1993

Ich kann mich nicht genau daran erinnern, wann ich das erste Mal an einer Party war, aber ich glaube, das muss so um 1993 herum gewesen sein. Wir fuhren damals mit unseren Mountainbikes zu einer Efeuüberwachsenen Villa, die im Berner Stadtteil Weissenbühl lag, tranken Cola und tanzten mit den pummeligen Mädchen aus unserer Parallelklasse zu Dr. Albarns It´s My Live. Ich weiß noch, dass eines der Mädchen ein paar Tage später bei mir anrief und fragte, ob ich mit ihr gehen wollte. Ich habe eine Weile lang überlegt und dann „nein“ gesagt. Das Mädchen hat daraufhin nicht mehr mit mir gesprochen, aber das hat mich nicht im Geringsten gestört, denn ich stand kurz vor dem Übertritt ins Gymnasium und würde sowohl das Mädchen als auch die Efeuüberwachsene Villa nie mehr wieder sehen. Was übrig bleibt, ist der kurze, aber heftige Rausch des Augenblicks, den du wie ein verwischtes Polaroidfoto irgendwo in den Niederungen deiner Erinnerung ablegst und erst viel später wieder mit erstauntem Blick betrachtest.
Heute ist wieder so ein Augenblick und als ich auf dem Dach dieses leerstehenden Hauses stehe und mit meinen Augen aus Milchglas in die Morgensonne blinzle, glaube ich erneut eines dieser Polaroidfotos geschossen zu haben. Ich sehe die erwachenden Konturen vor mit, die sich aus der cremefarbenen Oberfläche schälen und den Moment für immer festhalten. „Daniel, komm runter“, ruft Lady Lanza, ich sehe sie durch Luke hindurch auf dem Dachboden stehen und lächle sie an, trunken vor Glück und ein paar anderen Dingen. Weiter hinten sitzen ein paar Typen auf warmen Metallplatten und rauchen etwas Pott während tief unten, in der Eberswalderstrasse die Straßenbahnen der Linie 10 in Richtung Nordbahnhof fahren. Man soll die Feste feiern wie sie fallen, heißt es immer, und heute haben wir uns daran gehalten. „Das hier“, hat irgendeiner meiner Freunde gerufen, „entschädigt uns für all die nutzlosen, deprimierenden Winterabende, die wir trinkend im Dr. Pong verbracht haben.“
„Das ist wie nach der Wende, als im Osten all die Häuser leer standen“, hat Sascha, der DJ gesagt, obwohl er doch damals viel zu jung gewesen war. 1993 war Berlin eine offene Wunde, der Heilungsprozess setzte gerade erst ein und Stadt war wild und frei. Inzwischen ist der Heilungsprozess beinahe abgeschlossen und wir sitzen bloß nächtelang in Bars, die aussehen wie Raumstationen und trinken Gin Tonic, während ein diskreter DJ den Rhythmus der Musik in sonore Chromstahlstrukturen gießt. Nur heute ist alles anders, denn wir haben ein leerstehendes Haus besetzt und darin gefeiert. Paul hat von allen Leuten Geld eingesammelt und unten beim Spätkauf vier Kisten Sternburg Export gekauft, Sascha hat acht Stunden lang bis zur Erschöpfung hinter den Plattentellern gestanden und wir haben getanzt, als wären wir auf Drogen. „Ich fühle mich wie auf Ecstasy, dabei hab ich gar nix eingeworfen“, hat Dave gerufen und ist in irgendeinem der Zimmer verschwunden. Die Leute standen im Treppenhaus, auf den Balkonen, in den leeren, verlassenen Küchen und umarmten sich unter dem Stuck langsam zerfallender Gründerzeitwohnungen. Es gab keinen Eintritt und keine Türsteher, keine Bar und keine Klos mit elektrischen Händetrockner. Und niemand fragte: „Was machst du eigentlich in Berlin.“ Diese Dinge spielten alle überhaupt keine Rolle und ich bin sicher, wenn sich die Freiheit in nur einer Nacht gewinnen ließe, hätten wir sie bestimmt gewonnen.
Ich habe dann irgendwann ein dunkelhaariges Mädchen auf den Mund geküsst und danach einen Augenblick lang in den Armen gehalten. Später habe ich dann Phil und die anderen gesucht, aber die waren alle längst verschwunden. Jetzt stehe ich auf dem Dach und es ist Sonntag und Lady Lanza ruft immer noch, ich solle endlich runterkommen. Ich frage warum, sie sagt: „Caroline fährt noch runter in die Bar 25, da gehst du doch sicher auch noch mit“. Als ich dann wenig später auf der Rückbank eines Taxis sitze und durch das frühmorgendliche Berlin in Richtung Ostbahnhof fahre bleibt nichts zurück, als der kurze und heftige Rausch eines Augenblicks, den ich wie ein Polaroidfoto irgendwo in den Niederungen meiner Erinnerung ablege und erst viel später wieder mit erstauntem Blick betrachte.
Das Mädchen aus der Efeuüberwachsenen Villa hat inzwischen – so glaube ich jedenfalls – einen Gleisbauarbeiter geheiratet und ein paar Kinder zu Welt gebracht. Genau weiß ich das nicht, denn ich habe sie seit 1993 nie mehr gesehen.
photos: http://www.tomsfete.de/
June 25th, 2007 at 5:37 pm
[…] Pour les impatients germanophones, vous pouvez aller voir chez Daniel, qui sur ce coup là a été plus rapide que moi. (J’ai maintenant 10 jours de retard et il s’est passé plein de trucs depuis) […]
July 1st, 2007 at 6:36 pm
..ja, da war der Sascha noch zu jung!..doch so muss es gewesen sein!?
Danke für den wunderschönen Text!!!
July 1st, 2007 at 6:37 pm
..ja, da war der Sascha noch zu jung!..doch so muss es gewesen sein!?
Danke für den wunderschönen Text!!!
March 25th, 2008 at 12:37 am
Ich habe keine Ahnung, wie ich auf diesen Text gestoßen bin, aber es ist schon recht so. Ich bin so etwas wie jemand vor einer Tür, die nur noch aufgestoßen werden muss. Dein Blog ist die Musik, die durch die Tür dringt.