Archive for October, 2007

Stille Tage in Bern

Tuesday, October 30th, 2007

Ich sitze in der Transitlounge des internationalen Flughafens von Kopenhagen und warte auf meinen Anschlussflug nach Zürich. Diese Transitlounges sehen überall auf der Welt genau gleich aus: es gibt Sofas aus Kunstleder, große Flachbildschirme mit nervösen Dauernachrichtensendungen und überall hocken Geschäftsleute in bieder geschnittenen Stangenanzügen. Weil es nichts zu tun gibt, lese ich in einer Ausgabe der Herald Tribune, die mir eine hochgewachsene, blonde Stewardess der Scandinavian Airways mit einem kühlen Lächeln in die Hand gedrückt hat. Gleich auf der ersten Seite stoße ich auf einen Artikel über die Parlamentswahlen in der Schweiz. Offenbar muss es um die Schweiz furchtbar schlimm stehen - ansonsten würde wohl keine amerikanische Zeitung jemals einen eidgenössischen Urnengang auf der Frontseite abhandeln. Normalerweise gilt der Alpenstaat jenseits des Atlantiks bloß als Schokolade produzierende Privatbank – wenn er nicht gerade mit Schweden verwechselt wird. Dem Wahlkampf sei dank ist das jetzt nicht mehr so. Denn die Bilder von brennenden Barrikaden und rassistischen Plakaten haben offenbar Spuren hinterlassen und selbst der bärtige Produktionsleiter in meiner Firma, der sich sonst jeden Morgen spaßeshalber nach dem Stand meines Nummernkontos erkundigt, fragte nach den Krawallen in Bern vor drei Wochen voller Betroffenheit, ob es denn meiner Familie auch gut ginge, - „nach all dem was da unten passiert.“ Ich habe beschwichtigend genickt und mich nachher fast ein bisschen gefühlt, als käme ich aus Nordirland.

Gegen zehn Uhr Abends lande ich endlich in Zürich, der Flughafen dort ist genauso leer wie der Spätzug Richtung Bern. Draußen liegt der Aargau in der Dunkelheit, Städte wie Lenzburg oder Olten, matt beleuchtete Monumente der Durchschnittlichkeit, des absoluten Mittelmasses mit ihren Einfamilienhaussiedlungen, Supermärkten und Vorortsbahnhöfen. Alles andere als die Kulisse für einen Bürgerkrieg, denke ich. Und überhaupt: wird hier nicht einfach nur übertrieben? Die Schweiz wird seit über fünfzig Jahren von einer Vierparteienkoalition regiert, wobei Regieren hier eher Verwalten gleich kommt, denn in den wirklich wichtigen Fragen entscheidet jeweils das Volk. Und um dieses zu überzeugen, braucht man mehr als nur eine paar zusätzliche Sitze im Parlament. „Der große Rechtsruck ist ausgeblieben“, staunt denn auch die Herald Tribune, nachdem die rechtgerichtete Schweizerische Volkspartei anstatt gleich das ganze Land zu überrollen, bloß ein paar Prozentpunkte dazugewonnen hat und nun bei rund 29 Prozent der Stimmen steht. Würde beispielsweise die deutsche SPD jemals so ein Ergebnis einfahren, dann könnte sich Kurt Beck gleich als erster über die von geforderte Frührente freuen. In der Schweiz gibt es keine absolute Mehrheiten und auch kein schwarz oder weiß, dafür aber ein fein abgestuftes Grau. Diese Besonderheit ist für Außenstehende nicht leicht zu verstehen und bedarf der genaueren Betrachtung. Den meisten Korrespondenten der großen ausländischen Medien war das offenbar zu kompliziert. Sie reproduzierten stattdessen den Unsinn vom rückständigen, rassistischen Alpenvolk und taten so als stünde mit Christoph Blocher ein zweiter Adolf Hitler Gewehr bei Fuß. Jetzt wundern sie sich, dass die düster vorhergesagte, braune Machtübernahme offenbar doch nicht stattgefunden hat.

Die nächsten Tage verbringe ich in Bern. Die Stadt schläft wie immer und gibt ein pittoreskes Bild ab: schwere Sandsteinfassaden ragen in den Hochnebel, der sich in Wintertagen jedes Mal über das schweizerische Mitteland legt. Hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich das Gymnasium besucht und von hier wollte ich immer weg. Wenn du in deine Heimatstadt zurückkehrst, denke ich, dann ist das wie wenn du dir eine deiner alten Platten wieder anhörst: du weißt eigentlich ganz genau, weshalb du sie vor langer Zeit in irgendeinem Wandschrank entsorgt hast und bist trotzdem irgendwie berührt. Die Erinnerung ist eine äußerst irrationale Sache, man kann sie sich weder aussuchen noch steuern und als ich gemeinsam mit Dave in einer der wenigen Bars unten in der Altstadt sitze und Bloody Mary trinke, denke ich dass ich hier trotz allem ein wenig zu Hause bin. Ich frage Dave ob er gewählt hat, er verneint. „Ich wusste ja nicht wen. Die SVP widert mich mit ihrem Populismus an, die Sozialdemokraten sind weinerliche Versager und die ganzen Liberalen sehen aus wie nichtssagende Versicherungsvertreter. Furchtbar aber wahr.“ Dann ruft der Barmann „letzte Runde“, es ist kurz nach Zwei und ich denke an ein Zitat von Kuno Lauener, dem Leadsänger der größten Berner Rockband aller Zeiten, Züri West. Auf die Frage, weshalb so viele Bands aus Bern kämen, hat er geantwortet, in einer Stadt, in der um halb eins die Bürgersteige hochgeklappt werden, bliebe einem nichts anderes übrig als nach Hause zu fahren und Songs zu schreiben.

Als ich Bern mit dem Mittagszug Richtung Frankreich verlasse, ist das Wetter besser geworden. Bei Kriegstetten bricht die Sonne durch die Wolkendecke und taucht die dunkelgrünen Jurahänge in ein weiches Licht. Dieses Land ist ein zynisches, kleines Monster, denke ich. Mal umarmt es dich, mal stößt es dich von sich. Bevor ich in Basel durch den Zoll gehe, rauch eich eine letzte Zigarette auf dem Bahnhofsvorplatz. Gleich gegenüber, neben der Filiale des amerikanischen Schnellrestaurants Mc Donalds steht eine Plakatwand mit dem umstrittenen Wahlplakat der SVP. Jemand hat „Nazis raus“ über das Sujet mit den weißen und schwarzen Schafen geschrieben. Gleich daneben hängt ein Poster der schweizerischen Fremdenverkehrszentrale. Darauf steht: „Welcome to Switzerland.“

Wochenende in Berlin

Monday, October 15th, 2007

Und dann rollt wieder so ein Wochenende an. Eigentlich läuft es immer gleich ab: ich sitze vor dem winzigen Fernseher in der Ecke meines Zimmers und sehe mir die ARD-Sportschau an, wo irgendwelche Leute aus westdeutschen Kleinstädten bei der Wahl zum „Tor der Woche“ einen Toyota Auris gewinnen, während Julien drüben seinen Rausch vom Freitagabend ausschläft. Draußen werden die Tage kürze und kälter und durch meine weißen Vorhänge dringt ab vier Uhr nachmittags nur noch blassblaues Dämmerlicht. Irgendwann holt mich die Türklingel aus meinem TV-Halbschlaf, ein paar Freunde haben Wein und Wodka mitgebracht, wir sitzen dann im Wohnzimmer, trinken selbstgemachte Cocktails und reden dummes Zeug. Die Zeit verstreicht langsam und zäh und weil es eigentlich wenig Neues zu erzählen gibt, wärmen wir alte Geschichten auf und erzählen immergleiche Witze. Um halb zwölf kommt PF und Julien sagt: „Wir wollen nichts kaufen, Hausierer unerwünscht“ oder „Passt auf eure Mobiltelefone auf, der Zigeuner ist da.“ PF kontert, indem er sich laut über sein Schicksal beklagt, welches ihm ach so ignorante und ungebildete Freunde wie uns beschert habe. „Irgendwann“, sagt er, „wenn ich reich und berühmt bin, werde ich mich mit einer Mischung aus Ekel und Mitleid an euch erinnern.“

Julien spielt etwas Elektropop auf seinem Computer und lässt die Flügeltüre offen, die sein Zimmer vom Salon trennt. Die Stereoanlage haben wir letzte Woche an Lucy zurückgegeben, da diese die ihrige an Phil zurückgegeben hatte, nachdem Phil bei ihr ausgezogen war, aber das ist eine andere Geschichte, die gehört nicht hier her. Jedenfalls haben wir keine Stereoanlage mehr und Julien dreht jetzt die Aktivboxen an seinem Computer auf, aber dass soll sich alles ändern, irgendwann, wenn einer von uns sich aufrappelt und zu den Türken im Wedding fährt und dort ein gebrauchtes Gerät kauft. Bis dahin geht alles weiter wie bisher: wir schlagen uns mehr schlecht als recht durch, leben auf Pump, ignorieren die offenen Rechnungen, die in schöner Regelmäßigkeit im Briefkasten landen. „Vergiss nicht, am Montag die Typen von der Gasfirma anzurufen, damit sie endlich jemanden vorbeischicken, der den Boiler repariert“, sagt Julien, bevor wir uns auf den Weg ins Dr. Pong machen. „Damit wir endlich wieder warm duschen können.“ - „Kennst du das Gefühl, dass dir alles entgleitet?“, frage ich mich daraufhin selbst und fühle wieder dieses Unwohlsein tief innen im Bauch, das ich immer dann spüre, wenn ich weiß, dass ich die Dinge, die ich eigentlich jetzt tun sollte mit geschlossenen Augen auf Übermorgen verschiebe.

Später, im Dr. Pong, ist dieses Gefühl bereits viel schwächer geworden, und als wir dann gefühlte Lichtjahre später in einem Taxi durchs herbstliche Berlin fahren, von einer Party zur nächsten, mitten in dem luftleeren Raum zwischen Gestern und Morgen, dieser euphorisierenden Grauzone zwischen Tag und Nacht, in der es keine Vergangenheit und auch keine Zukunft gibt, da ist es völlig verschwunden und ich lächle freudig vor mich hin, während der Taxifahrer langsam mit den Kopf wackelt, immer im Takt eines Popsongs, dessen Namen ich inzwischen längst wieder vergessen habe. Dann fängt das Tanzen wieder an, denn eigentlich ist das ganze Wochenende ja ein einziger Tanz. PF legt eine wunderbare Pirouette hin, als er uns am Eingang eines Clubs auf die Gästeliste redet, er nennt einfach ein paar Namen und winkt wichtig mit den Armen; wir kommen rein und drinnen sind die Leute glücklich und schön, sie trinken bunte Drinks aus hohen Gläsern und tragen Kleider wie die Darsteller aus „Zurück in die Zukunft“. Ein Mädchen hat Geburtstag und nimmt mich beim Arm, ich gehe auf Watte und die Musik ist plötzlich ganz weit weg, sie wird immer leiser, verschwindet schließlich ganz. Vielleicht bin ich jetzt im Himmel, denke ich, stelle dann aber fest, dass ich mich viel zu früh gefreut habe, denn plötzlich ist der Lärm wieder da und ich lehne an einer gekachelten Wand und warte, dass eine Klokabine frei wird. Aber die Leute da drinnen nehmen Drogen oder haben Sex und kümmern sich einen Dreck um die Dinge, die sie umgeben. Sie gehen an dir vorbei, als existiertest du nicht und blicken durch dich hindurch, mit weitaufgerissenen Augen und Schweißperlen auf der Stirn. Es sind Augenblicke der totalen Einsamkeit und du weißt überhaupt nicht, wie du mit der schwindenden Euphorie umgehen sollst. Du schließt einfach die Augen und wartest darauf, dass alles vorbei geht.

Und dann ist wirklich alles vorbei, das Wochenende rollt langsam aus, kommt sanft zum stehen, irgendwo zwischen Friedrichshain und Prenzlauer Berg, in einer beinahe leeren Straßenbahn. Sascha, der DJ sitzt auf einem grau lackierten Sicherungskasten und spielt ein Lied von France Gall auf seinem Handy, während die anderen im schmutzigen Stoff der Sitze vor sich hindösen. Draußen liegen leere Straßenzüge und das Licht ist blass und grau, so wie immer im Herbst. “Wenn du arbeitest”, denke ich, kurz bevor ich an der Haltestelle Eberswalderstrasse aussteige, “verbringst du die meiste Zeit deines Lebens damit, auf das Wochenende zu warten.” Du freust dich darauf wie ein kleines Kind, obwohl du genau weißt, dass du damit die Erwartungen ins Unendliche schraubst und im Endeffekt dann bloß enttäuscht werden wirst. Aber das macht nichts, denn das nächste Wochenende kommt ja bestimmt.