Held der Arbeit
Ich trinke Bier in der Bar 25 und vorne auf der Bühne spielt Bonaparte sein Set. Ich habe heute vierzehn Stunden lang gearbeitet und gestern auch und vorgestern sogar noch mehr. Eigentlich, denke ich, sollte ich längst im Bett liegen und schlafen, aber ich kann mich nicht dazu überwinden. Ich muss raus, unter die Leute und trinken. Meine Freunde haben alle etwas eingeworfen, aber ich weiß, dass ich mir das nicht leisten kann. Ansonsten würde ich morgen wieder auf den Knien rumrutschen und den rhythmisch niedergehenden Hammer in meinem Kopf verfluchen, während der Pulschlag der Musik unter den Neonlampen des Büros weitermachen würde wie bisher und mich langsam in Richtung Wahnsinn treiben würde. Nein, das will ich nicht, sage ich mir und trinke stattdessen noch etwas Bier, denn Bier ist im Grunde genommen nichts anderes als glückbringendes, gelbes Wasser: es hilft gegen den Durst, schont den Rachen und reinigt den Kopf von unnötigen Sorgen, ohne ihn gleich in einen Haufen triefenden Matsch zu verwandeln.
„Ich respektiere deine Haltung“, sagt Julien ein paar Mal und meint damit die Tatsache, dass ich trotz kompletter Überarbeitung nicht nach Hause gegangen, sondern hier her gekommen bin. Ich lächle ein wenig und schaue weg, ich will nicht diskutieren, jedenfalls nicht über das, ich fühle mich ausgenutzt und schmutzig, wie jemand, der um die Früchte seiner Arbeit betrogen wird und dies zu alledem auch noch lächelnd hinnimmt. Ich trinke noch ein Bier und etwas Wodka mit Red Bull, den Julien mir hinhält und spüre die Flammen der Euphorie und des Selbstbewusstseins, welches der Alkohol jeweils in mir entfacht. „Weißt du was“, sage ich zu Julien, der mich entrückt anschielt, „ich habe genug. Ich mache noch diesen einen Auftrag fertig, dann kündige ich. Diese Scheissbude kann mir mal. Die sollen sich einen anderen Idioten suchen.“ Julien nickt und sagt etwas aufmunterndes, dann haut er mir noch auf die Schulter und verschwindet. Etwas später sehe ich ihn durch die Hüttenlandschaft der Bar 25 torkeln, er fasst den Mädchen an die Hüften und fragt sie, ob sie alleine seien. Aber die Mädchen sind nicht alleine oder behaupten jedenfalls, sie wären es nicht und Julien wird immer weggetretener und sieht irgendwie ein bisschen traurig aus.
Die Spree, diese dreckige Kloake fließt langsam vorbei, und ich spucke in das schlammige Wasser, als mich Phil um Geld anhaut. Er habe leider keines mehr, sagt er und erzählt dann zum x-ten Mal die Geschichte, wie er heute Nachmittag innerhalb von nur sechs Stunden ein WG-Zimmer gefunden hat. „Die erste WG, die ich besuche, nimmt mich sofort“, ruft er abschließend und ballt mit fanatisch-euphorisiertem Blick die Hand zur Faust. Ich drücke ihm ein Becks in die Hand, er trinkt daraus und geht tänzelnd weg. Einen Augenblick lang komme ich mir ziemlich blöd vor; ich arbeite das ganze Wochenende durch für einen Hungerlohn, nur um dann meinen arbeitslosen Freunden beim Feiern zuzusehen, und ihnen wenn möglich auch noch die Drinks vorzuschießen. Aber ehe ich mich aufrege, schaltet mein Hirn auf Rausch und Gleichgültigkeit und begnügt sich mit der Feststellung, dass ein Morgen in der Bar 25 doch eigentlich ganz angenehm sei, Arbeit hin oder her. Zudem steht jetzt auch noch PF neben mir und redet irgendetwas von wegen Jobsuche und Ebay, aber schon Julien hat früher einmal bei Ebay gearbeitet und diese Tätigkeit gehasst. „Ebay ist ein Witzverein“, hat er damals gesagt. „Ich habe die meiste Zeit nichts anderes getan, als meinen Myspace- Account schön hergerichtet und Videos auf dem Internet angeschaut.“ Ich kann mir PF nicht bei Ebay vorstellen. „Ich mir auch nicht“, sagt er selbst jetzt, „aber die Aussichtslosigkeit meiner finanziellen Lage führt fast zwangsläufig da hin.“ Das kann ich nicht glauben. Berlin ist die Stadt des Müßiggangs, denke ich und meine Freunde sind alles Müßiggänger, darum passen sie ja perfekt hierher. Sie sind alle auf dem Weg zur Selbstverwirklichung und sogar wenn sie ihn eher torkelnd denn gehend beschreiten, ist das für mich immer noch ein Grund, sie manchmal um ihre scheinbare Leichtigkeit zu beneiden.
Ich verlasse die Bar 25 gegen fünf Uhr früh und nehme ein Taxi in Richtung Prenzlauer Berg. Es ist bereits Tag, als der Wagen quer durch den realsozialistischen Größenwahn rund um den Alex kurvt. Phil und ich haben die Fenster runtergekurbelt, rauchen Zigaretten und trinken Wodka pur aus einem Glas, welches Phil aus der Bar 25 mitgehen ließ. „Könnten sie die Musik etwas lauter machen?“ fragt Phil den Taxifahrer zum zweiten Mal, der Typ dreht das Autoradio auf und U2 schreien In the Name of Love in den kränklich gelben Berliner Morgenhimmel. Es ist Sonntag und in sechs Stunden muss ich wieder im Büro sein. In der DDR hätte ich für so was noch den Titel Held der Arbeit verliehen gekriegt. Heute bekomme ich nicht einmal mehr das.
July 7th, 2007 at 11:46 am
Du solltest mehr Zeit mit mir verbringen. Das wäre gesünder für dich.
July 8th, 2007 at 7:10 pm
Mon chien n’arrête pas de péter, ça pue une fois sur deux.
J’ai fini la boîte de kinder, tant pis.
Daniel cessera-t-il de lire la bobo quand cette dernière avouera ses fantasmes judéo-chrétiens les plus tordus ? Nous le serons au prochain épisode.
July 8th, 2007 at 7:25 pm
Jen, je vois que ça ne s’arrange pas…
July 8th, 2007 at 7:30 pm
si tu savais !… suis à deux doigts de foutre ma tête dans four : oreilles de conne grillées, ça vous dit ?
P U T A I N
j’arrête les hommes
(dès que je trouve la force de)
July 8th, 2007 at 7:33 pm
nous le saurons, c’est bien aussi
July 8th, 2007 at 11:40 pm
lovely, Jen. Gonna keep that one.
July 10th, 2007 at 10:43 pm
In der Wahrheit bist du ein Poet
Ohne es zu wissen.
Die Schwermut ist wie die Pest
Sie zerfrisst dich
Und trägt dein GENIUS weg…
Pass auf!
Jeder Tag ist von Überraschungen erfüllt,
Jede Minute verbirgt einen neuen Duft,
Und jede Sekunde ist ein Atemzug…
… in der frischen Luft
Ne descends pas aux enfers
Poète, ta place est sur terre
A toi de faire avec
Ton absurde de condition humaine
Il t’est possible de l’embellir
Plutôt que de l’en-fuir
Plutôt que de la fuir
Hic et Nunc
July 12th, 2007 at 4:41 pm
Oh, was für ein schönes gedicht.
Frankreich ist toll, aber am besten sind die französischen Frauen.