Archive for November, 2006

Helden der Popkultur

Wednesday, November 15th, 2006

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Jean-Paul Belomondo und Jean Seberg in Godards Kultfilm „Ausser Atem“? Steve McQueen und Ali Mac Graw in „Getaway“, kurz vor Antritt der Flucht? Beides möglich, aber trotzdem falsch. Die Szene spielt weder in New Mexiko noch im Paris der späten fünfziger Jahre, sondern in der BRD des Jahres 1968. Der Hintergrund: deutsche Anarchisten zünden Kaufhäuser an. Die Hauptdarsteller: Andreas Baader und Gudrun Ensslin oder: Bonnie and Clyde als deutsche Terroristen. „Die RAF war von Anfang an Pop“ behauptet meine Tischnachbarin Anke und weist auf all die Bilder hin, die die Terroristen als Ikonen zeigen. Anke hat in ihrere Magisterarbeit über die RAF geschrieben. Ich überlege eine Weile und nicke dann. Schliesslich habe ich Stefan Austs Baader-Meinhof-Komplex mit siebzehn als Abenteuerroman gelesen. Schnelle Autos, ein unstetes Leben und eine Prise Revolutionsromantik. Und über allem die Ästhetik der französischen Nouvelle Vague. Vielleicht ging es auch nur darum, den Mädchen zu imponieren. Das würde jedenfalls die sinnlosen Worthülsen der Kassiber erklären. Und Baaders Vorliebe für gelbe Porsche Carreras. Was die RAF von den heutigen Terroristen unterscheidet? Sie liebten das Leben, nicht den Tod. Das machte sie kalkulierbar. Und rückblickend gesehen irgendwie naiv. Kann so etwas Sympathie wecken? „Damals erklärte sich laut einer Umfrage jeder siebte Deutsche bereit, Baader und seine Leute bei sich aufzunehmen“, sagt Anke und lächelt scheu. „Ich glaube“, fügt sie dann an, „ich hätte auch dazu gehört.“ Und ich? Ich weiss nicht, wie weit ich gegangen wäre. Der Reiz des unverbrauchten, radikalen Abenteuers lässt sich ja nicht wegdiskutieren. Mit anderen Worten: vielleicht hätte ich mitgemacht.?

Er war mein Kanzler

Saturday, November 11th, 2006

Es ist Spätherbst in Berlin und in den Strassen hängen die ersten Nebelfetzen. Schwere, nasse Klumpen, deren feuchte Kälte dir dann den ganzen Winter lang in den Knochen hängt. Das will ich mir nicht antun. Darum bleibe ich zu Hause, ziehe die Vorhänge zu und sehe fern. Im Bayrischen Rundfunk hockt Gerhard Schröder bei Siegmund Gottlieb und redet über sein Buch. Na klar, denke ich, er hat ja gerade seine Memoiren veröffentlicht. Jetzt flitzt er von einer Talkshow zur nächsten und plaudert aus dem Nähkästchen von sieben Jahren Rot-Grün. Ja, damals, haha, als ich mit den Joschka, dem Oskar und dem Bodo… so oder ähnlich läuft das dann die ganze Zeit. Die Gerd-Show. Ein Medienmensch war der Schröder ja immer schon. Jetzt wird er auch noch zum Popstar. Zu einer Art Dieter Bohlen der Politik. Die Parallelen lassen sich durchaus ziehen. Wo im Oeuvre des Ex-Modern Talking – Mannes ein Penisbruch zum literarischen Orgasmus führt, erreicht das Schröder-Werk seinen point-culminant zweifellos in der Wahlnacht 2005, als des Kanzlers Verhalten ins Subobtimale abdriftet. „Herr Schröder“, möchte man ihn fragen, „waren sie damals eigentlich betrunken?“

Genau das tut Siegmund Gottlieb und der Altkanzler beugt sich vor und geht zum Gegenangriff über. „Ich möchte da mal was klarstellen, ich war nicht voll“, sagt er und redet von „Stress“ und „all dem, was ich einstecken musste, ganz besonders von Leuten wie ihnen.“ Dabei lächelt er giftig. Schröder ist immer noch derselbe, denke ich. Der Kämpfer, der es von ganz unten nach ganz oben geschafft hat. Den Kopf geduckt, die Schultern gespannt, diesen ich-habe-immer-recht Ausdruck im Gesicht – so sieht ein Mann aus, der sich durchboxen musste. Der unter Dauerbeschuss stand. Ein Arbeiterkind im Brioni-Anzug. Aber für was steht Schröder eigentlich? Für die westdeutsche Version des American Dream? Für das Ende der deutschen Sozialdemokratie mit ihrer Sparkassen – Gemütlichkeit und dem illusorischen Traum vom bequemen Wohlstand für alle? Ist er der Genosse der Bosse? Der Mann der Hartz IV erfand? Der Deutschland in den Krieg führte? Oder aber der grosse Reformer? Der Friedenskanzler, der dem US-Präsidenten die Stirn bot? Schröder wirkt wie ein Chamäleon, er tut scheinbar alles und nichts zugleich. Gestern noch Staatsmann, heute Aufsichtsrat bei Gasprom. Kann man so einen Typ ernst nehmen? Darf man ihm ein Land anvertrauen? Und überhaupt: hat Schröder Deutschland ruiniert?

An dem Abend, an dem Rot- Grün die Bundestagswahlen 1998 gewann, sass ich Wohnzimmer meines Onkels in Tel Aviv. Draussen ging ein heisser Spätsommertag zu Ende und auf meiner Haut klebte der metallene Staub aus den Strassen von Nazareth. Die ARD zeigte Bilder von der SPD-Wahlparty. Schröder stand zwischen Oskar Lafontaine und Joschka Fischer, trank Champagner und bog sich vor Lachen. Ich war damals achtzehn Jahre alt und seit ich mich erinnern konnte, wurde Deutschland von Helmut Kohl regiert. Kohl war die fleischgewordene Bräsigkeit. Er sah aus wie der Filialleiter einer Kreissparkasse und redete wie ein Pfälzer Gastwirt. Zudem hatte er einen birnenförmigen Kopf und war furchtbar dick. 1998 war Kohl am Ende, er passte einfach nicht mehr zum wiedervereinigten Deutschland der späten Neunzigerjahre. Schröder hingegen, war der richtige Mann zur richtigen Zeit. Ein Windhund, ein pragmatischer Macher, mal Kumpel, mal Arschloch, der aber immer irgendwie die richtigen Worte fand. Ich erinnere mich, dass ich Schröder damals überhaupt nicht mochte. Ich hielt ihn für einen aalglatten Gauner, einen, der dich bloss nett anlächelt um dir gleichzeitig dein Portemonnaie aus der Hosentasche zu ziehen. Heute bekenne ich: ich habe mich geirrt. Schröder war kein Gauner. Er war ganz einfach nur einer von uns. Er war der Kanzler der nicht gehaltenen Versprechen, der geplatzten Träume, der grossen Illusionen und Enttäuschungen. Egal ob New-Economy – Blase, Spassgesellschaft, 11. September, neue Ernsthaftigkeit oder Irakkrieg – der Kanzler wirkte immer irgendwie planlos. Und glich damit der Generation, die unter ihm aufwuchs. Orientierungslosigkeit gepaart mit Spontaneität, das Prinzip Hoffnung als Motto und eine ungewisse Zukunft vor Augen. So hat Schröder regiert. Und ich gelebt.

Ich schalte den Fernseher aus, gehe trotz des schlechten Wetters nach draussen und treffe Phil im Pong. Wir hocken an der hölzernen Bar und trinken Ricard, während ein Typ mit halblangen Haaren Retro-Rock auflegt. Das Pong ist beinahe leer und draussen geht jetzt leichter Regen nieder. „Wenn Schröder da wäre, würde ich ihn auf ein Bier einladen“, sage ich. Phil nickt. „Ich hab Schröder auch gemacht. Er war halt einfach ein ganz normaler Typ. Konnte es mit einem Bauarbeiter genauso wie mit einem Soziologieprofessor. Der Mann hatte ganz einfach Charisma.“ Hatte. Denn Schröder ist nicht mehr da. Er hat vor einem Jahr aufgehört. Und wird nie wieder zurückkehren. Sagt er zumindest. Als Schröder an die Macht kam, war ich gerade volljährig geworden und hatte die grosse weite Welt vor mir. Als er 2005 abgewählt wurde, schloss ich mein Studium ab, war abgespannt, ein kleines bisschen desillusioniert und trank zuviel Alkohol. Es ist erstaunlich, wie sich die Dinge entwickeln. Damals wusste ich nicht, was ich von ihm halten sollte. Inzwischen weiss ich: er war mein Kanzler

Die Jugend von heute

Tuesday, November 7th, 2006

Es ist Samstagnachmittag und ich bin an der YOU. Die YOU ist die größte Jugendmesse Europas, und weil sie diesen Status innehat, kommen natürlich nicht nur ganz viele Jugendliche an die YOU, sondern auch mindestens so viele Unternehmen, die sich dann auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln, um in der Gunst der Halbwüchsigen ganz oben zu stehen. Da gibt es dann den Beauty-Stand von Bébé, wo sich die Mädchen die Pickel zuspachteln lassen können. Oder eine fette Snowboard - Halfpipe, mit der Nokia offenbar den Beweis erbringen möchte, dass Mobiltelefone echt fette Lifestile - Accessoires sind und nicht etwa nur Taschengeldfresser. Die Kids stehen dann kaugummikauend in den Nazi-Bauten des Berliner Messegelände rum und lassen sich mit irgendwelchen Werbegeschenken zumüllen, während auf der VIVA - Bühne nebenan die fünf gelackten Berufsjugendlichen von US 5 die Mädels zum Kreischen bringen. Alles in allem ein richtiges Konsumparadies, irgendwo zwischen BRAVO, Petting, Alcopops und HJ-Reichjugendtag. Mir kommt Joachim Lottmann in den Sinn. Der hat nämlich mal ein Buch geschrieben, über die Jugend von heute und behauptet, von der käme nix mehr: keine Revolte, keine gute Musik und nicht einmal mehr richtiger Sex.

Ob das stimmt? Ich weiß es nicht. Die YOU jedenfalls ist wie Wasser auf die Mühlen aller Zivilisationspessimisten, Jugend – Hasser und Untergangsphilosophen. Die Jungs sehen aus wie schwule Hiphopper, die Mädchen wie minderjährige Prostituierte aus Osteuropa. Die Geschlechterrollen scheinen den Gangsta - Videos zu entstammen und würden wohl jeder emanzipierten post-68er Mutter die Tränen in die Augen treiben. Statt K1 und Emma scheinen heute Neukölln und Bushido angesagt, wo mit Frauen eigentlich „nur gefickt“ wird. Den Teenagern scheint das alles aber zu gefallen. Laut schnatternd schieben sie sich durch die Hallen und bewegen sich mit einer beneidenswerten Eleganz durch das Trommelfeuer einer grellen Warenwelt, die ich selbst nur noch als Terror wahrnehme. Simon, den die UFA extra aus Köln hierher geschickt hat, nennt das „audiovisuelle Reizüberflutung“. Im Prinzip meint er aber dasselbe. Wir gehen daher nach draußen, rauchen eine Zigarette und trinken Cola. Bier gibt´s hier natürlich keines. „Ich verstehe das nicht“, sagt Simon. „Ich wäre als Sechzehnjähriger niemals an so eine Veranstaltung gegangen. Wenn die alle so drauf sind, dann gute Nacht.“

Vielleicht sind liegt es ja an meiner Grundeinstellung und alles wird eines Tages gut. Aber im Moment bestätigt die YOU bloß meinen tiefen Pessimismus. Deutschland ist fertig, denke ich und dann kommt mir die Diskussion mit Volker in den Sinn, die wir vor zwei Wochen in dessen Hamburger Wohnung geführt hatten und die mit der larmoyanten Feststellung endete, dass dieses Land vor die Hunde gehen würde. Na ja, vielleicht sollte ich noch sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als eine Flasche billigen Rotwein intus hatte und als schlechtbezahlter Mediensklave auf Castingtour war. Und dass Volker gerade aus Kasachstan zurückgekehrt war, wo er als vermeintlicher Entwicklungshelfer fünf Monate lang untätig rumsaß und billigen Wodka trank. Wir saßen also bei ihm in der Küche und irgendwann sagte ich, dass ein Land, in dem alle gutausgebildeten Menschen auswanderten, in einer global konkurrenzierenden Weltwirtschaft keine Chance hätte. „Braindrain und Akademikerarbeitslosigkeit zusammen – so was ist einfach absurd.“  - „Tja“, sagt Volker, „der Zug fährt in Richtung dritte Welt. Wie Kasachstan. Alle, die was drauf haben, gehen weg. Selbst die Ossis arbeiten schon in Österreich!“. Zurück bleiben dann, - um noch mal den Lottmann zu zitieren – die Schwachen, die Dummen und die Alten. „Und die ganz Jungen, die dann in so einer absterbenden Gesellschaft aufwachsen“, fügt Volker an. „Zum Glück hab´ ich den Schweizer Pass. Seit ich in Deutschland lebe, kommt mir der vor wie eine Lebensversicherung.“

Jetzt stehe ich also zwischen all den Pimps und Bitches und weiß nicht ob ich mich über die Gnade der frühen Geburt freuen soll oder nicht. Sind wir eigentlich zukunftsfähig oder geht ganz Europa den Bach runter? Werden Leute wie ich irgendwann einmal fähig sein, ein Land zu regieren? Und was passiert dann mit den heute Sechzehnjährigen? Eigentlich hasse ich den Generationenbegriff, aber es gibt Augeblicke, da kommt man um ihn nicht rum. Wenn wir also wirklich eine Generation sind, dann grenzen wir uns doch irgendwie ab. Bloß wie? Die Golfer hatten ihre große Zeit in den Neunzigern, labten sich am schnellen Geld und pflegten nebenbei ihre Luxusneurosen. Daraus entstanden Vera am Mittag, Benjamin von Stuckrad – Barre und eine postmoderne Alltagskultur. Oder in anderen Worten: emotionale Verwirrtheit auf solider materieller Basis. Bei den Jüngeren liegen die Dinge genau umgekehrt: fehlende Jobsicherheit und Unterschichtendebatte versus Weltkirchentag, feste Beziehungen und Nichtraucherbars. Und wir? Die Dazwischengeborenen? Sind wir völlig aus dem Häuschen? Sind wir gleich zweimal gestrandet, ideel sowie materiell? Haben wir mit zu vielen verschiedenen Sexualpartnern geschlafen und gleichzeitig für 400 Euro im Monat Fronarbeit geleistet und sind deshalb sowohl emotional als auch rational ausgebrannt? Das alles würde jedenfalls meinen Defätismus erklären. Und denjenigen meiner Freunde. „Ich halte das nicht mehr länger aus“, sagt Simon jetzt und weist mit dem Kopf in Richtung Ausgang. „Lass uns gehen.“ Wenig später hocken wir in einer Kneipe um die Ecke, trinken Bier und reden über Fussball. „Eigentlich“ denke ich nach ein paar Gläsern, „ist die Zukunft doch einfach egal.“ Und genau das ist das Problem.