Die Jugend von heute

Es ist Samstagnachmittag und ich bin an der YOU. Die YOU ist die größte Jugendmesse Europas, und weil sie diesen Status innehat, kommen natürlich nicht nur ganz viele Jugendliche an die YOU, sondern auch mindestens so viele Unternehmen, die sich dann auf den Kopf stellen und mit den Ohren wackeln, um in der Gunst der Halbwüchsigen ganz oben zu stehen. Da gibt es dann den Beauty-Stand von Bébé, wo sich die Mädchen die Pickel zuspachteln lassen können. Oder eine fette Snowboard - Halfpipe, mit der Nokia offenbar den Beweis erbringen möchte, dass Mobiltelefone echt fette Lifestile - Accessoires sind und nicht etwa nur Taschengeldfresser. Die Kids stehen dann kaugummikauend in den Nazi-Bauten des Berliner Messegelände rum und lassen sich mit irgendwelchen Werbegeschenken zumüllen, während auf der VIVA - Bühne nebenan die fünf gelackten Berufsjugendlichen von US 5 die Mädels zum Kreischen bringen. Alles in allem ein richtiges Konsumparadies, irgendwo zwischen BRAVO, Petting, Alcopops und HJ-Reichjugendtag. Mir kommt Joachim Lottmann in den Sinn. Der hat nämlich mal ein Buch geschrieben, über die Jugend von heute und behauptet, von der käme nix mehr: keine Revolte, keine gute Musik und nicht einmal mehr richtiger Sex.

Ob das stimmt? Ich weiß es nicht. Die YOU jedenfalls ist wie Wasser auf die Mühlen aller Zivilisationspessimisten, Jugend – Hasser und Untergangsphilosophen. Die Jungs sehen aus wie schwule Hiphopper, die Mädchen wie minderjährige Prostituierte aus Osteuropa. Die Geschlechterrollen scheinen den Gangsta - Videos zu entstammen und würden wohl jeder emanzipierten post-68er Mutter die Tränen in die Augen treiben. Statt K1 und Emma scheinen heute Neukölln und Bushido angesagt, wo mit Frauen eigentlich „nur gefickt“ wird. Den Teenagern scheint das alles aber zu gefallen. Laut schnatternd schieben sie sich durch die Hallen und bewegen sich mit einer beneidenswerten Eleganz durch das Trommelfeuer einer grellen Warenwelt, die ich selbst nur noch als Terror wahrnehme. Simon, den die UFA extra aus Köln hierher geschickt hat, nennt das „audiovisuelle Reizüberflutung“. Im Prinzip meint er aber dasselbe. Wir gehen daher nach draußen, rauchen eine Zigarette und trinken Cola. Bier gibt´s hier natürlich keines. „Ich verstehe das nicht“, sagt Simon. „Ich wäre als Sechzehnjähriger niemals an so eine Veranstaltung gegangen. Wenn die alle so drauf sind, dann gute Nacht.“

Vielleicht sind liegt es ja an meiner Grundeinstellung und alles wird eines Tages gut. Aber im Moment bestätigt die YOU bloß meinen tiefen Pessimismus. Deutschland ist fertig, denke ich und dann kommt mir die Diskussion mit Volker in den Sinn, die wir vor zwei Wochen in dessen Hamburger Wohnung geführt hatten und die mit der larmoyanten Feststellung endete, dass dieses Land vor die Hunde gehen würde. Na ja, vielleicht sollte ich noch sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als eine Flasche billigen Rotwein intus hatte und als schlechtbezahlter Mediensklave auf Castingtour war. Und dass Volker gerade aus Kasachstan zurückgekehrt war, wo er als vermeintlicher Entwicklungshelfer fünf Monate lang untätig rumsaß und billigen Wodka trank. Wir saßen also bei ihm in der Küche und irgendwann sagte ich, dass ein Land, in dem alle gutausgebildeten Menschen auswanderten, in einer global konkurrenzierenden Weltwirtschaft keine Chance hätte. „Braindrain und Akademikerarbeitslosigkeit zusammen – so was ist einfach absurd.“  - „Tja“, sagt Volker, „der Zug fährt in Richtung dritte Welt. Wie Kasachstan. Alle, die was drauf haben, gehen weg. Selbst die Ossis arbeiten schon in Österreich!“. Zurück bleiben dann, - um noch mal den Lottmann zu zitieren – die Schwachen, die Dummen und die Alten. „Und die ganz Jungen, die dann in so einer absterbenden Gesellschaft aufwachsen“, fügt Volker an. „Zum Glück hab´ ich den Schweizer Pass. Seit ich in Deutschland lebe, kommt mir der vor wie eine Lebensversicherung.“

Jetzt stehe ich also zwischen all den Pimps und Bitches und weiß nicht ob ich mich über die Gnade der frühen Geburt freuen soll oder nicht. Sind wir eigentlich zukunftsfähig oder geht ganz Europa den Bach runter? Werden Leute wie ich irgendwann einmal fähig sein, ein Land zu regieren? Und was passiert dann mit den heute Sechzehnjährigen? Eigentlich hasse ich den Generationenbegriff, aber es gibt Augeblicke, da kommt man um ihn nicht rum. Wenn wir also wirklich eine Generation sind, dann grenzen wir uns doch irgendwie ab. Bloß wie? Die Golfer hatten ihre große Zeit in den Neunzigern, labten sich am schnellen Geld und pflegten nebenbei ihre Luxusneurosen. Daraus entstanden Vera am Mittag, Benjamin von Stuckrad – Barre und eine postmoderne Alltagskultur. Oder in anderen Worten: emotionale Verwirrtheit auf solider materieller Basis. Bei den Jüngeren liegen die Dinge genau umgekehrt: fehlende Jobsicherheit und Unterschichtendebatte versus Weltkirchentag, feste Beziehungen und Nichtraucherbars. Und wir? Die Dazwischengeborenen? Sind wir völlig aus dem Häuschen? Sind wir gleich zweimal gestrandet, ideel sowie materiell? Haben wir mit zu vielen verschiedenen Sexualpartnern geschlafen und gleichzeitig für 400 Euro im Monat Fronarbeit geleistet und sind deshalb sowohl emotional als auch rational ausgebrannt? Das alles würde jedenfalls meinen Defätismus erklären. Und denjenigen meiner Freunde. „Ich halte das nicht mehr länger aus“, sagt Simon jetzt und weist mit dem Kopf in Richtung Ausgang. „Lass uns gehen.“ Wenig später hocken wir in einer Kneipe um die Ecke, trinken Bier und reden über Fussball. „Eigentlich“ denke ich nach ein paar Gläsern, „ist die Zukunft doch einfach egal.“ Und genau das ist das Problem.

4 Responses to “Die Jugend von heute”

  1. Flo Says:

    Hi Daniel!

    Bin grad zufällig über deinen Blog gestolpert und lass deshalb gleich mal schöne Grüsse da!

    (Falls du jetzt nicht mehr weisst, wer ich bin: Oktoberfest - Keller - September…)

    Viele Grüße aus Tirol!
    Flo

  2. Philippe Regenass Says:

    hi
    ich bin auch der meinung dass es viele möchtegern jugendliche gibt. trotzdem gibt es ja auch viele andere welche nicht so und in diesem beitrag fast zu kurz kommen.

  3. Hurentochter Says:

    fotzenschleimprotestaktion

  4. fajerwerki Says:

    I just want to tell you that your blog is very interesting, bookmarked

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