Der nächste Sturm kommt bestimmt
Der Sturm ist längst vorbei und im „Zu mir oder zu dir“ stirbt das Wochenende einen sanften Tod. Ich klopfe ein blau – weiß gestreiftes Kissen zurecht, um meinen geschundenen Rücken darauf zu betten, Dave bringt zwei Gläser White Russian, ich nippe an der süßen, weißen Flüssigkeit und Dave sagt, er fühle sich wie der Typ in dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier. „Bill Murray erlebt hundert Mal hintereinander denselben Tag. Ich hingegen erlebe hundertmal hintereinander dasselbe Wochenende. Am Schluss steht dann jedes Mal dieser Moment der Ruhe.“ Tatsächlich scheinen sich die Dinge immer mehr anzugleichen und um den Abenden eine individuelle Note zu geben, variiere ich hin und wieder meine Garderobe. Heute trage ich einen wollenen Mantel, ein Jackett von Strellson, dazu Handschuhe aus Leder. Ich versuche, meine innere Abgerissenheit zu kaschieren. Trotzdem fragt mich der Typ hinter der Bar im „Zu mir“, ob es mir wirklich gut ginge. „Du siehst nämlich richtig fertig aus,“ sagt er. Kein Wunder, denke ich, schließlich habe ich die letzten vier Wochen durchgefeiert.
Gestern trug ich eine khakifarbene Mütze aus China – dieselbe Art Kopfbedeckung, wie sie die roten Garden während der Kulturrevolution anhatten, als sie unter dem poetischen Motto „lasst tausend Blumen blühen“ wie ein wilder Mob durch die Strassen Pekings zogen und wahllos Menschen umbrachten. Ich fühlte mich daher ein wenig morbide und auch zynisch, denn als mich ein Mädchen fragte, ob ich ein Linker sei, sagte ich „nein“ und „ich trage dieses Ding bloß aus ästhetischen Gründen.“ So eine Haltung war offenbar mehrheitsfähig und wenn nicht das, dann zumindest akzeptabel. Aber wen verwundert das schon, dachte ich, die Partys in Mitte gleichen sich im Grunde genommen doch alle: Wohnungen mit Stuck an der Decke, italienischer Rotwein aus Plastikbechern, betörende Mädchen in Stiefeletten und Jeanshosen, sparsame Musik und egozentrische DJ´s. Die Leute stehen dann alle rum, tanzen ein wenig und reden über sehr oberflächliche Dinge. Das ist wunderschön blasiert, aber eben auch zutiefst traurig. Ich sprach mit einem Mädchen, dass ich am Abend zuvor im Berghain kennen gelernt hatte, wobei kennen gelernt nicht viel heißen will, denn wir hatten bloß am Ende einer brüllenden, rohen Partynacht abwechselnd irgendwelche Sachen zueinander gesagt. Ich wusste daher nicht, was ich zu ihr sagen sollte, sie erzählte daraufhin von ihrem Sohn und mir fehlten erst recht die Worte. Junge Leute mit Kindern machen mich sprachlos, sie lassen mein eigenes Leben stets vollkommen sinnentleert erscheinen.
Ich bin dann weggegangen und habe mich dabei gefühlt wie Mao Tse Tung, als er Henry Kissinger eröffnete, er sei bereit, bis zu dreißig Millionen Chinesen für einen Atomkrieg zu opfern, – nämlich kalt und berechnend; ich habe Julien daraufhin das Fläschchen weggenommen, welches er sich den ganzen Abend über unter die Nase gehalten hatte und dieses in meine Manteltasche gesteckt. Später, im Rodeo, habe ich mit dem Geist aus der Flasche gesprochen, dessen Worte ihre Wirkung nur noch in abnehmendem Masse entfalteten, was aber nichts machte, da die Musik und der Gin das ihrige taten. PF saß dann mit einem Mädchen auf einem braunen Sofa bei den Toiletten, als sie ein Lied von Moby spielten und ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich tanzte. Zumindest glaubte ich das gestern. Dave fragt jetzt, ob ich Bier nähme, ich sage „ja“, er steht auf und zwei Mädchen setzen sich. Es sind Lucy und Andrea. Lucy trägt eine Tasche, die wir ihr zum Geburtstag geschenkt haben und Andrea sagt, sie sei an einer furchtbaren Party in Greifswald gewesen. „Die Leute dort waren vollkommen unentspannt. Ganz anders als in Berlin.“ Bloß ein paar hübsche Jungs wären da gewesen. „Aber die rannten alle rum wie gestochene Bienen. Wir haben ein Bier getrunken und sind gegangen.“
Ich denke daran, dass ich heute am späten Nachmittag mit Nasenbluten aufgewacht war. Jetzt liege auf dem Sofa einer Bar, die man gemeinhin als Lounge bezeichnen würde: warme Lichtflecken an den Wänden und auf den Gesichtern der Besucher, der Sänger von Beatplanet steht am DJ-Pult und spielt seine eigene Musik, ein paar Typen kiffen und alle sind unheimlich entspannt. Der typische Berliner Post-Orgasm-Chill eben. Oder mit anderen Worten: ein Drink, eine Packung französischer Filterzigaretten und die verblassende Erinnerung an ein paar Augenblicke des kollektiven Rauschs als Komponenten des vorläufigen Glück. Eigentlich gibt es nichts kleinbürgerlicheres als diese Stadt, deren Bewohner es sich in der Ecke des geregelten Nonkonformismus gemütlich gemacht haben. Bereits der kleinste Windstoss lässt sie zittern. „Das sind ja richtige Weicheier“, hatte David gerufen, als wir am vergangenen Donnerstag vor der verrammelten Türe des Dr. Pong gestanden hatten. „Da braucht bloß so ein Lüftchen ein paar Bäume auszureißen und schon verbarrikadieren sich alle in ihren Wohnungen und warten auf das Ende der Welt.“ Das Ende der Welt fand nicht statt und der Orkan zog vorüber, denke ich, als wir durch die von kleinen Ästen übersäte Lychenerstrasee nach Hause gehen. Aber der nächste Sturm kommt bestimmt.
January 25th, 2007 at 4:29 pm
MODERNE
gähnende Münder, Gräunis verfault die Lichter im Bauch
Ekstase ist fern, nur im Drogenrausch klebt noch ein Hauch
träge folgt man entfremdet dem Trott
für Passion und Schmerz bleiben Sarkasmus und Spott
wo man einst liebte und miteinander verschmolz
trennen Stumpfheit, Angst und vor allem der Stolz
Ersatz für Zelebrierung und lebendigen Jubel
sind Disneyland, Parties und zerstreuen im Trubel
Gespräche: die Worte sind knapp und verlieren an Klang
verschwunden ist Sehnsucht, Interesse, und verlangender Drang
ein Schrei auf der Straße nur unterbricht geschäftige Eile-
ach, ein Mord, excusez-moi, es war —– Langeweile
February 15th, 2007 at 12:32 pm
long time don’t see.
Caroline is here… she is thinking of relocating to good ol’ Dublin…she arrived last night and we talked a bit about you and the golden days of Belmont Street.
still in Berlin?
February 18th, 2007 at 7:58 pm
sure