Born to Run
Nördlich von Wiesbaden wird das Land hügeliger. Die dreispurige Betonpiste der A3 windet sich über die Kuppen der Berghänge, stürzt sich Abhänge hinab und setzt in hohen Stelzen über breite Täler. Beiderseits der Fahrbahn erstrecken sich tiefe Wälder und irgendwo hier muss die Varusschlacht stattgefunden haben, dieses mythenumwobene Gemetzel, in dem die Germanen unter Arminius den Vormarsch des römischen Imperiums stoppten und die nördliche Grenze der mediterranen Hochkultur mit Eisen und Blut für immer festlegten. Ganz nach dem Motto: bis hier und nicht weiter reicht die Zivilisation, dahinter sind nur noch Barbaren. Die bewaldete Gegend zwischen Frankfurt und Köln scheint sowieso zum Grenzland prädestiniert: hier sangen die deutschen Nationalisten im 19. Jahrhundert von der „Wacht am Rhein“, standen die französischen Truppen während der Rheinlandbesetzung in den zwanziger- und Dreißigerjahren, ehe sie im Zuge der Appeasement – Politik der Westmächte vor Hitlers Wehrmacht kampflos kehrtmachten, um nach Jahren der kollektiven, europäischen Selbstzerfleischung gemeinsam mit ihren Gegnern von damals den geteilten Kontinent gegen einen neuen Feind namens Sowjetunion zu verteidigen. Der Krieg, der Hass, der überbordende Nationalismus, diese blutrünstigen Fratzen der Geschichte, scheint im Westerwald so präsent, dass man meinen könnte, er tropfe wie Harz aus den Nadeln der Tannenwälder. Dabei wirkt die Gegend eigentlich friedlich; saftige, grüne Wiesen, hin und wieder etwas Wald und über allem der blaue, kalte Himmel eines sonnigen Herbsttages.
Die Familie, die ich caste, bewohnt ein geräumiges Haus in einem Kaff irgendwo in der Nähe von Limburg. Die Leute führen mich in ihr sonnendurchflutetes Wohnzimmer und geben sich weltmännisch; er habe bereits in Bahrein, Frankreich und Spanien gearbeitet, sagt der Vater, die Tochter spricht fließend Französisch und der jüngste Sohn sieht nicht nur aus wie der Junge auf der Kinderschokolade, sondern strebt auch eine ähnliche Karriere an: er macht nämlich als Kinderstar bei irgendwelchen Produktionen des WDR mit. Ich weiß nicht was ich von alledem halten soll, dann meldet sich der Jägermeister von gestern Abend in einer Ecke meines Gehirns und einen Augenblick lang will ich einfach nur meine Kamera hinschmeißen und wegrennen. Irgendwie stehe ich das Casting durch, der Vater der Familie entpuppt sich mit der Zeit jedoch als ein ziemlicher Schleimer; er geht mit mir nach draußen, raucht eine Zigarette, fachsimpelt über Autos und fängt dann auch noch mit so einem von-Kollege-zu-Kollege – Gespräch über die Medienbranche an. Bei dem Typ handelt es sich offenbar um einen richtigen Namedropper, er hört gar nicht mehr auf, von irgendwelchen Produzenten, Intendanten und Regisseure zu erzählen, die ich nicht kenne. Ich sage „ja“ und „amen“ und „überhaupt, ich muss jetzt los“ und fliehe mit offenem Autofenster, eine fast abgebrannte Zigarette im Mundwinkel. Aus dem Radio nölt James Blunt look who`s alone now, it´s not me, it´s not me und ich möchte dem blöden, gitarrespielenden Weichei am liebsten ins Gesicht schreien: ja, ich bin jetzt wieder allein und ich bin verdammt noch mal froh drum. Stattdessen wechsle ich ganz einfach den Sender.
Die Fahrt in den Süden gleicht einem barfüssigen Gang durch die antike Hölle; ab Frankfurt geht auf sämtlichen Autobahnen und Bundesstrassen gar nichts mehr, Mitteldeutschland steht kurz vor dem totalen Verkehrskollaps. Zudem streiken auch noch irgendwelche Bahnangestellte in der Gegend, weil sie mit den Tarifverträgen nicht zufrieden sind. Verflucht noch mal, was geht mich das alles an, sage ich laut und sehe meinen nächsten Termin in Nürnberg in weite Ferne rücken. Nach mehreren Stunden Stop-and-go komme ich völlig entnervt in Würzburg an, mein Rücken tut weh und ich bin komplett durchgeschwitzt. Nie mehr Autofahren im Rhein-Main-Gebiet, sage ich mir. Nie mehr, nur über meine Leiche! Zum Glück übernimmt Philip das Steuer und drückt den Wagen mit 180 kmh nach München runter, es ist beinahe Elf Uhr, als wir dort ankommen und wir beschließen, uns sofort die Kante zu geben. Das klappt leider nicht, weil ihr aus unerfindlichen Gründen in einer vollkommen bekloppten Tabledance – Bar im Kunstpark landen, dort unser letztes Geld für zwei Drinks ausgeben und die verbleibende Zeit damit verbringen, eine Reihe osteuropäischer Tänzerinnen und zwei männliche Stripper davon zu überzeugen, dass wir a) kein Geld haben und b) nicht schwul sind. Der Laden, in dem außer uns nur fette Engländer rumhängen, gibt mir den Rest und als ein kahlgeschorener Animator in Hotpants und Ledergilet die Gäste auffordert, zu Robbie Williams Song Angels gemeinsam die Feuerzeuge in die Luft zu heben, hauen wir schließlich ab. Das darf doch nicht wahr sein, das kann nicht München sein, denke ich, aber soviel Zeit habe ich gar nicht, denn am nächsten Nachmittag sind wir wieder am Trinken – diesmal allerdings am Oktoberfest. Durch einen glücklichen Zufall landen wir in einem Bierzelt, die Luft da drinnen ist so schwer, dass ich sie beinahe anfassen kann, aber nach drei Mass bin ich bei den Leuten und als mir ein völlig betrunkener Aargauer mit hochrotem Kopf eine Villiger -Zigarre mit Plastikmundstück anbietet, schunkle ich paffend mit. Den Rest des Abends verbringe ich im Wachkoma, irgendwo zwischen Rummelplatz, gebrannten Mandeln und Indie – Pop. Ich wanke hin und her, einen Drink in der Hand und ein Flimmern vor den Augen. An den Rest kann ich mich nicht mehr erinnern. Lisa sagt, sie habe mich dann gegen vier Uhr früh zu Hause deponiert.
Es ist Sonntag Mittag, ich wache auf und stelle fest, dass ich erstens in meinen Kleidern geschlafen habe und zweitens in spätestens zwei Stunden in Nürnberg sein muss. Ich krieche zu meinem Wagen (laufen geht nicht, dazu bin ich immer noch zu betrunken), brettere im Vollrausch über die Autobahn nach Norden, stopfe in einem Burger King an einer vierspurigen Einfallstrasse bei Nürnberg einen pomadigen Wopper in mich rein und lasse mich wenig später von einem fränkischen Hausmeister mit Oberarmen wie Pferdeschenkel durch ein leeres Schulhaus führen. Der Hausmeister hat eine glänzend polierte Glatze und Ringerohren, die ihm wie verbeulte Blechteller am Schädel kleben. Er wünsche sich einen sportlichen Opa mit Harley, sagt er und seine blonde Frau, die aussieht wie eine Barbiepuppe die zwei Minuten lang in eine Mikrowelle gesteckt wurde, nickt beflissentlich. Ich muss mich richtig anstrengen, um die Filmerei einigermaßen anständig auf die Reihe zu kriegen und als ich eine Stunde später wieder im Wagen sitze, bin ich völlig fertig. Trotzdem beschließe ich nochmals aufs Oktoberfest zu gehen, und rufe Steffi an, die mich zu irgendeinem Schützenfestzelt dirigiert Das Oktoberfest ist nämlich eine äußerst egalitäre Veranstaltung, da hocken dann die Söhne der Münchner Schickeria in ihren Polohemden gleich neben fetten Oberbayern in Lederhosen und besoffenen australischen Touristen mit Sandalen an den Füssen und heben alle fünf Minuten den Bierkrug, um ein Prosit in den Dunst raus zu schreien. Jeder ist im Bierzelt daheim, Klassenunterschiede scheint es auf der Wiesn – abgesehen vom schickelnden Käferzelt – keine zu geben. Dafür dreht eine polternde Blaskapelle irgendwelche Rock – Classics durch den musikalischen Fleischwolf und die Mädels tragen diese engen Dirndl, die ihnen die Brüste hochdrücken und diese gleich auch noch ein bisschen größer aussehen lassen. „Ah, Schweizer. Sehr schön!“, brüllt mir ein junger Typ quer über den Tisch entgegen. „Wo wohnst du?“ will er wissen. – „In Berlin“, antworte ich – „Mein Beileid“ sagt der Typ und stößt mit mir an. Typisch, denke ich, Münchner können Berlin nicht riechen. Berliner München aber auch nicht. Dann die letzte Runde: noch einmal Ich will heim nach Fürstenfeld singen, ein Brathändel mit den bloßen Fingern zerlegen und dann ab ins P1, in die Münchner Nobeldisko, wo unter anderem Oliver Kahn seine Freundin aufgerissen hat. Steffi trägt ein äußerst geschmackvolles Dirndl, in dunkelrot und blau, sehr dezent, sehr ladylike. Sie hängt sich bei mir ein und als ich in dem dunklen Raum stehe, umgeben vom lederüberzogenen fin-de-siècle- Deko der French- House –Ära der späten Neunzigerjahre mit quadratischen Sitzelementen und aufgereihten Absolut-Flaschen, stelle ich fest, dass ich Steffi eigentlich ganz gerne mag. Ich drücke sie an mich, als sie geht und gebe mein letztes Geld für eine Gin Tonic aus. Lisa erzählt, dass sie bis heute Nachmittag in Österreich war, dann ist Schluss. Am nächsten Morgen warte ich auf meine Maschine nach Berlin und trinke Kaffee. Die Leute um mich herum sehen müde aus. Sie sind geboren um zu rennen und ich bin jetzt einer von ihnen. Es gibt nur eine Gewissheit, denke ich: am Ende bleibt alles unklar.