Archive for October, 2006

We want to be Heroes just for one Day

Monday, October 30th, 2006

Ich stehe im Foyer des Admiralspalast und trinke Moet & Chandon aus 3-Deziliter-Flaschen. Julien ist begeistert. „Hast du die Hostessen gesehen? Oh la la, die hätten sich eine Cartouche verdient. Da würde ich nie nein sagen.“ Tatsächlich sind die Hostessen bezaubernd, aber eben: das Lipgloss-Lächeln  mag noch so charmant wirken, irgendwie schwingt halt immer diese Professionalität mit. Ganz nach dem Motto: wir sind bloß deshalb so nett, weil wir dafür bezahlt werden. Ich habe meinen Mantel an der Garderobe abgegeben und trage einen Kaschmirpullover von Bally, Hosen von Daniel Hechter und italienische Herrenschuhe. Julien hat auf die Rive – Gauche – Kombination Rollkragen – unter – Armani – Blazer zurückgegriffen. Ich finde wir machen uns gut. Rundherum dreht sich das Karussell des Sehens und Gesehen – werdens immer schneller. Die Berliner B-Prominenz feiert sich selbst. Der einzige echte Star – Marilyn Manson – hat abgesagt. Dafür ist Collien da. Und Gülcan. Genau, die Frau mit der furchtbaren Stimme, die auf VIVA moderiert. Sie trägt ein bunt geschecktes Kleid und sieht aus, als hätte man sie mit Farbbomben beworfen. Julien, der in Frankreich vermutlich jeden Promi aus Artilleriefeuerdistanz erkennt, in Deutschland aber gerade mal Heidi Klum von Angela Merkel unterscheiden kann, hat sie erkannt und freut sich darüber wie ein Kind. „Gülcan, Gülcan,“ sagt er, „elle est bien“. Gülcan dreht sich um und lässt so ein ich-weiss-dass-ich-bekannt-bin – Lächeln von sich und bedient ein paar People – Journalisten mit netten Posen. „Bof“, macht Julien, „ich kenn die ja nur, weil ich hin und wieder bei dir vor dem Fernseher hocke, VIVA gucke und Joints rauche. Melissa Therieu sieht besser aus. Und was ist mit der Schweiz?“ Mit der Schweiz ist gar nichts, denke ich. Allerhöchstens Mia Aegerter. Aber die ist nicht da.

„Fashion Debut“, heißt die Veranstaltung und ist offenbar so eine Art Berliner Antwort auf Paris oder London. Nur: in London pudern sich Kate Moss und Pete Doherty die Nase. Hier sitzt Boris Beckers Ex-Freundin in der ersten Reihe und klatscht brav in die Hände, als die Modeschau anfängt. Das ist nicht nur eine andere Liga, das ist ein anderer Sport. An mir zieht das auf der Bühne gebotene Defilee ziemlich spurlos vorbei. Spindeldürre Models in sackähnlichen Kleidern und mit absurd geschminkten Gesichtern, die aussehen wie dadaistische Vogelscheuchen sind nicht mein Ding. Aber vielleicht begreife ich das alles nicht. Vielleicht bin ich zu ignorant. Oder zu betrunken. Schließlich habe ich heute Abend noch nichts gegessen und meinen Magen mit zwei Bier und ein paar Gläsern Champagner in Remmi – Demmi – Laune gebracht. Die Show dauert eine gute Stunde, danach gehen wir rüber zur Friedrichstrasse und essen Döner. „Deutschland ist ein komisches Land“, sagt Julien, „die Armen sehen aus wie Arme und die Reichen wie Arme, denen man viel Geld in die Hand gedrückt hat. Was allen abgeht, ist Stil und Klasse.“ Dann sagt er, dass dies in Frankreich völlig anders sei, da bestelle jeder Proll noch seinen Vin du midi. „Natürlich“ gebe ich zurück, „aber Frankreich ist doch im Grunde genommen ein Ständestaat mit einem gewählten Monarchen an der Spitze.“ Deutschland hingegen ist industriell geprägt. Höfische Sitten sind diesem Lande fremd, dessen letzter autokratischer Herrscher ein schnauzbärtiger Kunstmaler aus der österreichischen Provinz war, der kein Fleisch aß und Raucher hasste.

So etwas prägt dann auch das Verhalten der selbsterklärten Elite. Als wir in den Admiralspalast zurückkehren, läuft die After-Show Party. Die Leute stehen rum und betrinken sich mit Champagner, den die Angestellten in Magnum-Flaschen auf Daumen und Zeigefinger durch den Saal balancieren. Je länger der Abend dauert, desto vulgärer verhalten sich die Gäste. Ein Promiphotograf schreit Obszönitäten in eine Fernsehkamera und schmeißt sein leeres Glas hinter sich. Später am Abend wälzt er sich dann auch noch auf dem Boden. „Der darf sich so was erlauben, er ist ein Star und fotografiert für den Stern und so“, sagt Anton, ein Paparrazzi, der für die Bunte hier ist. – „Ich respektiere deine Arbeit“, sage ich ihm und merke, dass ich ebenfalls ziemlich Schieflage habe. „Danke“ sagt er und schimpft auf die ganzen Leute hier. „Alles Deppen, sag ich dir. Vorne durch tun sie so als würde sie das alles stören. In Wahrheit aber lassen sie kein Fettnäpfchen aus, um in die Klatschpresse zu kommen. Ich wette hier kannst du das Kokain von der Klobrille lecken.“ Julien kommt zu mir rüber, er ist ebenfalls betrunken. Jetzt spielen sie Wonderwall, alle Leute recken die Arme in die Höhe, Julien ist völlig euphorisiert und spricht lauter Mädchen an. Champagner ist ein wunderbares Getränk, denke ich, der perlende Rausch hebt dich sanft in höchste Höhen und trägt dich auf Samthandschuhen durch jede zerschossene Nacht. Dein Gang ist aufrecht und deine Blasiertheit für einmal nicht gespielt. Eigentlich sollte das immer so sein.

Dann kommt der tiefe Fall. Als ich nach draußen gehe um meinen Mantel abzuholen, gesteht mir die Dame an der Garderobe, dass sie ihn fälschlicherweise rausgegeben hat. In diesem Moment wird alles anders. Es ist, als ob in meinem Kopf ein Schalter umgelegt wird. „Wissen sie, was für einen emotionalen Wert dieser Mantel für mich hatte“, sage ich und beiße mir in die Unterlippe. – Tut mir leid“, bedauert die Garderobenfrau und nimmt meinen Personalien auf. „Wir tun alles was wir können!“ Ich drehe mich um und die Trunkenheit wird zu Wut und ballt sich zu einer gigantischen, steinernen Faust in meinem Kopf. Ich greife nach einem leeren Champagnerglas, hebe es hoch und schleudere es mit aller Wucht gegen die Wand. Dann geht alles schnell: ich werde rausgeschmissen, der betrunkene Starfotograf schiebt mich gemeinsam mit Anton in ein Taxi, wir fahren zum Ballhaus und passieren die Eingangskontrolle ohne zu bezahlen, trinken Bier, der Starfotograf sagt „das Leben ist beschissen“ und sinkt auf dem Tresen zusammen, Julien ruft an und fragt wo ich bin, ich tanze mit irgendwelchen Leuten, die ich nicht kenne, Julien kommt, trinkt, macht mit einem Mädchen rum und geht wieder, ich liege draußen vor der Türe und schlafe beinahe ein, ein Mädchen weckt mich und packt mich in ein wartendes Taxi, das uns zum Weekend Club bringt, ich sage „nein“ werde aber nach oben gespült, weil eine Griechin die Schlüssel hat, die Freunde der Griechin entpuppen sich als aalglatte Kokser, der Beat des House geht auf meine Schädeldecke nieder, ich will weg, weg, sitze wieder in einem Taxi, ein blondes, sehr betrunkenes Mädel  legt ihren Kopf an meine Schulter und Kreuzberg brennt lichterloh. Das ist Rock n´Roll, Baby.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist meine Erinnerung ein weites, leeres Feld. Ich bin in Kreuzberg, in einer geräumigen Dachwohnung die einer Amerikanerin gehört. In der Küche nehme ich mir ein Glas Wasser und werfe eine halbe Dose Painkillers ein, die dort auf dem Tisch stehen. Dann gehe ich zur U-Bahn und kaufe mir die B.Z. Als der Zug in Richtung Alexanderplatz einfährt, habe ich dann dieses Lied in meinem Kopf. Ich glaube es ist von David Bowie und geht so: „We want to be heroes, just for one day.“ Meiner war gestern.

Born to Run

Wednesday, October 11th, 2006

Nördlich von Wiesbaden wird das Land hügeliger. Die dreispurige Betonpiste der A3 windet sich über die Kuppen der Berghänge, stürzt sich Abhänge hinab und setzt in hohen Stelzen über breite Täler. Beiderseits der Fahrbahn erstrecken sich tiefe Wälder und irgendwo hier muss die Varusschlacht stattgefunden haben, dieses mythenumwobene Gemetzel, in dem die Germanen unter Arminius den Vormarsch des römischen Imperiums stoppten und die nördliche Grenze der mediterranen Hochkultur mit Eisen und Blut für immer festlegten. Ganz nach dem Motto: bis hier und nicht weiter reicht die Zivilisation, dahinter sind nur noch Barbaren. Die bewaldete Gegend zwischen Frankfurt und Köln scheint sowieso zum Grenzland prädestiniert: hier sangen die deutschen Nationalisten im 19. Jahrhundert von der „Wacht am Rhein“, standen die französischen Truppen während der Rheinlandbesetzung in den zwanziger- und Dreißigerjahren, ehe sie im Zuge der Appeasement – Politik der Westmächte vor Hitlers Wehrmacht kampflos kehrtmachten, um nach Jahren der kollektiven, europäischen Selbstzerfleischung gemeinsam mit ihren Gegnern von damals den geteilten Kontinent gegen einen neuen Feind namens Sowjetunion zu verteidigen. Der Krieg, der Hass, der überbordende Nationalismus, diese blutrünstigen Fratzen der Geschichte, scheint im Westerwald so präsent, dass man meinen könnte, er tropfe wie Harz aus den Nadeln der Tannenwälder. Dabei wirkt die Gegend eigentlich friedlich; saftige, grüne Wiesen, hin und wieder etwas Wald und über allem der blaue, kalte Himmel eines sonnigen Herbsttages.

Die Familie, die ich caste, bewohnt ein geräumiges Haus in einem Kaff irgendwo in der Nähe von Limburg. Die Leute führen mich in ihr sonnendurchflutetes Wohnzimmer und geben sich weltmännisch; er habe bereits in Bahrein, Frankreich und Spanien gearbeitet, sagt der Vater, die Tochter spricht fließend Französisch und der jüngste Sohn sieht nicht nur aus wie der Junge auf der Kinderschokolade, sondern strebt auch eine ähnliche Karriere an: er macht nämlich als Kinderstar bei irgendwelchen Produktionen des WDR mit. Ich weiß nicht was ich von alledem halten soll, dann meldet sich der Jägermeister von gestern Abend in einer Ecke meines Gehirns und einen Augenblick lang will ich einfach nur meine Kamera hinschmeißen und wegrennen. Irgendwie stehe ich das Casting durch, der Vater der Familie entpuppt sich mit der Zeit jedoch als ein ziemlicher Schleimer; er geht mit mir nach draußen, raucht eine Zigarette, fachsimpelt über Autos und fängt dann auch noch mit so einem von-Kollege-zu-Kollege – Gespräch über die Medienbranche an. Bei dem Typ handelt es sich offenbar um einen richtigen Namedropper, er hört gar nicht mehr auf, von irgendwelchen Produzenten, Intendanten und Regisseure zu erzählen, die ich nicht kenne. Ich sage „ja“ und „amen“ und „überhaupt, ich muss jetzt los“ und fliehe mit offenem Autofenster, eine fast abgebrannte Zigarette im Mundwinkel. Aus dem Radio nölt James Blunt look who`s alone now, it´s not me, it´s not me und ich möchte dem blöden, gitarrespielenden Weichei am liebsten ins Gesicht schreien: ja, ich bin jetzt wieder allein und ich bin verdammt noch mal froh drum. Stattdessen wechsle ich ganz einfach den Sender.

Die Fahrt in den Süden gleicht einem barfüssigen Gang durch die antike Hölle; ab Frankfurt geht auf sämtlichen Autobahnen und Bundesstrassen gar nichts mehr, Mitteldeutschland steht kurz vor dem totalen Verkehrskollaps. Zudem streiken auch noch irgendwelche Bahnangestellte in der Gegend, weil sie mit den Tarifverträgen nicht zufrieden sind. Verflucht noch mal, was geht mich das alles an, sage ich laut und sehe meinen nächsten Termin in Nürnberg in weite Ferne rücken. Nach mehreren Stunden Stop-and-go komme ich völlig entnervt in Würzburg an, mein Rücken tut weh und ich bin komplett durchgeschwitzt. Nie mehr Autofahren im Rhein-Main-Gebiet, sage ich mir. Nie mehr, nur über meine Leiche! Zum Glück übernimmt Philip das Steuer und drückt den Wagen mit 180 kmh nach München runter, es ist beinahe Elf Uhr, als wir dort ankommen und wir beschließen, uns sofort die Kante zu geben. Das klappt leider nicht, weil ihr aus unerfindlichen Gründen in einer vollkommen bekloppten Tabledance – Bar im Kunstpark landen, dort unser letztes Geld für zwei Drinks ausgeben und die verbleibende Zeit damit verbringen, eine Reihe osteuropäischer Tänzerinnen und zwei männliche Stripper davon zu überzeugen, dass wir a) kein Geld haben und b) nicht schwul sind. Der Laden, in dem außer uns nur fette Engländer rumhängen, gibt mir den Rest und als ein kahlgeschorener Animator in Hotpants und Ledergilet die Gäste auffordert, zu Robbie Williams Song Angels gemeinsam die Feuerzeuge in die Luft zu heben, hauen wir schließlich ab. Das darf doch nicht wahr sein, das kann nicht München sein, denke ich, aber soviel Zeit habe ich gar nicht, denn am nächsten Nachmittag sind wir wieder am Trinken – diesmal allerdings am Oktoberfest. Durch einen glücklichen Zufall landen wir in einem Bierzelt, die Luft da drinnen ist so schwer, dass ich sie beinahe anfassen kann, aber nach drei Mass bin ich bei den Leuten und als mir ein völlig betrunkener Aargauer mit hochrotem Kopf eine Villiger -Zigarre mit Plastikmundstück anbietet, schunkle ich paffend mit. Den Rest des Abends verbringe ich im Wachkoma, irgendwo zwischen Rummelplatz, gebrannten Mandeln und Indie – Pop. Ich wanke hin und her, einen Drink in der Hand und ein Flimmern vor den Augen. An den Rest kann ich mich nicht mehr erinnern. Lisa sagt, sie habe mich dann gegen vier Uhr früh zu Hause deponiert.

Es ist Sonntag Mittag, ich wache auf und stelle fest, dass ich erstens in meinen Kleidern geschlafen habe und zweitens in spätestens zwei Stunden in Nürnberg sein muss. Ich krieche zu meinem Wagen (laufen geht nicht, dazu bin ich immer noch zu betrunken), brettere im Vollrausch über die Autobahn nach Norden, stopfe in einem Burger King an einer vierspurigen Einfallstrasse bei Nürnberg einen pomadigen Wopper in mich rein und lasse mich wenig später von einem fränkischen Hausmeister mit Oberarmen wie Pferdeschenkel durch ein leeres Schulhaus führen. Der Hausmeister hat eine glänzend polierte Glatze und Ringerohren, die ihm wie verbeulte Blechteller am Schädel kleben. Er wünsche sich einen sportlichen Opa mit Harley, sagt er und seine blonde Frau, die aussieht wie eine Barbiepuppe die zwei Minuten lang in eine Mikrowelle gesteckt wurde, nickt beflissentlich. Ich muss mich richtig anstrengen, um die Filmerei einigermaßen anständig auf die Reihe zu kriegen und als ich eine Stunde später wieder im Wagen sitze, bin ich völlig fertig. Trotzdem beschließe ich nochmals aufs Oktoberfest zu gehen, und rufe Steffi an, die mich zu irgendeinem Schützenfestzelt dirigiert Das Oktoberfest ist nämlich eine äußerst egalitäre Veranstaltung, da hocken dann die Söhne der Münchner Schickeria in ihren Polohemden gleich neben fetten Oberbayern in Lederhosen und besoffenen australischen Touristen mit Sandalen an den Füssen und heben alle fünf Minuten den Bierkrug, um ein Prosit in den Dunst raus zu schreien. Jeder ist im Bierzelt daheim, Klassenunterschiede scheint es auf der Wiesn – abgesehen vom schickelnden Käferzelt – keine zu geben. Dafür dreht eine polternde Blaskapelle irgendwelche Rock – Classics durch den musikalischen Fleischwolf und die Mädels tragen diese engen Dirndl, die ihnen die Brüste hochdrücken und diese gleich auch noch ein bisschen größer aussehen lassen. „Ah, Schweizer. Sehr schön!“, brüllt mir ein junger Typ quer über den Tisch entgegen. „Wo wohnst du?“ will er wissen. – „In Berlin“, antworte ich – „Mein Beileid“ sagt der Typ und stößt mit mir an. Typisch, denke ich, Münchner können Berlin nicht riechen. Berliner München aber auch nicht. Dann die letzte Runde: noch einmal Ich will heim nach Fürstenfeld singen, ein Brathändel mit den bloßen Fingern zerlegen und dann ab ins P1, in die Münchner Nobeldisko, wo unter anderem Oliver Kahn seine Freundin aufgerissen hat. Steffi trägt ein äußerst geschmackvolles Dirndl, in dunkelrot und blau, sehr dezent, sehr ladylike. Sie hängt sich bei mir ein und als ich in dem dunklen Raum stehe, umgeben vom lederüberzogenen fin-de-siècle- Deko der French- House –Ära der späten Neunzigerjahre mit quadratischen Sitzelementen und aufgereihten Absolut-Flaschen, stelle ich fest, dass ich Steffi eigentlich ganz gerne mag. Ich drücke sie an mich, als sie geht und gebe mein letztes Geld für eine Gin Tonic aus. Lisa erzählt, dass sie bis heute Nachmittag in Österreich war, dann ist Schluss. Am nächsten Morgen warte ich auf meine Maschine nach Berlin und trinke Kaffee. Die Leute um mich herum sehen müde aus. Sie sind geboren um zu rennen und ich bin jetzt einer von ihnen. Es gibt nur eine Gewissheit, denke ich: am Ende bleibt alles unklar.

Southern Comfort

Tuesday, October 10th, 2006

Mein Linienflug nach Stuttgart hat Verspätung und ich sitze untätig in der Lagerhalle, die in Berlin Schönefeld als Abfertigungsgebäude dient. Mit der rechten Hand zerdrücke ich einen Kaffeebecher aus Karton, mit der linken blättere ich in einer zerfledderten Ausgabe der Bild-Zeitung, die irgendwer auf einem der Bistrotische des Coffee-Shops liegen gelassen hat. Ich werde zu spät in Stuttgart sein und meinen Termin verpassen, denke ich – aber egal, ich kann ja nichts dafür. Irgendwann lassen sie uns dann endlich einsteigen und die Maschine hebt ab, Richtung Süden. Unter mir schrumpfen Autobahnen, Bundestrassen und Eisenbahnlinien zu immer dünneren werdenen Adern, die sich einem Netz gleich durch das grau braune Land ziehen, ehe sie unter einem schmutzig weissen Film aus Wolken und Dunst verschwinden. Der Kaffee brennt in meinem Magen, ich bestelle etwas Mineralwasser bei einer kühlen, blondhaarigen Stewardess und muss dafür zwei Euro bezahlen – natürlich, Germanwings ist eine verfluchte Billigfluggesellschaft, da kann man froh sein, wenn man während dem Flug wenigstens kostenlos pinkeln darf. Anne-Marie hat mir erzählt, dass früher alle Firmenmitarbeiter Business Class flogen, weil sich dort die Tickets leichter umbuchen liessen. Diese fetten Jahre scheinen vorbei zu sein. Darum sitze ich nun in dieser gelb – rot bemalten Röhre und lasse mich, eingezwängt zwischen fettig glänzenden Rentnerpaaren und Möchtegern – Geschäftsleuten in schlecht sitzenden Stangenanzügen von einer Flughafenbaracke zur nächsten transportieren. Fliegen im Jahre zweitausendundsechs hat mit Eleganz und Exklusivität etwa eben soviel gemein, wie Mac Donalds mit dem Fünf-Sterne – Restaurant von Michel Gérard – nämlich gar nichts.

In Stuttgart hole ich meinen Mietwagen ab – einen Ford Focus mit der Beschleunigung eines kasachischen Eselskarren. Wie ich mit diesem Scheiss-Concept-Car (so heissen diese Kisten glaub’ ich im Fachjargon) auf der German Autobahn überleben soll, ist mit ein Rätsel. Aber soweit kommt es erst gar nicht, denn auf der Rhein-Neckar-Autobahn herrscht Stau: überall Baustellen, die mindestens eine Fahrspur blockieren und den Verkehr alle drei Kilometer fast vollends zum Erliegen bringen – an ein Fortkommen ist nicht zu denken. Ich zwänge mich zwischen tschechischen Lastwagenkolonnen quer durchs Schwabenland, Hügel rauf, Hügel runter und dauernd klebt einem so ein Depp in einem Audi oder BMW an der Stossstange, drängelnd und wild blinkend. Als ob es nur an mir liegen würde, dass nichts vorwärts geht. Ab Karlsruhe wird es dann besser, ich fahre konstant 160, mehr lässt sich aus meinem Wagen nicht rausholen. Am späten Nachmittag bin ich in Südbaden, ich durchquere die Rheinebene und nähere mich den Ausläufern des Schwarzwaldes, die wie eine olivgrüne Socke am Horizont liegen. Die Dörfer hier sehen sauber aus, sauber und reich, fast wie in der Schweiz, die ja nur eine knappe Autostunde entfernt liegt. Lauter kleine Einfamilienhaussiedlungen, viel Bausparkassenarchitektur, kleinbürgerliche Bescheidenheit mit sauber gefegten Bürgersteigen und grün bemalten Radwegen. Diese radikale Durchschnittlichkeit setzt sich fort, als ich bei der Familie, die ich casten muss, im Wohnzimmer sitze: Häckeldeckchen, Nippes und eine Wanduhr, die penetrant tickt. „Kommen se, Käffche“ ruft die Mutter Birgit, wir sitzen an einem Tisch aus hell lackiertem Holz und die Familienmitglieder erzählen mit stoischer Freundlichkeit von sich selbst: keine Brüche, keine Extreme, Biographien so geradlinig wie die Kieferstämme im Hochschwarzwald. Obwohl die Kinder kein Gymnasium besuchen, gibt es kaum Grund zur Sorge: während in anderen Bundesländern ein Realschulabschluss wohl automatisch in ein Schicksal als Harz IV – Empfänger mündet, machen die Jungen hier ganz einfach eine Banklehre. So wie das vor dreissig Jahren üblich war, als das Land noch BRD hiess.

Am Abend treffe ich Niels in einer Bar in Freiburg. Er umarmt mich und bestellt gleich zwei Jägermeister. „Der alten Zeiten wegen“, ruft er. Wir stossen an und leeren das bittere Zeug in einem Zug runter. Freiburg ist eine schöne Stadt, die Badische Weinseligkeit vermischt sich mit Elsässer Charme, die Leute stossen mit Spätburgunder an und essen Flammekuche, Frankreich liegt ja auch gleich jenseits des Rheins. Dieses Stück Savoir-Vivre berührt mich und obwohl ich irgendwo mal gelesen habe, dass in Freiburg nur Esoteriker und Studenten wohnen, weckt der Ort meine Sympathie. Niels stimmt mir grundsätzlich zu, aber nach ein paar Flaschen Tannzäpfle kommt bei ihm plötzlich so etwas wie Berlin-Nostalgie auf. „Irgendwie ist das alles hier ja ganz nett“, sagt er und schaut rüber zum Fernseher, wo jetzt Leverkusen gegen den FC Sion spielt. „Aber Freiburg ist halt ein Dorf. Ein kleines, provinzielles Dorf. Hier hat man schnell einmal die Runde gemacht.“ Ich bestelle noch eine Runde Jägermeister und als Sion den Ausgleich schiesst, springe ich auf. „Ihr Schweizer!“ ruft ein fetter Typ hinter der Bar hervor, „ihr habt doch bloss den Schiri bestochen, mit eurem Geld“ – „Und wer hat den Krieg verloren?“ gebe ich zurück. „Leverkusen macht euch 4:1 fertig, dass sag’ ich dir!“ – „Blödsinn, ihr fliegt raus“. Dummerweise gewinnt Leverkusen, wenn auch nur mit 3:1.  „Nix für Ungut“, ruft der Fettsack versöhnlich und ich gebe ihm die Hand. Es gibt Abende, da muss man einfach in Frieden auseinander gehen. Und heute ist genau so ein Abend: Der Barmann, ein sympathischer Secondo mit aalig gegelter Igelfrisur, dessen Eltern aus Palermo stammen, gibt eine Runde aus und ein blond gelocktes Mädchen stellt sich quer über den Tresen als Halbfranzösin vor: „Meine Mama kommt aus Toulouse“, sagt sie, verdreht die Augen und zieht lasziv an einer Marlboro-Light. Später treten wir raus in die Dunkelheit, vor meinem verschwommenen Auge leuchtet Freiburg wie ein mit Kerzen und Girlanden behängter Weihnachtsbaum. Ich schlafe in Niels Wohnzimmer, auf dem Sofa und bin sofort weg. Der Südwesten Deutschlands, denke ich, ist vielleicht nicht sexy, dafür hat er etwas anderes zu bieten: der Süden ist gemütlich. Das mag zwar lächerlich tönen, aber es gibt durchaus richtige Momente für diese Gemütlichkeit. Denn sie umfasst dein Herz und hält es warm, selbst draussen, in der kalten, weiten Welt.

Nächste Ausfahrt: Bitterfeld

Monday, October 9th, 2006

Gestern war Julien genervt, was aber sicher nicht an der Gesamtsituation lag, sondern nur daran, wie die Party am Samstag Abend geendet hatte. „Ihr seid zwei richtige Deppen, du und Phil“, hat er zu mir gesagt, während ich ein paar Meter hinter meiner Schwester herging, die gemeinsam mir einer Freundin zu Besuch war. „Da haben wir für ein Mal die ganze Wohnung voller Paquets und dann müsst ihr zwei Flachwichser euch natürlich prügeln.“ Ich habe gar nicht erst versucht, mich zu rechtfertigen, warum auch – dieses Wochenende erscheint mir rückblickend wie ein Horrortrip, eine Aneinanderreihung von zutiefst verunsichernden Grenzerfahrungen. Ich weiß nicht mehr wie viele Leute in den rot erleuchteten Zimmern rumstanden und Wodka in sich reinleerten; Julien war der Meinung, dass es sich um mehr als Hundert handelte -  ich selbst war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal mehr fähig bis Zehn zu zählen. Ich weiß nur noch, dass irgendwann Bonaparte, der Schweizer Songschreiber und Produzent, der gemeinsam mit einem Freund von mir aus Bern an der Popkomm gespielt hatte, ein Set auflegte, welches die Mädels zum Tanzen brachte. Dann wir alles grau und brüchig und meine Erinnerung setzt am düsteren Sonntag Morgen wieder ein, der in einen von Magenkrämpfen und fürchterlichen Kopfschmerzen geschüttelten Nachmittag überging. „Na, ja“, kommentierte Julien den Abend, „die Leute haben aus allen Löchern gekotzt: aus dem Wohnzimmerfenster, über den Balkon und selbst in den Hausflur. Ich glaub´ ich habe noch nie so viele Besoffene auf einem Haufen gesehen. Und die Mädels, Mann! Eine von den Schwedinnen hat mich auf den Mund geküsst. Ich hätte die flachgelegt. Aber du und Phil, ihr musstet natürlich eure Show abziehen.“

Jetzt ist alles vorbei. Ich fahre auf der Autobahn Richtung Süden und mein Verstand ist nach zwei Tagen Alkohol- und Drogenabstinenz klar wie ein Bergkristall. Ich bin auf Castingtour – ich caste Familien für eine Fernsehshow auf RTL 2 – und drücke das Gaspedal meines Ford Mondeo bis zum Anschlag durch. Der Wagen rast über das silbergraue Band aus Betonplatten, welches von Berlin aus quer durch die Ostdeutsche Provinz nach Bayern führt. Die Autobahnen hier sind neu und breit und leer, sie sind die Reminiszenz der Kohl- und Schröderjahre, die einzigen sichtbaren Relikte einer Epoche, in der die deutsche Politik unter „Aufbau Ost“ offenbar ein wenig mehr verstand, als bloße Kesselflickerei. Das Symbol dieser Anstrengungen und deren Scheiterns liegt an einem Autobahnkreuz nördlich von Leipzig: mitten in der dunkelgrünen Ebene, zwischen leeren Lagerhallen, Billigmärkten und den Filialen amerikanischer Fast- Food – Ketten steht da der überdimensionierte Bau des Flughafens Leipzig-Halle. Wie eine gigantisches Insekt aus Stahl und Glas hebt sich das Terminalgebäude von der platten Umgebung ab, doch vor dem Pharaonischen Bau herrscht gähnende Leere. Zwischen zwei- drei bunt bemalten Billigfliegern und einer DC-10 Frachtmaschine liegt ein weites Feld von Beton und Teer. Die Bezeichnung „Interkontinentalflughafen für Mitteldeutschland“, die auf großflächigen Schildern beiderseits der Fahrbahn prangt, wirkt da wie purer Hohn: das einzige, was hier in interkontinentale Sphären abhebt, ist der Größenwahn – und vielleicht hin und wieder ein Charterflieger nach Punta Cana oder der obligate Bumsbomber in Richtung Pattaya.

Kurz nach Gera verlasse ich die Autobahn und finde mich in einer längst vergessen geglaubten Zeit wieder. Die Dörfer in Thüringen sehen offenbar alle gleich aus: abgewrackt, ältlich und müde. Hier herrscht noch richtige Kittelschürzenarchitektur, mit rissigen, grauen Fassaden, ausgebleichten Vorhängen und wurmstichigen Fensterrahmen. Frisch wirken nur die Lidl-Supermärkte und die zur „Bundesagentur für Arbeit“ hochstilisierten Filialen der Arbeitsämter. Verwundern tut das natürlich keinen: bei mehr als zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit verkörpern diese meist sechseckigen, hellrot leuchtenden Klinkersteinbauten die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Günther, der Vater der Familie, die ich besuche, hat da eigentlich noch Glück gehabt, er arbeitet in einer Dosenfabrik. Trotzdem will er nicht so recht reden und sitzt schweigend in der düsteren Küche, während mir seine Frau die ganze Zeit dünnen Filterkaffee einschenkt. Die Kinder hocken derweil im Wohnzimmer und sehen fern. Früher war Günther Stellwerkbeamter bei der deutschen Reichsbahn, aber das ist lange her. Die Reichsbahn gibt es nicht mehr, sie ist verschwunden, genau so wie der dazugehörige Staat, die DDR, wo Günther groß geworden ist. Günther ist jedoch kein Nostalgiker, er hat nichts übrig für die Ostverklärung, die nach der Wende einsetzte und die Ex-Staatspartei PDS als Wendeverliererverein in den Bundestag katapultierte. „Ich war ein Heimkind“, sagt er leise. „Damals hat man halt alle Leute, die nicht ins Schema passten, einfach abgeschoben.“ Er zuckt mit den Schultern und wirkt irgendwie defätistisch, obwohl er das eigentlich gar nicht ist. „Immerhin habe ich wieder Arbeit“, sagt er ein paar Mal und fängt an zu lächeln. Mit seinem schwarzen Schnurrbart, den Adiletten an den Füssen und der dunkelblauen Trainerjacke sieht er aus, wie die Verkörperung des typischen Proleten-Ossi.

Doch der Eindruck täuscht, denn die Kinder sind keine verzogenen Tyrannen, die Ehefrau kein übergewichtiger, hysterischer Kugelblitz und Günther selbst kein Dosenbiertrinkender Fernseh- Fußballgucker. „Zur Zeit haben wir Glück“, findet er, „aber das kann sich schnell ändern.“ Da hat er recht, denn die Konkurrenz ist bereit und liegt im fernen Osten. Wer braucht noch Industrie in Thüringen, wenn irgendwelche Chinesen schneller und günstiger arbeiten. Der durch die Globalisierung ausgelöste Strukturwandel ist ein unabwendbarer Fakt, keine Gewerkschaft und auch keine Regierung kann ihn aufhalten, weder Streiks noch Maßnahmenpakete, noch irgendwelche klug formulierte Reformen werden den Gang der Geschichte verändern. Und auch die NPD nicht, die den Leuten weismacht, sie könnte es und mit schlecht sitzenden Reiheanzügen und Buchhaltervisagen Landkreis um Landkreis erobert, indem sie die Menschen mit nationalen Lügen füttert, die bereits vor sechzig Jahren in Tränen und Blut geendet hatten. Sie ist nicht mehr als ein kurzer Spuk, ein oberflächlicher Kratzer im stählernen Mantel der unaufhaltsam voranschreitenden Zeit.  „Die Sonne“, denke ich, während ich im sterbenden Tageslicht über die A9 nach Norden jage, „geht im fernen Osten auf. Im Westen geht sie unter“. Rechts der Fahrbahn erhebt sich jetzt ein dunkelblaues Strassenschild. Darauf steht: Nächste Ausfahrt: Bitterfeld.