Die Liebe der Segolène Royal

Sie trägt eine weiße Bluse mit halbem Stehkragen und eine komische Kette aus Gold. An ihren Seiten klebt ein Pulk aus Journalisten, Beratern und Bodyguards und als sie die stickige Halle betritt, ertönen ein paar Takte scheppernder Musik – eine krude Mischung aus Marsch und Mersey-Beat. Die Menschen in dem Raum stehen alle auf und klatschen, ganz so als wollten sie sagen: erhebt euch, ihr Linken dieser Stadt und schaut her, denn hier kommt Segolène Royal, die Jeanne d´Arc der französischen Sozialisten. Ich rauche meine Zigarette zu Ende und setze mich auf einen Treppenabsatz. Und zwar ganz hinten, dort wo die Kameramänner ihre Geräte aufgestellt haben und den Auftritt der Präsidentschaftskandidatin mit stoischer Miene runterfilmen. Madame Royal hat jetzt das Podium erreicht. Sie schüttelt ein paar Hände und lächelt dabei, während ihr dunkelbraunes Haar im Licht der Neonlampen glänzt wie Seide. Ich kann verstehen, dass die Menschen Segolène mögen, denn sie ist hübsch und wirkt sympathisch. Von den furchteinflößenden Gestalten, die die Marken „links“ und „Frau“ in Deutschland seit Jahren monopolisiert haben scheint die aparte Französin ungefähr ähnlich weit entfernt, wie der trikolore Überfussballer Zinedine Zidane von Christian Wörns. Oder könnte sich irgendwer Heidemarie Wieczorek-Zeul auf dem Cover der „Vogue“ vorstellen?

Schade nur, dass Segolène Royal jetzt auch noch über Politik sprechen muss. Denn über Politik zu sprechen ist eine schwierige Sache. Entweder, man treibt sein Publikum mit einem emotionalen Trommelfeuer an die Urnen und riskiert dafür das Etikett des Populisten und Demagogen. Oder aber man serviert den Zuhörern eine stumpfe Ansammlung politisch korrekter Harmlosigkeiten. Die ecken zwar nirgends an, haben dafür aber die aufputschende Wirkung von Schlaftabletten. Segolène Royal hat sich heute leider für die zweite Variante entschieden. Egal ob es um Europa, die Achse Berlin-Paris, Terrorismus, den Stellenabbau bei Airbus oder wieder um Europa geht – die Worte der Lichtgestalt der französischen Sozialisten haben höchstens die Strahlkraft einer Nachttischlampe. Auf ein Bekenntnis zur sozialen Sicherheit („Frankreich muss wieder gerechter werden“ – aha!) folgen Allgemeinplätze zur Welt im Grossen und Ganzen („Ich will den Frieden fördern“) und reihenweise Versprechungen („ich werde mich um all das kümmern“). Mehr Geld für Studenten, sozial Benachteiligte, Praktikanten und – sie spricht ja schließlich in Berlin – für die Auslandfranzosen. „Ich frage mich, ob die Frau im Lotto gewonnen hat, bei all dem was sie da verspricht“, raunt Phil und ich muss ihm recht geben: wer Segolène heute Abend zuhört, könnte meinen, die Manna falle demnächst in dicken Flocken vom Himmel.

An nichtsagende Phrasendrescherei und leere Versprechungen habe ich mich als Wähler inzwischen gewöhnt. Und dass sich Frau Royal nicht zu weit aus dem ideologischen Fenster lehnt, kann man ebenfalls nachvollziehen. Schließlich haben Frankreichs Linke aus dem traumatischen Wahldesaster von 2002 ihre Lehren gezogen. Damals hatte der spröde Ex-Premier Lionel Jospin bereits wie der sichere Sieger ausgesehen, ehe er  den Karren mit einer späten Kehrtwende hin zur altlinken Klassenkampfrhetorik dann doch noch an die Wand fuhr und seiner Partei eine Niederlage von beinahe epischem Ausmaß bescherte. Der Zurückhaltung mag unter diesen Umständen durchaus etwas Weisheit innewohnen. Was mich an diesem Abend aber vielmehr überrascht, ist die Tatsache, dass es Segolène nicht fertig bringt, die Leere mit Charme aufzufüllen. Sie wirkt müde und abgekämpft, blass und farblos, ihre Worte ziehen beinahe ungehört an mir vorbei und verlieren sich irgendwo in der abstoßenden Hässlichkeit des Konferenzsaals des Westberliner Hotels. „So wird das nix“, meint Bastian, der neben mir sitzt. „Der Frau fehlt die Aura, die Grandezza.“

Vielleicht weiß sie ja instinktiv, dass der Elyséepalast mit zunehmender Dauer des Wahlkampfes immer weiter in die Ferne zu rücken scheint. Weil die machtgierigen, alten Männer der Sozialistischen Partei mit den Zähnen knirschen und sowieso nur warten, dass sie fällt. Weil der Terrier Nicolas Sarkozy, der Kandidat der Rechten, die Umfragen seit einiger Zeit anführt. Oder der Zentrist Bayrou immer näher rückt. Und zu guter Letzt ist da ja auch noch Jean-Marie Le Pen, dessen kinnlose Visage wie ein Damoklesschwert über dem kollektiven Gedächtnis der Linken schwebt. Jetzt hebt Segolène Royal den Arm. Sie ruft  „Vive la France“ und „Vive la République“. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht und jemand schenkt ihr einen Strauss roter Rosen. Rote Rosen sind Blumen voller Symbolgehalt; wer rote Rosen schenkt, drückt damit seine Liebe aus. Aber lieben die Franzosen Segolène? Und selbst wenn sie das täten, würde es genügen? Denn Frankreich ist trotz seines republikanischen Kultes im Grunde genommen ein zutiefst monarchischer Staat. Und Monarchen liebt man nicht in erster Linie. Monarchen fürchtet man.

Die Franzosen haben, so scheint mir, ein äußerst gespaltenes Verhältnis zu ihrem Staat. Einerseits verehren sie ihn mit einer Mischung aus Stolz und Erwartungshaltung, andererseits hassen sie ihn wie die Pest. Dieses Volk, das die Rhetorik und die hitzige Debatte liebt wie kein anderes, pflegt seine Herrscher stets mit Pomp und Gloria zu inthronisieren um ihnen dann bei der erstbesten Gelegenheit den Kopf abzuschneiden. Die sich daraus entwickelnden antiken Dramen bedürfen stets einer minimalen Fallhöhe. Ob Segolène diese Fallhöhe auszufüllen vermag, ist äußerst fraglich. Und das liegt nicht etwa daran, dass sie eine Frau ist. Das Symbol der Republik ist ebenfalls weiblich. Aber la Marianne hat mit einer netten Mademoiselle aus den Vogesen nur wenig gemein. Wenn Frankreich eine Frau wäre, dann eine opulente Puffmutter, eine alte Mätresse oder eine hysterische, etwas zu stark geschminkte Drama Queen. Segolène Royal aber ist keine Drama Queen. Sie ist einfach nur ein Mädchen vom Lande. Und Mädchen vom Lande sterben in den klassischen Dramen stets einen tragischen Tod. Sie sterben aus Gram über die unerwiderte Liebe.

3 Responses to “Die Liebe der Segolène Royal”

  1. Bayrou.de Says:

    Contre le PATRIDIOTISME Francais et contre la Deutsche Leitkultur.
    Restons Européen .

  2. unionsbuerger Says:

    So haben die Franzosen in Deutschland gewählt

    1. Ségolène Royal 37,44
    2. François BAYROU 27,07
    ___________________
    Nicolas Sarkozy 25,44
    Dominique Voynet 2,94
    Jean-Marie Le Pen 2,30

  3. Drama Queen Says:

    Mir wären fast alle lieber als Sarko gewesen!

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