Vive la Bourgeoisie

Ich fahre mit dem ICE in Richtung Süden, Philip hat russischen Wodka und Birnensaft mitgebracht, wir trinken zwei Shot pro Haltestelle und löschen den darauffolgenden Rachenbrand mit etwas Fruchtsaft. Philip hat ein paar Zeitungen dabei, ich lese und sage: „Guck mal, die Lisa hat was in der taz gemacht“, er kontert das mit einem nicht minder blasierten „Da, lies mal is nich schlecht, bloß ein wenig feuilletonistisch“ und drückt mir ein Stück der Tapetengrossen „Zeit“ in die Hand. Wir führen uns auf wie richtige Berlin-Berlin – Medienfuzzis: halb Snobs, halb Prolls, irgendwo zwischen dem Rio und der Landdisko in Wanne-Eickel. So was ist furchtbar peinlich aber trotzdem lustig. Später Abend in Würzburg: leichter Niederschlag und ein Long Island Eistee in einer mexikanischen Bar, ich bin jetzt ziemlich dicht und sage immer wieder: „Das ist ja ganz nett hier“. Mit dem Taxi an eine Party, die Disco Fantastique heißt, Gin Tonics kommen und gehen, die Band spielt Funk und ein Mädchen mit kurzen, blonden Haaren erzählt, dass sie in Fribourg studiert hat. Ich will irgendetwas antworten, kriege aber nix auf die Reihe. Stattdessen trinke ich weiter, Philip hebt seinen Cuba Libre auf Castros Ende, die Mädels sehen jetzt verschwommen aus und Würzburg ist eine schöne Stadt. Alles total verpeilt, heute.

Ich wache dann auf einer nackten Matratze in einem leeren Zimmer auf. Irgendwie typisch, aber ich mag mir keine unnötigen Fragen stellen. Das anschließende Weißwurstfrühstück gibt meinem zerrütteten Magen den Rest, Philip schleppt mich zur Festung hoch über der Stadt, wo irgendwelche Heavy-Metal-Freaks ein Ritterspektakel aufführen. Kutten und Kettenhemden, oh lala wie wirkt das alles absurd. Später Essen bei KFC, fette Brathähnchen mit schlaffen Pommes, – ein einziger großer Ekel das Ganze. Wir beschließen da nie wieder hinzugehen und fahren mit der Regionalbahn nach München. Alle Leute hier reisen mit der Regionalbahn, weil das billiger ist. Da kann man dann für fünf Euro pro Person quer durch ganz Bayern fahren, während die gleiche Distanz mit dem ICE ein Vermögen kosten würde. Warum das so ist, hab’ ich nicht begriffen, aber vielleicht erklärt mir mal irgendwer die Tarifstruktur der Deutschen Bahn. Die ist nämlich mindestens so kompliziert wie alle Stammeskriege in ganz Westafrika zusammen. München. Philip geht vor, ich wanke hinterher, wir nehmen die S-Bahn nach Markt Schwaben und treffen ein paar von Philips Kumpels, leeren die angebrochene Wodkaflasche und gleich noch eine und weil grad so gut läuft auch noch ein paar Flaschen Wein, was mich in kurzer Zeit aber in eine neblige Parallelwelt befördert. Nach sechs Stunden grenzdebiler Trunkenheit tauche ich endlich wieder auf und stelle verwundert fest, dass ich im Frühzug der S-Bahn Richtung Erding sitze, Philips Kumpel Q gegenüber, der sich ans Poloshirt fasst und irgendetwas über seine Ex-Freundin faselt: „Wenn die blond gwesn wär, da hätt ich sie heut no duarchgvöglt“ höre ich ihn sagen und dann setzt die Vergangenheitsbewältigung auch in meinem Kopf an: was war da noch mal passiert?

Okay: im Auto nach München gefahren, irgendwo in der Vorstadt klappt ein Mädchen Namens Kathi schier zusammen und wird in männlicher Begleitung am Straßenrand deponiert, dann ein Platz an den ich mich nicht mehr erinnern kann, später ein Club, in den wir nicht reinkamen, weil wir entweder nicht zur lokalen Schickeria gehören oder nie mit dem Türsteher im Bett waren, Q kam raus und war betrunken, irgendwie haben wir es aber trotzdem bis in die Milchbar geschafft, ich trank Gin Tonic für zehn Euro das Glas und versank zwei Stunden lang in eine Art Dämmerzustand bis sie Wonderwall spielten und ich mich unerklärlicherweise auf den Boxen wieder fand. Dann ging alles drunter und drüber, ich sah Mädels im Bikini auf einer Bar tanzen und irgendwer leerte Pina Colada aus, wirr, wirr all diese Dinge, jetzt sitze ich also in der S-Bahn und die Sonne sticht in mein rauschgequältes Gehirn, später schlafe sofort ein und träume nichts, die Tage gleichen sich, die Orte ebenfalls, es geht weiter, weiter, weiter, weiter.

Am darauffolgenden Tag – einem für diese Jahreszeit empfindlich kühlen Sonntag – dann endlich eine Atempause, die mir vorkommt wie der Sekundenbruchteil des Innehaltens zwischen zwei Herzschlägen. Ich sehe den Marienplatz bei Tag und drücke mich an der Feldherrenhalle vorbei, geduckt unter Vordächern der Häuser gehend um ja dem Sprühregen auszuweichen der vom immergrauen Alpenhimmel auf das Land niedergeht. München ist eine schöne Stadt, sauber und reich, ein bisschen wie Schickeria in Lederhosen. Wenn der Westen den Kalten Krieg gewonnen hat, dann hat ihn die Bundesrepublik eigentlich verloren und mit der Bundesrepublik auch München. Die Bayrische Metropole spielt wirtschaftlich erste Geige, aber mag all die Dynamik den Prestigeverlust aufwiegen, den die ehemalige heimliche Hauptstadt des Rumpfstaates Namens BRD im Zuge der Wiedervereinigung hinnehmen musste. Denn Berlin mag zwar arm sein, ist aber zweifelsohne en Vogue. Was bleibt da für München? Wohlstand? Technologieparks? Modernere S-Bahn-Züge? Alles Dinge, die vielleicht angenehm sein mögen, deswegen aber noch lange nicht sexy wirken. München verfüge über den „diskreten Charme der Bourgeoise“, würde Luis Bunuel womöglich sagen. Le fric, c’est chic anstelle der kultverliebten Aufgekratztheit der Berliner Bohemien – Prominenz. Irgendwie hat das aber auch was Nettes, denn die leicht grantige Abgründigkeit der Münchner erinnert mich an meine schweizerische Heimat.

Später am Nachmittag treffe ich Steffi, eine Bekannte aus Genfer Zeiten. Sie macht gerade ihr Staatsexamen, wohnt in Schwabing und will eigentlich weg. „Wohin?“ frage ich sie, als wir in nahe der Frauenhoferstrasse in einer getäfelten Bar sitzen und Chardonnay trinken. Sie sagt: „Berlin“, fügt aber sofort an, dass sie sich niemals vorstellen könnte, dort für immer zu bleiben. „Nur für ein bis zwei Jahre“ sagt sie und ich nicke ein paar Mal, denn ich sehe das genau so. Berlin ist eine Heimat auf Zeit, ein Lieu-de-Passage, eine Art durchgestylte Transitlounge auf einem großen Flughafen. Berlin bleibt ewig jung während wir alle altern. Vielleicht, denke ich ganz kurz, ziehe ich später mal nach München. Als ich am nächsten Tag in der Cafeteria des Franz- Josef- Strauss Flughafens sitze und auf einer vertrockneten Brezel kaue, meint Philip dasselbe: „München“, sagt er „ist eine Stadt in der ich leben möchte. Hier bei einer Werbeagentur zu arbeiten und ein wenig Geld zu verdienen, das wäre ehrlich gesagt gar nicht so übel.“ Ich nicke ohne wirklich nachzudenken. Wenig später geht unser Flieger nach Berlin. Von Schönefeld aus fahre ich direkt ins Pong und bestelle einen Ricard. Ist das gut? Keine Ahnung, es ist bloß normal

8 Responses to “Vive la Bourgeoisie”

  1. Männliche Begleitung Says:

    Ich heisse Andreas! Was ist eine Ricard?

  2. Lisa Says:

    Geh nicht nach München. Geh nicht.
    In München haben soviele einen Stock im Arsch und eine dicke Kugel Dialekt in der Backe.

  3. sp-38 Says:

    ????
    “vive la bourgeoisie” is a street art work created by me,and sticked in berlin, paris,seoul….
    change the title of your stupid coktail-book,
    merci.
    sp-

  4. steffi Says:

    Also in München wohne ich schon lange und finde es dort sehr schön und auch sehr offen.

  5. Hoimar Says:

    Hallo echt geilen Blog betreibst du. Ich selbst hab auch schon länger eine eigene Webseite programmiert, eine Suchmaschiene. Momentan noch zu finden unter beta.jerome.de . Währe nett wenn du mir sagst was du von ihr hälst und was noch schlecht daran ist. Ein Redesign kommt erst im laufe des Tages noch dazu. Dankeschön – 345zhf4

  6. Lucas Says:

    Hi,
    Sicher bin ich kein Heuchler und es ist das für mich erste Mal, dass ich ein Comment in einer Webseite schreibe, jedoch muss ich dir danken!

    Bis kommenden Montag muss ich noch zügig eine Arbeit (Hausarbeit) schreiben – dein “Artikel” hier hilft mir extremst.
    Deshalb möchte ich gerne fragen, ob ich diesen “Artikel” als Quelleanngabe verwenden darf?

  7. Corinna Brazzel Says:

    One thing is one of the most frequent incentives for utilizing your card is a cash-back or maybe rebate provision. Generally, you get 1-5% back for various buying. Depending on the cards, you may get 1% back again on most buying, and 5% back on purchases made in convenience stores, gas stations, grocery stores as well as ‘member merchants’.

  8. pro tools 9 full download Says:

    Appreciate it for all your efforts that you have put in this. Very interesting information. “If you tell the truth, you don’t have to remember anything.” by Mark Twain.

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