Champagne Supernova
An dem Tag nach dem Tag, an dem Saddam Hussein gehängt worden war, ist das Wetter mild und ich stehe vor dem Dr. Pong und rauche eine Zigarette. Ich komme von dem verdammten Ort nicht mehr los, denke ich. Gestern Abend saß ich bis fünf Uhr früh am Tresen und sprach mit Lorenzo über Gott und die Welt. Lorenzo wohnt in Genf, promoviert in Neurobiologie und weiß daher über Dinge Bescheid von denen ich nicht einmal ahne, dass sie existieren. Trotzdem scheint er nicht ganz glücklich zu sein. „Ich sehe Typen, die sind gleich alt wie ich, aber verdienen das Zehnfache, verdammt“, sagte er irgendwann. Nicht dass es darauf ankäme – „aber so ein bisschen Geld wäre schon nicht schlecht. Schließlich bin ich jetzt Dreißig und für ein Billigstudentenleben langsam zu alt“. – „Tja, wir sind offenbar zum Ausgeben geboren“, gab ich zurück, „aber das trifft sich im Grunde genommen ja ganz gut. Schließlich hat die Generation unserer Eltern ja eine ganz schöne Menge angehäuft. Das muss auch wer verpulvern.“ Lorenzo fand das gut und gab eine Runde aus und gleich nachher noch eine. Ich habe dann gerade mal drei Stündchen geschlafen und mich um acht mit pochender Stirn aus dem Bett geschält um nach Potsdam zur Arbeit zu fahren. Für monatlich knapp tausend Euro, notabene. Soviel zum Thema Geld.
Ich trete die erloschene Zigarette in den Teer und gehe nach drinnen. Julien erzählt so eine verworrene Geschichte über drei Mädchen, die er offenbar alle im Visier hatte und erklärt, dass er zwei davon verloren hat – darunter auch seine hin-und-wieder-beinahe-so-etwas-wie-Teilzeitfreundin Mira. „Die hat mich an Silvester mit dieser Französin gesehen. Deshalb ist sie jetzt richtig sauer“ , sagt er. „Kein Wunder“, finde ich. – „Ja, aber ich muss aus diesem Grund woanders einen Unterschlupf finden, für all die kalten Wintertage. Das ist aufwendig und nervt.“ – „Der Winter ist überhaupt nicht kalt“ – „Na und? Für mich ist er kalt genug.“ Ich frage ihn, wo Lorenzo ist und er sagt, er wisse es nicht genau, aber womöglich sei er mit Dave unterwegs, der wiederum mit Rico, Martina und ihrem Freund Nicolas auf Sightseeing Tour gegangen sei. „Aha“, sage ich, und überlege ob ich gehen soll. Am Tischtennistisch machen die üblichen Nerds mit ihren selbst mitgebrachten High-End Schlägern gerade ein paar französische Touristen fertig, am Kicker kleben die ganze Zeit zwei Amis in Baggypants und überhaupt: ich habe kaum geschlafen und den ganzen Tag gearbeitet. Ich bereite mich innerlich auf einen stillen Abgang vor und stelle meine leere Lübzer-Flasche auf den DJ-Tisch. Dann sehe ich Dave und die anderen.
Dave sieht aus, als habe er ein Massaker gesehen. Er kommt auf mich zu, gibt mir die Hand und sagt mit stoischer Ruhe: „Du, ich war im Casino am Potsdamer Platz und hab an so einem Automaten 2´500 Euro gewonnen“. Dann geht er, ohne ein weiteres Wort zu sagen, rüber zur Bar. „Das gibt es doch nicht“, sagt Lorenzo, der jetzt in seiner Daunenjacke vor mir steht. „Ich mein, die andern verlochen fast hundert Euro in den Automaten und gehen leer aus, während er das Ding mit weniger als einem Fünfziger knackt.“ Dave hatte immer Glück im Spiel, denke ich. Als er achtzehn war, hat bei einem Wettbewerb des schweizerischen Nachrichtenmagazins Facts mitgemacht und prompt einen Gutschein für hundert CD´s gewonnen. Hundert CD´s. Und jetzt 2´500 Euro. Gibt es ausgleichende Gerechtigkeit? Ich glaube nicht. Ich glaube, die Welt ist ein zutiefst unegalitärer Ort und diese ungleiche Verteilung der Gewichte ein unabänderbarer Fakt – Sozialismus hin oder her. „Dafür habe ich Pech in der Liebe“, sagt Dave, der jetzt neben uns steht. „Na und. Wir auch“, rufen Lorenzo und ich beinahe gleichzeitig und realisieren, dass sich unter dem hohlen Mantel der Floskel ein spitzer kleiner Schmerz verbirgt. „Allez hop, Champagner“, höre ich Julien rufen, der offenbar seine Ennuis mit der Damenwelt vorläufig zur Seite gelegt hat, bevor David mit erhobener Hand gleich nachdoppelt.
Wir trinken an diesem Abend ungefähr fünfzehn Flaschen Rotkäppchen – Sekt. Wir fluten das Pong regelrecht mit dem Zeug. Nach ein paar Stunden stellt sich dann auch diese Schaumwein-Trunkenheit ein, die eine leichte und fröhliche ist und dich sorglos werden lässt. Wir liegen uns in den Armen und feiern uns selbst, Martina schlägt halb im Scherz vor, wir sollten und alle lieben und ich verschütte eine halbe Flasche Sekt über das DJ-Pult. Julien ist torkelnd verschwunden und als wir gegen fünf Uhr früh den Heimweg antreten, kann keiner mehr laufen. Als ich dann am nächsten Morgen langsam aus den Tiefen eines bleiernen Schlafes auftauche, stelle ich fest, dass Martina und ihr Freund ihren Rückflug in die Schweiz verpasst und erst nach einer dreistündigen, trunkenen Odyssee den Flughafen gefunden haben, Julien auf die dumme Idee kam, um vier Uhr früh in besinnungslosem Zustand bei Mira vorbeizugehen um zu reparieren, was sowieso nicht mehr zu reparieren war und ich schon wieder einen meiner Mäntel verloren habe. Eigentlich, denke ich in diesem Augenblick, haftet mir das Pech irgendwie an. „Immer geht irgendetwas schief.“ Normalerweise hätte ich mich jetzt grün und blau geärgert. Aber irgendwie bringe ich die Kraft dazu nicht auf. Vielleicht ist mir das alles gleichgültig. Vielleicht stört es mich nicht. Vielleicht bin ich in diesem Moment zufrieden. Oder zumindest so nah dran wie noch nie. Und vielleicht gibt es sie doch, die Gerechtigkeit. Zumindest ein bisschen. Denn als ich spät am Abend von einem Dinner bei Phil und Lucy nach Hause komme und mir in der Küche etwas Wodka hole, finde ich meinen Mantel. Er lag im Eisfach.