Es ist Spätherbst in Berlin und in den Strassen hängen die ersten Nebelfetzen. Schwere, nasse Klumpen, deren feuchte Kälte dir dann den ganzen Winter lang in den Knochen hängt. Das will ich mir nicht antun. Darum bleibe ich zu Hause, ziehe die Vorhänge zu und sehe fern. Im Bayrischen Rundfunk hockt Gerhard Schröder bei Siegmund Gottlieb und redet über sein Buch. Na klar, denke ich, er hat ja gerade seine Memoiren veröffentlicht. Jetzt flitzt er von einer Talkshow zur nächsten und plaudert aus dem Nähkästchen von sieben Jahren Rot-Grün. Ja, damals, haha, als ich mit den Joschka, dem Oskar und dem Bodo… so oder ähnlich läuft das dann die ganze Zeit. Die Gerd-Show. Ein Medienmensch war der Schröder ja immer schon. Jetzt wird er auch noch zum Popstar. Zu einer Art Dieter Bohlen der Politik. Die Parallelen lassen sich durchaus ziehen. Wo im Oeuvre des Ex-Modern Talking – Mannes ein Penisbruch zum literarischen Orgasmus führt, erreicht das Schröder-Werk seinen point-culminant zweifellos in der Wahlnacht 2005, als des Kanzlers Verhalten ins Subobtimale abdriftet. „Herr Schröder“, möchte man ihn fragen, „waren sie damals eigentlich betrunken?“
Genau das tut Siegmund Gottlieb und der Altkanzler beugt sich vor und geht zum Gegenangriff über. „Ich möchte da mal was klarstellen, ich war nicht voll“, sagt er und redet von „Stress“ und „all dem, was ich einstecken musste, ganz besonders von Leuten wie ihnen.“ Dabei lächelt er giftig. Schröder ist immer noch derselbe, denke ich. Der Kämpfer, der es von ganz unten nach ganz oben geschafft hat. Den Kopf geduckt, die Schultern gespannt, diesen ich-habe-immer-recht Ausdruck im Gesicht – so sieht ein Mann aus, der sich durchboxen musste. Der unter Dauerbeschuss stand. Ein Arbeiterkind im Brioni-Anzug. Aber für was steht Schröder eigentlich? Für die westdeutsche Version des American Dream? Für das Ende der deutschen Sozialdemokratie mit ihrer Sparkassen – Gemütlichkeit und dem illusorischen Traum vom bequemen Wohlstand für alle? Ist er der Genosse der Bosse? Der Mann der Hartz IV erfand? Der Deutschland in den Krieg führte? Oder aber der grosse Reformer? Der Friedenskanzler, der dem US-Präsidenten die Stirn bot? Schröder wirkt wie ein Chamäleon, er tut scheinbar alles und nichts zugleich. Gestern noch Staatsmann, heute Aufsichtsrat bei Gasprom. Kann man so einen Typ ernst nehmen? Darf man ihm ein Land anvertrauen? Und überhaupt: hat Schröder Deutschland ruiniert?
An dem Abend, an dem Rot- Grün die Bundestagswahlen 1998 gewann, sass ich Wohnzimmer meines Onkels in Tel Aviv. Draussen ging ein heisser Spätsommertag zu Ende und auf meiner Haut klebte der metallene Staub aus den Strassen von Nazareth. Die ARD zeigte Bilder von der SPD-Wahlparty. Schröder stand zwischen Oskar Lafontaine und Joschka Fischer, trank Champagner und bog sich vor Lachen. Ich war damals achtzehn Jahre alt und seit ich mich erinnern konnte, wurde Deutschland von Helmut Kohl regiert. Kohl war die fleischgewordene Bräsigkeit. Er sah aus wie der Filialleiter einer Kreissparkasse und redete wie ein Pfälzer Gastwirt. Zudem hatte er einen birnenförmigen Kopf und war furchtbar dick. 1998 war Kohl am Ende, er passte einfach nicht mehr zum wiedervereinigten Deutschland der späten Neunzigerjahre. Schröder hingegen, war der richtige Mann zur richtigen Zeit. Ein Windhund, ein pragmatischer Macher, mal Kumpel, mal Arschloch, der aber immer irgendwie die richtigen Worte fand. Ich erinnere mich, dass ich Schröder damals überhaupt nicht mochte. Ich hielt ihn für einen aalglatten Gauner, einen, der dich bloss nett anlächelt um dir gleichzeitig dein Portemonnaie aus der Hosentasche zu ziehen. Heute bekenne ich: ich habe mich geirrt. Schröder war kein Gauner. Er war ganz einfach nur einer von uns. Er war der Kanzler der nicht gehaltenen Versprechen, der geplatzten Träume, der grossen Illusionen und Enttäuschungen. Egal ob New-Economy – Blase, Spassgesellschaft, 11. September, neue Ernsthaftigkeit oder Irakkrieg – der Kanzler wirkte immer irgendwie planlos. Und glich damit der Generation, die unter ihm aufwuchs. Orientierungslosigkeit gepaart mit Spontaneität, das Prinzip Hoffnung als Motto und eine ungewisse Zukunft vor Augen. So hat Schröder regiert. Und ich gelebt.
Ich schalte den Fernseher aus, gehe trotz des schlechten Wetters nach draussen und treffe Phil im Pong. Wir hocken an der hölzernen Bar und trinken Ricard, während ein Typ mit halblangen Haaren Retro-Rock auflegt. Das Pong ist beinahe leer und draussen geht jetzt leichter Regen nieder. „Wenn Schröder da wäre, würde ich ihn auf ein Bier einladen“, sage ich. Phil nickt. „Ich hab Schröder auch gemacht. Er war halt einfach ein ganz normaler Typ. Konnte es mit einem Bauarbeiter genauso wie mit einem Soziologieprofessor. Der Mann hatte ganz einfach Charisma.“ Hatte. Denn Schröder ist nicht mehr da. Er hat vor einem Jahr aufgehört. Und wird nie wieder zurückkehren. Sagt er zumindest. Als Schröder an die Macht kam, war ich gerade volljährig geworden und hatte die grosse weite Welt vor mir. Als er 2005 abgewählt wurde, schloss ich mein Studium ab, war abgespannt, ein kleines bisschen desillusioniert und trank zuviel Alkohol. Es ist erstaunlich, wie sich die Dinge entwickeln. Damals wusste ich nicht, was ich von ihm halten sollte. Inzwischen weiss ich: er war mein Kanzler