Nächste Ausfahrt: Bitterfeld
Gestern war Julien genervt, was aber sicher nicht an der Gesamtsituation lag, sondern nur daran, wie die Party am Samstag Abend geendet hatte. „Ihr seid zwei richtige Deppen, du und Phil“, hat er zu mir gesagt, während ich ein paar Meter hinter meiner Schwester herging, die gemeinsam mir einer Freundin zu Besuch war. „Da haben wir für ein Mal die ganze Wohnung voller Paquets und dann müsst ihr zwei Flachwichser euch natürlich prügeln.“ Ich habe gar nicht erst versucht, mich zu rechtfertigen, warum auch – dieses Wochenende erscheint mir rückblickend wie ein Horrortrip, eine Aneinanderreihung von zutiefst verunsichernden Grenzerfahrungen. Ich weiß nicht mehr wie viele Leute in den rot erleuchteten Zimmern rumstanden und Wodka in sich reinleerten; Julien war der Meinung, dass es sich um mehr als Hundert handelte - ich selbst war zu diesem Zeitpunkt nicht einmal mehr fähig bis Zehn zu zählen. Ich weiß nur noch, dass irgendwann Bonaparte, der Schweizer Songschreiber und Produzent, der gemeinsam mit einem Freund von mir aus Bern an der Popkomm gespielt hatte, ein Set auflegte, welches die Mädels zum Tanzen brachte. Dann wir alles grau und brüchig und meine Erinnerung setzt am düsteren Sonntag Morgen wieder ein, der in einen von Magenkrämpfen und fürchterlichen Kopfschmerzen geschüttelten Nachmittag überging. „Na, ja“, kommentierte Julien den Abend, „die Leute haben aus allen Löchern gekotzt: aus dem Wohnzimmerfenster, über den Balkon und selbst in den Hausflur. Ich glaub´ ich habe noch nie so viele Besoffene auf einem Haufen gesehen. Und die Mädels, Mann! Eine von den Schwedinnen hat mich auf den Mund geküsst. Ich hätte die flachgelegt. Aber du und Phil, ihr musstet natürlich eure Show abziehen.“
Jetzt ist alles vorbei. Ich fahre auf der Autobahn Richtung Süden und mein Verstand ist nach zwei Tagen Alkohol- und Drogenabstinenz klar wie ein Bergkristall. Ich bin auf Castingtour – ich caste Familien für eine Fernsehshow auf RTL 2 – und drücke das Gaspedal meines Ford Mondeo bis zum Anschlag durch. Der Wagen rast über das silbergraue Band aus Betonplatten, welches von Berlin aus quer durch die Ostdeutsche Provinz nach Bayern führt. Die Autobahnen hier sind neu und breit und leer, sie sind die Reminiszenz der Kohl- und Schröderjahre, die einzigen sichtbaren Relikte einer Epoche, in der die deutsche Politik unter „Aufbau Ost“ offenbar ein wenig mehr verstand, als bloße Kesselflickerei. Das Symbol dieser Anstrengungen und deren Scheiterns liegt an einem Autobahnkreuz nördlich von Leipzig: mitten in der dunkelgrünen Ebene, zwischen leeren Lagerhallen, Billigmärkten und den Filialen amerikanischer Fast- Food – Ketten steht da der überdimensionierte Bau des Flughafens Leipzig-Halle. Wie eine gigantisches Insekt aus Stahl und Glas hebt sich das Terminalgebäude von der platten Umgebung ab, doch vor dem Pharaonischen Bau herrscht gähnende Leere. Zwischen zwei- drei bunt bemalten Billigfliegern und einer DC-10 Frachtmaschine liegt ein weites Feld von Beton und Teer. Die Bezeichnung „Interkontinentalflughafen für Mitteldeutschland“, die auf großflächigen Schildern beiderseits der Fahrbahn prangt, wirkt da wie purer Hohn: das einzige, was hier in interkontinentale Sphären abhebt, ist der Größenwahn – und vielleicht hin und wieder ein Charterflieger nach Punta Cana oder der obligate Bumsbomber in Richtung Pattaya.
Kurz nach Gera verlasse ich die Autobahn und finde mich in einer längst vergessen geglaubten Zeit wieder. Die Dörfer in Thüringen sehen offenbar alle gleich aus: abgewrackt, ältlich und müde. Hier herrscht noch richtige Kittelschürzenarchitektur, mit rissigen, grauen Fassaden, ausgebleichten Vorhängen und wurmstichigen Fensterrahmen. Frisch wirken nur die Lidl-Supermärkte und die zur „Bundesagentur für Arbeit“ hochstilisierten Filialen der Arbeitsämter. Verwundern tut das natürlich keinen: bei mehr als zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit verkörpern diese meist sechseckigen, hellrot leuchtenden Klinkersteinbauten die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Günther, der Vater der Familie, die ich besuche, hat da eigentlich noch Glück gehabt, er arbeitet in einer Dosenfabrik. Trotzdem will er nicht so recht reden und sitzt schweigend in der düsteren Küche, während mir seine Frau die ganze Zeit dünnen Filterkaffee einschenkt. Die Kinder hocken derweil im Wohnzimmer und sehen fern. Früher war Günther Stellwerkbeamter bei der deutschen Reichsbahn, aber das ist lange her. Die Reichsbahn gibt es nicht mehr, sie ist verschwunden, genau so wie der dazugehörige Staat, die DDR, wo Günther groß geworden ist. Günther ist jedoch kein Nostalgiker, er hat nichts übrig für die Ostverklärung, die nach der Wende einsetzte und die Ex-Staatspartei PDS als Wendeverliererverein in den Bundestag katapultierte. „Ich war ein Heimkind“, sagt er leise. „Damals hat man halt alle Leute, die nicht ins Schema passten, einfach abgeschoben.“ Er zuckt mit den Schultern und wirkt irgendwie defätistisch, obwohl er das eigentlich gar nicht ist. „Immerhin habe ich wieder Arbeit“, sagt er ein paar Mal und fängt an zu lächeln. Mit seinem schwarzen Schnurrbart, den Adiletten an den Füssen und der dunkelblauen Trainerjacke sieht er aus, wie die Verkörperung des typischen Proleten-Ossi.
Doch der Eindruck täuscht, denn die Kinder sind keine verzogenen Tyrannen, die Ehefrau kein übergewichtiger, hysterischer Kugelblitz und Günther selbst kein Dosenbiertrinkender Fernseh- Fußballgucker. „Zur Zeit haben wir Glück“, findet er, „aber das kann sich schnell ändern.“ Da hat er recht, denn die Konkurrenz ist bereit und liegt im fernen Osten. Wer braucht noch Industrie in Thüringen, wenn irgendwelche Chinesen schneller und günstiger arbeiten. Der durch die Globalisierung ausgelöste Strukturwandel ist ein unabwendbarer Fakt, keine Gewerkschaft und auch keine Regierung kann ihn aufhalten, weder Streiks noch Maßnahmenpakete, noch irgendwelche klug formulierte Reformen werden den Gang der Geschichte verändern. Und auch die NPD nicht, die den Leuten weismacht, sie könnte es und mit schlecht sitzenden Reiheanzügen und Buchhaltervisagen Landkreis um Landkreis erobert, indem sie die Menschen mit nationalen Lügen füttert, die bereits vor sechzig Jahren in Tränen und Blut geendet hatten. Sie ist nicht mehr als ein kurzer Spuk, ein oberflächlicher Kratzer im stählernen Mantel der unaufhaltsam voranschreitenden Zeit. „Die Sonne“, denke ich, während ich im sterbenden Tageslicht über die A9 nach Norden jage, „geht im fernen Osten auf. Im Westen geht sie unter“. Rechts der Fahrbahn erhebt sich jetzt ein dunkelblaues Strassenschild. Darauf steht: Nächste Ausfahrt: Bitterfeld.