Ich lebe mit angezogener Handbremse
Sunday, December 17th, 2006Es gibt Tage, da wäre man am besten einfach im Bett geblieben und nie aufgestanden. Heute ist so einer. Ich bin am Weihnachtsfest meines Arbeitgebers und langweile mich zu Tode. So eine Firmenweihnachtsfeier ist eine furchtbare Angelegenheit: Du stehst den ganzen Abend zwischen schlecht angezogenen Leuten rum, versuchst krampfhaft Interesse zu heucheln, führst völlig Sinn- und freudlose Gespräche über ebenso unnütze wie oberflächliche Themen und betrinkst dich schliesslich gemeinsam mit Menschen, die du in deiner Freizeit eigentlich gar nie sehen willst. Alles in allem ein Abend zum Vergessen – wäre da nicht die Möglichkeit, dass sich irgendein stocksteifer Typ aus der Finanzabteilung daneben benimmt und mit einer Produktionsassistentin auf der Herrentoilette einen Quickie schiebt. Aber nicht einmal dazu kommt es. Stattdessen trinken alle Champagner oder Bier, stopfen Gänsefilet mit Klöpse in sich rein und tun so als wären sie mit ihrer Existenz rundum zufrieden. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich bei einem so genannten Medienunternehmen arbeite, einer Firma also, die im Unterhaltungsbereich tätig ist und deshalb lauter furchtbar kreative und lustige Mitarbeiter beschäftigt. Diese Leute sind das ganze Jahr über locker drauf und können es sich daher leisten, an der Jahresendesause auf die üblichen Ausschreitungen zu verzichten und sich stattdessen ganz zivilisiert gegenseitig verbale Belanglosigkeiten zu zuwerfen.
Bevor die Feier losgeht, hält jeder der Geschäftsführer eine kurze Begrüssungsansprache. Alles in allem eine Sache zum Vergessen, es fallen die übliche Worte, von wegen „wir können alle stolz sein, jeder einzelne von ihnen hat ganz Grosses geleistet“ oder „ein sehr interessantes Jahr liegt hinter uns.“ Alle klatschen wie auf Befehl in die Hände und nachher klimpert ein dicker Pianist mit Kinnbart zwei Stunden lang irgendwelche Evergreens. „Der Kerl sieht aus wie ein Spanner“, sagt Bastian. „Ja“, mache ich. „Irgendwie ein bisschen pädophil.“ Zum Essen trinke ich etwas Rotwein, bereue das aber gleich wieder, denn es handelt sich dabei um richtigen Fusel, der sich wie Dampf im Kopf ausbreitet und mir die Augenlieder nieder drückt. Ich spreche mit einer Produzentin aus meiner Abteilung, sie sagt sie verlasse die Firma um in Österreich irgendetwas neues anzufangen. „Das ist schön“, sage ich und tue so, als freue ich mich für sie. Irgendwer hat mir erzählt sie sei mehr oder weniger gegangen worden, aber ich kann ja nicht direkt nachfragen, sowas tut man nicht. Darum sitze ich bloss da und sage „aha“ und „schön“ und dann kommt ihr offenbar in den Sinn dass ich Schweizer bin und sie fängt mit Namedropping an und sagt „Ich habe Martin Suters ersten Roman in der Rohfassung gelesen, ich liebe Martin Suter“. Und Charles Lewinski. Na ja. Später sind dann ein paar von unseren Leuten etwas angetrunken. Die Chefs machen sich auf den Weg nach Hause und mit ihnen gehen auch die schlecht gelaunten Karrieristen und Wadenbeisser, die bloss zu Networkingzwecken da waren und und in mitten der sich langsam zersetzenden Ordnung steif und deplatziert wirken. Der DJ legt ein Potpourri okzidentaler Tanzmusik auf und bei Jan Delay kann jeder seine Clubtauglichkeit unter Beweis stellen. Ich gehe zurück zur Bar und trinke so lange Gin Tonic bis die Flaschen alle sind. Dann ziehe ich mich mit einem Becks auf ein leeres Sofa zurück und harre der Dinge die da kommen mögen. Doch nichts passiert. Ein Typ aus der PR-Abteilung macht sich an ein Hamburger Castingmädel ran, ohne Erfolg. Ansonsten bleiben die Skandale aus.
Um drei ist die Feier aus. An der Bar fangen sie schon an den Tresen zu putzen und draussen geht die Jagd auf die Taxis los. Ich denke an Sonja, die ihren Arbeitsplatz mir gegenüber hatte und jeden Tag bis acht Uhr abends Mädchen für alles spielte. Hin und wieder kochte sie den Produzenten sogar Kaffee. Als Dankeschön boten die ihr eine Vertragsverlängerung an. Sechs Wochen, zu schlechteren Konditionen. Begründung: du bist eh ersetzbar und wir haben besser qualifizierte Leute, die deinen Job für weniger Geld machen. Natürlich hat sie abgelehnt und sich die noch verbleibende Vertragsdauer frei genommen. Heute war demnach ihr letzter Tag. Einer der beiden Produzenten, für die sie sich einen Monat lang den Arsch aufgerissen hatte, bot ihr an, gemeinsam eine Abschiedszigarette zu rauchen, aber sie hatte die Kopfhörer ihres Ipods in den Ohren und die grosszügige Geste daher nicht mitbekommen. An die Weihnachtsfeier ist sie natürlich nicht gekommen, aber das haben die meisten sowieso nicht gemerkt. Als ich später in einem Taxi zum Senefelderplatz fahre, denke ich einen Augenblick daran, meine vorzeitige Entlassung zu provozieren. Ich wäre dann frei und könnte tun und lassen was ich wollte. Vielleicht, so geht es mir in diesem Augenblick durch den Kopf, würde dann alles besser. Hinter dem beschlagenen Seitenfensters des Mercedes gleiten die Lichter des vorweihnachtlichen Berlin vorbei. Ich wohne seit gut neun Monaten in dieser Stadt, die stets so viel verspricht. Bin ich glücklich hier? Und wenn ja, woran merke ich das? Oder war das alles nur ein ganz grosser Fehler. Später treffe ich PF an einer sterbenden Party in einem Kindergarten an der Schwedter Strasse. PF ist genauso betrunken wie ich und wir beschliessen, nach Kreuzberg zu fahren und uns dort den Rest zu geben. Auf dem Weg dorthin meint PF plötzlich, wir seien ziemlich nutzlos. „Wie meinst du das?“, will ich wissen. „Na ja“, sagt er, „Das Leben ist eine Autobahn und wir fahren mit angezogener Handbremse. Was wir tun, tun wir aus einer Mischung aus Kompromissbereitschaft, Faulheit und Resignation. Das kann es doch nicht sein“ - „Das kann es wirklich nicht sein“, sage ich und denke kurz nach. „Wir haben nur eine Möglichkeit: wir müssen ganz schnell und ohne viel Aufwand berühmt werden.“ - „Stimmt“, antwortet PF, „ich habe bloss keine Ahnung womit.“