We want to be Heroes just for one Day
Monday, October 30th, 2006Ich stehe im Foyer des Admiralspalast und trinke Moet & Chandon aus 3-Deziliter-Flaschen. Julien ist begeistert. „Hast du die Hostessen gesehen? Oh la la, die hätten sich eine Cartouche verdient. Da würde ich nie nein sagen.“ Tatsächlich sind die Hostessen bezaubernd, aber eben: das Lipgloss-Lächeln mag noch so charmant wirken, irgendwie schwingt halt immer diese Professionalität mit. Ganz nach dem Motto: wir sind bloß deshalb so nett, weil wir dafür bezahlt werden. Ich habe meinen Mantel an der Garderobe abgegeben und trage einen Kaschmirpullover von Bally, Hosen von Daniel Hechter und italienische Herrenschuhe. Julien hat auf die Rive – Gauche – Kombination Rollkragen – unter – Armani – Blazer zurückgegriffen. Ich finde wir machen uns gut. Rundherum dreht sich das Karussell des Sehens und Gesehen – werdens immer schneller. Die Berliner B-Prominenz feiert sich selbst. Der einzige echte Star – Marilyn Manson – hat abgesagt. Dafür ist Collien da. Und Gülcan. Genau, die Frau mit der furchtbaren Stimme, die auf VIVA moderiert. Sie trägt ein bunt geschecktes Kleid und sieht aus, als hätte man sie mit Farbbomben beworfen. Julien, der in Frankreich vermutlich jeden Promi aus Artilleriefeuerdistanz erkennt, in Deutschland aber gerade mal Heidi Klum von Angela Merkel unterscheiden kann, hat sie erkannt und freut sich darüber wie ein Kind. „Gülcan, Gülcan,“ sagt er, „elle est bien“. Gülcan dreht sich um und lässt so ein ich-weiss-dass-ich-bekannt-bin – Lächeln von sich und bedient ein paar People – Journalisten mit netten Posen. „Bof“, macht Julien, „ich kenn die ja nur, weil ich hin und wieder bei dir vor dem Fernseher hocke, VIVA gucke und Joints rauche. Melissa Therieu sieht besser aus. Und was ist mit der Schweiz?“ Mit der Schweiz ist gar nichts, denke ich. Allerhöchstens Mia Aegerter. Aber die ist nicht da.
„Fashion Debut“, heißt die Veranstaltung und ist offenbar so eine Art Berliner Antwort auf Paris oder London. Nur: in London pudern sich Kate Moss und Pete Doherty die Nase. Hier sitzt Boris Beckers Ex-Freundin in der ersten Reihe und klatscht brav in die Hände, als die Modeschau anfängt. Das ist nicht nur eine andere Liga, das ist ein anderer Sport. An mir zieht das auf der Bühne gebotene Defilee ziemlich spurlos vorbei. Spindeldürre Models in sackähnlichen Kleidern und mit absurd geschminkten Gesichtern, die aussehen wie dadaistische Vogelscheuchen sind nicht mein Ding. Aber vielleicht begreife ich das alles nicht. Vielleicht bin ich zu ignorant. Oder zu betrunken. Schließlich habe ich heute Abend noch nichts gegessen und meinen Magen mit zwei Bier und ein paar Gläsern Champagner in Remmi – Demmi – Laune gebracht. Die Show dauert eine gute Stunde, danach gehen wir rüber zur Friedrichstrasse und essen Döner. „Deutschland ist ein komisches Land“, sagt Julien, „die Armen sehen aus wie Arme und die Reichen wie Arme, denen man viel Geld in die Hand gedrückt hat. Was allen abgeht, ist Stil und Klasse.“ Dann sagt er, dass dies in Frankreich völlig anders sei, da bestelle jeder Proll noch seinen Vin du midi. „Natürlich“ gebe ich zurück, „aber Frankreich ist doch im Grunde genommen ein Ständestaat mit einem gewählten Monarchen an der Spitze.“ Deutschland hingegen ist industriell geprägt. Höfische Sitten sind diesem Lande fremd, dessen letzter autokratischer Herrscher ein schnauzbärtiger Kunstmaler aus der österreichischen Provinz war, der kein Fleisch aß und Raucher hasste.
So etwas prägt dann auch das Verhalten der selbsterklärten Elite. Als wir in den Admiralspalast zurückkehren, läuft die After-Show Party. Die Leute stehen rum und betrinken sich mit Champagner, den die Angestellten in Magnum-Flaschen auf Daumen und Zeigefinger durch den Saal balancieren. Je länger der Abend dauert, desto vulgärer verhalten sich die Gäste. Ein Promiphotograf schreit Obszönitäten in eine Fernsehkamera und schmeißt sein leeres Glas hinter sich. Später am Abend wälzt er sich dann auch noch auf dem Boden. „Der darf sich so was erlauben, er ist ein Star und fotografiert für den Stern und so“, sagt Anton, ein Paparrazzi, der für die Bunte hier ist. – „Ich respektiere deine Arbeit“, sage ich ihm und merke, dass ich ebenfalls ziemlich Schieflage habe. „Danke“ sagt er und schimpft auf die ganzen Leute hier. „Alles Deppen, sag ich dir. Vorne durch tun sie so als würde sie das alles stören. In Wahrheit aber lassen sie kein Fettnäpfchen aus, um in die Klatschpresse zu kommen. Ich wette hier kannst du das Kokain von der Klobrille lecken.“ Julien kommt zu mir rüber, er ist ebenfalls betrunken. Jetzt spielen sie Wonderwall, alle Leute recken die Arme in die Höhe, Julien ist völlig euphorisiert und spricht lauter Mädchen an. Champagner ist ein wunderbares Getränk, denke ich, der perlende Rausch hebt dich sanft in höchste Höhen und trägt dich auf Samthandschuhen durch jede zerschossene Nacht. Dein Gang ist aufrecht und deine Blasiertheit für einmal nicht gespielt. Eigentlich sollte das immer so sein.
Dann kommt der tiefe Fall. Als ich nach draußen gehe um meinen Mantel abzuholen, gesteht mir die Dame an der Garderobe, dass sie ihn fälschlicherweise rausgegeben hat. In diesem Moment wird alles anders. Es ist, als ob in meinem Kopf ein Schalter umgelegt wird. „Wissen sie, was für einen emotionalen Wert dieser Mantel für mich hatte“, sage ich und beiße mir in die Unterlippe. – Tut mir leid“, bedauert die Garderobenfrau und nimmt meinen Personalien auf. „Wir tun alles was wir können!“ Ich drehe mich um und die Trunkenheit wird zu Wut und ballt sich zu einer gigantischen, steinernen Faust in meinem Kopf. Ich greife nach einem leeren Champagnerglas, hebe es hoch und schleudere es mit aller Wucht gegen die Wand. Dann geht alles schnell: ich werde rausgeschmissen, der betrunkene Starfotograf schiebt mich gemeinsam mit Anton in ein Taxi, wir fahren zum Ballhaus und passieren die Eingangskontrolle ohne zu bezahlen, trinken Bier, der Starfotograf sagt „das Leben ist beschissen“ und sinkt auf dem Tresen zusammen, Julien ruft an und fragt wo ich bin, ich tanze mit irgendwelchen Leuten, die ich nicht kenne, Julien kommt, trinkt, macht mit einem Mädchen rum und geht wieder, ich liege draußen vor der Türe und schlafe beinahe ein, ein Mädchen weckt mich und packt mich in ein wartendes Taxi, das uns zum Weekend Club bringt, ich sage „nein“ werde aber nach oben gespült, weil eine Griechin die Schlüssel hat, die Freunde der Griechin entpuppen sich als aalglatte Kokser, der Beat des House geht auf meine Schädeldecke nieder, ich will weg, weg, sitze wieder in einem Taxi, ein blondes, sehr betrunkenes Mädel legt ihren Kopf an meine Schulter und Kreuzberg brennt lichterloh. Das ist Rock n´Roll, Baby.
Als ich am nächsten Morgen aufwache, ist meine Erinnerung ein weites, leeres Feld. Ich bin in Kreuzberg, in einer geräumigen Dachwohnung die einer Amerikanerin gehört. In der Küche nehme ich mir ein Glas Wasser und werfe eine halbe Dose Painkillers ein, die dort auf dem Tisch stehen. Dann gehe ich zur U-Bahn und kaufe mir die B.Z. Als der Zug in Richtung Alexanderplatz einfährt, habe ich dann dieses Lied in meinem Kopf. Ich glaube es ist von David Bowie und geht so: „We want to be heroes, just for one day.“ Meiner war gestern.