Dog Day Afternoon

Als ich in die Bar 25 komme, habe ich bereits ein paar Stunden in diesem improvisierten Club an der Warschauerstrasse hinter mir. Um da rein zu gelangen, musste man erst durch einen Dönerladen, vorbei an den beschlagenen Auslagen voller Haloumi und Mekanek und schließlich die Treppe runter, die in solchen Läden normalerweise zum Klo führt. Unten ging es erst ins Freie, dann durch etwas Dickicht in Richtung Spreeufer, bis irgendwann lauter wartende Menschen auftauchten. Weil Sascha, der DJ, in der kommenden Woche hier auflegen wird, standen wir auf der Gästeliste und kamen ohne Probleme rein. Das Donnergrollen kam näher und in dem zweistöckigen Bunker schlug mir schließlich der Bass um die Ohren. An Berliner Untergrund-Partys dürfen ein paar Dinge nicht fehlen, denke ich: knisternde Soundanlagen, schwitzende Leute und jede Menge Wasserflaschen. Ein Mädchen, das leider nicht besonders schön war, klammerte sich an meinen Unterarm und fragte mich irgendetwas sinnloses, aber ich hielt den Kopf hoch oben und ging nach draußen um eine Zigarette zu rauchen.

Als ich in die Bar 25 komme, glaube ich, den härtesten Teil bereits hinter mir zu haben, nachdem Julien in Harakiri – Manier ein Taxi angehalten hatte. Er rannte einfach auf die Strasse, mit weitaufgerissenen Augen und pochenden Lungen. Irgend so ein spanisches Mädchen hatte ihn nett gefunden und ihm ein kleines Tütchen mit künstlichem Beschleuniger hingehalten. Er hatte daraufhin seinen nassen Finger reingesteckt und das Zeug nachher abgeleckt. Seither dreht er sich viel schneller als wir und sieht die Welt wie aus einem Intercity Express. Das alles kommt in Wellen über uns und zum Zeichen, dass ich verstanden habe, hebe ich die rechte Hand und tue so, als würde ich einen imaginären Klingelknopf drücken. Immer wieder, ohne Unterbruch, denn der flirrende Bass der Musik drängt mich dazu. Der DJ ist ein Kanonier, der uns mit rasenden Soundpartikeln beschießt und wenn wir uns nicht im Takte seiner Salven bewegen, dann bringt uns der Beschuss ins Grab. Ich weiß um die Gefahr, darum schließe ich meine Augen, sobald uns das Taxi ausgespuckt hat.

Als ich sie wieder aufmache, bin ich immer noch in der Bar 25 und ein Mädchen spricht zu mir, auf Englisch. Ich weiß nicht was sie sagt, denn sie redet furchtbar schnell und auch etwas undeutlich. Als ich sie frage, ob sie Drogen genommen habe, nickt sie kurz und sagt dann: „Eine halbe“. „Willst du mehr?“, frage ich, obwohl ich gar keine Drogen besitze, aber sie schüttelt den Kopf. „We are working“, sagt sie noch. Ich will wissen, was das zu bedeuten hat, aber sie will nicht antworten, legt stattdessen ihren Kopf gegen meine Schulter. „What are you doing?“ Sie sagt erst nichts, sieht sich um, löst sich von mir und meint, sie wäre aus London hergeschickt worden, um nach neuen Trends Ausschau zu halten.  Kurz darauf ist sie verschwunden und ich starre ins braune Wasser der Spree. Neue Trends? Ich sehe bloß Menschen mit Gesichtern aus zerknittertem Papier, die, Sklaven gleich, immer weiter tanzen, - selbst wenn dieses Tanzen im Grunde genommen nichts anderes mehr ist, als ein sterbendes Wanken. Die Überlebenden der Nacht sehen alles andere als glorreich aus. Vielleicht sollte ich irgendwann nach Hause gehen.

Aber ich gehe nicht nach Hause. Ganz im Gegenteil, ich trinke Gin Tonic und rauche eine Zigarette nach der anderen, ganz so, als stünde mir eine glorreiche Nacht bevor. Dabei ist bereits Sonntagnachmittag und der Himmel über Berlin bedeckt. Jane, das Mädchen aus Glasgow erzählt von zu Hause und sagt, dass dort alle Ketamin nehmen würden. Ich weiß nicht, wie Ketamin wirkt und frage sie, ob das gut sei, aber sie sagt, sie selber nehme keine Drogen. „Dabei nehmen alle meine Freunde. Und nicht nur das. Alle nehmen. Vor den Klubs warten die Bullen mit Hunden, so schlimm ist es geworden. Manchmal sterben die Leute auf der Tanzfläche. Aber irgendwie geht es immer weiter und keiner hört auf, sich die Fresse zuzupudern. Bis diese ganze Scheisse irgendwann mal hochgeht.“  Denn irgendwann, findet Jane dann noch, würde irgendetwas Schlimmes passieren. „Irgendetwas schlimmes, damit alle aufhören.“

Als ich die Bar 25 endlich verlassen will, ist zwei Uhr Nachmittags und ein sehr, sehr junger Österreicher fragt mich nach Heroin. Aber ich habe keins und will auch gar keines besitzen. Ich sitze dann in der U-Bahn, zwischen den gleichgültigen Gesichtern der Touristen, den hängenden Blicken der Alkoholiker und denke an gar nichts. Als ich Stunde später aufwache, sagt Julien, dass Phil verschwunden sei. „Einfach so, ohne Spuren zu hinterlassen.“ Als er auch am Montagnachmittag noch nicht aufgetaucht ist, fange ich an, mir Sorgen zu machen, obwohl es eigentlich gar keinen Grund dazu gibt. „ Der ist doch mit einem Mädchen durchgebrannt“, sagt Julien und zündet sich einen Joint an. Ich weiß es nicht. Ich hoffe, dass nichts Schlimmes passiert. Aber vielleicht muss irgendetwas Schlimmes passieren. Irgendetwas schlimmes, damit alle aufhören.

2 Responses to “Dog Day Afternoon”

  1. bomec Says:

    Ein sehr schöner Text, der nachdenklich macht, gerade weil ich selbst des öfteren im Inter City Express durch die Bar25 zu fahren pflege und die vorbeifliegende Welt aus der anderen Perspektive betrachte. Kompliment!

  2. John Says:

    Hallo! Ich suche nach billigen Zigaretten, kannst du mir vielleicht helfen? Danke im Voraus :)

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