You Look Like Lindsay Lohan

Draussen ist es stockfinster und trotzdem heiss und als ich in dem Wagen von diesem Mädchen nach Mitte fahre, kurble ich hektisch das Fenster runter. Ich brauche Luft, viel Luft, denn ich habe Unmengen geraucht, letzte Nacht. Mein Hals fühlt sich daher an wie aus Pergament und ich spüre eine leichtes Stechen in der Lunge. Aber das geht vorüber, man muss nur ein wenig trinken und schon versinken alle Schmerzen im lockeren Schaum der Benommenheit. Gestern hat das jedenfalls auch geklappt und wir lagen uns nach mehreren Stunden im Dr. Pong alle in den Armen, beinahe wahnsinnig vor Glück. PF sagte irgendetwas von wegen „nur noch ein Schritt und wir sind alle berühmt“ und ich pflichtete ihm bei, gemeinsam redeten wir unsere Leben schön und irgendwie glaubten wir auch daran, wenigstens einen Abend lang, einen weiteren Abend. In Berlin ist so etwas ja auch nicht allzu schwer, hier brauchst du dich bloss mit einem Drink vor das Dr. Pong zu stellen und in betrunkenem Zustand laut über deine mögliche Zukunft nachzudenken, um dich wie ein Popstar zu fühlen. Diese Stadt ist ein einziges Versprechen und damit ein Anziehungspunkt für gescheiterte Existenzen. Oder zumindest für beinahe gescheiterte.

Das Mädchen parkt den Wagen in einer Seitenstrasse nahe der amerikanischen Botschaft und wir gehen in einen Club, der Picknick heisst. „Ich hoffe wir kommen da rein“, sagt das Mädchen, „jetzt wo das Rio zu ist, muss hier die Hölle los sein.“ Im Rio waren vorher all die Elektrotrash – Leute zu Hause, die aus jeder Party ein Happening machten. Will heissen: die Mädchen sahen aus wie Farah Fawcett im LSD-Rausch, die Jungs trugen hautenge Jeans und absurde Hüte während vorne auf der Bühne drei furchterregend geschminkte israelische Matronen in leuchtenden Polyesterbadeanzügen eine Art Post-Punk-Girlie-Elektro-Rock – Intifada entfachten. Das Rio war Schlachthaus und Paradies zugleich und es gab Abende, da glaubte ich den Himmel zu berühren. Ich bekenne, ich habe diesen Club geliebt, denke ich, als wir vor dem Picknick stehen. Die Sorge das Mädchens bezüglich des Einlasses erweist sich als unbegründet, wir kommen ohne Probleme rein und landen aus irgendeinem Grund auch noch auf der Gästeliste. Ein Typ mit geschminkten Augenrändern gibt uns Lakritzebonbons und das Mädchen sagt: „Ich habe da drinnen einmal aufgelegt. Ich glaube, die Party ist gut.“

Ein paar Stunden später steht die Welt um mich herum in Flammen und ich drehe mich mittendrin um meine eigene Achse und lache. Lady Lanza - eine Freundin aus Schweden - trägt ein Paar dieser kurzen Stiefeletten aus Wildleder und sieht ein wenig aus wie ein It-Girl, obwohl sie im Grunde genommen gar keines ist und wo das Mädchen hin gegangen ist, mit dem ich hergekommen war, weiss ich nicht. Zwei lesbische DJ’s spielen Musik so präzise wie Fernlenkwaffen und ich halte mich mit aller Kraft an meinem Becher voller Gin fest. Die Menschen hier drinnen sind schön und nett und möglicherweise auf euphorisierenden Drogen. Vielleicht kommt mir das aber auch nur so vor und sie sind alle bloss glücklich. Ich gebe mein Bestes um mithalten zu können, komme aber kaum aus meiner Bucht heraus, die Strömung wirft mich immer wieder zurück. Einen Augenblick lang, denke ich, ich wäre reich und berühmt obwohl ich genau weiss, dass ich es nicht bin, aber niemals zuvor wurde mir die Illusion auf eine so schöne Art vermittelt. Ich glaube hier drinnen geht das den meisten Menschen so.

Ich gehe an einem Paar vorbei, dessen beinahe physische Vollkommenheit nicht einmal mehr Neid hervorruft, sondern bloss ehrliche und uneingeschränkte Bewunderung. Im Gang der zu den Toiletten führt, begegne ich einem Mädchen, das aussieht wie Lindsay Lohan. Lindsay Lohan mag zwar wunderschön sein, ist aber Amerikas weibliche Antwort auf Pete Doherty und zur Zeit gerade auf Drogenentzug. „Solltest du nicht in der Reha-Klinik sein?“, frage ich sie darum auf Englisch und bemerke in diesem Augenblick, dass ich sehr, sehr betrunken bin. „Why that?“ will das Mädchen wissen und sieht mich dabei mit einer Mischung aus Entsetzten und Neugier an. „Because you look like Lindsay Lohan“ - „Oh really?“, sie lacht und greift sich mit der flachen Hand an die Brust. „That’s so nice!“ Der Rest geht im Lärm unter, denn sie spielen jetzt diesen Song von Justice, den sie seit ein paar Monaten immer spielen: “We are your friends, you will never be alone again, come on, oh come on!”

„Du sieht ja jämmerlich aus“, sagt Julien, als ich am nächsten Tag gegen Mittag aufstehe. Im Bad lasse ich kaltes Wasser über mein Gesicht laufen, aber das hilft nichts. Draussen ist ein sonniger, heisser Tag und diese Hitze macht mich fertig. Ich nehme die Strassenbahn, steige aber nach einer Station wieder aus, weil ich es unter Menschen nicht aushalte. Stattdessen fahre ich mit einem Taxi zum Hauptbahnhof, wo ich mir einen Pappbecher mit Kaffee und ein paar Gossip-Magazine kaufe. Im Intercity-Express nach Hamburg lese ich darin. „Lindsay Lohan ist am Ende“, steht da. „Wenn sie so weiter macht, wird sie vermutlich bald sterben.“

4 Responses to “You Look Like Lindsay Lohan”

  1. Pete Doherty & Lindsay Lohan Says:

    Bienvenue parmi nous…
    Reprend toi Daniel, tu fais n’importe quoi

  2. Mira Says:

    hey daniel, wie gehts dir? habe gerade deinen blog gelesen. bin in suedafrika und es ist schoen ein bisschen was aus berlin zu hoeren. ich hoffe, dir gehts gut, viele gruesse, mira

  3. Liz’s blogging » Lippenbekenntnise, verwachsen Says:

    […] “Diese Stadt ist ein einziges Versprechen und damit ein Anziehungspunkt für gescheiterte Existenzen. Oder zumindest für beinahe gescheiterte“, schreibt Daniel. Und ich frage mich, hält die Stadt, was sie verspricht? Was sie in großen Buchstaben auf Flyer drucken lässt und den kleinen Mädchen auf die Knöchel tätowiert? Kriegt sie all die augenberingten Möchtegern-Rockstars auf die Reihe und am Ende wieder morgens aus dem Bett? Und was machen die, die die Kurve kriegen? Sind das die, die es sich am Stadtrand und in den Dachgeschosswohnungen gemütlich machen mit dem Blick aus der gewissen Distanz? Sind das die paar entscheidenden Zentimeter? Und sind die, die gehen, weil sie es nicht mehr aushalten, feige oder gesundheitsbewusst? Sind die, die bleiben, mutig oder selbstverliebt? Hast du dich jemals gefragt, über was sie da reden abends auf der Modersohnbrücke, wenn die Sonne neben dem Fernsehturm untergeht und irgendjemand das Licht an den Krähnen anknipst? Und weißt du noch, als das für uns noch besonders war? Das Geräusch der S-Bahnen und dass alles ein bisschen vibriert, wenn sie vorbeifährt. Das Summen der Räder auf dem Asphalt und das leise Schnackeln, wenn sie die Abgrenzung zum Bürgersteig überrollen. Der leichte Wind, der da oben weht, weil die Häuser ein Stück weit entfernt und die Stimmen der Kaufbar nicht mehr zu hören sind. Wie man das Wasser dort erahnen kann und sich dieses Gefühl durch die ganze Stadt zieht, hat dir das eigentlich jemals gefehlt? […]

  4. Chasity Zepka Says:

    Lindsay, how far you’ve fallen! I really hope that you’ll get yourself straightened out.

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