du eine Familie?“ frage ich sie. „Ich. Du meinst, ob gerne mal Kinder hätte?“ Ich nicke. „Sicher will ich Kinder. Alle Frauen wollen Kinder. Eigentlich suchen wir Frauen bloß zwei Dinge: Stabilität und Kinder. Beides passt nicht in unsere Zeit. Darum sind wir unglücklich.“ – „Ist das nicht ein bisschen gar einfach als Erklärung?“ – „Natürlich ist es einfach. Aber irgendwie stimmt es ja trotzdem.“ Ich zucke mit den Schultern. Was soll ich darauf schon antworten?
Als ich um halb zwei nach Hause komme, sitz Julien auf dem Balkon und raucht einen Joint. „He Dan, hock dich hin und rauch’ noch schnell ne Zigarette“, ruft er. Ich frage ihn, wo er war, er sagt: „Bei einer Arbeitskollegen. Achtunddreißig – aber die Figur: der Hammer! Trotz zwei Kindern.“ – „Wie alt sind denn die Kinder?“ will ich wissen. „Einer ist vierzehn. Das Alter des Anderen hab ich vergessen“ – „Vierzehn?“ – „Jep. Wirkt aber älter.“ – „Und du hast mit ihr geschlafen. Mit der Mutter, meine ich.“ – „Ja“, Julien fängt jetzt an zu grinsen. „Und der Sohn hatte nix dagegen“, frage ich– „Nein hat er nicht. Ich hab ihn gefragt: Hör mal, was ist dir lieber: dass ich mit deiner Mutter ins Bett gehe oder irgend so ein fetter haariger fünfzigjähriger Sack? Da hat er dann ja gesagt.“ Julien bietet mir etwas Joint an, ich lehne dankend ab. Ich blicke auf die Schönhauserallee runter, sehe den wenigen Fahrrädern hinterher, deren Dynamos leise surren. Vielleicht sollte ich ja in die Fremdenlegion gehen, so wie Friedrich Glauser das gemacht hat. Aber die würden mich mit ziemlicher Sicherheit wieder nach hause schicken. Zu schmächtig. „Sag mal Julien“, frage ich dann. „Bist du glücklich?“ – „Was? Was laberst du da?“ höre ich ihn sagen – „Ob du glücklich bist?“ - „Glücklich? Natürlich bin ich glücklich. Ich habe mit einer gutaussehenden, sympathischen Frau geschlafen und in zwei Tagen ist Wochenende. Warum verdammt noch mal sollte ich da unglücklich sein?“