Archive for September, 2006

Ein Tag im September

Tuesday, September 12th, 2006

Ich nehme die S7 Richtung Berlin-Stadtbahn. Es ist ein Tag im September, die Sonne steht dementsprechend tief und taucht die märkischen Laubwälder rundherum in mildes Licht. Im Fünf-uhr-dreißig- Zug sind wenig Leute, ich setze mich auf einen Klappsitz mit türkisfarbenem Polster und versuche, die Wochenendausgabe der taz zu lesen. „Bin Laden: der Sieger“, steht vorne drauf und sofort widert mich die peinliche Schadenfreude an, die da offenbar unterschwellig mitschwingt. Ich lege die Zeitung weg und hebe den Kopf und denke: what if? Nehmen wir mal an, mein Zug würde bei der Einfahrt in den neuen Hauptbahnhof in die Luft gesprengt – so wie dies vor ein paar Jahren mit den Regionalzügen in Madrid oder den Bussen und U-Bahnen in London geschehen war: Ein gewaltiger Knall, die Außenwände der Waggons zerbersten, und Teile von Türen und Fensterscheiben fliegen messerscharfen Klingen gleich durch die Luft. Eine unglaubliche Druckwelle reißt die wartenden Passagiere vom S-Bahnsteig, zermalmt ihre Knochen an Eisenträgern oder unter herunterfallenden Balkenstücken und bohrt glühend heiße Metallstücke in ihre Körper. In kürzester Zeit gleicht der Glas- und Stahlpalast des Hauptbahnhofes einem Schlachtfeld: dunkelrotes Blut auf hellem Stein, das Schreien und Wimmern der Verletzten, welches bis zur Kuppel dringt und von dort als Echo wieder niedergeht, auf die ausgebrannten Gerippe der drei S- und Regionalbahnzüge, die zeitgleich explodierten und deren Plastikinterieur mit dem zerronnenen Körperfett der pulverisierten Passagiere zu einer klebrigen, schwarzen Masse verschmolzen ist.

Was würde danach geschehen? Berlin im Ausnahmezustand, der öffentliche Nahverkehr kommt zum erliegen, Polizei und Bundeswehr sperren die drei städtischen Flughäfen ab, das Mobilfunknetz bricht wegen Überlastung zusammen, eine sichtlich bestürzte Kanzlerin hält eine Ansprache ans deutsche Volk, ihr französischer Kollege Jacques Chirac bekundet seine Solidarität und bekräftigt die deutsch-französische Freundschaft, Präsident Bush spricht von einem „verbrecherischen Akt der Barbarei, der sich gegen die Freiheit und die Demokratie richtet“ und redet dann „von einem gemeinsamen Vorgehen gegen diejenigen, die Hass und Leid sähen“ und Russlands Staatschef Wladmir Putin meldet sich umgehend aus Moskau und verdammt den Terrorismus im Allgemeinen und die Tschetschenen im Speziellen. Auf allen Fernsehsendern laufen Sondersendungen, Ofpertelephone werden eingerichtet und Politologen, Fraktionsvorsitzende und Vertreter der großen Religionsrichtungen hocken bei Sabine Christiansen und reden über „die Ankunft des Terrors in Deutschland und die damit verbundenen Konsequenzen.“ Will heißen: die komplette medial-gesellschaftliche Verarbeitungsmaschinerie setzt sich mit ihrer ganzen Wucht in Gange, zerlegt das Geschehene in Einzelteile, sucht nach Erklärungen ringt um Lösungen und beäugt die Ungeheuerlichkeit so lange, bis sich die Möglichkeit des Terrors in den Köpfen der Menschen als ganz normales Übel unserer Zeit eingenistet hat – irgendwo zwischen Hartz IV, Verkehrsunfallstatistik und Frühjahrsüberschwemmung.

Jetzt fährt der Zug in den Hauptbahnhof ein und nichts geschieht. Friede über der deutschen Hauptstadt, der Albtraum bleibt ein Albtraum, mehr nicht. „Man kann sich ja trotzdem amüsieren“, sagt Phil, als er mich später am Abend zu Hause abholt, um etwas essen zu gehen. „Abgesehen davon ist der Terror banal geworden. Zumindest seit dem 11. September. Wir machen ja sogar Witze darüber.“ Hat der Anschlag auf das World Trade Center unser Leben verändert? Hat er mehr bewirkt, als einen kurzen Schauer des Entsetzens und das betäubende aber auch berauschende Gefühl, ein Stück Geschichte zu erleben? Where were you when we were getting high? Ich saß in einem Reisebüro in Bern und buchte einen Flug nach Bilbao, als die Nachrichten aus den USA den Tag zur Nacht machten. Ausgerechnet Bilbao, Baskenland, dort wo die ETA seit dreißig Jahren mit Bomben und Attentaten für Angst und Schrecken sorgten. Am Abend fuhr ich nach Genf und traf dort Jules, in einer Bar in Carouge. Wir tranken Rotwein und sprachen mit zwei Mädchen am Nebentisch. Eine von ihnen, so stellte sich im Verlaufe des Gesprächs heraus, stammte aus Israel. „Du kennst dich also mit solchen Sachen aus“, fragte Jules, dem der Wein Mut gegeben hatte. –„Womit?“, wollte die Israelin wissen. – „Na ja, damit halt“, machte Jules, griff sich eine der leeren Weinflaschen, die vor uns auf dem runden Holztisch standen, hob sie hoch und tat, als ob es sich bei dem Ding um eine Rohrbombe handle: „Booom!“ Die Israelin sah im ersten Augenblick etwas verwirrt aus. Dann wich sie zurück, hielt die Hand vor den Mund und fing an zu lachen. Jules lachte ebenfalls und ich auch. Da lagen rund dreitausend tote Körper in Trümmern und wir saßen in einer Genfer Bar und lachten uns kaputt. „Finde ich gut“, sagt Phil, während er sein Fahrrad aufschließt „das Leben muss ja schließlich weitergehen. Wir wollen ja nicht kapitulieren.“ – „Stimmt“, antworte ich. Denn wir sind Zyniker. Und Zyniker sind die größten Moralisten. Solange wir Zyniker bleiben, haben die Bärtigen verloren - taz-Titel hin oder her.

Findet das Glück einem?

Saturday, September 9th, 2006

„Wo warst du eigentlich die ganze Zeit?“ fragt Julien. „Ich habe dich mindestens zwei Tage lang nicht mehr gesehen. Phil und ich dachten bereits, du seist tot. Wir waren nah dran die Bullen anzurufen.“ Es ist kurz vor zehn Uhr morgens und ich habe Kopfweh. Verdammtes Berlin, diese Stadt saugt mich aus, denke ich. „Sag jetzt, wo warst du?“, hakt Julien nach und ich drücke Zeige- und Mittelfinger an die rechte Schläfe: ja verflucht, wo war ich eigentlich? Okay, am Montag hat Lydia ihren Abschied gefeiert, im Zu Mir oder zu Dir. Ich bin natürlich sofort hin gefahren, direkt vom Flughafen aus und habe Astra-Bier getrunken. Lydia hat natürlich geheult und Sachen gesagt, die man einfach sagen muss, wenn man eine Stadt verlässt: ich mag nicht weg, ich würde gerne hier bleiben, ich werde euch alle vermissen, ich liebe euch, wir bleiben in Kontakt, lass uns mal wieder was machen, ich komme zurück, aber sicher, komme ich zurück, ich werde mir einen Job suchen, wenn ich zurück bin, macht’s gut, denkt an mich und tschüss. Ich habe sie kurz umarmt und ihr drei Küsse gegeben. Dann bin ich weggegangen, habe ein paar Stunden geschlafen und bin zur Arbeit gegangen. Dann war da noch dieses Fussballspiel, das Deutschland mit 13:0 gewonnen hat und der verdammte Donnerstag Abend im Magnet, der nach den ersten paar Bier und einer Flasche Wodka in Lisas Wohnung innert kurzer Zeit zum Desaster wurde und in der kompletten Amnesie endete. „Du hast also keine Ahnung, was du gestern Abend getan hast?“ - „Nicht ganz. Aber ich hatte einen verdammten Filmriss.“ Julien lacht und haut mir auf die Schulter: „Du bist ein Depp, weisst du das. Aber mach dir nichts daraus, ich habe für heute Abend ein paar Leute zum Essen eingeladen.“

Mit „Leute“ hat Julien natürlich in erster Linie „Mädels“ gemeint und so hocke ich mit unseren schwedischen Nachbarinnen auf dem Sofa und trinke Chardonnay, während Julien gemeinsam mit seinem Kumpel Olivier den Rotbarsch und etwas selbst gemachten Kartoffelmousse zubereitet. Dazu trinken wir dann ein paar Flaschen französischen Rotwein und rauchen Zigarillos. Es ist schön, zu Hause zu Essen und Freunde da zu haben. All das erinnert mich an Genf, an die frankophone Esskultur mit ihrem aristokratischen Flair, wo für jedes Studenten – Dinner mindesten vier Flaschen Beaujolais draufgehen und bei Zigaretten und Calvados über Gott, die Welt und Frédéric Bégebeider diskutiert wird. Die Schwedinnen sind charmant und Oliviers Hippie- Nachbarin, die ebenfalls anwesend ist, fragt nach Gras. Julien dreht einen Joint und irgendwer kommt auf die Idee, zu Clothildes Party zu gehen, die in einer Bar in Mitte stattfindet. Dort ist aber nicht viel los, die einzige Attraktion sind ein paar besoffene Ostdeutsche, die Matthias-Reim Lieder singen und die Karaokemaschine kaputt machen. „Natürlich bin ich ein Öko“, sagt Phil zu dem Hippiemädchen und nimmt einen Schluck Becks, „schliesslich respektiere ich die Umwelt mehr als meinen eigenen Körper“.Das Hippiemädchen lacht und dreht sich um. Ich spreche mit einer der beiden Schwedinnen, frage sie ob sie Mandio Diao gut fände, sie sagt etwas in Richtung „soso“ und ich biete ihr eine Zigarette an, weil ich nicht weiss, was ich jetzt sagen soll. „Die ist doch gar nicht schlecht, oder“, raunt Julien. „Wir könnten sie mit nach Hause nehmen.“ Na ja, die Schwedinnen sind offenbar anderer Meinung und verabschieden sich kurz darauf. Wir sind also wieder allein und Phil drängt darauf, ins Pong zu gehen. Ich bin natürlich dafür, schliesslich habe ich dort vor ein paar Monaten das Mädchen meiner Träume gesehen. Seither gibt es für mich einen echten Grund, auf dem Barhocker zu sitzen und Ricard zu trinken. Könnte ja sein, dass sie irgendwann mal wiederkommt.

Wir stehen vor dem Pong. Zwei Mädchen überqueren die Eberswalderstrasse, Arm in Arm. Julien, der völlig betrunken ist, boxt mich in den Oberarm: “Guck mal, du paquet! Vor allem die linke!” Die Mädchen kommen näher und Julien grinst debil vor sich hin, bis er plötzlich feststellt, dass es sich bei der Dame, welche er eben noch als “heiss” bezeichnet hatte, in Tat und Wahrheit um seine Affäre Mira handelt. ”Das ist echt peinlich, Jules”, sage ich und lache ihn aus. Im Pong herrscht Hochbetrieb, ich drängle an den Leuten vorbei, die um die Tischtennisplatte rumstehen und auf den nächsten Rundlauf warten, Phil geht vor, sagt dem Barkeeper Hallo, der Typ – blond, Amerikaner, so wie die männlichen Kandidaten bei „Dismissed“ - zeigt auf mich und ruft: „Hey Dan, für dich gibt es was auf dem Klo“. Ich gehe zwischen den zerschlissenen Sofas durch zur Herrentoilette. Tatsächlich, über dem Spiegel hängt ein Zettel mit dem Photo eines Mädchens drauf. „Suche Daniel, du bist gross, blond, trägst eine schwarze Brille und hast Französisch gesprochen. Hab dich im August im Pong gesehen. Bitte melde dich“, steht daneben. Dann folgt eine email- Adresse. „Keine Ahnung“, sagt der Barkeeper, als ich ihn frage, wer das Ding aufgehängt hat. Ich gucke auf den Zettel und versuche nachzudenken. Pong? August? What the Fuck! „Sag mal Phil, verarscht du mich?“ - „Nein, nein“, sagt Phil und macht eine beschwichtigende Geste. „Ich habe keine Ahnung, wirklich!“ - „Okay, aber wer könnte das gewesen sein?“ Phil zuckt mit den Schultern. Dann legt er mir den Arm um den Hals: „Schreib ihr einfach. Schreib ihr. Vielleicht ist das die Frau deines Lebens.“ Ich stecke den Zettel in meine Hosentasche und bestelle Ricard für alle. Vielleicht, denke ich, ist das der Moment, von dem Kuno Lauener singt: irgendwann findet das Glück einem. Gibt es so etwas? Möglicherweise. Wir trinken aus und Phil isst ein Hähnchenschnitzel im Aysata gegenüber. Danach gehe ich nach Hause.