Campari Soda

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Es ist Freitag und ich bestelle Campari Soda. Weit unter mir liegt das Wolkenmeer, weiß und flach wie ein Eisfeld, während oben die strahlende Sonne langsam untergeht. Mein Rückflug hat über eine Stunde Verspätung und ich habe die letzte Ausgabe des Vanity Fair bereits in der Bar des Flugplatzes überflogen. Nun sitze ich untätig da und blicke durch ein ovales Fenster nach draussen. Der Himmel wird jetzt gegen oben hin immer dunkler und wenn ich mich ein wenig nach vorne beuge, kann einen der beiden Motoren sehen. Doch die Propellerblätter drehen sich viel zu schnell um für das menschliche Auge sichtbar zu sein und bilden daher nur noch eine Art kreisrunden Wirbel, den ein dünner, silbern glänzender Rand vom Abendhimmel trennt. Hin und wieder gibt es kleine Turbulenzen und dann schwankt das Flugzeug in der Luft.

Es ist Freitag und hinter mir, weit unten, wo sie jetzt die Straßenlaternen einschalten, liegt Süddeutschland. Die Leute dort haben mich angestarrt wie einen Ausserirdischen, als ich vorfuhr, aber der Typ am Friedsrichshafener Flughafen hatte mir auch nicht gerade ein besonders diskretes Fahrzeug zugeteilt. In dem schneeweißen Audi TT kam ich mir vor wie ein Kokaindealer aus Miami – Vice. Auf dem Rückweg hielt ich trotzdem mehrmals an, denn da war diese Kirche, Barock natürlich, Fassaden aus Zuckerguss und Dächer aus Gold, im Hintergrund Rebberge und die blaue Fläche des Sees. Ich mag Kirchen, denn ihre steinernen Mauern versprechen stets eine stabile, glückliche Zukunft. Ob sie ihr Versprechen auch halten, ist eine andere Frage. Wenn ich eines Tages heiraten werde, dann hier, denke ich, während ich schnellen Schrittes über Kies gehe und in den Wagen steige. „Tut mir leid, aber Campari haben wir keinen“, sagt die Stewardess und lächelt kühl. Ich antworte, das mache überhaupt nichts und bestelle stattdessen Gin Tonic. Ich bin volkommen ruhig, denn ich weiß genau, was kommen wird.

Es ist Samstag und ich trinke Gin Tonic, als sich plötzlich ein Mädchen nackt auszieht und in ein aufblasbares Kinderschwimmbecken aus Plastik steigt. Das Mädchen winkt mit den Armen und macht die ganze Zeit uhh- uhh. Etwas Wasser schwappt über den Beckenrand, die Leute treten ein wenig zurück und betrachten die Szene mit einer Mischung aus Befremden und Amüsement. „Das ist Berlin“, sagt Dave zu einer der beiden Französinnen. Die Französinnen schütteln die Köpfe und fangen dann an zu lachen. Offenbar finden sie das alles sehr witzig – was allerdings keineswegs erstaunt. Schließlich darf man Berlin inzwischen getrost als eine Art Vergnügungspark bezeichnen. Da wird einem alles geboten: achtundvierzig Stunden Party am Stück, ein unendliches Stück Musik zu dem du tanzt und die Augen weit aufgerissen, weil der Schnee aus den Anden deine Sinne betäubt. „Ich habe ein richtiges Vergnügungsset gekauft. Da ist alles drin was du brauchst, um die Höhen und Tiefen der Nacht sicher zu überstehen“, sagt Julien, ballt seine faust um ein Säckchen aus durchsichtigem Plastik und geht zu den Dixie – Klos nach hinten.

Dabei ist beinahe immer noch Samstag, kurz nach Mitternacht und der Faden meiner Biographie wird erst viel später reißen. Dann aber dafür richtig. Wir tanzen zum Takt der Musik, ein Dealer will einer der beiden Französinnen Pillen verkaufen und fragt sie, als sie dankend ablehnt, mit rührender Ernsthaftigkeit, in welchen Pornofilmen sie denn mitgespielt habe. „So was ist doch ein Kompliment“, sagt Julien, der sich einem Schneepflug gleich durch die Nacht wühlt und dessen Wahrnehmung dementsprechend getrübt ist. Später, als es schon hell wird, liege ich unter einer Art improvisiertem Zeltdach und klappe Miris kleinen Taschenspiegel zu. Ich will mein Gesicht nicht sehen. Nicht jetzt. Die Leute um mich herum tragen Sonnenbrillen und das Mädchen von vorhin hat sich längst wieder angezogen. Das ist auch gut so, denn wir erwarten weder Sex noch Liebe. Ein paar Stunden Vergnügen reichen völlig aus und wir sind seelisch und körperlich völlig erschöpft. Eigentlich ein trauriger Zustand, aber die Trauer ist ein gefühl und Dinge wie Gefühle sind sehr, sehr weit weg. Ich will den Ort hier verlassen und denke darüber nach, mich irgendwo an die Spree zu setzen und einen Cuba Libre zu trinken. Oder einen White Russian.

Es ist Sonntag und ich betrachte die Eiswürfel in meinem Glas, die träge in der weißen Flüssigkeit schwimmen. Julien fragt, ob ich etwas zum Wachmachen dabei hätte, aber ich schüttle bloß den Kopf. Im Zu mir oder zu Dir legt der DJ sanften Pop auf und die Mädchen kaufen Space – Cakes. „Ich glaube, in unserem Zustand könnte der Typ uns sogar eine ganz normale Gurke verkaufen“, sagt Dave. „Er müsste bloß draufschreiben, dass es sich dabei um Drogen handelt.“ Wir sind wie Pawlowsche Hunde. Das Wochenende liegt im Sterben aber wir wollen das irgendwie nicht wahrhaben, versuchen, den Ritualen mit aller Macht noch einmal Leben einzuhauchen und der immer wiederkehrenden Normalität die golden glänzende Haube des Besonderen aufzusetzen. Manchmal gelingt es uns, manchmal nicht. Heute war ein guter Tag und als ich spätabends aus dem warmen Lichtermeer des Zu Mir oder zu Dir auf die regennasse Strasse trete, versuche ich möglichst nicht an morgen zu denken. Und auch nicht an all die Tage und Wochen danach. Denn ich weiß was kommen wird. Unter mir, so wird es heissen, liegen die Lichter von Berlin, der Kapitän sagt: „Wir erreichen in Kürze den Flughafen Tempelhof“, es ist Freitag und ich glaube ich bestelle noch etwas Campari Soda.

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