Archive for July, 2007

Der Regen fällt auf Westberlin

Thursday, July 12th, 2007

Der Regen fällt auf Westberlin. Es ist kein schwerer, triefender Regen sondern vielmehr ein federleichter, sprühender, der den abgebrochenen Altweiberzahn der Gedächtniskirche in eine nassen Trauerschleier hüllt. Westberlin ist ein kalter, deprimierender Ort, denke ich, niemals möchte ich hier leben müssen. Rund um den Bahnhof Zoo versinkt die kühle Nüchternheit der Nachkriegszeit langsam im Dornröschenschlaf, während drüben, in Mitte amerikanische Künstler in zerrissenen Jeans aufgeregt Vernissagen eröffnen.  Der Tod macht auch ganz unten nicht halt und selbst die Prostituierten und Drogenabhängigen sind bereits ans Kottbusser Tor umgezogen. Zurück bleiben weggeworfene Fast-Food- Behälter, Sex-Shops und ein paar dröhnende Kleiderläden. Ich lasse meine Zigarette auf den nassen Teer fallen. Wenn die Lokführer nicht gestreikt hätten, wäre ich hier niemals ausgestiegen. „Fahren sie mit der U-Bahn nach Zoo und schauen sie weiter“, hat die Frau am BVG-Schalter zu mir gesagt, um dann sofort wieder in eine stoische Gleichgültigkeit zu verfallen. Den Berlinern scheint alles egal zu sein, die leere Weite ihrer vernarbten Stadt hat sie offenbar hart gemacht. Vierzig lange Jahre verlief hier die Front. Jetzt, wo die russischen Panzer längst im Kaukasus vergammeln, ist Westberlin gefallen. Aber den Menschen ist es offenbar wurscht, genauso wie die Tatsache, dass die S-Bahnen nicht fahren.

Als ich vor zehn Jahren das erste Mal in Berlin ankam, schien die Sonne über Westberlin. Es war die klare, kalte Sonne eines nebelfreien Wintertages, die die steinerne Krone der Gedächtniskirche in ein silbernes Licht tauchte. Die Menschen gingen schnell und mit erhobenem Kopf. „Hier ist also Berlin“, dachte ich und fuhr mit der S-Bahn quer durch die schlammigen Baugruben in Mitte. Drüben, am Alex hingen nur Penner und im Prenzlauer Berg waren die Strassen voller Löcher.  Aber das spielte eigentlich keine Rolle, denn selbst ich als Kind der Provinz hatte schnell begriffen, wo die Musik in Zukunft spielen würde. Allerdings war die Zukunft noch ein ferner Ort, die Millionen von Kinderwagen rund um den Kollwitzplatz undenkbar und der Regierungssitz ein besserer Plattenbau im beschaulichen Bonn. Offenbar gab es damals wilde Partys im Osten, aber ich habe das nicht einmal am Rande mitgekriegt. Stattdessen sah ich mir einen Film von Roberto Rodriguez an. Der Film hieß The Faculty, war unterirdisch schlecht und Rodriguez ließ sich am Ende der Vorstellung sogar noch zu einem wahnsinnig einfallsreichen Scherz hinreißen und sagte: „Ich bin ein Berliner.“ Nur: er sagte diese Worte weder vor dem roten Rathaus, noch in einem der funkelnden Paläste rund um die Friedrichstrasse, sondern im Zoo Palast. Mitten im kleinen, grauen Westberlin.

Jahre später gehe ich die Kastanienallee hinab und die Leute um mich herum tragen ihre Sonnebrillen auch bei Nacht. Die Welt hier ist ein Laufsteg, der nie endet und auf dem sogar das stoischste Understatement zur Pose erstarrt. Ich berausche mich an mir selbst und meinen Freunden geht es – glaube ich – ebenso. Wir trinken uns durch Vernissagen, feiern in Bars mit zerschlissenen Sofas, vergolden die Trümmer unserer Erinnerungen und lassen zahllose, durchgefeierte Nächte so zu epischen Ereignissen werden. Manchmal berühren wir dabei den Himmel und manchmal stecken wir bis zum Hals im Dreck. Aber das macht nichts, denn wir haben es uns in unserem Leben ziemlich gut eingerichtet und am Ende der Torstrasse, dort wo Wedding anfängt, drehen wir immer rechzeitig ab, bevor es zu spät ist. Gestern Abend, als wir im Zu mir oder Zu Dir saßen, sprach PF davon, nach Argentinien zu gehen. „Irgendwie muss sich etwas ändern, das ist alles zu schlaff, zu einfach“, hat er gesagt.  Ich habe dann noch etwas White Russian getrunken und mit zwei Mädchen aus Sachsen gesprochen. Eines der Mädchen hat gesagt, Leipzig wäre die schönste Stadt der Welt und ich habe genickt und bei mir selbst gedacht, dass das nicht stimmt. Berlin ist die schönste Stadt der Welt, weil der Alltag hier ein mit opulenten Individualisten besetztes Drama ist und ich mit der hyperrealistischen Spröde der Provinz nach alledem gar nicht mehr zurechtkommen würde.

Der Regen fällt immer noch auf Westberlin, er ist bloss schwerer geworden, das Wasser rinnt in Bächen von den schmutzigen Betonfassaden und die Leute eilen gebückten Ganges über die nassen Strassen. Ich stehe am Bahnhof Zoo und warte darauf, dass die S-Bahn endlich wieder fährt, nachdem die Lokführer den ganzen Morgen gestreikt haben. Den Berlinern ist das egal, mir inzwischen auch, denn ich bin mickrig klein und von der Trunkenheit ist nur noch der Kater übriggeblieben. Vielleicht, denke ich in diesem Augenblick, ist dieser Ort unausweichlich und ich wache eines Tages im Mief des sterbenden BRD-Kleinbürgertums auf. Dann würde er mich reinwaschen und in die sinnstiftende Enge der Provinz zurückschwemmen, der Westberliner Regen.

Held der Arbeit

Friday, July 6th, 2007

Ich trinke Bier in der Bar 25 und vorne auf der Bühne spielt Bonaparte sein Set. Ich habe heute vierzehn Stunden lang gearbeitet und gestern auch und vorgestern sogar noch mehr. Eigentlich, denke ich, sollte ich längst im Bett liegen und schlafen, aber ich kann mich nicht dazu überwinden. Ich muss raus, unter die Leute und trinken. Meine Freunde haben alle etwas eingeworfen, aber ich weiß, dass ich mir das nicht leisten kann. Ansonsten würde ich morgen wieder auf den Knien rumrutschen und den rhythmisch niedergehenden Hammer in meinem Kopf verfluchen, während der Pulschlag der Musik unter den Neonlampen des Büros weitermachen würde wie bisher und mich langsam in Richtung Wahnsinn treiben würde. Nein, das will ich nicht, sage ich mir und trinke stattdessen noch etwas Bier, denn Bier ist im Grunde genommen nichts anderes als glückbringendes, gelbes Wasser: es hilft gegen den Durst, schont den Rachen und reinigt den Kopf von unnötigen Sorgen, ohne ihn gleich in einen Haufen triefenden Matsch zu verwandeln.

„Ich respektiere deine Haltung“, sagt Julien ein paar Mal und meint damit die Tatsache, dass ich trotz kompletter Überarbeitung nicht nach Hause gegangen, sondern hier her gekommen bin. Ich lächle ein wenig und schaue weg, ich will nicht diskutieren, jedenfalls nicht über das, ich fühle mich ausgenutzt und schmutzig, wie jemand, der um die Früchte seiner Arbeit betrogen wird und dies zu alledem auch noch lächelnd hinnimmt. Ich trinke noch ein Bier und etwas Wodka mit Red Bull, den Julien mir hinhält und spüre die Flammen der Euphorie und des Selbstbewusstseins, welches der Alkohol jeweils in mir entfacht. „Weißt du was“, sage ich zu Julien, der mich entrückt anschielt, „ich habe genug. Ich mache noch diesen einen Auftrag fertig, dann kündige ich. Diese Scheissbude kann mir mal. Die sollen sich einen anderen Idioten suchen.“ Julien nickt und sagt etwas aufmunterndes, dann haut er mir noch auf die Schulter und verschwindet. Etwas später sehe ich ihn durch die Hüttenlandschaft der Bar 25 torkeln, er fasst den Mädchen an die Hüften und fragt sie, ob sie alleine seien. Aber die Mädchen sind nicht alleine oder behaupten jedenfalls, sie wären es nicht und Julien wird immer weggetretener und sieht irgendwie ein bisschen traurig aus.

Die Spree, diese dreckige Kloake fließt langsam vorbei, und ich spucke in das schlammige Wasser, als mich Phil um Geld anhaut. Er habe leider keines mehr, sagt er und erzählt dann zum x-ten Mal die Geschichte, wie er heute Nachmittag innerhalb von nur sechs Stunden ein WG-Zimmer gefunden hat. „Die erste WG, die ich besuche, nimmt mich sofort“, ruft er abschließend und ballt mit fanatisch-euphorisiertem Blick die Hand zur Faust. Ich drücke ihm ein Becks in die Hand, er trinkt daraus und geht tänzelnd weg. Einen Augenblick lang komme ich mir ziemlich blöd vor; ich arbeite das ganze Wochenende durch für einen Hungerlohn, nur um dann meinen arbeitslosen Freunden beim Feiern zuzusehen, und ihnen wenn möglich auch noch die Drinks vorzuschießen. Aber ehe ich mich aufrege, schaltet mein Hirn auf Rausch und Gleichgültigkeit und begnügt sich mit der Feststellung, dass ein Morgen in der Bar 25 doch eigentlich ganz angenehm sei, Arbeit hin oder her. Zudem steht jetzt auch noch PF neben mir und redet irgendetwas von wegen Jobsuche und Ebay, aber schon Julien hat früher einmal bei Ebay gearbeitet und diese Tätigkeit gehasst. „Ebay ist ein Witzverein“, hat er damals gesagt. „Ich habe die meiste Zeit nichts anderes getan, als meinen Myspace- Account schön hergerichtet und Videos auf dem Internet angeschaut.“ Ich kann mir PF nicht bei Ebay vorstellen. „Ich mir auch nicht“, sagt er selbst jetzt, „aber die Aussichtslosigkeit meiner finanziellen Lage führt fast zwangsläufig da hin.“ Das kann ich nicht glauben. Berlin ist die Stadt des Müßiggangs, denke ich und meine Freunde sind alles Müßiggänger, darum passen sie ja perfekt hierher. Sie sind alle auf dem Weg zur Selbstverwirklichung und sogar wenn sie ihn eher torkelnd denn gehend beschreiten, ist das für mich immer noch ein Grund, sie manchmal um ihre scheinbare Leichtigkeit zu beneiden.

Ich verlasse die Bar 25 gegen fünf Uhr früh und nehme ein Taxi in Richtung Prenzlauer Berg. Es ist bereits Tag, als der Wagen quer durch den realsozialistischen Größenwahn rund um den Alex kurvt. Phil und ich haben die Fenster runtergekurbelt, rauchen Zigaretten und trinken Wodka pur aus einem Glas, welches Phil aus der Bar 25 mitgehen ließ. „Könnten sie die Musik etwas lauter machen?“ fragt Phil den Taxifahrer zum zweiten Mal, der Typ dreht das Autoradio auf und U2 schreien In the Name of Love in den kränklich gelben Berliner Morgenhimmel. Es ist Sonntag und in sechs Stunden muss ich wieder im Büro sein. In der DDR hätte ich für so was noch den Titel Held der Arbeit verliehen gekriegt. Heute bekomme ich nicht einmal mehr das.