Mein kleines Dorf am Ende der Welt
Als ich in Saarbrücken ankomme, scheint die Sonne. Irgendwer hat mal gesagt, das Saarland gehöre eigentlich nicht zu Deutschland und einen Augenblick lang kann ich diese Behauptung nachvollziehen. Allez-hop sagt ein Flughafenangestellter im leuchtgelben Gilet und lacht dabei nonchalant. Über den Tarmac weht ein Hauch von Frankreich; hier könnte genauso gut Béziers sein, Lourdes oder Epinal. Eine leere, rissige Betonpiste, umgeben von Hügeln voller Buschwerk, unregelmässige Windstösse und über allem der azurblaue Himmel. Ich gehe langsam über den Teer zum Terminal. Mein Magen brennt, die Flammen zehren von der unheilvollen Mischung aus Nachbrannt und Filterkaffee und fressen sich durch meine Eingeweide. Natürlich habe ich wieder zu viel getrunken und natürlich habe ich auch deshalb wieder diese verdammten Gliederschmerzen, die sich so anfühlen, als ob jemand deine Arme und Beine mit einer mittelalterlichen Foltermaschine in die Länge zieht. Vor Monaten noch hätte ich mich genau darüber aufgeregt und mir möglicherweise geschworen, in Zukunft weniger zu trinken. Inzwischen wanke ich stumpf und besinnungslos von einem Rausch zum nächsten, ausgelaugt und dumpf, der bedingungslosen Kapitulation nahe. Und selbst diese Aussicht lässt mich höchstens noch müde lächeln.
Ich hole meinen Wagen ab und nehme die Bundesstrasse Richtung Osten. Nach rund zehn Kilometern taucht unten im Tal Blieskastel auf, wenig später dann der Ort Bierbach. Ich steuere den Wagen durch die beinahe vollkommen leeren Dorfstrassen und stelle ihn oben beim Waldeingang ab. „Hier hast du früher den Sommer verbracht“, sage ich beinahe zu mir selbst und denke an all die Dinge, die ich mit dem Geburtsort meiner Mutter verbinde: Werthers Caramelbonbons, wurmstichige Holzkommoden, Aluminiumfässer voller Karlsberger Ur-Pils, der Gong der ARD – Tagesschau, der Geruch nassen Hundefells, speckige D-Markscheine, den blassroten Früchtetee meiner Oma und die allmorgendlichen Grussbotschaften auf dem Saarfunk. Ich trete mit meinen Schuhen in den roten Sand des Parkplatzes und rauche eine Zigarette. Heute ist alles vorbei, sage ich leise und fühle mich mit einem Male furchtbar müde. Im Sommer 2001 war mein Opa gestorben und als ich damals an einem grauen, regnerischen Junitag auf die Holzkiste in der triefenden Erde des Saarpfälzer Bodens blickte, wusste ich nicht was ich sagen sollte. Dabei habe ich so viele Fragen nie gestellt. Zwei Jahre später ging dann meine Oma und das Haus an der Eckstrasse wurde wenig später verkauft. Eine Generation war verschwunden und hinterliess mich sprachlos. Wie war das eigentlich damals, im Krieg, denn ihr alle immer den Kriech genannt habt? Wenig später sitze ich wieder im Wagen, den Kopf aufs Lenkrad gelegt. Aus den Augenwinkeln kann ich den Wald sehen, der das hügelige Land bis Kirkel bedeckt. Mein Blick ist leer und meine Hände taub, ich denke an gar nichts. Nicht an meine Arbeit, die mir wie eine weites, ödes Feld erscheint, nicht an meinen zerissenen Alltag und schon gar nicht an die Zukunft. Ich glaube, wenn ich diesem Moment eine Waffe bei mir hätte, dann würde ich mich auf der Stelle erschiessen.
Irgendwann gewinne ich meine Fassung zurück, starte den Motor und schalte das Autoradio an. Den Rest des Wochenendes verbringe ich in Trance. Ich bringe mein Casting bei einem Förster in Bexbach hinter mich, gebe meinen Mietwagen am Saarbrückener Bahnhof ab und nehme den Eurocity nach Paris-Est. Während der Fahrt durch die Finsternis der ostfranzösischen Provinz schütte ich eine Flasche Jägermeister in mich rein, in Paris, wo ich Julien treffe, haue ich noch Ricard, Gin, Bier und Wodka drauf um schliesslich auf einer ausklappbaren Couch in einer winzigen Wohnung in Clichy in einen kurzen, Komaähnlichen Schlaf zu fallen. Tags darauf dann das gleiche Bild: mindestens zwei Flaschen Champagner und ein paar Drinks an einer Privatparty in einer Villa ausserhalb von Paris, wo die tiefergelegte Ex-Frau eines französischen Comedians Geburtstag feiert. Ich gehe ein paar Mal um den gigantischen Indoor-Pool und finde mich am nächsten Morgen im ersten Stock wieder, auf einem Teppich liegend. Irgendwie bringt mich Julien nach Paris und setzt mich in seiner ehemaligen Wohnung ab, aber ich schaffe es nicht, ich muss raus und treffe daher eine seiner Freundinnen, die mich am Place Bastille mit einem verbeulten, silbergrauen Peugeot abholt. Sie trägt ihre Sonnenbrille auch bei Nacht und hat offenbar zu viel Kokain geschnupft; jedenfalls rasen wir durch die engen Strassen der Pariser Innenstadt, essen im Centre Pompidou zu Nacht und haken ein paar Bars ab, um dann in ihrer Wohnung zu landen und uns völlig den Rest zu geben. Als ich am darauf folgenden Tag am Flughafen Orly auf meine Maschine nach Berlin warte, rinnt meine Nase und meine Augen sind weit offen. „Niemals“ sage ich immer wieder, „niemals kannst du in dein normales Leben zurückkehren. Vielleicht“, denke ich dann noch, „stürzt ja der verdammte Flieger ab“, verwerfe den Gedanken aber sofort wieder. Zu dumm, zu einfach, zu schwach. Stattdessen will ich zurück an die Saar. In mein kleines Dorf am Ende der Welt.