Die Indie-Disko ist tot, es lebe die Indie-Disko.
Julien sei nicht besonders gut drauf, hat mir Phil bereits am Telefon gesagt und als ich nach Hause komme, sitzt er vor seinem Computer, spielt Warcraft und raucht Pott. Ich frage ihn ob alles okay sei, er hebt die Hand und macht so eine beiläufige Geste, die sowohl ja als auch nein heißen könnte. „Die anderen sind irgendwo“, sagt er, „Phil isst mit irgendwelchen Leuten auf der Gleim. Ich glaube er war an so einer komischen Vernissage irgendwo in Friedrichshain und hat da ein paar Franzosen aufgegabelt.“ Vernissagen sind immer komisch, denke ich, meistens stehen da lauter Leute rum, die sich nur flüchtig kennen, trinken entweder Flaschenbier oder Sekt mit Orangensaft und lassen dabei federleichte Aschepartikel auf den gescheuerten Parkettboden fallen. Eine Art Sehen-und-Gesehen-werden auf sehr tiefem Celebrity-Niveau. „Irgendwie sind heute alle unmotiviert“, sagt Julien und schießt ein paar lilafarbene Phantasiekreaturen auf seinem Bildschirm ab. „Ich glaube das wird nix mit einem großen Abend.“
„Stimmt“, möchte ich sagen, halte mich aber zurück, denn jeder Kommentar wäre bloß noch mehr Wasser auf die Mühlen einer langsam anrollenden Wochenend-Depression. Ich bin ausgepumpt und matt, denn ich habe achthundert Kilometer Autobahn hinter mir. Will heißen: kriechende Lastwagen, dicke Frauen in Kittelschürzen vor dampfenden Töpfen voller Kasslerbraten und Jägerschnitzel, überall Staus und im Hintergrund stets der monotone Geräuschteppich einfallsloser Formatradios. Zu guter Letzt bin ich dann in einer Nebenstrasse in Hamburg auch noch einem BMW in die Seite gefahren. „Verdammt“, sagte der Fahrer des BMW, der ein Jackett und Jeans trug und aussah wie ein Yuppie. „Ich wollte mit meiner Freundin in den Urlaub fahren. Aber daraus wird jetzt wohl nix.“ Ich rief die Produktionsabteilung an, ließ mir ein bisschen Balsam auf die völlig entnervte Seele schmieren, regelte alle Formalitäten mit der Polizei, drehte ein letztes Casting ab und fuhr über die leere A 24 zurück nach Berlin.
Im Dr. Pong frage ich PF, ob er einen Plan für heute Abend hätte. An unserer internen who-is-going-to-be-famous-the-first –Börse ist PF nämlich der Aufsteiger der Woche, seit er ein Exklusivinterview mit Wim Wenders geführt hat. Viel geholfen hat das aber scheinbar nicht, denn auch er weiß nicht weiter und zündet sich achselzuckend eine Zigarette an. Etwas Rauch schwebt in der Leere des Raumes, ich drehe mich um und denke, dass ich den Abenden zu viel Bedeutung beimesse und die Tage vernachlässige. Vielleicht werde ich deswegen das Gefühl nicht mehr los, dass irgendetwas Wichtiges in meinem Leben fehlt. Julien spricht mit einem Mädchen aus Frankreich, sieht aber immer wieder zur Seite, ganz so als wolle nur weg. „Lass uns verschwinden“ sage ich zu ihm, er nickt, fragt „Wohin?“ – „Ins Magnet, Lisa ist mit ein paar Freunden dort.“ Julien überlegt einen Augenblick. „Wenn du meinst“, sagt er dann. Vielleicht, denke ich, rettet uns diesmal die Indie-Disko.
Vor ein paar Jahren hat mich die Indie-Disko an der Hand genommen. Damals fielen die Strokes vom heiteren Himmel, Jungs in Röhrenjeans und mit lockigen Fransen im Gesicht, deren Gitarren wie batteriebetriebene Bohrmaschinen klangen und dem Rock eine breite Schneise durch den sich auflösenden Housenebel bahnten. Dazu sang dann Julian Casablancas mit seiner Kopfstimme „Last Night“ und die Leute in New York tanzten sich durch kleine Untergrundclubs, trugen Puma-Schuhe und blaue Adidas- Trainerjacken mit Streifen auf den Armen. Ich weiß noch ganz genau, wie wir die Strokes zum ersten Mal an einer Studentenparty in Genf abspielten, auf Phils altem Notebook und die Leute mit beglückten Gesichtern dazu tanzten. Es war ein Moment der Erleuchtung, selbst wenn der scheppernde Garagensound doch eigentlich nichts anderes darstellte als die lauwarme Reminiszenz an die Musik unserer Eltern. Aber vielleicht passte das ja zu der leicht wehmütigen Stimmung der Zeit. 2001 ging die Krise los und es gab einfach nichts Schöneres als die kuschelige Wärme der guten, alten Sechzigerjahre.
Jetzt ist alles anders. „Scheisse sind die alle jung“, sagt Julien als wir am Rand der Tanzfläche des Magnet stehen. Überall Menschen in Berlin-Uniformen, mit Motto T-Shirts sowie Jeans, die an den Knöcheln ganz eng werden und dazu schreiende Gitarren von Bands, deren Namen ich mir schon lange nicht mehr merken kann. Die Indie-Disko ist tot, denke ich. „Es lebe die Indie-Disko“, ruft Julien und leert ein halbes Glas Gin Tonic in einem runter. Wir betrinken uns und irgendwann verliere ich meine Brille. Julien findet sie zwar sofort wieder, aber der Niedergang ist trotzdem eingeleitet: ich werfe aus Frust ein Glas auf den Boden, Julien übergibt sich erst an der Bar, dann vor den Toiletten und schließlich draußen im Hof, wo einer der Türsteher in Ruhe eine Zigarette raucht. „Alles okay?“ fragt er, ich sage ihm, er solle sich keine Sorgen machen, ich würde mich um alles kümmern, doch ich glaube meinen eigenen Worten nicht. Irgendwie schaffen wir es nach draußen, wo die Vögel zwitschern und junge Paare Händchenhalten. Es ist vier Uhr und der Himmel über der Greifswalderstraße bereits dunkelblau. Die Tage beginnen früh, denke ich. Bald ist Sommer und im Sommer wird alles besser.
Am darauffolgenden Morgen ist Julien nicht besonders gut drauf. Aber das hat mir Phil ja bereits gestern Nachmittag am Telefon gesagt und als ich aufstehe, sitzt er vor seinem Computer, spielt Warcraft und raucht Pott.
May 29th, 2007 at 3:39 pm
hey dan
tu vas arreté de dire que je ne fout rien et que je deprime ,non mais !
je vais tres bien que mes fans se rassure et y en aurra pour tout le monde
May 31st, 2007 at 12:50 pm
Oui n’empeche qu’il y a des nouilles qui ont besoin d’êtres trempées
September 22nd, 2007 at 12:43 am
ich bin zwar wahrlich kein besonderer blog-fan und bin nur zufällig auf deine seite gestoßen, als ich ”indie ist tot” bei google eingab
aber das, was du schreibst, gefällt mir.
November 26th, 2007 at 6:36 am
hey dein blog ist super, hast du soetwas wie ein newsletter?