Rollkragen im Weltall

“Der Weltraum - unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen.“ So fängt es immer an. Weil heute Samstagabend ist und man um acht Uhr eigentlich noch nicht weggehen kann, schaue ich fern und lande dabei unversehens auf der TV-Resterampe von Kabel 1 wo gerade eine Star-Trek - Retrospektive läuft. Will heissen: naive Geschichten, viel Gerede über Beamen und Warp (?) und lauter Leute, die, wenn ihr Raumschiff unter Beschuss steht, komisch mit dem Oberkörper hin- und herwackeln. Die Sechzigerjahre, denke ich, waren – zumindest rückblickend betrachtet - eine tolle Zeit: Autos durften noch wie Autos aussehen anstatt wie überdimensionierte Flusssteine und wer „Zukunft“ sagte, meinte damit Wohlstand und Fortschritt und nicht etwa Klimawandel und Terror. Logisch, dass ein Raumschiff damals gar nicht anders aussehen konnte, als die Enterprise: ein stromlinienförmiger, optimistisch weiß lackiert Designerteller, mit einer Kommandobrücke wie einer Cocktaillounge aus den späten Neunzigerjahren, der durch die unendliche Weiten eines Pappmaché – Weltalls saust. Ein Stück klinische Sauberkeit voll rührenden Pop-Art-Charme aus einer Zeit des naiven Fortschrittsglaubens, ehe dann in der Post- Vietnam – Ära nur noch dreckverschmierte Mülltonnen (Ridley Scott) oder infantile Spielzeugflieger (George Lucas) in die Schwerelosigkeit entlassen wurden.
Julien, der mir ein kühles Bier in die Hand drückt, hält das alles natürlich für Weltraumschrott, aber ich halte dagegen. „Nein“, erwidere ich, „Raumschiff Enterprise ist ein Stück ästhetischer Vollkommenheit. Schau dir nur mal die Uniformen an.“ Tatsächlich tragen die weiblichen Besatzungsmitglieder Stiefeletten und enganliegende Cocktailkleider, während ihre männlichen Kollegen nur im Rollkragenpulli von Bord gehen. So was hat man seit Jahren nicht mehr gesehen und neben den Strampelanzügen und Jean- Paul- Gaultier- trifft- Hare Krischna – Büßergewändern, mit denen die Protagonisten neuerer Science Fiction – Produktionen bedeutungsschwanger durch irgendwelche computergenerierte Endzeit - Fantasialänder stolpern, wirken Kirk und Co wie die letzten Überlebenden des Planète Style. Überhaupt hat die Crew der Enterprise mit den pathetisch daherschwafelnden Hippies des Neo- Star- Wars- Matrix- Universums wenig gemeinsam: Kapitän Kirk ist ein leicht neurotischer Homme à Femmes mit Hang zur Befehlsverweigerung, Spock, seines Zeichens erster Offizier und einziger Nicht-Mensch an Bord, gibt den spitzohrigen, ultrarationalen Schiffs – Homo- Faber, der mit dem Skeptiker und Chefarzt Leonard „Pille“ McCoy stets wegen der großen Zukunftsfragen der Menschheit (rationaler Zukunftsoptimismus versus Zivilisationskritik) über Kreuz liegt. Scotty, der gutmütige Boardmechaniker, verkörpert den Nerd aus der Prä – PC- Ära und Han Solo schließlich, gibt den Quotenasiaten zu einer Zeit, als die Chinesen noch mit dem Rezitieren von Mao – Zitaten beschäftigt waren, anstatt sich mit Elektronikkram auseinander zu setzen.
Aber auch jenseits der kühlen Ästhetik hat die vom ehemaligen Bomberpiloten Gene Roddenberry erfundene Serie Fernsehgeschichte geschrieben. Das Raumschiff Enterprise hatte bereits 1966 mit dem fliegenden Diana-Ross-Verschnitt Lieutnant Uhura eine schwarze Frau als Offizierin an Bord. Mehr noch: unter Kirks Kommando fand auch Amerikas erster Filmkuss zwischen einer Schwarzen und einem Weißen statt - ein für damalige Verhältnisse ungeheuerliches Vorkommnis. Entsprechend waren auch die Reaktionen: die konservativen Südstaatler liefen Sturm, während Martin Luther King die Serie fortan als humanistische Errungenschaft pries. Die gemischtrassische Besatzung der Enterprise stieß aber auch anderswo in unbekannte Welten vor. Mitten im Kalten Krieg tauchte mit dem Navigator Pavel Chekov sogar ein Russe an Bord des Schiffes auf. Seine Berufung in die Crew verdankt er angeblich einer Beschwerde aus der Raumfahrtnation der ersten Stunde: der Sowjetunion. Moskau hatte sich in einem Artikel in der KPdSU – Postille Prawda offenbar darüber echauffiert, dass in der Vielvölkermannschaft der Enterprise kein einziger Slawe vertreten sei. Mit Erfolg: von nun an sorgte der stets patriotische Genosse Chekov („Unsinn, Scotch wurde von einer alten Frau in Leningrad erfunden“) für politisches Tauwetter im Weltall.
Dann ist Schluss. Ich sehe den Star Trek Film nicht bis zu Ende, schalte stattdessen den Fernseher aus und gehe rüber ins Wohnzimmer, wo Julien unseren Gästen Roséwein einschenkt. Während wir ein Lied von Jefferson Airplane hören, denke ich daran, dass der libertäre Geist im All längst passé ist. Die unzähligen Nachfolgeserien zur Enterprise sind im wabernden Esoteriksumpf aus gutturalen Lauten und güldenen Schärpen zur Bedeutungslosigkeit verkommen, - was vorzüglich in die zunehmend lustfeindlichen Jahre des neuen Jahrtausends passt. Rauchfreie Bars? Zwölf Euro für ein Glas Bier? Was um Himmels Willen soll das alles? Kapitän Kirk hätte sich vermutlich zurückgelehnt, spöttisch gelächelt und etwas Scotch getrunken. „Ich bin sicher, der Mann hat in seinem Raumschiff gekifft“, sage ich auf der Taxifahrt ins Picknick, aber niemand gibt mir eine Antwort. Stunden später tanzen wir zum schnellen Schlag der Musik und ich sage leise, beinahe zu mir selbst: nein, ich lasse mir meine Freiheit nicht nehmen. Jemand hält ein kleines Tütchen in die Höhe und ruft: „Wir sind glücklich“. Ich schließe meine Augen und sehe nur noch tausende kleiner Sterne. Ich weiß was das bedeutet: Berlin, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2007. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Milligramm schweren Besatzung fünf Stunden lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen. Beam me up, Scotty!
August 30th, 2007 at 9:26 pm
hi
ich wollte mal unbedingt loswerden wie toll ich dein blog finde. deine geschichten sind einfach spitze geschrieben und ich finde auch immer einen teil welchen ein bisschen auf mein leben zutrifft
weiter so!
viele grüsse aus der schweiz
philippe
September 19th, 2007 at 11:52 am
FOTZE SCHREIBEN HALLO…