Archive for May, 2007

Der Tod und das Mädchen

Wednesday, May 30th, 2007

romy.jpg

Vor fünfundzwanzig Jahren war Jupp Derwall Bundestrainer und die DDR noch ein Staat. Vor fünfundzwanzig Jahren war Helmut Kohl noch nicht Bundeskanzler und Lukas Podolski noch nicht einmal geboren. Vor fünfundzwanzig Jahren war ich gerade Mal zwei Jahre alt, mein Vater hatte eine Beatles-Frisur und meine Mutter trug immer noch diese erdfarbenen, indischen Kleider. Und vor fünfundzwanzig Jahren, an einem Frühlingstag des Jahres 1982 starb ein Mädchen namens Romy Schneider. Dieses Mädchen haben die Deutschen geliebt, weil es vor langer Zeit einmal die Sissi war. Aber Romy wollte keine Sissi sein. Darum floh sie aus Deutschland, vor der Liebe der Deutschen, drehte Filme in Frankreich und Italien, wo sie zum Star wurde. Zu Deutschlands letztem und vermutlich auch unnahbarsten Weltstar.

Vor fünfundzwanzig Jahren flog die Swissair von Genf aus in die weite Welt. Heute tut das Easyjet, denn die Swissair gibt es nicht mehr. Ich trete auf das Rollfeld des Flughafens Cointrin und die Hitze fährt mir wuchtig wie ein Hammer ins Gesicht. Die Luft riecht ein wenig nach Mittelmeer und der Himmel über der Stadt hat eine azurblaue Farbe angenommen, wie man sie üblicherweise nur aus südlichen Ländern kennt.  Autos und Busse schleppen sich röchelnd durch die engen Strassen und vom See her weht ein leichter Wind, der jedoch kaum Abkühlung bringt. Vor beinahe zwei Jahren habe ich Genf verlassen. Jetzt bin ich zurückgekehrt und Lorenzo schlägt vor, unten am See eine Flasche Roséwein zu trinken. Ich halte das für eine gute Idee und kurz darauf sitzen wir in Sesseln aus geflochtenem Korb und blicken auf die vertäuten Segelboote, die im Takt der Wellen einen sanften Walzer tanzen. „Wie sind die Partys?“, frage ich. „Ganz gut. Aber irgendwie zu gehemmt“, sagt Lorenzo. - „Und die Mädchen?“ – „Unberührbar“, er lacht. „Wie immer.“

Genf ist eine reiche Stadt. Hier wohnen mehr Millionäre pro Einwohner als anderswo auf der Welt. Unter anderem auch Alain Delon, der eiskalte Engel des französischen Kinos, der zum Star gewordene Metzgergeselle und Indochinakrieger mit Hang zum Sadismus und Verbindungen zum Milieu. Ausgerechnet in ihn hatte sich Romy damals verliebt. Er war die Liebe ihres Lebens und damit ihr Unglück. Denn die Liebe ist ein Vabanquespiel und ein Vabanquespiel mit Alain Delon, diesem aus glattem Marmor gehauenen Zyniker, kann keiner gewinnen. Nicht einmal Romy Schneider, die kühle Schönheit aus Deutschland. Es heißt, Alain Delon habe sich nicht einmal richtig von ihr verabschiedet und ihr stattdessen nur einen kleinen Zettel hinterlassen. Auf dem stand: „Bin in Mexiko, mit Nathalie“. Romy schnitt sich daraufhin die Pulsadern auf, wurde aber rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht und überlebte. Die beiden blieben in losem Kontakt und nach Romys Tod organisierte Alain die Beerdingung. Heute lebt er allein und sinniert verbittert über Selbstmord: „Es ist alles zusammen: eine gewisse Müdigkeit, die Zeit, die vergeht, die verstorbenen Freunde, die auseinander gebrochene Familie.”

Der Himmel über Genf ist jetzt dunkelblau und sie haben die Straßenbeleuchtung eingeschaltet. Wir essen in einem libanesischen Restaurant, welches Lorenzo als vorzüglich angepriesen hat und das den dadurch geweckten Erwartungen auch durchaus entspricht. Luca erzählt von seiner Arbeit im operativen Geschäft einer Privatairline und wirkt sehr zufrieden. „Erzähl mir eine Anekdote“, bitte ich ihn, er lacht und redet über Robbie Williams. „Dem sein Manager ruft vor jedem Flug extra an und verlangt, dass die Minibar an Bord ausgebaut wird. Ansonsten, so sagt er, würde Robbie Williams den Kühlschrank mit Gewalt aufbrechen, um an Alkohol zu kommen.“ – „Ruhm und Alkoholismus gehen Hand in Hand, weil du mit deinem Selbstbild nicht mehr fertig wirst“, sagt Lorenzo. Ich nicke und denke an Romy Schneider, die nach der gescheiterten Beziehung mit ihrem dritten Ehemann Daniel Biasini zur Alkoholikerin wurde. „Ich glaube, das ist ganz legitim“, sage ich, „schließlich ist der Rausch ein Zustand der Erleichterung, so traurig das klingen mag.“ Später betrinke ich mich in einer Bar an der Rue de Lausanne mit Gin und Tonic. Ich tue das ganz sanft, während Lorenzo mit einem japanischen Model spricht. Trinken, denke ich in diesem Augenblick, gleicht der Reise in einem Privatjet. Du gleitest ganz allein in höchsten Höhen dahin, betrachtest die Welt von oben und stellst fest, dass sie eigentlich ein schöner Ort ist. Aber nur für ein paar Stunden, denn dann leitet der kleine Pilot in deinem Kopf unweigerlich den Sinkflug ein.

Gegen zwei Uhr Morgens gehen wir nach Hause. Lauter Paläste aus der Zeit der Jahrhundertwende säumen die Uferpromenade, es sind Monumente des Luxus, des Ruhmes und des großen Geldes aber auch der Vergänglichkeit.  Der einsame Tod im Hotelzimmer, umgeben von seidener Bettwäsche und anderen teuren Accessoires ist immer noch die traurigste Art des Dahinscheidens. „Da“, sagt Lorenzo plötzlich und zeigt auf eine kleine Statue aus Metall. „Hier starb Sissi.“ Die österreichische Kaiserin war, als sie 1889 von einem italienischen Anarchisten erstochen wurde, ein innerliches Wrack. Sie hatte den Selbstmord ihres Sohnes nicht verkraftet. Romy Schneider hat das auch nicht. Ihr Sohn kam 1981 bei einem Unfall ums Leben. Romy selbst wurde ein Jahr später in ihrer Pariser Wohnung tot aufgefunden. Sie hatte sich umgebracht.

source pic: Romy Schneider by Will Mc Bride, found at:openPR.de

Die Indie-Disko ist tot, es lebe die Indie-Disko.

Wednesday, May 23rd, 2007

Julien sei nicht besonders gut drauf, hat mir Phil bereits am Telefon gesagt und als ich nach Hause komme, sitzt er vor seinem Computer, spielt Warcraft und raucht Pott. Ich frage ihn ob alles okay sei, er hebt die Hand und macht so eine beiläufige Geste, die sowohl ja als auch nein heißen könnte. „Die anderen sind irgendwo“, sagt er, „Phil isst mit irgendwelchen Leuten auf der Gleim. Ich glaube er war an so einer komischen Vernissage irgendwo in Friedrichshain und hat da ein paar Franzosen aufgegabelt.“ Vernissagen sind immer komisch, denke ich, meistens stehen da lauter Leute rum, die sich nur flüchtig kennen, trinken entweder Flaschenbier oder Sekt mit Orangensaft und lassen dabei federleichte Aschepartikel auf den gescheuerten Parkettboden fallen. Eine Art Sehen-und-Gesehen-werden auf sehr tiefem Celebrity-Niveau. „Irgendwie sind heute alle unmotiviert“, sagt Julien und schießt ein paar lilafarbene Phantasiekreaturen auf seinem Bildschirm ab. „Ich glaube das wird nix mit einem großen Abend.“

„Stimmt“, möchte ich sagen, halte mich aber zurück, denn jeder Kommentar wäre bloß noch mehr Wasser auf die Mühlen einer langsam anrollenden Wochenend-Depression. Ich bin ausgepumpt und matt, denn ich habe achthundert Kilometer Autobahn hinter mir. Will heißen: kriechende Lastwagen, dicke Frauen in Kittelschürzen vor dampfenden Töpfen voller Kasslerbraten und Jägerschnitzel, überall Staus und im Hintergrund stets der monotone Geräuschteppich einfallsloser Formatradios. Zu guter Letzt bin ich dann in einer Nebenstrasse in Hamburg auch noch einem BMW in die Seite gefahren. „Verdammt“, sagte der Fahrer des BMW, der ein Jackett und Jeans trug und aussah wie ein Yuppie. „Ich wollte mit meiner Freundin in den Urlaub fahren. Aber daraus wird jetzt wohl nix.“ Ich rief die Produktionsabteilung an, ließ mir ein bisschen Balsam auf die völlig entnervte Seele schmieren, regelte alle Formalitäten mit der Polizei, drehte ein letztes Casting ab und fuhr über die leere A 24 zurück nach Berlin.

Im Dr. Pong frage ich PF, ob er einen Plan für heute Abend hätte. An unserer internen who-is-going-to-be-famous-the-first –Börse ist PF nämlich der Aufsteiger der Woche, seit er ein Exklusivinterview mit Wim Wenders geführt hat. Viel geholfen hat das aber scheinbar nicht, denn auch er weiß nicht weiter und zündet sich achselzuckend eine Zigarette an. Etwas Rauch schwebt in der Leere des Raumes, ich drehe mich um und denke, dass ich den Abenden zu viel Bedeutung beimesse und die Tage vernachlässige. Vielleicht werde ich deswegen das Gefühl nicht mehr los, dass irgendetwas Wichtiges in meinem Leben fehlt. Julien spricht mit einem Mädchen aus Frankreich, sieht aber immer wieder zur Seite, ganz so als wolle nur weg. „Lass uns verschwinden“ sage ich zu ihm, er nickt, fragt „Wohin?“ – „Ins Magnet, Lisa ist mit ein paar Freunden dort.“ Julien überlegt einen Augenblick. „Wenn du meinst“, sagt er dann. Vielleicht, denke ich, rettet uns diesmal die Indie-Disko.

Vor ein paar Jahren hat mich die Indie-Disko an der Hand genommen. Damals fielen die Strokes vom heiteren Himmel, Jungs in Röhrenjeans und mit lockigen Fransen im Gesicht, deren Gitarren wie batteriebetriebene Bohrmaschinen klangen und dem Rock eine breite Schneise durch den sich auflösenden Housenebel bahnten. Dazu sang dann Julian Casablancas mit seiner Kopfstimme „Last Night“ und die Leute in New York tanzten sich durch kleine Untergrundclubs, trugen Puma-Schuhe und blaue Adidas- Trainerjacken mit Streifen auf den Armen. Ich weiß noch ganz genau, wie wir die Strokes zum ersten Mal an einer Studentenparty in Genf abspielten, auf Phils altem Notebook und die Leute mit beglückten Gesichtern dazu tanzten. Es war ein Moment der Erleuchtung, selbst wenn der scheppernde Garagensound doch eigentlich nichts anderes darstellte als die lauwarme Reminiszenz an die Musik unserer Eltern. Aber vielleicht passte das ja zu der leicht wehmütigen Stimmung der Zeit. 2001 ging die Krise los und es gab einfach nichts Schöneres als die kuschelige Wärme der guten, alten Sechzigerjahre.

Jetzt ist alles anders. „Scheisse sind die alle jung“, sagt Julien als wir am Rand der Tanzfläche des Magnet stehen. Überall Menschen in Berlin-Uniformen, mit Motto T-Shirts sowie Jeans, die an den Knöcheln ganz eng werden und dazu schreiende Gitarren von Bands, deren Namen ich mir schon lange nicht mehr merken kann. Die Indie-Disko ist tot, denke ich. „Es lebe die Indie-Disko“, ruft Julien und leert ein halbes Glas Gin Tonic in einem runter. Wir betrinken uns und irgendwann verliere ich meine Brille. Julien findet sie zwar sofort wieder, aber der Niedergang ist trotzdem eingeleitet: ich werfe aus Frust ein Glas auf den Boden, Julien übergibt sich erst an der Bar, dann vor den Toiletten und schließlich draußen im Hof, wo einer der Türsteher in Ruhe eine Zigarette raucht. „Alles okay?“ fragt er, ich sage ihm, er solle sich keine Sorgen machen, ich würde mich um alles kümmern, doch ich glaube meinen eigenen Worten nicht. Irgendwie schaffen wir es nach draußen, wo die Vögel zwitschern und junge Paare Händchenhalten. Es ist vier Uhr und der Himmel über der Greifswalderstraße bereits dunkelblau. Die Tage beginnen früh, denke ich. Bald ist Sommer und im Sommer wird alles besser.

Am darauffolgenden Morgen ist Julien nicht besonders gut drauf. Aber das hat mir Phil ja bereits gestern Nachmittag am Telefon gesagt und als ich aufstehe, sitzt er vor seinem Computer, spielt Warcraft und raucht Pott.

Der Herbst des Patriarchen

Tuesday, May 15th, 2007

“Was, du bist immer noch da?“ – „Draußen regnet es quer. Da kann ich einfach nicht nach Hause laufen“. Julien nimmt den Herrenhut ab, den er immer trägt, streicht sich durch die Haare und lässt sich auf einen Barhocker fallen. „Eigentlich wollte ich früh ins Bett. Aber das klappt nie.“ Später trinkt er ein Bier und dreht einen Joint. Wir sitzen im Dr. Pong, Oliver dreht an seinem schwarz lackierten Verstärker aus dem HiFi- Kambrium herum und eine Gruppe amerikanischer Touristen in zu großen T-Shirts und Adiletten stellen entzückt fest, dass man in Berliner Bars Pingpong spielen kann. „Ich habe überhaupt nichts gegen Amis“, sagt Dave, „aber sie sehen nun mal alle Scheisse aus. Oder käme es dir je in den Sinn, um elf Uhr Abends in Gummisandalen in eine Bar zu gehen?“ Natürlich nicht, denke ich, aber wir Europäer sind schließlich alles postmoderne Ästheten, denen nach der Dekonstruktion aller positivistischen Erklärungsansätze nicht anderes bleibt, als die hymnische Überhöhung des schönen Scheins. „Wir achten auf unser Aussehen“, sage ich, „selbst wenn wir nur rüber zu Kaisers Bier kaufen gehen.“ Schließlich sind wir die Kinder der Neunzigerjahre und die Neunzigerjahre waren die Epoche, in der Barbourjacken in die Literatur eingeführt wurden. Eigentlich waren die Neunzigerjahre unsere Zeit. Wir waren bloß zu jung um das zu erkennen.

Aber diese Zeit ist längst vorbei und kommenden Mittwoch verschwindet auch der allerletzte Repräsentant dieser goldenen Jahre aus unserem medial geprägten Bewusstsein. Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac. In dem Augenblick, in dem er durch das Tor des Elysée-Palast schreitet und – seinen Nachfolger Nicolas Sarkozy nur eines kühlen Blickes würdigend - an den wächsern wirkenden Prätorianern der republikanischen Garde vorbei auf eine abgedunkelte Limousine zu geht, legt sich der schwere Damastvorhang der Geschichte endgültig über all das, was wir in einigen Jahrzehnten vielleicht als die große Zeit des Übergangs bezeichnen werden. Will heißen: Francis Fukuyama und das Ende der Geschichte, Sex im Oval Office, Dot-Com Blase, Prä-Osama - Ära in Nahost und so weiter und so fort. Chirac ist der letzte Dinosaurier, der einzige Überlebende einer ganzen Generation von Staatsmännern, die der grimmigen Fratze der Politik wenigstens ein paar Jahre lang die clowneske Maske des Pop aufgesetzt haben. Er muss sich inzwischen ziemlich alleine vorkommen. Sein ehemaliger Kumpel, Gerhard „hol-mir-mal-ein-Bier“ – Schröder ist bereits vor zwei Jahren polternd aus dem Amt gerumpelt. Der Ur-Politpopper Blair, mit dem er seit dem Irakkrieg sowieso auf Kriegsfuss steht, hört diesen Sommer ebenfalls auf. Und mit all den zackigen Männern, die im Hexagon nun das sagen haben werden, hat er ungefähr gleich viel gemeinsam wie ein Nachtklubbesitzer mit der Sittenpolizei. Ja, ja, die lustigen Jahre sind vorbei.

Zuletzt, so schreibt der Chirac – Biograph Franz-Olivier Griesbert, hätten sich am Hofe des letzten republikanischen Königs sowieso längst Verfallserscheinungen breitgemacht. Von allen Getreuen verlassen, habe der Präsident alleine im Elysée Palast gesessen und der Dinge geharrt, die kommen mochten. Selbst der Hund der Familie Chirac habe die Erosion der Macht gespürt und angefangen, den Staatssekretären die Schuhe zu zerbeißen. Die Szenerie erinnert an Halie Selassies Ende in Ryszard Kapuczinskis Meisterwerk „König der Könige“. Oder an Garcia Marques´ Herbst des Patriarchen. Mit dem Unterschied, dass Chiracs Regnum nicht – wie diejenigen der zitierten Autokraten - in Eisen und Blut enden wird, sondern – wenn er Pech hat - allerhöchstens vor dem Richter. Aber macht das den letzten Akt nicht beinahe noch trauriger? „Oh, le vieux Jacques“, sagt Julien jedes Mal, wenn der alte Präsident am Fernsehen auftaucht und auf einer schier endlos erscheinenden Abschiedstournee zum hundertsten Male Angela Merkels Hand küsst. Manchmal, denke ich, schwingt in seiner Aussage beinahe so etwas wie Mitleid und Wehmut mit.

Dabei ist Jacques Chirac selbst keineswegs unschuldig an dem tristen Schauspiel. Zwölf Jahre hatte er Zeit, Frankreich stark, groß, gerecht und gleichzeitig wettbewerbsfähig zu machen. Zwölf Jahre, in denen er die halbe Welt mit Atomversuchen ärgerte, eine komfortable Mehrheit im Parlament verspielte und Frankreich durch seine Totalopposition während des Irakkrieges erst jenseits des Atlantiks und später, nach dem verlorenen EU-Verfassungsreferendum auch noch innerhalb Europas außenpolitisch isolierte um eine bleiernes, von sozialen- und wirtschaftlichen Fieberkrämpfen geschütteltes Land zu hinterlassen. Chiracs politische Bilanz ist eigentlich verheerend, sie erscheint als ein ungenießbarer Cocktail aus halbherzigen, gaullistischen Großmachtsanfällen, abgetrieben Reformversuchen und unendlichem Taktieren, das nichts anderem diente, als dem reinen Machterhalt. Und trotzdem kann man dem Mann nicht böse sein. Warum, bloß, warum?

Vor etwas mehr als einem Monat traf ich Jacques Chirac in der französischen Botschaft in Berlin. Während Angela Merkel draußen vor dem Brandenburger Tor anlässlich des Jahrestages der Römer Verträge blaue Luftballone in den Berliner Frühjahrshimmel steigen ließ, plauderte der Präsident aus dem Nähkästchen der deutsch-französischen Beziehungen, bekannte sich als Bierliebhaber und äußerte sich ausführlich zu dem „wunderschönen Henkelglas mit Deckel aus dem Sechzehnten Jahrhundert“, welches ihm die Kanzlerin offenbar kurz zuvor als Geschenk überreicht hatte. Nach der Veranstaltung gab er allen Anwesenden die Hand, bedankte sich für die schöne Zeit und fand für jeden einzelnen ein passendes Wort. Es war eine Demonstration des Charmes, des Stils, der Grandeur. Eine Lektion der Demagogie selbstverständlich, aber eben, lassen wir uns nicht gerne angenehm einlullen? Chirac so erscheint mir rückblickend, war der letzte Postmodernist in Amt und Würden. Jetzt kommen die Macher, die Pragmatiker, die sich – ähnlich wie die Sandalentragenden Amerikaner im Dr. Pong  - einen Dreck um die Ästhetik kümmern, weder rauchen, noch trinken und stattdessen verbissen Pingpong spielen. „Vielleicht“, sagt Dave jetzt, „ist unsere Zeit hier rum und wir sollten uns langsam eine neue Bar suchen“. Ich weiß, dass er das nur im Spaß meint. Trotzdem ist es ein Stich ins Herz, wenn auch nur ein ganz kleiner.