Charité
Im Viertelfinale der Champions League spielt Manchester United die AS Roma an die Wand. Nach rund vierzig Minuten steht es 4:0; es handelt sich um eine hymnische Demonstration des modernen, britischen Fußballs, zelebriert von Spielern aus aller Welt. Christiano Ronaldo, dieses hochtalentierte aber ebenso selbstverliebte Weichei liefert das Spiel seines Lebens und die Jungs im Dr. Pong klatschen in die Hände und brüllen vor Freude die fleckenübersähte Wand an, auf die der Projektor ein müdes Bild wirft. Die Leute im Dr. Pong sind alle für Manchester, keiner mag die Italiener, denn die Italiener, so sagen sie, sind alles bloß korrupte Simulanten, die in verrotteten Stadien voller prügelnder Tifosi dramatisch zu Boden gehen und ihre ermauerten Siege stets gestohlen und ermogelt haben. Na ja. Dann fängt die zweite Halbzeit an und die roten und weißen Blitze vor meinen Augen fangen wieder an zu zucken. „Great, fuckin´ great“, ruft irgendwer nach Christiano Ronaldos zweitem Tor, aber ich kann nicht hinsehen, weil mir schwindlig ist. Verdammt, mein Kopf, sage ich zu mir selbst und vergrabe mein Gesicht in beide Hände, als mir Lucy ein Bier hinhält. Ich betrachte die Wassertropfen am grünen Flaschenhals und schüttle den Kopf. „Ich kann nicht, nicht mehr.“ Dann schießt Manchester das 6:0 und Lucys überraschter Gesichtausdruck wird von einer Welle der Begeisterung weggeschwemmt. Ich schließe die Augen.
Das Spiel endet 7:1 und Phil hat jetzt seine Hand auf meine Schulter gelegt. „Du siehst richtig schlecht aus“, sagt er und fragt, ob ich nicht lieber nach Hause gehen wollte. Ich nicke nur, denn nach Reden ist mir nicht zumute, in meinem Kopf schlagen lauter böse, kleine Männchen mit Vorschlaghammern auf die Synapsen ein, draußen wird das Pochen immer heftiger und auf der Eberswalderstrasse, Ecke Schönhauser stolpere ich über den Hinterreifen eines abgestellten Fahrrades. „Ach du Scheisse“, sagt Phil und nimmt meinen Arm. „Ich hoffe das ist nix schlimmes“, lalle ich in meiner Benommenheit. „Ach nee, wird schon“ – „Weiß nicht, wegen dem Blutdruck, mein Opa ist an einem Hirnschlag gestorben.“ – „Dein Opa war über Siebzig, das ist was völlig anderes“, Phil schließt die Haustüre auf, oben falle ich auf mein Bett und starre die Wand an, weiße Flecken tanzen auf meiner Netzhaut herum, ich kann nicht hören, was die Leute um mich rum sagen, nur sehen, aber nein, sehen kann ich auch nicht mehr richtig dann ist Phils Stimme ganz weit weg, er sagt etwas von „Köpfchen“ und wenig später schiebt er mich auf die Rückbank eines Taxis. Ich sage „Charité“, der Wagen fährt an und ich lege meine Stirn an die Scheibe des Seitenfensters, die angenehm kühl ist. Draußen fliegt die steinerne Herrlichkeit von Berlin – Mitte vorbei, aber alles was ich sehe, ist das blaue Licht des Hamburger Bahnhofs.
In der Notaufnahme in der Charité lassen sie mich ein paar Stunden warten, gemeinsam mit ein paar anderen Leuten sitze ich da, in einer freudlosen Umgebung aus Kirchgemeindehaus-Möbeln und Neonröhren und schlage die Zeit tot. Ein Berliner Junge bringt einer französischen Austauschstudentin deutsche Sprichworte bei und sagt irgendwann, „ich komm aus ´em Wedding“, als ein Türke mit zerschundenem Gesicht dazwischen geht, sein Mobiltelefon zückt und es der Französin vor die Nase hält. „Das ist mein Sohn, mein dreijähriger Sohn, der liegt da drinnen“. Er sagt immer wieder „Mein Sohn, mein Sohn“ und die Französin sagt gar nichts, sie guckt nur weg, aber was soll man in so einer Situation auch anderes tun. Es ist alles zu wirr, zu bitter, zu traurig. Ich stütze meinen Kopf auf, drücke die Finger in meine Schläfe, und hoffe, dass der Türke nicht zu mir rüber kommt, denn zur Anteilnahme würde mir jegliche Kraft fehlen, aber jetzt kommt ein anderer Türke, nimmt ihn am Arm und führt ihn nach draußen. Ich sitze dann eine Ewigkeit da, bis mich schließlich eine Krankenschwester abholt. Sie ist rund, hat schwarze Haare und jagt mir eine Nadel in die Armbeuge. „Aus welcher Ecke kommen sie?“, fragt sie, während mein Blut in ein Plastikröhrchen fließt. Ich sage ihr, dass ich aus der Schweiz stamme und sie sagt, dass die dort Freunde hätte. „Kollegen. Leute, die es geschafft haben von hier wegzugehen.“
Daraufhin schraubt sie das Röhrchen ab, zieht die Nadel aus meiner Haut, steckt einen Plastikschlauch rein und verschwindet. Ich sitze da, mit meiner Kanüle im Arm und warte. Irgendwann zwischen drei und vier Uhr Morgens kommt dann eine Neurologin und lässt mich Bewegungsübungen machen. Ich muss die Arme heben, auf einem Bein durch die Gegend hüpfen und mit meinen Augen einem Wattestäbchen folgen, mit dem die Neurologin vor meinem Gesicht rumwedelt. Die Neurologin ist klein und blond und trägt eine Brille. Sie sieht aus wie eines dieser braven, unscheinbaren Mädchen, die wir damals in der Primarschule immer aufgezogen haben und ich frage mich, ob sie einen Freund hat, ob sie glücklich ist, ob sie abends weggeht, ob sie dann zerrissene Strümpfe anzieht, Drogen nimmt und Alkohol trinkt. „Ihr Blutwerte sind in Ordnung“, sagt die Neurologin jetzt, „ihre Koordination auch. Sie leiden ganz einfach nur unter Spannungskopfschmerzen. Zu viel Stress, das Gehirn kann nicht mehr abschalten. So was geht vorüber.“ Sie klappt die grüne Mappe mit meinen Resultaten zu und lächelt mich an. „Ruhen sie sich aus. Und trinken sie weniger.“
Zwei Stunden später wache ich mit einem steifen Nacken auf, ich bin immer noch in dieser verdammten Charité. „Die haben mich vergessen, die Deppen“, sage ich halblaut und trete in den Korridor. Eine Putzfrau in einem dunkelblauen Kittel schiebt einen Reinigungswagen vor sich her, sie nickt zu Begrüßung und fängt an, den Boden aufzunehmen. Ich taste nach meinem Unterarm und fühle ein Stück Plastik. Die Kanüle steckt immer noch in meiner Haut, das Blut rund um die Einstichstelle ist inzwischen geronnen. Ich zerre daran, und mein Arm schmerzt, als ein Pfleger mit Glatze und gezwirbeltem Bart in den Raum tritt. Sicher so ein Zivi, denke ich. „So, ihre Papiere und was gegen´s aua-aua“, sagt er und wirft ein paar zusammengefaltete Zettel sowie zwei Schmerztabletten neben mich auf die Liege. Dann zieht er mir mit einer schnellen Bewegung den Schlauch aus dem Arm, hält ihn hoch, sieht mich an und fragt: „Oder wollten sie den für ´ne Drogeninfusion noch drinnen lassen?“ Ich lache nur ein bisschen, zu mehr reicht es nicht.
Der Himmel über Berlin ist dunkelblau, und als ich durch die Chausseestrasse gehe, kommt mir kein Mensch entgegen. In einer Bar an der Ecke Zinnowitzer trinke ich eine Tasse Kaffee. Das Mädchen hinter dem Tresen hat dunkle Haare und blaue Augen. „Auf dem Weg zur Arbeit?“, fragt sie. Ich verneine und sage ihr, dass ich aus dem Spital komme. „Ach Gott, dann wünsche ich ihnen gute Besserung.“ Ich betrachte sie und finde, dass mir seit längerer Zeit niemand mehr so etwas Schönes gesagt hat. Darum sage ich „Danke, das ist lieb von ihnen“, zu ihr. Sie lächelt und ich denke, dass ich am allerliebsten mit ihr weggehen würde. Irgendwohin, wo es schön ist. Aber es ist sieben Uhr Morgens an einem ganz gewöhnlichen Tag im April, Manchester hat Roma mit 7:1 fertiggemacht und ich komme aus der Charité. Draußen geht die Sonne auf und die Romantik schwindet mit dem Tageslicht. Ich zahle, verabschiede mich und fahre mit der Straßenbahn nach Hause.
April 20th, 2007 at 2:15 pm
Nette Geschichte wirklich
Auch der Schluss ist nett, aus dem Leben gegriffen!
April 20th, 2007 at 9:27 pm
das leben mutet uns viele kleine tode zu…aber jedes leben ist von vorneherein missverstanden, wenn man meint, es vor leid, versagen, vor zusammenbrüchen bewahren zu können.
ich hoffe, du findest gelegenheit, etwas zur ruhe zu kommen, damit es dir bald wieder besser geht!
es ist allerhöchste zeit mal eine pause einzulegen!!
viele grüße,
mira
July 23rd, 2009 at 8:11 am
wieder enie tolle post in deinen blog ..wird immer interssante , erlauben sie mir ?fter rein zuschauen und paar kommentare einzugeben danke
March 9th, 2011 at 12:04 pm
Nette Story.
Bin durch Zufall drauf gestoßen. Werd ab jetzt mal öfter reinschauen. cu