One Night At Dr. Pong

Ich traf Julien an einer Silvesterparty in Paris. 2003 oder 2004 muss das gewesen sein. Wir saßen in Phils Wohnung, tranken Champagner, hörten „Cigarettes & Alcohol“ und nahmen alle möglichen Drogen, während im Hintergrund Paris Hiltons Betthüpfervideo lief. Irgendwann zerrte mich Julien in ein Pub auf den Champs Elysees, ich trank viel zu viel Pina Colada und ließ mich am Ende der Nacht stilgerecht zum Taxi tragen. Ich lebte damals in Schottland und befand mich eigentlich in einem konstanten Dämmerzustand, aber das war trotzdem zuviel. Am darauffolgenden Tag machte ich daher kurzen Prozess, fuhr zerknittert nach Orly, nahm den nächsten Flug zurück in die Schweiz, bestellte Martini mit Eis und fragte mich wie um Himmels Willen ich am Abend zuvor bloß nach Hause gekommen war. Später erfuhr ich, dass es Julien gewesen war, der mir die Taxifahrt spendiert hatte und ich beschloss, ihm dafür ewig dankbar zu sein. Er hatte zwar nicht gerade mein Leben gerettet, mir jedoch eine Menge Ärger erspart. Die Distanz Champs – Montparnasse war nämlich durch meine fortgeschrittene Trunkenheit alles andere als kürzer geworden. Und wenn dir in solch einer Situation ein quasi Unbekannter zehn Euro in die Hand drückt und dem schlecht gelaunten Taxifahrer auch noch sagt wo´s langgeht, dann ist das mehr als nur eine freundliche Geste. Vielleicht sind es genau diese Kleinigkeiten, die Freundschaften entstehen lassen, denke ich und hole Julien ein Lübzer aus dem Kühlschrank hinter der Bar.

Jetzt ist wieder Silvester und Julien mimt den Rausschmeißer im Dr. Pong. Er hockt in seinem Gucci-Blazer am Eingang und lässt Freunde und hübsche Mädels umsonst rein. Als ich ihn ablöse, mache ich dasselbe und weil eigentlich nur Freunde und hübsche Mädels da sind, stehen wir kurz nach zwölf immer noch mit beinahe leeren Kassen da. „Das macht nix, das wird schon noch“, sagt Phil, der mit Kotletten, Afrofrisur, Ray Ban und Pornobalken aussieht wie ein Wiedergänger der vor Virilität bebenden Blaxploation -  Ikone Richard Roundtree. Er hat recht. Um drei Uhr Morgens ist der Laden voll, Bonaparte legt auf und die Leute lassen sich ziemlich gehen. Julien ist mit einem Mädchen aus Frankreich beschäftigt. „Sie ist zu Beginn der Feier auf mich zugekommen und hat gesagt, dass sie heute Nacht mit mir verbringen wird“, sagt er und küsst sie auf den Mund. Die Menschen scheinen aufgelöst an Silvester, es ist als ob sämtliche fest zementierten Lebensentwürfe plötzlich auseinanderbrechen und einen beinahe animalischen Kern freilegen. Der Rousseausche Mensch im Urzustand – wenigstens für eine Nacht im Jahr. Lichterfäden fallen vom Nachthimmel und der beißende Rauch der Knallpetarden hängt in den nassen Strassen. Draußen drehen selbst die größten Spießer völlig durch und schütten einander süßen Champagnerersatz über die Fred Perry-Klamotten. Ich habe Silvester eigentlich nie gemocht, denke ich und bin froh im Pong zu sein. Das Pong ist schließlich eine Konstante in meinem Leben und an einem Abend wie diesem, an dem sich sogar Soziopathen lachend in den Armen liegen, habe ich eine solche Konstante nötiger denn je. Ich stehe also zwischen den nackten Betonwänden, der Bar aus Restholz und warmen Farbflächen einer Lichtinstallation, trinke Rötkäppchensekt und sehe den Leuten beim Durchdrehen zu.

Dort wo normalerweise der Ping-Pong-Tisch steht, ist Phil am Tanzen. Régis – seines Zeichens Verleger und Phils Chef – geht mit dem Gitarristen der französischen Popband Louise Attaque an der Bar unter, an Daves Arm hängt eine sturzbetrunkene Schwedin mit rotem Lippenstift, Clothilde, die – ihre blaue Federboa miteingeschlossen – allerhöchstens drei Kleidungsstücke am Leib trägt, verschwindet mit irgendeinem Typen im Damenklo und selbst Rico und Sabrina, die in solchen Belangen normalerweise eine unterkühltere Herangehensweise an den Tag legen, sitzen Händchenhaltend auf dem Sofa. Das Dr. Pong ist Pissoir und Ballsaal zugleich, der Abend dreht sich um mich herum, ich befinde mich offenbar im Auge eines Orkans, der keinen Stein auf dem andern lässt und uns alle in eine parallele Realität katapultiert: Landunter der Himmel, kieloben die Welt. Später liege ich auf einem der Sofas und habe eine Art semitransparenten Film über den Augen. Ein Mädchen versucht, mich auf den Mund zu küssen, aber ich halte meine Lippen geschlossen. Ich will keine körperliche Nähe, die Möglichkeit eines One-Night-Stand lässt mich vollkommen kalt. Stattdessen denke ich an eine leicht gewellte, leere Voralpenlandschaft, an ein paar erholsame Tage, irgendwo in der Provinz. Offenbar suche ich ein wenig Stabilität – was angesichts des brodelnden Chaos in meinem Magen durchaus verständlich ist. „Du bist ein bisschen unmotiviert“, sagt sie. Ich gebe keine richtige Antwort und mache stattdessen nur die Augen zu. Schließlich küsst sie Lorenzo, einen Freund aus Genf. „You know, sometimes we all need some affection“, höre ich sie sagen, dann kippe ich weg.

Als ich wieder zu mir komme, sind die meisten meiner Freunde bereits nach Hause gegangen. Ich stolpere durch die Strassen, die im fahlen Morgenlicht erbärmlich wirken. Überall liegt Müll rum, – zerbrochene Flaschen, zerschossene Petarden – und selbst die Hausfassaden an der Schönhauserallee sehen mit einem Mal furchtbar ältlich aus. Vor meiner Haustüre stehen Lorenzo und das Mädchen, eng umschlungen. Ich schließe auf, sie kommen mit hoch und verschwinden sofort in der Küche. Ich lege mich in den Kleidern aufs Bett. Im Dämmerlicht des Tages, das durch die Vorhänge in das Innere meines Zimmers dringt, verspüre ich das eigenartige Bedürfnis, etwas Gutes zu tun. Ich habe so eine Art philantrophischen Schub, glaube ich. Vielleicht liegt das ja daran, dass heute Neujahr ist und die meisten Leute die scheinbare Unschuld des anbrechenden Jahres gerne zum Anlass nehmen, ihr Leben neu zu ordnen. Ich weiß genau, dass so ein moralischer Kraftakt innert Stunden verpufft. Darum sollte ich jetzt handeln, denke ich. Vielleicht sollte ich diesmal Julien ein Taxi bezahlen. Aber Julien ist schon lang mit einem Mädchen verschwunden und ich bin komplett betrunken. Wenig später habe ich alles vergessen. „Fuck it“, sage ich leise, „spielt alles keine Rolle“. Es war ja bloß Silvester.

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