Es geht uns gut
Die Tage in Berlin sind lang und warm geworden und die Mädchen auf der Kastanienallee tragen kurze Röcke und Trägershirts. Ich sitze in einem Biergarten, trinke Hefeweizen und Phil sagt, er habe sich verliebt. „Siehst du das Mädchen in dem roten Rock da drüben. Ich würde sie auf der Stelle heiraten.“ Phil ist in aufgeräumter Stimmung, offenbar tut ihm das Lagerbier gut. Oder die Sonne. „Der Winter in Berlin macht mich immer furchtbar depressiv“, sagt er. „Ich verkrieche mich in meiner Wohnung, nehme das Telefon nur widerwillig ab und mache gar nichts“. Aber jetzt sei alles anders und die Mädchen plötzlich wunderschön. Und überhaupt: bald könnten wir an die Seen raus fahren, zum Grillen und Fußballspielen. Es wird wunderbar sein: mit nassen Haaren in der Sonne liegen und sandverklebte Zigaretten rauchen – der Sommer ist ein unsichtbarer Schleier, der sich über dich legt und dich auf eine diffuse Art glücklich macht.
18 Prozent hat Francois Bayrou bei der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen geholt und das hat nicht gereicht. Aber Phil hat keine Mine verzogen. „Das ist ein verdammt gutes Ergebnis“, hat er gesagt und mir dabei ins Ohr geschrien, denn im Dr. Pong feierten die Sozialisten Segolene Royals Einzug in die letzte Runde. „Vor fünf Jahren waren wir noch bei sechs Prozent. Irgendwann wird die Wende kommen, da bin ich überzeugt.“ Später haben wir dann die letzten Sektflaschen getrunken, die Bayrous Wahlkampfzentrale in Paris zur Verfügung gestellt hatte. Einen Koffer voll hatte Phil in meiner Wohnung untergebracht und das reichte gerade für ein Wochenende. Seit Phil von Berlin aus französische Politik macht (daher die Sektflaschen) ist er ein gefragter Mann. Manchmal gibt er Interviews auf France 24 oder der Deutschen Welle. Und er macht das gut, denn schließlich ist er ein Charmeur und Charmeure sind immer gute Politiker, weil die Menschen Charmeure im Allgemeinen lieben.
Als Julien kommt, sagt Phil, er solle sich umdrehen, und Julien sieht das Mädchen, grinst über das ganze Gesicht und ruft „ou lala“, dann setzt er sich und sagt, dass heute ein glücklicher Tag sei, weil er seinen Arbeitsplatz gerettet habe. „Ebay hat gestern unseren Account geschlossen. Aber irgendwie haben wir das alles wieder hingebogen.“ – „Wer sie anspricht“, macht Phil unbeirrt weiter, „dem zahle ich ein Bier.“ – „Ich mach´s auch ohne Bier“, sagt Vlada, ein Kumpel aus Bern, der in Berlin eine Wohnung sucht. „Du bist ein Schönling. Wenn du sie ansprichst, dann ist sie für uns alle verloren. Da muss ein Dilettant her.“ – „Stimmt. Wenn du sie ansprichst, dann wähle ich Sarkozy“ – „Was bitteschön hat Sarko mit dem Mädchen zu tun?“ – „Nichts“, Phil lacht und steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen. „Sarko ist ein Arschloch“, sagt Julien, „wenn er Präsident wird, gibt´s in Frankreich einen Bürgerkrieg.“ Ich nicke und denke daran, dass Lisa sich fragt, warum in deutschen Blogs nur selten subjektiv über Politik geschrieben wird. In Frankreich wird in Blogs fast immer über Politik geschrieben und das Sujet lautet in beinahe allen Fällen TSS – Tout Sauf Sarkozy. Oder mit anderen Worten: wählt Segolene. Ich mag Segolene nicht. Ich mag auch Sarkozy nicht. Und ich darf nicht wählen, weil ich kein Franzose bin. Vielleicht schreibe ich deshalb nicht über die Politik, aber umso mehr über die Abendsonne in Berlin, den entrückt wirkenden, leeren Flughafen in Basel oder über die unnahbar schönen Mädchen vom Limmatquai. Weil die Politik in diesem Augenblik trotz allem sehr weit weg ist.
„Heute hat Bayrou seine neue Zentrumspartei gegründet“, sagt Phil jetzt, ruft „Vive le Parti democratique“, hebt sein Bierglas und ein paar Tropfen fallen klatschend auf den hell lackierten Holztisch. „Vive le PD“, ruft Julien lachend und zieht die Buchstaben in die Länge pédé. Will heissen: schwul! Das hübsche Mädchen in dem roten Kleid hat uns aber immer noch nicht bemerkt oder tut nicht dergleichen oder interessiert sich sowieso nicht für uns und ist in den Gedanken irgendwo, bei ihrem Freund oder Ehemann oder einfach nur ganz weit weg, an einem fernen Ort, wo es statt Kiefern Palmen gibt und leuchtende Drinks mit kleinen Sonnenschirmchen im Glas. Aber das ist uns egal, denn es geht uns gut.
April 28th, 2007 at 9:35 am
Wir müssen uns mal wieder sehen, Herzchen.
April 29th, 2007 at 8:34 pm
Apropos Flughafen Basel… would love to see you here. Oder warten wir auf Rougeon?
May 1st, 2007 at 2:38 pm
Voila comment les Francais ont vote en Allemagne
1. Ségolène Royal 37,44
2. François BAYROU 27,07
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Nicolas Sarkozy 25,44
Dominique Voynet 2,94
Jean-Marie Le Pen 2,30