Southern Comfort
Mein Linienflug nach Stuttgart hat Verspätung und ich sitze untätig in der Lagerhalle, die in Berlin Schönefeld als Abfertigungsgebäude dient. Mit der rechten Hand zerdrücke ich einen Kaffeebecher aus Karton, mit der linken blättere ich in einer zerfledderten Ausgabe der Bild-Zeitung, die irgendwer auf einem der Bistrotische des Coffee-Shops liegen gelassen hat. Ich werde zu spät in Stuttgart sein und meinen Termin verpassen, denke ich – aber egal, ich kann ja nichts dafür. Irgendwann lassen sie uns dann endlich einsteigen und die Maschine hebt ab, Richtung Süden. Unter mir schrumpfen Autobahnen, Bundestrassen und Eisenbahnlinien zu immer dünneren werdenen Adern, die sich einem Netz gleich durch das grau braune Land ziehen, ehe sie unter einem schmutzig weissen Film aus Wolken und Dunst verschwinden. Der Kaffee brennt in meinem Magen, ich bestelle etwas Mineralwasser bei einer kühlen, blondhaarigen Stewardess und muss dafür zwei Euro bezahlen – natürlich, Germanwings ist eine verfluchte Billigfluggesellschaft, da kann man froh sein, wenn man während dem Flug wenigstens kostenlos pinkeln darf. Anne-Marie hat mir erzählt, dass früher alle Firmenmitarbeiter Business Class flogen, weil sich dort die Tickets leichter umbuchen liessen. Diese fetten Jahre scheinen vorbei zu sein. Darum sitze ich nun in dieser gelb – rot bemalten Röhre und lasse mich, eingezwängt zwischen fettig glänzenden Rentnerpaaren und Möchtegern – Geschäftsleuten in schlecht sitzenden Stangenanzügen von einer Flughafenbaracke zur nächsten transportieren. Fliegen im Jahre zweitausendundsechs hat mit Eleganz und Exklusivität etwa eben soviel gemein, wie Mac Donalds mit dem Fünf-Sterne – Restaurant von Michel Gérard – nämlich gar nichts.
In Stuttgart hole ich meinen Mietwagen ab – einen Ford Focus mit der Beschleunigung eines kasachischen Eselskarren. Wie ich mit diesem Scheiss-Concept-Car (so heissen diese Kisten glaub’ ich im Fachjargon) auf der German Autobahn überleben soll, ist mit ein Rätsel. Aber soweit kommt es erst gar nicht, denn auf der Rhein-Neckar-Autobahn herrscht Stau: überall Baustellen, die mindestens eine Fahrspur blockieren und den Verkehr alle drei Kilometer fast vollends zum Erliegen bringen – an ein Fortkommen ist nicht zu denken. Ich zwänge mich zwischen tschechischen Lastwagenkolonnen quer durchs Schwabenland, Hügel rauf, Hügel runter und dauernd klebt einem so ein Depp in einem Audi oder BMW an der Stossstange, drängelnd und wild blinkend. Als ob es nur an mir liegen würde, dass nichts vorwärts geht. Ab Karlsruhe wird es dann besser, ich fahre konstant 160, mehr lässt sich aus meinem Wagen nicht rausholen. Am späten Nachmittag bin ich in Südbaden, ich durchquere die Rheinebene und nähere mich den Ausläufern des Schwarzwaldes, die wie eine olivgrüne Socke am Horizont liegen. Die Dörfer hier sehen sauber aus, sauber und reich, fast wie in der Schweiz, die ja nur eine knappe Autostunde entfernt liegt. Lauter kleine Einfamilienhaussiedlungen, viel Bausparkassenarchitektur, kleinbürgerliche Bescheidenheit mit sauber gefegten Bürgersteigen und grün bemalten Radwegen. Diese radikale Durchschnittlichkeit setzt sich fort, als ich bei der Familie, die ich casten muss, im Wohnzimmer sitze: Häckeldeckchen, Nippes und eine Wanduhr, die penetrant tickt. „Kommen se, Käffche“ ruft die Mutter Birgit, wir sitzen an einem Tisch aus hell lackiertem Holz und die Familienmitglieder erzählen mit stoischer Freundlichkeit von sich selbst: keine Brüche, keine Extreme, Biographien so geradlinig wie die Kieferstämme im Hochschwarzwald. Obwohl die Kinder kein Gymnasium besuchen, gibt es kaum Grund zur Sorge: während in anderen Bundesländern ein Realschulabschluss wohl automatisch in ein Schicksal als Harz IV – Empfänger mündet, machen die Jungen hier ganz einfach eine Banklehre. So wie das vor dreissig Jahren üblich war, als das Land noch BRD hiess.
Am Abend treffe ich Niels in einer Bar in Freiburg. Er umarmt mich und bestellt gleich zwei Jägermeister. „Der alten Zeiten wegen“, ruft er. Wir stossen an und leeren das bittere Zeug in einem Zug runter. Freiburg ist eine schöne Stadt, die Badische Weinseligkeit vermischt sich mit Elsässer Charme, die Leute stossen mit Spätburgunder an und essen Flammekuche, Frankreich liegt ja auch gleich jenseits des Rheins. Dieses Stück Savoir-Vivre berührt mich und obwohl ich irgendwo mal gelesen habe, dass in Freiburg nur Esoteriker und Studenten wohnen, weckt der Ort meine Sympathie. Niels stimmt mir grundsätzlich zu, aber nach ein paar Flaschen Tannzäpfle kommt bei ihm plötzlich so etwas wie Berlin-Nostalgie auf. „Irgendwie ist das alles hier ja ganz nett“, sagt er und schaut rüber zum Fernseher, wo jetzt Leverkusen gegen den FC Sion spielt. „Aber Freiburg ist halt ein Dorf. Ein kleines, provinzielles Dorf. Hier hat man schnell einmal die Runde gemacht.“ Ich bestelle noch eine Runde Jägermeister und als Sion den Ausgleich schiesst, springe ich auf. „Ihr Schweizer!“ ruft ein fetter Typ hinter der Bar hervor, „ihr habt doch bloss den Schiri bestochen, mit eurem Geld“ – „Und wer hat den Krieg verloren?“ gebe ich zurück. „Leverkusen macht euch 4:1 fertig, dass sag’ ich dir!“ – „Blödsinn, ihr fliegt raus“. Dummerweise gewinnt Leverkusen, wenn auch nur mit 3:1. „Nix für Ungut“, ruft der Fettsack versöhnlich und ich gebe ihm die Hand. Es gibt Abende, da muss man einfach in Frieden auseinander gehen. Und heute ist genau so ein Abend: Der Barmann, ein sympathischer Secondo mit aalig gegelter Igelfrisur, dessen Eltern aus Palermo stammen, gibt eine Runde aus und ein blond gelocktes Mädchen stellt sich quer über den Tresen als Halbfranzösin vor: „Meine Mama kommt aus Toulouse“, sagt sie, verdreht die Augen und zieht lasziv an einer Marlboro-Light. Später treten wir raus in die Dunkelheit, vor meinem verschwommenen Auge leuchtet Freiburg wie ein mit Kerzen und Girlanden behängter Weihnachtsbaum. Ich schlafe in Niels Wohnzimmer, auf dem Sofa und bin sofort weg. Der Südwesten Deutschlands, denke ich, ist vielleicht nicht sexy, dafür hat er etwas anderes zu bieten: der Süden ist gemütlich. Das mag zwar lächerlich tönen, aber es gibt durchaus richtige Momente für diese Gemütlichkeit. Denn sie umfasst dein Herz und hält es warm, selbst draussen, in der kalten, weiten Welt.