Archive for January, 2007

Der nächste Sturm kommt bestimmt

Tuesday, January 23rd, 2007

Der Sturm ist längst vorbei und im „Zu mir oder zu dir“ stirbt das Wochenende einen sanften Tod. Ich klopfe ein blau – weiß gestreiftes Kissen zurecht, um meinen geschundenen Rücken darauf zu betten, Dave bringt zwei Gläser White Russian, ich nippe an der süßen, weißen Flüssigkeit und Dave sagt, er fühle sich wie der Typ in dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier. „Bill Murray erlebt hundert Mal hintereinander denselben Tag. Ich hingegen erlebe hundertmal hintereinander dasselbe Wochenende. Am Schluss steht dann jedes Mal dieser Moment der Ruhe.“ Tatsächlich scheinen sich die Dinge immer mehr anzugleichen und um den Abenden eine individuelle Note zu geben, variiere ich hin und wieder meine Garderobe. Heute trage ich einen wollenen Mantel, ein Jackett von Strellson, dazu Handschuhe aus Leder. Ich versuche, meine innere Abgerissenheit zu kaschieren. Trotzdem fragt mich der Typ hinter der Bar im „Zu mir“, ob es mir wirklich gut ginge. „Du siehst nämlich richtig fertig aus,“ sagt er. Kein Wunder, denke ich, schließlich habe ich die letzten vier Wochen durchgefeiert.

Gestern trug ich eine khakifarbene Mütze aus China – dieselbe Art Kopfbedeckung, wie sie die roten Garden während der Kulturrevolution anhatten, als sie unter dem poetischen Motto „lasst tausend Blumen blühen“ wie ein wilder Mob durch die Strassen Pekings zogen und wahllos Menschen umbrachten. Ich fühlte mich daher ein wenig morbide und auch zynisch, denn als mich ein Mädchen fragte, ob ich ein Linker sei, sagte ich „nein“ und „ich trage dieses Ding bloß aus ästhetischen Gründen.“ So eine Haltung war offenbar mehrheitsfähig und wenn nicht das, dann zumindest akzeptabel. Aber wen verwundert das schon, dachte ich, die Partys in Mitte gleichen sich im Grunde genommen doch alle: Wohnungen mit Stuck an der Decke, italienischer Rotwein aus Plastikbechern, betörende Mädchen in Stiefeletten und Jeanshosen, sparsame Musik und egozentrische DJ´s. Die Leute stehen dann alle rum, tanzen ein wenig und reden über sehr oberflächliche Dinge. Das ist wunderschön blasiert, aber eben auch zutiefst traurig. Ich sprach mit einem Mädchen, dass ich am Abend zuvor im Berghain kennen gelernt hatte, wobei kennen gelernt nicht viel heißen will, denn wir hatten bloß am Ende einer brüllenden, rohen Partynacht abwechselnd irgendwelche Sachen zueinander gesagt. Ich wusste daher nicht, was ich zu ihr sagen sollte, sie erzählte daraufhin von ihrem Sohn und mir fehlten erst recht die Worte. Junge Leute mit Kindern machen mich sprachlos, sie lassen mein eigenes Leben stets vollkommen sinnentleert erscheinen.

Ich bin dann weggegangen und habe mich dabei gefühlt wie Mao Tse Tung, als er Henry Kissinger eröffnete, er sei bereit, bis zu dreißig Millionen Chinesen für einen Atomkrieg zu opfern, – nämlich kalt und berechnend; ich habe Julien daraufhin das Fläschchen weggenommen, welches er sich den ganzen Abend über unter die Nase gehalten hatte und dieses in meine Manteltasche gesteckt. Später, im Rodeo, habe ich mit dem Geist aus der Flasche gesprochen, dessen Worte ihre Wirkung nur noch in abnehmendem Masse entfalteten, was aber nichts machte, da die Musik und der Gin das ihrige taten. PF saß dann mit einem Mädchen auf einem braunen Sofa bei den Toiletten, als sie ein Lied von Moby spielten und ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich tanzte. Zumindest glaubte ich das gestern. Dave fragt jetzt, ob ich Bier nähme, ich sage „ja“, er steht auf und zwei Mädchen setzen sich. Es sind Lucy und Andrea. Lucy trägt eine Tasche, die wir ihr zum Geburtstag geschenkt haben und Andrea sagt, sie sei an einer furchtbaren Party in Greifswald gewesen. „Die Leute dort waren vollkommen unentspannt. Ganz anders als in Berlin.“ Bloß ein paar hübsche Jungs wären da gewesen. „Aber die rannten alle rum wie gestochene Bienen. Wir haben ein Bier getrunken und sind gegangen.“

Ich denke daran, dass ich heute am späten Nachmittag mit Nasenbluten aufgewacht war. Jetzt liege auf dem Sofa einer Bar, die man gemeinhin als Lounge bezeichnen würde: warme Lichtflecken an den Wänden und auf den Gesichtern der Besucher, der Sänger von Beatplanet steht am DJ-Pult und spielt seine eigene Musik, ein paar Typen kiffen und alle sind unheimlich entspannt. Der typische Berliner Post-Orgasm-Chill eben. Oder mit anderen Worten: ein Drink, eine Packung französischer Filterzigaretten und die verblassende Erinnerung an ein paar Augenblicke des kollektiven Rauschs als Komponenten des vorläufigen Glück. Eigentlich gibt es nichts kleinbürgerlicheres als diese Stadt, deren Bewohner es sich in der Ecke des geregelten Nonkonformismus gemütlich gemacht haben. Bereits der kleinste Windstoss lässt sie zittern. „Das sind ja richtige Weicheier“, hatte David gerufen, als wir am vergangenen Donnerstag vor der verrammelten Türe des Dr. Pong gestanden hatten. „Da braucht bloß so ein Lüftchen ein paar Bäume auszureißen und schon verbarrikadieren sich alle in ihren Wohnungen und warten auf das Ende der Welt.“ Das Ende der Welt fand nicht statt und der Orkan zog vorüber, denke ich, als wir durch die von kleinen Ästen übersäte Lychenerstrasee nach Hause gehen. Aber der nächste Sturm kommt bestimmt.

Wer hat Angst vor Beischlafgeräuschen?

Tuesday, January 16th, 2007

Als Olivier anfängt, von seinem Kumpel Leonard zu erzählen, der Prostituierte stets nur für ihren Geruch bezahlt, sagt ihm Julien, er solle verdammt nochmal den Mund halten. „Du bist widerlich Shela. Wir sind am Essen.“ Weshalb die beiden sich gegenseitig Shela nennen, habe ich nie begriffen, es muss sich dabei wohl um ein Stück frankophonen Humor handeln, der für Aussenstehende einfach nicht zu begreifen ist. Olivier – oder eben in diesem Fall Shela - hat einen Tisch in diesem kleinen aber vorzüglichen Restaurant in Mitte reserviert. Wir sitzen also da zwischen lauter Bobos, schwulen Künstlern und Typen mit roten Schals und bestellen Fielet de Dinde. Die beiden kanadischen Backpacker, die wir auf eine Internetannonce hin bei uns aufgenommen haben, hocken daneben, trinken Cola und schweigen. „Die gehen mir auf den Sack. Die trinken ja nicht einmal Alkohol“, hatte Julien bereits geraunt, als wir auf der Rückbank eines Taxis beinahe lautlos durch das nächtliche Berlin glitten. „Abgesehen davon würde ich das Mädchen nicht einmal mit deinem anfassen.“ Inzwischen hat sich seine Abneigung gegen die Gäste sogar noch verstärkt. Er fährt mit der Gabel ins Putenfleisch, hält dann inne und schaut mich prüfend an: „Die müssen raus!“, sagt er. „Egal wie.“

„Weshalb hast du die eingeladen?“ – „Ich konnte ja nicht wissen, dass die so dröge sind.“ – „Die sind nicht nur dröge, die sind regelrecht mühsam. Ich kann Leute nicht ausstehen die in der Gegend rumstehen wie bestellt und nicht abgeholt. Das nächste Mal guck ich mir vorher die Fotos an. Ich will sexy Schwedinnen!“ Julien trinkt Wernesgrüner, ich Becks, Dave entlässt den Rauch in kleinen, beinahe runden Wolken und vorne auf der winzigen Bühne spielt eine wirre Funk-Band. Es ist ein ganz normaler Donnerstag Abend in Berlin und ich frage mich, ob ich mich morgen nicht einfach krank melden soll. Neben mir steht dieses Mädchen, sie trägt einen weissen Mantel mit Fellkragen und hohe Absätze, spricht ein raues Englisch und zieht mit beinahe vulgärer Affektiertheit an einer Zigarette. Sie sagt, sie komme aus Jerusalem und als ich ihr erzähle, dass mein Onkel in der Nähe von Tel Aviv wohnt, verzieht sie keine Miene, spielt alles kühl runter und gibt sich schlagfertig und hart. Ich sage nichts. Eigentlich ist sie nicht einmal hübsch, denke ich und sehe Olivier zu, der vor der Bühne steht und zum Takt der Musik mit den Hüften wippt. „Ich will ins Berghain“, höre ich Julien rufen und schüttle den Kopf, als er auffordernd in meine Richtung zeigt.

Ich war letztes Wochenende im Berghain gewesen, hatte mich zwischen all den weggetretenen Fuck-Ups gegen den Lärm der infernalisch stampfenden Bässe gestellt, völlig deplaziert, in Zweireihermantel, Schal und Hugo-Boss- Handschuhen und einem Glas Gin-Tonic in der Hand. PF war eingeschlafen und Julien steckte einem Mädchen Namens Anne die Zunge in den Hals. Später hatte sie dann bei ihm übernachtet und die Nacht darauf gleich nochmal, während ich über Jay McInery’s letztem Roman in eine Totenstarre verfiel. Nein ich will nicht ins Berghain, denke ich jetzt, wenn schon ins Rodeo, diese Mischung aus Zisterne und Edelclub, wo wir zu Beginn des Abends gewesen waren und ich in bedingt zurechnungsfähigem Zustand einem Typ auf die Füsse trat, dessen Gesicht ich kannte. Ich wusste nur nicht woher. Offenbar so ein Tischtennis-Assi aus dem Dr Pong. Ich war trotzdem nett, entschuldigte mich und fragte ob alles okay sei. – „Ist gut, nee lass schon, ist gut“ – „Na dann, bis später“ Der andere nickte, ich ging und ein blondes Mädchen mit Korkenzieherlocken sagte halblaut: „Guck mal, Daniel Brühl ist auch da.“

„Lass uns abhauen“ – „Wohin?“ – „Wohin wohl?“ – „Nein. Nicht ins Pong. Nicht heute.“ – „Hast du eine bessere Idee?“ – „Nein hab ich nicht.“ – „Eben“, Julien dreht sich weg und ich stehe immer noch bei dem Mädchen aus Israel, ich merke wie sie zutraulicher wird, ihr Eis schmilzt, sie fragt was wir jetzt machen, ich sage, ich hätte keine Ahnung, sie sagt: „Na dann“ und „ich habe gerade eben mit meinem Freund Schluss gemacht.“ Ich weiss, ich sollte jetzt irgendetwas sagen, irgendetwas nettes, empathisches, intimes, doch stattdessen verabschiede ich mich und gehe nach draussen, wo die anderen warten. Später stehen wir im Dr Pong, die verdammten Kanadier sind immer noch dabei, unsicher lächelnd wie Saalgäste in einer Fernsehshow, die man zu ihrer eigenen Überraschung auf die Bühne gebeten hat. „Ich könnte eine schwule Orgie im Wohnzimmer arrangieren“, sagt Dave, „dann wären die ruck-zuck weg“ – „Mach das!“, finde ich, aber Dave schüttelt den Kopf, „Ich kann mich in einer der Bars nicht mehr blicken lassen.“ Dann erzählt er eine wirre Geschichte von zwei Typen, die sich wegen ihm geprügelt hatten. „Ein Pärchen. Ich hab mit einem der Beiden rumgemacht, da ist der andere durchgedreht und mein Typ hat ihm schliesslich eins auf die Fresse gegeben. So richtig reingehauen hat er. Ich stand daneben und rauchte eine Zigarette. Mir war das alles völlig wurscht.“ Er macht eine Pause. „Wir sollten vielleicht weniger trinken“, sagt er dann. „Das macht uns alle fertig.“

Ich werde auch heute nicht früh nach Hause gehen. Ich werde wie immer Lübzer trinken, Blondie hören und den Leuten rund um mich beim Leben zuschauen. Manchmal habe ich das Gefühl, sehr, sehr weit weg zu sein. Ich sehe mich dann auf einer unbewaldeten Anhöhe unter einem grauen Winterhimmel voller Hochnebel, wie er sich jeweils in den kalten Monaten über das schweizerische Mittelland legt. Ich habe meine Zigaretten und eine kleine Flasche Jägermeister mit dabei. Davon trinke ich sobald es kalt und dunkel wird. Denn am Ende wird es immer kälter, weil alles Leben in mir erlischt, denke ich und bin mit einem Mal sehr müde. „Was machen wir jetzt mit den Kanadiern?“, höre ich Dave fragen und schüttle instinktiv den Kopf. „Keine Ahnung“, sage ich, sehe Julien, er sitzt an der Bar und spricht mit einem blonden Mädchen aus Schweden und ich weiss genau, was ich zu tun habe. Ich gehe rüber, tippe ihm auf die Schulter, er dreht sich um, schaut mich fragend an, ich sage: „Julien, du musst mit diesem Mädchen schlafen. Und zwar so laut, dass die beiden Kanadier die ganze Nacht kein Auge zu tun und morgen früh komplett entnervt abhauen.“ Julien nickt, dann fängt er an zu grinsen. „Okay“, sagt er, „ich kümmere mich darum.“ Später nimmt er das Mädchen mit nach Hause, treibt es mit ihr die ganze Nacht hindurch, geht am Freitag nicht zur Arbeit und schiebt sogar sein Bett näher an die Zwischentüre, die sein Zimmer vom Wohnzimmer trennt, wo die Kanadier auf der Couch schlafen. Das sei eine noble und selbstlose Geste, findet er nachher. „Ich habe mich regelrecht aufgeopfert.“ Das mag sein. Nur: die Kanadier sind trotzdem dageblieben.

Champagne Supernova

Thursday, January 4th, 2007

An dem Tag nach dem Tag, an dem Saddam Hussein gehängt worden war, ist das Wetter mild und ich stehe vor dem Dr. Pong und rauche eine Zigarette. Ich komme von dem verdammten Ort nicht mehr los, denke ich. Gestern Abend saß ich bis fünf Uhr früh am Tresen und sprach mit Lorenzo über Gott und die Welt. Lorenzo wohnt in Genf, promoviert in Neurobiologie und weiß daher über Dinge Bescheid von denen ich nicht einmal ahne, dass sie existieren. Trotzdem scheint er nicht ganz glücklich zu sein. „Ich sehe Typen, die sind gleich alt wie ich, aber verdienen das Zehnfache, verdammt“, sagte er irgendwann. Nicht dass es darauf ankäme – „aber so ein bisschen Geld wäre schon nicht schlecht. Schließlich bin ich jetzt Dreißig und für ein Billigstudentenleben langsam zu alt“.  – „Tja, wir sind offenbar zum Ausgeben geboren“, gab ich zurück, „aber das trifft sich im Grunde genommen ja ganz gut. Schließlich hat die Generation unserer Eltern ja eine ganz schöne Menge angehäuft. Das muss auch wer verpulvern.“ Lorenzo fand das gut und gab eine Runde aus und gleich nachher noch eine. Ich habe dann gerade mal  drei Stündchen geschlafen und mich um acht mit pochender Stirn aus dem Bett geschält um nach Potsdam zur Arbeit zu fahren. Für monatlich knapp tausend Euro, notabene. Soviel zum Thema Geld.

Ich trete die erloschene Zigarette in den Teer und gehe nach drinnen. Julien erzählt so eine verworrene Geschichte über drei Mädchen, die er offenbar alle im Visier hatte und erklärt, dass er zwei davon verloren hat – darunter auch seine hin-und-wieder-beinahe-so-etwas-wie-Teilzeitfreundin Mira. „Die hat mich an Silvester mit dieser Französin gesehen. Deshalb ist sie jetzt richtig sauer“ , sagt er. „Kein Wunder“, finde ich. – „Ja, aber ich muss aus diesem Grund woanders einen Unterschlupf finden, für all die kalten Wintertage. Das ist aufwendig und nervt.“ – „Der Winter ist überhaupt nicht kalt“ – „Na und? Für mich ist er kalt genug.“ Ich frage ihn, wo Lorenzo ist und er sagt, er wisse es nicht genau, aber womöglich sei er mit Dave unterwegs, der wiederum mit Rico, Martina und ihrem Freund Nicolas auf Sightseeing Tour gegangen sei. „Aha“, sage ich, und überlege ob ich gehen soll. Am Tischtennistisch machen die üblichen Nerds mit ihren selbst mitgebrachten High-End Schlägern gerade ein paar französische Touristen fertig, am Kicker kleben die ganze Zeit zwei Amis in Baggypants und überhaupt: ich habe kaum geschlafen und den ganzen Tag gearbeitet. Ich bereite mich innerlich auf einen stillen Abgang vor und stelle meine leere Lübzer-Flasche auf den DJ-Tisch. Dann sehe ich Dave und die anderen.

Dave sieht aus, als habe er ein Massaker gesehen. Er kommt auf mich zu, gibt mir die Hand und sagt mit stoischer Ruhe: „Du, ich war im Casino am Potsdamer Platz und hab an so einem Automaten 2´500 Euro gewonnen“. Dann geht er, ohne ein weiteres Wort zu sagen, rüber zur Bar. „Das gibt es doch nicht“, sagt Lorenzo, der jetzt in seiner Daunenjacke vor mir steht. „Ich mein, die andern verlochen fast hundert Euro in den Automaten und gehen leer aus, während er das Ding mit weniger als einem Fünfziger knackt.“ Dave hatte immer Glück im Spiel, denke ich. Als er achtzehn war, hat bei einem Wettbewerb des schweizerischen Nachrichtenmagazins Facts mitgemacht und prompt einen Gutschein für hundert CD´s gewonnen. Hundert CD´s. Und jetzt 2´500 Euro. Gibt es ausgleichende Gerechtigkeit? Ich glaube nicht. Ich glaube, die Welt ist ein zutiefst unegalitärer Ort und diese ungleiche Verteilung der Gewichte ein unabänderbarer Fakt – Sozialismus hin oder her. „Dafür habe ich Pech in der Liebe“, sagt Dave, der jetzt neben uns steht. „Na und. Wir auch“, rufen Lorenzo und ich beinahe gleichzeitig und realisieren, dass sich unter dem hohlen Mantel der Floskel ein spitzer kleiner Schmerz verbirgt. „Allez hop, Champagner“, höre ich Julien rufen, der offenbar seine Ennuis mit der Damenwelt vorläufig zur Seite gelegt hat, bevor David mit erhobener Hand gleich nachdoppelt.

Wir trinken an diesem Abend ungefähr fünfzehn Flaschen Rotkäppchen – Sekt. Wir fluten das Pong regelrecht mit dem Zeug. Nach ein paar Stunden stellt sich dann auch diese Schaumwein-Trunkenheit ein, die eine leichte und fröhliche ist und dich sorglos werden lässt. Wir liegen uns in den Armen und feiern uns selbst, Martina schlägt halb im Scherz vor, wir sollten und alle lieben und ich verschütte eine halbe Flasche Sekt über das DJ-Pult. Julien ist torkelnd verschwunden und als wir gegen fünf Uhr früh den Heimweg antreten, kann keiner mehr laufen. Als ich dann am nächsten Morgen langsam aus den Tiefen eines bleiernen Schlafes auftauche, stelle ich fest, dass Martina und ihr Freund ihren Rückflug in die Schweiz verpasst und erst nach einer dreistündigen, trunkenen Odyssee den Flughafen gefunden haben, Julien auf die dumme Idee kam, um vier Uhr früh in besinnungslosem Zustand bei Mira vorbeizugehen um zu reparieren, was sowieso nicht mehr zu reparieren war und ich schon wieder einen meiner Mäntel verloren habe. Eigentlich, denke ich in diesem Augenblick, haftet mir das Pech irgendwie an. „Immer geht irgendetwas schief.“ Normalerweise hätte ich mich jetzt grün und blau geärgert. Aber irgendwie bringe ich die Kraft dazu nicht auf. Vielleicht ist mir das alles gleichgültig. Vielleicht stört es mich nicht. Vielleicht bin ich in diesem Moment zufrieden. Oder zumindest so nah dran wie noch nie. Und vielleicht gibt es sie doch, die Gerechtigkeit. Zumindest ein bisschen. Denn als ich spät am Abend von einem Dinner bei Phil und Lucy nach Hause komme und mir in der Küche etwas Wodka hole, finde ich meinen Mantel. Er lag im Eisfach.

One Night At Dr. Pong

Tuesday, January 2nd, 2007

Ich traf Julien an einer Silvesterparty in Paris. 2003 oder 2004 muss das gewesen sein. Wir saßen in Phils Wohnung, tranken Champagner, hörten „Cigarettes & Alcohol“ und nahmen alle möglichen Drogen, während im Hintergrund Paris Hiltons Betthüpfervideo lief. Irgendwann zerrte mich Julien in ein Pub auf den Champs Elysees, ich trank viel zu viel Pina Colada und ließ mich am Ende der Nacht stilgerecht zum Taxi tragen. Ich lebte damals in Schottland und befand mich eigentlich in einem konstanten Dämmerzustand, aber das war trotzdem zuviel. Am darauffolgenden Tag machte ich daher kurzen Prozess, fuhr zerknittert nach Orly, nahm den nächsten Flug zurück in die Schweiz, bestellte Martini mit Eis und fragte mich wie um Himmels Willen ich am Abend zuvor bloß nach Hause gekommen war. Später erfuhr ich, dass es Julien gewesen war, der mir die Taxifahrt spendiert hatte und ich beschloss, ihm dafür ewig dankbar zu sein. Er hatte zwar nicht gerade mein Leben gerettet, mir jedoch eine Menge Ärger erspart. Die Distanz Champs – Montparnasse war nämlich durch meine fortgeschrittene Trunkenheit alles andere als kürzer geworden. Und wenn dir in solch einer Situation ein quasi Unbekannter zehn Euro in die Hand drückt und dem schlecht gelaunten Taxifahrer auch noch sagt wo´s langgeht, dann ist das mehr als nur eine freundliche Geste. Vielleicht sind es genau diese Kleinigkeiten, die Freundschaften entstehen lassen, denke ich und hole Julien ein Lübzer aus dem Kühlschrank hinter der Bar.

Jetzt ist wieder Silvester und Julien mimt den Rausschmeißer im Dr. Pong. Er hockt in seinem Gucci-Blazer am Eingang und lässt Freunde und hübsche Mädels umsonst rein. Als ich ihn ablöse, mache ich dasselbe und weil eigentlich nur Freunde und hübsche Mädels da sind, stehen wir kurz nach zwölf immer noch mit beinahe leeren Kassen da. „Das macht nix, das wird schon noch“, sagt Phil, der mit Kotletten, Afrofrisur, Ray Ban und Pornobalken aussieht wie ein Wiedergänger der vor Virilität bebenden Blaxploation -  Ikone Richard Roundtree. Er hat recht. Um drei Uhr Morgens ist der Laden voll, Bonaparte legt auf und die Leute lassen sich ziemlich gehen. Julien ist mit einem Mädchen aus Frankreich beschäftigt. „Sie ist zu Beginn der Feier auf mich zugekommen und hat gesagt, dass sie heute Nacht mit mir verbringen wird“, sagt er und küsst sie auf den Mund. Die Menschen scheinen aufgelöst an Silvester, es ist als ob sämtliche fest zementierten Lebensentwürfe plötzlich auseinanderbrechen und einen beinahe animalischen Kern freilegen. Der Rousseausche Mensch im Urzustand – wenigstens für eine Nacht im Jahr. Lichterfäden fallen vom Nachthimmel und der beißende Rauch der Knallpetarden hängt in den nassen Strassen. Draußen drehen selbst die größten Spießer völlig durch und schütten einander süßen Champagnerersatz über die Fred Perry-Klamotten. Ich habe Silvester eigentlich nie gemocht, denke ich und bin froh im Pong zu sein. Das Pong ist schließlich eine Konstante in meinem Leben und an einem Abend wie diesem, an dem sich sogar Soziopathen lachend in den Armen liegen, habe ich eine solche Konstante nötiger denn je. Ich stehe also zwischen den nackten Betonwänden, der Bar aus Restholz und warmen Farbflächen einer Lichtinstallation, trinke Rötkäppchensekt und sehe den Leuten beim Durchdrehen zu.

Dort wo normalerweise der Ping-Pong-Tisch steht, ist Phil am Tanzen. Régis – seines Zeichens Verleger und Phils Chef – geht mit dem Gitarristen der französischen Popband Louise Attaque an der Bar unter, an Daves Arm hängt eine sturzbetrunkene Schwedin mit rotem Lippenstift, Clothilde, die – ihre blaue Federboa miteingeschlossen – allerhöchstens drei Kleidungsstücke am Leib trägt, verschwindet mit irgendeinem Typen im Damenklo und selbst Rico und Sabrina, die in solchen Belangen normalerweise eine unterkühltere Herangehensweise an den Tag legen, sitzen Händchenhaltend auf dem Sofa. Das Dr. Pong ist Pissoir und Ballsaal zugleich, der Abend dreht sich um mich herum, ich befinde mich offenbar im Auge eines Orkans, der keinen Stein auf dem andern lässt und uns alle in eine parallele Realität katapultiert: Landunter der Himmel, kieloben die Welt. Später liege ich auf einem der Sofas und habe eine Art semitransparenten Film über den Augen. Ein Mädchen versucht, mich auf den Mund zu küssen, aber ich halte meine Lippen geschlossen. Ich will keine körperliche Nähe, die Möglichkeit eines One-Night-Stand lässt mich vollkommen kalt. Stattdessen denke ich an eine leicht gewellte, leere Voralpenlandschaft, an ein paar erholsame Tage, irgendwo in der Provinz. Offenbar suche ich ein wenig Stabilität – was angesichts des brodelnden Chaos in meinem Magen durchaus verständlich ist. „Du bist ein bisschen unmotiviert“, sagt sie. Ich gebe keine richtige Antwort und mache stattdessen nur die Augen zu. Schließlich küsst sie Lorenzo, einen Freund aus Genf. „You know, sometimes we all need some affection“, höre ich sie sagen, dann kippe ich weg.

Als ich wieder zu mir komme, sind die meisten meiner Freunde bereits nach Hause gegangen. Ich stolpere durch die Strassen, die im fahlen Morgenlicht erbärmlich wirken. Überall liegt Müll rum, – zerbrochene Flaschen, zerschossene Petarden – und selbst die Hausfassaden an der Schönhauserallee sehen mit einem Mal furchtbar ältlich aus. Vor meiner Haustüre stehen Lorenzo und das Mädchen, eng umschlungen. Ich schließe auf, sie kommen mit hoch und verschwinden sofort in der Küche. Ich lege mich in den Kleidern aufs Bett. Im Dämmerlicht des Tages, das durch die Vorhänge in das Innere meines Zimmers dringt, verspüre ich das eigenartige Bedürfnis, etwas Gutes zu tun. Ich habe so eine Art philantrophischen Schub, glaube ich. Vielleicht liegt das ja daran, dass heute Neujahr ist und die meisten Leute die scheinbare Unschuld des anbrechenden Jahres gerne zum Anlass nehmen, ihr Leben neu zu ordnen. Ich weiß genau, dass so ein moralischer Kraftakt innert Stunden verpufft. Darum sollte ich jetzt handeln, denke ich. Vielleicht sollte ich diesmal Julien ein Taxi bezahlen. Aber Julien ist schon lang mit einem Mädchen verschwunden und ich bin komplett betrunken. Wenig später habe ich alles vergessen. „Fuck it“, sage ich leise, „spielt alles keine Rolle“. Es war ja bloß Silvester.