Archive for June, 2007

1993

Tuesday, June 19th, 2007

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Ich kann mich nicht genau daran erinnern, wann ich das erste Mal an einer Party war, aber ich glaube, das muss so um 1993 herum gewesen sein. Wir fuhren damals mit unseren Mountainbikes zu einer Efeuüberwachsenen Villa, die im Berner Stadtteil Weissenbühl lag, tranken Cola und tanzten mit den pummeligen Mädchen aus unserer Parallelklasse zu Dr. Albarns It´s My Live. Ich weiß noch, dass eines der Mädchen ein paar Tage später bei mir anrief und fragte, ob ich mit ihr gehen wollte. Ich habe eine Weile lang überlegt und dann „nein“ gesagt. Das Mädchen hat daraufhin nicht mehr mit mir gesprochen, aber das hat mich nicht im Geringsten gestört, denn ich stand kurz vor dem Übertritt ins Gymnasium und würde sowohl das Mädchen als auch die Efeuüberwachsene Villa nie mehr wieder sehen. Was übrig bleibt, ist der kurze, aber heftige Rausch des Augenblicks, den du wie ein verwischtes Polaroidfoto irgendwo in den Niederungen deiner Erinnerung ablegst und erst viel später wieder mit erstauntem Blick betrachtest.

Heute ist wieder so ein Augenblick und als ich auf dem Dach dieses leerstehenden Hauses stehe und mit meinen Augen aus Milchglas in die Morgensonne blinzle, glaube ich erneut eines dieser Polaroidfotos geschossen zu haben. Ich sehe die erwachenden Konturen vor mit, die sich aus der cremefarbenen Oberfläche schälen und den Moment für immer festhalten. „Daniel, komm runter“, ruft Lady Lanza, ich sehe sie durch Luke hindurch auf dem Dachboden stehen und lächle sie an, trunken vor Glück und ein paar anderen Dingen. Weiter hinten sitzen ein paar Typen auf warmen Metallplatten und rauchen etwas Pott während tief unten, in der Eberswalderstrasse die Straßenbahnen der Linie 10 in Richtung Nordbahnhof fahren. Man soll die Feste feiern wie sie fallen, heißt es immer, und heute haben wir uns daran gehalten. „Das hier“, hat irgendeiner meiner Freunde gerufen, „entschädigt uns für all die nutzlosen, deprimierenden Winterabende, die wir trinkend im Dr. Pong verbracht haben.“

„Das ist wie nach der Wende, als im Osten all die Häuser leer standen“, hat Sascha, der DJ gesagt, obwohl er doch damals viel zu jung gewesen war. 1993 war Berlin eine offene Wunde, der Heilungsprozess setzte gerade erst ein und Stadt war wild und frei. Inzwischen ist der Heilungsprozess beinahe abgeschlossen und wir sitzen bloß nächtelang in Bars, die aussehen wie Raumstationen und trinken Gin Tonic, während ein diskreter DJ den Rhythmus der Musik in sonore Chromstahlstrukturen gießt. Nur heute ist alles anders, denn wir haben ein leerstehendes Haus besetzt und darin gefeiert. Paul hat von allen Leuten Geld eingesammelt und unten beim Spätkauf vier Kisten Sternburg Export gekauft, Sascha hat acht Stunden lang bis zur Erschöpfung hinter den Plattentellern gestanden und wir haben getanzt, als wären wir auf Drogen. „Ich fühle mich wie auf Ecstasy, dabei hab ich gar nix eingeworfen“, hat Dave gerufen und ist in irgendeinem der Zimmer verschwunden. Die Leute standen im Treppenhaus, auf den Balkonen, in den leeren, verlassenen Küchen und umarmten sich unter dem Stuck langsam zerfallender Gründerzeitwohnungen. Es gab keinen Eintritt und keine Türsteher, keine Bar und keine Klos mit elektrischen Händetrockner. Und niemand fragte: „Was machst du eigentlich in Berlin.“ Diese Dinge spielten alle überhaupt keine Rolle und ich bin sicher, wenn sich die Freiheit in nur einer Nacht gewinnen ließe, hätten wir sie bestimmt gewonnen.

Ich habe dann irgendwann ein dunkelhaariges Mädchen auf den Mund geküsst und danach einen Augenblick lang in den Armen gehalten. Später habe ich dann Phil und die anderen gesucht, aber die waren alle längst verschwunden. Jetzt stehe ich auf dem Dach und es ist Sonntag und Lady Lanza ruft immer noch, ich solle endlich runterkommen. Ich frage warum, sie sagt: „Caroline fährt noch runter in die Bar 25, da gehst du doch sicher auch noch mit“. Als ich dann wenig später auf der Rückbank eines Taxis sitze und durch das frühmorgendliche Berlin in Richtung Ostbahnhof fahre bleibt nichts zurück, als der kurze und heftige Rausch eines Augenblicks, den ich wie ein Polaroidfoto irgendwo in den Niederungen meiner Erinnerung ablege und erst viel später wieder mit erstauntem Blick betrachte.

Das Mädchen aus der Efeuüberwachsenen Villa hat inzwischen – so glaube ich jedenfalls – einen Gleisbauarbeiter geheiratet und ein paar Kinder zu Welt gebracht. Genau weiß ich das nicht, denn ich habe sie seit 1993 nie mehr gesehen.

photos:  http://www.tomsfete.de/

You Look Like Lindsay Lohan

Wednesday, June 13th, 2007

Draussen ist es stockfinster und trotzdem heiss und als ich in dem Wagen von diesem Mädchen nach Mitte fahre, kurble ich hektisch das Fenster runter. Ich brauche Luft, viel Luft, denn ich habe Unmengen geraucht, letzte Nacht. Mein Hals fühlt sich daher an wie aus Pergament und ich spüre eine leichtes Stechen in der Lunge. Aber das geht vorüber, man muss nur ein wenig trinken und schon versinken alle Schmerzen im lockeren Schaum der Benommenheit. Gestern hat das jedenfalls auch geklappt und wir lagen uns nach mehreren Stunden im Dr. Pong alle in den Armen, beinahe wahnsinnig vor Glück. PF sagte irgendetwas von wegen „nur noch ein Schritt und wir sind alle berühmt“ und ich pflichtete ihm bei, gemeinsam redeten wir unsere Leben schön und irgendwie glaubten wir auch daran, wenigstens einen Abend lang, einen weiteren Abend. In Berlin ist so etwas ja auch nicht allzu schwer, hier brauchst du dich bloss mit einem Drink vor das Dr. Pong zu stellen und in betrunkenem Zustand laut über deine mögliche Zukunft nachzudenken, um dich wie ein Popstar zu fühlen. Diese Stadt ist ein einziges Versprechen und damit ein Anziehungspunkt für gescheiterte Existenzen. Oder zumindest für beinahe gescheiterte.

Das Mädchen parkt den Wagen in einer Seitenstrasse nahe der amerikanischen Botschaft und wir gehen in einen Club, der Picknick heisst. „Ich hoffe wir kommen da rein“, sagt das Mädchen, „jetzt wo das Rio zu ist, muss hier die Hölle los sein.“ Im Rio waren vorher all die Elektrotrash – Leute zu Hause, die aus jeder Party ein Happening machten. Will heissen: die Mädchen sahen aus wie Farah Fawcett im LSD-Rausch, die Jungs trugen hautenge Jeans und absurde Hüte während vorne auf der Bühne drei furchterregend geschminkte israelische Matronen in leuchtenden Polyesterbadeanzügen eine Art Post-Punk-Girlie-Elektro-Rock – Intifada entfachten. Das Rio war Schlachthaus und Paradies zugleich und es gab Abende, da glaubte ich den Himmel zu berühren. Ich bekenne, ich habe diesen Club geliebt, denke ich, als wir vor dem Picknick stehen. Die Sorge das Mädchens bezüglich des Einlasses erweist sich als unbegründet, wir kommen ohne Probleme rein und landen aus irgendeinem Grund auch noch auf der Gästeliste. Ein Typ mit geschminkten Augenrändern gibt uns Lakritzebonbons und das Mädchen sagt: „Ich habe da drinnen einmal aufgelegt. Ich glaube, die Party ist gut.“

Ein paar Stunden später steht die Welt um mich herum in Flammen und ich drehe mich mittendrin um meine eigene Achse und lache. Lady Lanza – eine Freundin aus Schweden - trägt ein Paar dieser kurzen Stiefeletten aus Wildleder und sieht ein wenig aus wie ein It-Girl, obwohl sie im Grunde genommen gar keines ist und wo das Mädchen hin gegangen ist, mit dem ich hergekommen war, weiss ich nicht. Zwei lesbische DJ’s spielen Musik so präzise wie Fernlenkwaffen und ich halte mich mit aller Kraft an meinem Becher voller Gin fest. Die Menschen hier drinnen sind schön und nett und möglicherweise auf euphorisierenden Drogen. Vielleicht kommt mir das aber auch nur so vor und sie sind alle bloss glücklich. Ich gebe mein Bestes um mithalten zu können, komme aber kaum aus meiner Bucht heraus, die Strömung wirft mich immer wieder zurück. Einen Augenblick lang, denke ich, ich wäre reich und berühmt obwohl ich genau weiss, dass ich es nicht bin, aber niemals zuvor wurde mir die Illusion auf eine so schöne Art vermittelt. Ich glaube hier drinnen geht das den meisten Menschen so.

Ich gehe an einem Paar vorbei, dessen beinahe physische Vollkommenheit nicht einmal mehr Neid hervorruft, sondern bloss ehrliche und uneingeschränkte Bewunderung. Im Gang der zu den Toiletten führt, begegne ich einem Mädchen, das aussieht wie Lindsay Lohan. Lindsay Lohan mag zwar wunderschön sein, ist aber Amerikas weibliche Antwort auf Pete Doherty und zur Zeit gerade auf Drogenentzug. „Solltest du nicht in der Reha-Klinik sein?“, frage ich sie darum auf Englisch und bemerke in diesem Augenblick, dass ich sehr, sehr betrunken bin. „Why that?“ will das Mädchen wissen und sieht mich dabei mit einer Mischung aus Entsetzten und Neugier an. „Because you look like Lindsay Lohan“ – „Oh really?“, sie lacht und greift sich mit der flachen Hand an die Brust. „That’s so nice!“ Der Rest geht im Lärm unter, denn sie spielen jetzt diesen Song von Justice, den sie seit ein paar Monaten immer spielen: “We are your friends, you will never be alone again, come on, oh come on!”

„Du sieht ja jämmerlich aus“, sagt Julien, als ich am nächsten Tag gegen Mittag aufstehe. Im Bad lasse ich kaltes Wasser über mein Gesicht laufen, aber das hilft nichts. Draussen ist ein sonniger, heisser Tag und diese Hitze macht mich fertig. Ich nehme die Strassenbahn, steige aber nach einer Station wieder aus, weil ich es unter Menschen nicht aushalte. Stattdessen fahre ich mit einem Taxi zum Hauptbahnhof, wo ich mir einen Pappbecher mit Kaffee und ein paar Gossip-Magazine kaufe. Im Intercity-Express nach Hamburg lese ich darin. „Lindsay Lohan ist am Ende“, steht da. „Wenn sie so weiter macht, wird sie vermutlich bald sterben.“