La France va mal

Ich sitze auf dem aufklappbaren DDR-Sofa in meinem Wohnzimmer und rauche eine Zigarette. Phil starrt auf den Computerbildschirm und macht – wie immer – tausend Sachen gleichzeitig. „Eigentlich sollte ich ja einen Artikel über Knut, den Eisbären schreiben. Aber ich habe einfach keine Lust dazu.“ Stattdessen loggt er sich auf der Seite des französischen Privatsenders Canal Plus ein und ruft die letzten paar Ausgaben der täglichen Talk-Show le Grand Journal auf. Normalerweise ist le Grand Journal ein sanfter, unterhaltsamer Jahrmarkt der Eitelkeiten, auf dem sich Frankreichs soziokulturelle Elite der kultivierten Selbstbeweihräucherung hingibt. Jetzt aber ist im Hexagon der Wahlkampf ausgebrochen und der damit verbundene Trend des politischen Hundekampfs macht auch vor den Toren des Beigbeder´schen „Nouvelles on Ecstasy“ – Walhallas nicht halt. Darum flirrt heute Jean-Marie Le Pens fleischiges Gesicht über Phils LCD-Bildschirm und ruft: „La France va mal.“

Phil schüttelt den Kopf und greift nach einer beinahe leeren Packung Marlboro, die vor ihm auf dem Tisch liegt, er sieht abgespannt aus, abgespannt und matt, er zündet sich eine Zigarette an und während er das tut, denke ich daran, dass in den letzten paar Wochen sehr viele Dinge schief gelaufen sind und ich mich kaum mehr wiedererkenne, wenn ich morgens in den zersprungenen Spiegel in meinem Badezimmer schaue. Meine Augen sind schmal und meine Tränensäcke dick und geschwollen und der dumpfe Druck in meinem Kopf erinnert mich daran, dass wir alle zu weit gegangen sind. „Wir sollten eine Pause einlegen“, sage ich. „Zumindest eine Woche lang“. Phil sieht mich an, lässt etwas Asche in den übervollen Aschenbecher fallen, nickt und grinst. „Okay, ein paar Tage wenigstens“, probiere ich es noch einmal– „Einverstanden. Bloß: morgen ist Fußball.“ „Ihr ignoriert mich alle absichtlich“ ruft Le Pen in die Runde und meint damit den Kommentator mit dem Bürstenschnitt, der ihm ein Scheitern vorausgesagt hat. Le Pen ist ein alter Faschist, ich habe Kopfweh und la France va mal.

Es war nicht von einem Tag auf den anderen passiert, es hatte sich um einen schleichenden Niedergang gehandelt, ein langsamer, aber unaufhaltsamer Zersetzungsprozess, den wir erst begeistert begrüßten, ehe er uns alle in die Tiefe riss. In Berlin sind die Dinge so einfach, vieles, was du tust scheint keinerlei Konsequenzen zu haben und am Ende steht immer ein Flugzeug bereit, das dich weit weg in ein anderes Land bringt. Im Dr. Pong konnte ich meinen Kopf kaum mehr aufrecht halten, aber ich habe trotzdem weitergemacht. PF bestellte Jägermeister und dann spielten sie einen Song von The Knife, den wir alle kannten. Nach dem dritten Kurzen ging es mir einigermaßen gut, ich konnte klar sehen und aufrecht stehen und als in der zentralen Randlage der elektronische Puls wieder einsetzte, fing ich sogar an zu lächeln. Dann begannen die Leute rundherum, sich gegenseitig zu küssen und ich sagte zu PF: „Wir haben hier nichts mehr verloren. Lass uns verschwinden“. Wir liefen die Schönhauserallee hoch und tranken Kaffee aus Pappbechern bei Mc Donalds. Das Flugzeug ist gelandet, ich habe festen Boden unter den Füssen, aber was nützt das schon, wenn ich gleichzeitig ein Stück meines Gehirnes in höchsten Höhen zurückgelassen habe? „Selbst Pauline findet, das alles wäre zuviel„ hat PF gesagt und mit einem Plastiklöffel in der Brühe herumgestochert. Dann hat er innegehalten und einfach so losgelacht: „Eigentlich hat sie mich noch nie nüchtern gesehen.“

„Ihre Redezeit ist vorüber“, unterbricht der Moderator den polternden Le Pen. Ich drücke meine Zigarette aus und dann ist auch dieser Schwindel wieder da, der mich tagelang niederdrückt und mich stundenlang regungslos in meinem Bett verharren lässt. Phil klappt sein Notebook zu und steht auf, „Keine Angst, ich hole nur Wasser“, sagt er. Ich weiß nicht, was die anderen machen, ich will es eigentlich gar nicht wissen, ich will nur alleine sein, irgendwo weit weg, vielleicht zu Hause, wo sich meine Eltern um mich kümmern. Phil kommt mit einem Glas in der Hand zurück ins Wohnzimmer, er bleibt in der Mitte des Raums stehen und starrt einen Augenblick lang mit leerem Blick ins Nichts. „Vielleicht“, sagt er dann, „sollten wir in nächster Zeit irgendetwas sinnvolles tun“.- „Ja klar“, sage ich, „sicher, sicher.“ Irgendetwas Sinnvolles. Bitte, denn La France va mal.

2 Responses to “La France va mal”

  1. David Says:

    Hold on I will be back soon. And if you need me to drag you away from fucking Berlin, just say so. Won’t let you go down!

  2. Lady Alroy Says:

    Mon cher collègue,

    meine Güte. Wie lange willst du noch der décadence frönen? Die Texte werden sich langsam immer ähnlicher. Nicht dass sie schlecht geschrieben sind, nein, nein, im Gegenteil, du scheinst über ausgesprochene Geistesgaben zu verfügen: du bist eloquent, gebildet, empfindsam, witzig-ironisch, ein scharfer Beobachter, aber toujours : die große ennui- ennui, ennui, ennui. Fin-de-siècle, Überdruss, aus jedem Satz tropft Schwermut, die sich ölig im Text verschmiert, die Inhalte im wesentlichen zusammenhangslose Anhäufungen von Banalitäten. Dein Leben scheint sich in lauter Einzelheiten aufzulösen, Notensplitter ohne Melodie, Augenblicke ohne Verbindung, Erlebnisse ohne Passion, dein ganzes Wesen ziellos, ratlos, zerstreut, dein Leben immer fassadenhafter, entfremdeter, schattenhafter, nur noch echohaft-fern, Menschen, Gesten, Worte, Erlebnisse- du läßt alles an dir vorüberziehen, es macht keinen Eindruck, vermag dich nicht mehr zu berühren, es perlt ab wie Wasser auf ölverschmierter Haut. So auch deine Worte: sie ergreifen nicht, sie sprechen nicht; hängen schlaff und müde in dem fleischlosen Gerüst der Syntax, wie Marionetten im leicht bläulichen Dämmerlicht einer verlassenen Bühne, deren erbärmliche, hinunterbaumelnde Glieder nur noch wenig von dem gewaltigen Zauberspiel ahnen lassen, das sie einst auf der Bühne vollführten; gesichtslose, hohle Masken, ohne Energie, ohne Identität. Dein Gesicht schaut dir blass im Spiegel entgegen, aber noch blasser ist deine Seele- ausgehöhlt, substanzlos, ohne Gerüst, und die stumme, weiße, erstickend-sterile Leere greift mit ihren Tentakeln auch noch in den letzten Winkel deines sinnverlorenen Gemüts, in dem vielleicht noch ein Funken Leben tanzte. Nero -ein Wesen durch und durch der Schwermut verschrieben- brannte halb Rom nieder, um seiner ennui zu entfliehen und durch Gewalt und Zerstörung noch etwas nervliche Erregung in seinen abgestumpften Gemüt, in seinen schalen, apathisch-gefrorenen Adern zu verspüren. Du hast die Eitelkeit aller Dinge durchschaut, aber du bist nicht weitergekommen. Gelegentlich tauchst du darin unter, und indem du dich in einem einzelnen Moment dem Genießen hingibst, nimmst du zugleich in dein Bewusstsein auf, dass es eitel ist. Du bist somit immerfort über dich selbst hinaus, in der Verzweiflung nämlich. Du bist wie eine Gebärende, und doch hälst du immerfort den Augenblick zurück und bleibst immerfort im Schmerz. Du stirbst täglich, nicht in dem tiefen ernsten Sinne, in dem man dieses Wort sonst nimmt, sondern dein Leben hat seine Realität verloren.

    Dieses Leben ist Verzweiflung, verbirg es vor anderen, vor dir selbst kannst du’s nicht verbergen, es ist Verzweiflung. Es wird Zeit für eine grundlegende Erschütterung. Es gibt Hoffnung. Schwermut ist im gewissen Sinne kein übles Zeichen, denn sie befällt im allgemeinen nur die begabtesten Naturen. Die Menschen, deren Seele gar keine Schwermut kennt, sind diejenigen, deren Seele keine Metarmorphose ahnt. Schwermut ist der Durchbruch des Geistes in die Unmittelbarkeit.

    Herzliche Grüße.

Leave a Reply